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Nr. 3OQW Zweites Blatt-ff H Mittwoch bee 22. December
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»erben dem Anzeiger »Achnntlich breimnl beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Viertel taprig« jhßonncmeutspccU t 2 Wart 20 Pfg. ett vringerloh«.
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wir auf Aufüge» in Kraft
heraufbeschwöreu könnten. SS liegt eine sehr feine Berech. nupg darin, daß immer auf Rußland verwiesen wird, welches unser Borgeheu nicht ruhig a«sehen könne und mit dessen Interesse» wir in Ostafien collidireu würbe». Dem gegen« über müsse» wir zu bedenken geben, daß in den allerwenigsten Fällen russische Preßsttmmeu, die von de« englischen Blättern als Beleg augesührr werden, der Ausdruck der politischen Meinung der russischen Regteruug find, sondern meistens nur politische Sonderiutereffen einzelner Kreise vertreten. Wir wollen -ar nicht untersuchen, wie viele der von englischen Blättern gebrachten Interviews mit russischen DtaatSmLuuerv erfunden oder mindesten« entstellt und gefärbt wiedergegebeu find. Daß Rußland ein Jutereffe daran hat, wenn wir uu- iu Ostafien dauernd festsetzen, ist selbstverständlich, der Trieb der Selbsterhaltuug muß eS dazu zwingen, auf der Wacht zu stehen. Aber wir find test davon überzeugt, daß die russische Regierung unsere Pläne wohl kennt und weiß, daß wir mit ihr nicht tu einen Wettstreit über da« politische Uebergewicht in Ostafien etuzutretea gewillt find. Wie wett die Phantasie der Engländer greift, zeigt da« Einlaufe« eine« russischen Geschwaders in den Hafen von Port-Arthur. DirfeS Erei-uiß wurde von der englische« Presse in solch seusatio- urller Weise wieder gegeben, daß «an vermuthe» müßte, Rußland wolle gegen die Besetzung der Kiaotschau-Bucht durch Deutschland protestier«. Und schließlich stellte ein amtlicher russischer Bericht fest, daß das Geschwader den Hafen von Port Arthur angelaufen hatte im Etnverstäuduiß mit der chinesischen Regierung, um dort dru Winter zu verbringen, und daß jener Act ausschließlich begründet war durch da- Bedürfatß einer provisorische» Wirtterstatton. Man mag unser Berhältniß zu Rußland in seinem jetzigen Stadium unter die feinste Loupe nehmen, von einer Trübung wird man «ichtS wahrnehmen - davon girbt u. A. auch der herzliche Verkehr zwischen der russischen Botschaft in Berlin und dem Hofe einen eclatauteu Beweis.
Man hat auch gesagt, unsere Beziehungen zu Frankreich könnten durch die Besetzung der Kiaotschaubucht eine Ber« schlechterung erfahren. Dem widerspricht aber die Haltung der, dem französischen Cabinet nahestehenden Organe, welche de» Vorfall in durchaus gemäßigter und verständiger Weise erörtern und sogar zu verstehen geben, daß Deutschland ein Recht darauf habe, für seine Haltung beim Abschluß des chinesisch-japanischen Friedens endlich eine Lompensation von China zu verlangen. Und man muß immer erwägen, daß Frankreich wohl kaum einen Schritt gegen Deutschland unter« nimmt, wenn e« nicht Rußland hinter sich weiß, und daß dieses keine Neigung und Beraulaffuug haben kann, sich gegen uuS zu wenden, haben wir vorhin ausführlich uachgewtefeu.
Wir haben zu Beginn dieses Artikels gesagt, daß die englische Presse gegen Deutschland zu hetzen beliebt, aber wir müssen auch constatire», daß ein Thetl dieser Presse fich tu ganz besonnener Weise über da« deutsche Borgeheu «»«spricht und daß die englische Regierung bisher nicht das Geringste geth«n hat, worüber wir uns zu beklagen hätten.
Außer Rußland, Frankreich und England könnte noch
Theil an fremdem Schmerz und fremder Freude- waren ihm doch die Verhältnisse längst bekannt und vertraut.
In dem kleinen Hause dort saß ein altes Mütterchm am Fenster und spähte sehnsüchtig nach ihm aus; er nahm den Brief, dessen Aufschrift in großen, ungelenken Buchstaben an sie lautete, und hielt ihn in die Höhe, damit sie ihn schon von Weitem erblicken konnte. Da war ihr runzliges Gesicht hinter dm erblindeten Scheiben verschwunden und sie stand in der offenen Hausthüre, und die Thränen rannen ihr über die gefurchten Wangen, während sie am ganzen Körper zitterte.
„Er vergißt seine alte Mutter nicht", jubelte sie, „zu jedem Feste schreibt er treulich, und nächstes Jahr, da ist er frei von den Soldaten und ich habe meinen Einzigen wieder! Wird das ein Glück sein!"
„Ja, Ihr habt einen guten Sohn, Mutter Bensch", sagte der Postbote und ihr freundlich zunickend ging er weiter.
Jetzt nahm er mehrere Postanweisungen heraus und trat in einen stattlichen Bauernhof. Der Besitzer war weit und breit bekannt wegen seines Reichthums und seines Geizes.
„Ich bringe e neu schönen Batzen", sagte Weber und zählte Goldstücke und Kassenscheine hin.
Der Bauer griff heftig danach und schloß beides fort.
„Noch lange nicht genug", grollte er; „überall sind die schlechten Zahler, die Getreide und Vieh haben und nichts dafür geben wollen. Aber wer seine Schuldigkeit nicyt erfüllt, der soll mich kennen lernen Da giebt'4 fein Erbarmen".
„Das glaube ich Euch gern", meinte der Postbote, und
Der Maotschau - Zwischenfall und unser Verhältnis? zum Auslande.
Im Februar soll da- tu voriger Woche von Kiel und Wilhelm-have» abgegangene Geschwader seine» Bestimmungsort erreichen, und dann wird ja om« den vorzunehmeudeu Operationen zu ersehen sem, welche Absichten Deutschland in China verfolgt. Ob die jetzt in der Kiaotschaubai anwesenden Martnetruppen in irgend einer Richtung schon vor dem Eintreffen der zweiten Drvifio» die Off-nfive ergreifen, oder bis dahin eine abwartende Haltung bewahre« werden, ist noch nicht bekannt, ebensowenig, ob die Regierung vorher etwas Definitives über ihre Pläne bekannt geben wird. Im Ja- treffe des inneren Friedens würde es ja liegen, wenn sie bet Volksvertretung möglichst bald klaren Wein einschenken würde, denn eS ist nur zu wahrscheinlich, daß e« an Interpellationen über diesen Gegenstand im Reichstage nicht fehlen wird, b-'-nd<-S da da, heutfdje Publikum leit bem Betaact- roerben ber Zctloa durch bte au,ländliche Presse I°rt,esetzt üurch Mittheilungen über die voranSfichUtchen Folgen unserer Expedition beunruhigt wird.
Besonders die englischen Blatter geben fich redliche Mühe, uuS bange zu machen, daß wir durch die Besetzung der
Local-Polizei-Reglement,
betreffend die Verwendung schulpflichtiger Müder zum
Segelschubdienste.
Zur Abwehr der mannigfachen Nachttzeile, welchen schulpflichtige Müder, die beim Kegelschieben verwendet »erde», auSgesetzt find, wird hierdurch tu Gemäßheit des Art. 56 der Städte-Ordnung, »ach Anhörung der Vtadtverordueten-Ber- sammluug u«b mit Genehmigung des Großherzoglicheu Ministeriums de« Innern vom 8. December l. I. zu Rr. M. I. 20444, für de» Bezirk der Gemarkung Gieße» verordnet, wie folgt:
§ L
Inhabern von Kegelbahnen ist e« untersagt, schulpflichtige Kinder zum Kegelschubdievste zu verwenden.
§ 2.
Zuwiderhandlungen gegen § 1 werde« mit einer Geldstrafe bi« zu 30 Mark bestraft.
Gießen, den 17. December 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechrold.
Vermischtes.
» Marie Seistiuger hat für Berlin ein zehnmalige« Gastspiel abgeschloffen, das im Januar beginnt. Die schon ziemlich bejahrte Künstlerin wird dort im — Wintergarten auftreten. Sie bezieht für die Verpflichtung, an jedem Abende drei GesangSnummern vorzutragen, lOOO Gulden per Abend, freie Reise und freie Station für sich und ihre Begleiterin.
• Da, verwässern de. Schnapse, ist nicht strafbar. Zn diesem Urtheil kam am 12. d. M. die Bonner Strafkammer. Ein Wirth au« Morsbach war vom Schöffengericht in Wald- broel zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt worden, weil er Branntwein mit Wasser verdünnt hatte. Der Der- urtheilte legte hiergegen Berufung et», indem er den Wafferzusatz bestritt. Da« hätte ihm wohl nicht« geholfen, wen» nicht die Sachverständigen gewesen waren. Diese er- klärten, der Schnaps komme überhaupt mehr oder weniger verdünnt tu den Verkehr. Eine Beimischung von Wasser könne nicht ohne Weiteres als Fälschung erachtet werden, da ein gesetzliches Mindestmaß de« Alkohols bei diesen Getränke» nicht bestehe. Bei diese« Gutachten blieb der Strafkammer nichts Andere« übrig, al« dar verurtheileude Erkenutuiß des Schöffengerichts aufzuheben und den Mann freizusprechen.
Bekanntmachung.
Die Inhaber von Kegelbahnen dahier mache» vorstehende« Local-Polizei-Reglement mit dem besonder« aufmerksam, daß da- Reglement alsbald tritt.
Gießen, dm 17. December 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießm.
v. Bechtold.
Füßen, die Hände in großen, mit Schafwolle ausgefütterten Handschuhen, so machten sich die braven Männer auf, den Rücken beladen mit zahlreichen Packeten, die Briefe m der Tasche, die sie uwgeschnallt hatten.
Die schlimmste Wanderung stand dem Postboten Weber bevor, der in die Gebirgsdörfer mußte, er war ohne Verzug davon gegangen und hatte sich weder an dem Wettern und Schimpfen, noch den Scherzen und schlechten Witzen bethecktgl, mit denen die Gefährten ihrem Herzen über den mühseligen Dienst Luft machten. Neben ihm schritt unsichtbar Frau Sorge einher, denn er hatte daheim em schwer leidendes Kind, von dem Niemand wissen konnte, ob es noch heute der tückischen Krankheit erliegen werde, und es fehlte an allem in seinem Hausstande. Allerlei Unglücksfälle hatten die Familie heimgesucht und er wußte nicht, wovon er Kohlen zur Feuerung und die nothwendigsten Nahrungsmittel bezahlen sollte: selbst wenn ein mitleidi-er Krämer ihm noch einmal borgte, so heißt das die Roth nicht beseitigen, sofern die Schulden vergrößerten seine Sorgen nur für den nächsten ”"6 seufzte schwer und schritt fürbaß; der frifch gefallene, noch lockere Schnee erschwerte das Vorwärtskommen und die heulenden Windstöße, die über das Feld fuhren, walten die weißen Massen auf und führten die lagenden Wolken nur näher. Das erste Dorf war endlich erreicht und er ging in manches Haus und theilte feine Gaben au»; dabei verlor sich etwas der Gedanke an fein eigenes Leid und er nahm
Wasche mit Luhn’s Wasch Extraet! Sparsam und billig, ohne Schärfe! - Aniuwenden ohne Seife, ohne Koda! — Kein Arrschmteren der Wäsche nöthig! — 3»m Reinigen der HauS- und Küchrngeräthe, Treppen rc. äußerst belieb.! Ueberall in Schachteln * Vi Pfd. zu haben. — Bitte versuchen, im
Feuilleton.
Der Christabend des Postboten.
Von E. Halden.
(Nachdruck verboten.)
IO. Es war am Tag vor Weihnachten. Hoher Schnee bedeckte den Erdboden, lag auf den Zweigen und Aesten der Bäume, den Dächern der Häuser, fuH?e bie Graben an den ISen aus und deckte die ganze Gegend mit seiner weißen Hülle zu. Dunkel und drohend blickte der "Ut schEbN Wolkenmassen beladene Himmel auf Wald und Feld, Dorf und Stadl; die Umrisse des Gebirgs verschwanden in der von Rebeldünsten angefüllten Luft. „
Mit Mühe hatte sich die Post von der nächsten Bah? ftAfinn hi& in dem kleinen Städtchen am Fuße der Berge burdraeatbeitet die Schne-schaufl-r hatten sich «llchttg tum- z ' emiaen Stellen hatten die Verwehungen Äe Än gebM Mehrere Briefträger standen für u£e Wanderung bereit, um die angelangten Postsachen aus hie®iirfetTnb in bie einsamen Gehöfte zu bringen, die ncht allzumett abfeit »om Wege tagen. Sie hatten eine bedeutende Verspätung und mußten nch ehr beeilen, ÄÄ?Ssss
- Der Postdamvfer „Switzerland* der „Red ©tatin Antwerpen ist laut Telegramm am 17. December wohlbehalten in Philadelphia angekommen.
M8«i!M8iMW-Z
VeTEItenT'Keussen, Crefeld.
Flaschenweine der The Continental Bodega Company werden zu Weihnachten — bei Einkauf von «/, Flaschen unter Gratis-Zugabe eines hübsch decorirten Wemkorbchens — bei Carl^chwaab^Gie89en^8eltmj8weg^3^abgegeben^^^327
Kiaotschau-Bucht sehr leicht eine» Eonflict mit ander» Staaten I Japan ein größeres Interesse an unserer A^ion in Ehina heraufbeschwöreu könnte«. SS liegt eine sehr feine Berech. habe». Aber herbei kommt in Betracht, dieser Staat . ... v.e i-----...c m.cr..k «,.(*.<e immer noch in der Entwickelung begriffen ist, und auf einen
mächttgen Factor Mckficht nehme» muß — Rußland. Diese beiden Staaten werden, wenn erst England abgethau ist, die furchtbarste» Rivale» in Ostafien werden, weßhalb fich Japan jetzt kaum dadurch schwächen dürfte, daß e« Deutschland ent« gegeutritt. Jedenfalls ist aus der bisherigen correcten Haltung aller in Betracht kommenden Maßnahme» der Regierung der Schluß berechtigt, daß der Kiaotschaufall in ruhiger und friedlicher Weise seine Erledigung findet. (xx)


