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Rr. LS! Erstes Blatt MiMvol» i^n 22, September 18OT
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Reformen.
De» armen Sultan setzt man seit Jahren zu, Reformen | in seinem Reiche einzuführen, welche den Wünschen eine- TheileS seiner Unterthanen Rechnung tragen sollen. Die Forderungen sind vielfach in Drohungen übergegangen, die freilich bekanntlich nur selten ausgeführt worden find. Mit Mühe uno Roth sucht er den Ansprüchen der Großmächte sich zu entziehen, und nur wenn eS gar nicht anders mehr geht, entspricht er dem Verlangen seiner Peiniger — wenn auch nur meistens auf dem Papiere. Tanz Europa ist empört darüber, daß der Sultan immer wieder Ausflüchte sucht, die Wünsche seiner christlichen Unterthanen zu befriedigen, j und viele Stimmen werden laut, welche fordern, daß dem Padischah gegenüber endlich einmal Ernst gemacht werde, daß man eventuell Gewalt anwende, um ihn zur Raisou zu bringen. Bei diesem allgemeinen Entrüftungssturm ist wohl die Frage berechtigt, ob denn bei uns in Deutschland Alles io wohl bestellt ist, daß wir Ursache haben, in die Vorwürfe gegenüber der Pforte mit eivzustimmen, oder ob wir beffer rhäten, an unsere Brust zu schlagen und zu gestehen, daß auch bet uns so viele berechtigte Wünsche unerfüllt bleiben. Blicken wir in dieser Beziehung zuerst einmal auf unser Verkehrswesen. Seit der erste Generalpostmeister des Deutschen Reiches das Zeitliche gesegnet hat und Herr v. PodbielSki zum Chef unseres PostwesenS ernannt worden ist, hört man viel von Umwälzungen, die der neue Post- geueral in der Organisation deS ihm unterstellten ReffortS vornehmen will. Wenngleich wir zu Denjenigen gehören, welche nicht glauben, daß jeder General das Zeug dazu hat, irgend eine beliebige Civilverwaltung zu letten, und wenn wir auch dafür halten, daß Herr v. PodbielSki erst längerer Zeit bedarf, um sich tu die einzelnen Zweige des PostwesenS rtnzuarbeiten und sich ein Bcrständntß für sein Resiort zu erwerben, so bringen wir ihm doch ein gewisses Vertrauen entgegen, wenn sich bestätigt, was über seine nächsten Ab« fichten in dis Oeffentlichkeit gedrungen ist. Daß er die so- genannten Kartenbriefe etnsühren will, kann al8 tm Zeichen dafür angesehen werden, daß er auf die Wünsche des Publikums möglichst etugehen will, woraus man die Hoffnung zu schöpfen berechtigt ist, daß er auch weitergehenden berechtigten Forderungen sein Ohr nicht verschließen wird.
In diesen Tagen wurde eine Mittheilung verbreitet, wonach in den Dtenstverhältniffen der Postbeamten eine durchgreifende Aenderung eintreten soll. Bisher gab eS bekannt» lieh zwei Categorien von Postbeamten, diejenigen der mittleren und diejenigen der höheren Carr^re. Die ersteren schloffen mit dem Oberaififtenten bezw Postverwalter ab, während den als Posteleveu eingetrcrenen Beamten die höchsten Stellen zugänglich waren, wenn fie die erforderlichen Examina be standen hatten. Naturgemäß ist es nur ein geringer Beuch- theil, welcher in diese Stellen einrücken kann, während die übrigen Beamten der höheren Carriöre im praktischen Dienste dieselbe Verwendung finden mußten, wie die als Poftgehilsen in den Dienst eingetretenen Beamten. Das ist auch wohl der Grund, weßhalb immer dringender der Wunsch laut wurde, die im praktischen Dienste Beschäftigten im Gehalt und Rang einander näher zu rücken und bezüglich derselben die Scheidewand zwischen höheren und niederen Beamten zu entfernen. Der Reichstag hat bekanntlich dieser Forderung in einer Resolution Ausdruck gegeben, die aus der Gehilfen- carriäre hervorgegangenen Beamten zum Sccretärexamen zu- zulaffen, um ihnen ein Weiteraufrücken zu ermöglichen. Herr v. Strphan hat sich dieser Forderung gegenüber vollständig ablehnend verhalten. Wenn nun die Mittheilung fich bestätigt, welche dieser Tage ein Berliner Blatt brachte, so beabsichtigt Herr v. PodbielSk, den Wünschen der Volksvertretung in ausgiebigster Weise nachzukommen. Freilich stellt er die Forderung, daß auch die mittleren Beamten mit einer gegen jetzt etwas höheren Schulbildung in den Dienst treten, was uns aber ganz gerechtfertigt erscheint. Dafür stehen ihnen aber auch einzelne Stellen offen, welche bisher nur denjenigen Beamten zugänglich waren, welche da- höhere Postexamen bestanden hatten.
Die Wünsche vieler Beamten dürften damit erfüllt werden, ihre Laufbahn ist künftig nicht deshalb an einer bestimmten Stelle abgeschlossen, weil fie beim Eintritt nicht die für die höhere Categorte erforderliche Schulbildung hatten, dem ehrlichen Streben wird also fürderhin Thür und Thor geöffnet sein. Das ist schon ein Erfolg, der hoffen läßt, daß nun auch den berechtigten Wünschen des Publikum- mehr al- bisher nachgekommen wird, daß bald gründliche Reformen auf dem Gebiete dcS Tarifwesens folgen -werden. „Gut Ding will W:il' haben", sagt ein altes Sprichwort- deshalb wollen wir nicht drängen, sondern nur wünschen, daß wir in unseren Hoffnungen nicht getäuscht werden. (xx).
Wolff- telegraphische« Eorrrspovdmz-Bmeau.
Berlin, 20. September. Bon dem Raume, den man für die deutsche Abtheilung der Pariser Ausstellung gefordert hatte, ist in Parts so erheblich abge- strichen worden, daß das Bemühen deS deutschen ComwiffarS jetzt darauf gerichtet sein wird, daß die deutsche Abtheilung mindestens nicht weniger erhalte, als andere Abtbeilungen.
Breslau, 20. September. Die Kaiserin empfing Nach' mittags tm Schlöffe den Oberpräfidemen Hatzfeldt, die Fürstin Hatzfeld, den RegierungSpräfideuten Hehdebrandt von der Lass, Dr. v. Hrher-Liegnitz, die Gräfin Salm- Klttzschdorf, die Priozesfin Hohenlohe-Koschentin, die Generalin Lewinski, mehrere Landräthe und andere Vertreter uuS dem UeberschwemmungSgediet. Der Vorstand des Provinzial- verbände- der Vaterländischen Frauenveretne Schlesiens und der Schriftführer der Utzreren, RegierungSrath Eveler, berichteten über die bisherige UnterstützavgS-Action. Im Ganzen find 426,000 Mk. eingegangen, wovon 125,000 Mk. vertheilt find. Anläßlich der Anwesenheit der Kaiserin sollten weitere 180,000 Mk. zur Bertheilung gelangen, waS die Kaiserin genehmigte unter Anerkennung der segensreichen Thätigkeit — Um 41/a Uhr begab fich die Kaiserin in da- DtakoviffenhauS Bethanien, das fie eingehend besichtigte, sodanv in die Lutherkirche, ferner in das Augusta-HoSpital. Zur Abendtasel waren außer dem Gefolge Fürst Hatzfeld und die Prinzessin Hohenlohe geladen.
Breslau, 20. September. Nach einer Festsitzung deS schlesischen Vereins für Fluß- und Canalschifffahrt wurde heute Mittag der neue BreSlauer GroßschifffahrtS- Canal unter Theilnahme der staatlichen und städtischen Behörden, sowie zahlreicher Ehrengäste feierlich eröffnet. Za Beginn der Feter wurde ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Seine Majestät den Kaiser auSgebracht. Sodann erfolgte auf fünfzehn festlich geschmückten Dampfern die Fahrt durch den Canal, welcher mit dem Durchschneiden einer quer über den Canal gespannten Gutrlande durch den ersten Dampfer, an deffen Bord fich der Oberpräsident Fürst v. Hatzfeldt befand, offiziell eröffnet wurde. Ein Festdtner beschloß heute Nachmittag die Feier.
Wiesbaden, 20. September. Zur Einweihung des hie- figen Kaiser Friedrich-Denkmal- wird dem „Rhein. Cour." zufolge die ganze Familie des verstorbeuen Kaiser- Friedrich nach Wiesbaden kommen, mit Ausnahme der Kron- prtnzesfin von Griechenland. Bei der Feier wird Kammerherr v. Hülsen die Festrede halten und ein Säogerchor, unterstützt von Posaunen und Trompeten, einen Händel'schen Chor vortrugen. Der musikalische Theil der Feier wird von Cap^llmrtster Schlar zusammengesetzt. Abends findet eine Frstvorst/llang im Tyeater starr, bei welcher der „Buregras" uno ein n uer Prolog von Lauff zur Aufführung kommen. Die Kaiserin Auguste Victoria kommt nicht nach Wiesbaden.
Dresden, 20. September. Der Landschaftsmaler Pro- feffor Gurlitt ist gestern Abend in Naundorf bei Schmiede- berg im Erzgebirge im 86. Lebensjahre gestorben.
Wien, 20. September. Kaiserin Elisabeth wird am Vormittag des 1. October in Budapest eintreffen, wo fie bis Ende des MonatS zu verweilen gedenkt. Kats er Franz Joseph wird am Abend drS 1. October Budapest verlass.?, um den am 3. October zur Hochwildjagd ein- treffenden König von Sachsen zu begrüßen.
Budapest, 20. September. Der Verein der hiefigen Reichsdeutschen veranstaltete Abends zu Ehren der An- Wesenheit deS Deutschen Kaisers ein Festbanket, dem eine Abordnung Deutscher aus Siebenbürgen beiwohnte. Nach der Festrede de- BaronS Schlteffen, der dir Eintracht der Deutschen und Ungarn feierte, wurden an den König von Ungarn und den Kaiser Wilhelm HuldtgungSdepeschen abgesendet. Der Generalconsul Prinz Ratibor ließ sein Fernbleiben entschuldigen.
Innsbruck, 20. September. Nach dem gestrigen Südsturm trat Regen em und später Schneefall. Es schneite noch heute früh hier. Ringsum bis zur Thalsohle herab ist alles weiß. Heute früh hatten wir P/20
Zurich, 20. September. Im Gebirge und auf den Bordergen bis auf 800 Meter herunter ist gestern ziemlich starker Schneefall eingttreten. In Appenzell mußte man theilweise mit dem Schneesäiff fahren.
Lima, 20. September. E-n heftiges Erdbeben beschädigte zahlreiche Gebäude. Mehrere Frauen wurden auf den von einer erregten Bevölkerung gefüllten Straßen ohnmächtig.
Depeia-cr, oe« Bureau „verolv."
Berlin, 20. September. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine größere Anzahl von Orden-Verleihungen an Offiziere, u. A. eth clt Generallieutenant Wernher, General-Adjutant des GrohherzogS von Heffen, den Rothen Adlerorden 1. Klaffe mit Eichenlaub.
Berlin, 16. September. Dem „Local-Anzeiger" wird aus Dü s s e l d 0 r f gemeldet, daß da- dortige Husaren-Regiment auf Anfrage erklärte, daß ihm von einem Verkehr deS angeblichen Erzherzog- Franz Ferdinand mit Offizieren de- Regiment- nichts bekannt sei. Die Familie Hu-manu wird morgen eine Erklärung veröffentlichen, daß fie von der Vermählung der Marie HuSmann mit dem Erzherzog positive Beweise habe, deren Veröffentlichung fie jedoch nicht beab- sichtige. Auch verzichte sie auf Widerlegung deS österreichischen Dementis. Sie werde in Zukunft jede Auskunft stricte verweigern.
Berlin, 20. September. Wie dem „Berl. Tagebl." aus Moh ac- telegraphirt wird, unterhielt sich der Kaiser gestern Nachmittag während des Diners mit dem Erzherzog Friedrich viel über Mufik und Literatur. Er bemerkte, daß er nächsten- etwas componireu werde.
Berlin, 20. September. König Menelik hat de» Fürsten Bismarck daS Großkreuz des Ordens des Sterne- von Etiopien verliehen.
Breslan, 20. September. Die Kaiserin traf heute Nachmittag 2 Uhr 4 Min. auf dem Centralbahnhofe ein, wo fich zum Empfang die Fürstin Hatzfeld, Generallieutenant v. AlvenSleben und Polizeipräsident Dr. Bienko eingefunden hatten. Oberpräsident Fürst Hatzfeld war der Kaiserin bi- Armadebrunn entgegengefahren.
Posen, 20. September. Das „Posener Tageblatt" erfahrt aus Osterode, daß in Jablonowo in einem Coup- erster Klaffe des Schnellzuges Nr. 51 gegen eine aus Berlin kommende Dame ein Attentat verübt wurde. Die Dame wurde narkotifirt und mit gebundenen Händen aufgefunden. Die Kleider waren zerfetzt. Geld und Schmucksachen fehlten. Zwei der That verdächtige Männer waren in Schönesee in das Abthsil gestiegen und in Jablonowo auSgestiegen.
Hamburg, 20 September. Nach einer Berliner Drahtmeldung des „Hamb, Corresp." tritt der Reichstag jedenfalls in der zweiten Hälfte des November zusammen. Zur Vorlage gelangt sofort ein Entwurf betreffend die Entschädigung unschuldig Verurtheilter.
Ätzern, 20. September. In der Centralschweiz herrscht starker Schneefall.
Wien, 20. September. Nach einem Budapester Privat- Telegramm der „Neuen Freien Preffe" und der „Reichswehr" durchbrach die Volksmenge bei der Fahrt des Kaisers zum Bahnhof sowie bei der Rückfahrt der beiden Kaiser den Militär-Cordon, sodaß sich Kaiser Franz Josef im Wagen aufrichten mußte und der Menge in ungarischer Sprache zurief: „Niemand wage e-, meinem Wagen näher zu kommen." Am Bahnhof entstand durch Rauchentwickelung vorübergehend eine Panik, wobei eine Anzahl Frauen Ohnmachtsanfälle bekamen.
Budapest, 20. September. Die Ankunft de- deutschen Kaisers ist programmgemäß heute Vormittag 10 Uhr erfolgt. Auf dem Bahnhof erwartete denselben Kaiser Franz Josef, sämmtliche hier anwesenden Erzherzöge, die hohen Würdenträger und Spitzen der Behörden. Nachdem Kaiser Wilhelm den Waggon verlaffeu hatte, begrüßten fich beide Kaiser durch zweimalige- Umarmen und Küffen. Sodann begrüßte Kaiser Wilhelm die Erzherzöge Franz Ferdinand und Otto, worauf nach dem Abschreiten der Ehren-Compagnie die Vorstellung Banffys und anderer hervorragenden Persönlichkeiten stattfand. Sodann bestiegen beide Kaiser einen bereit- stehenden Wagen, welcher fie nach der Hofburg führte. Auf dem Wege dorthin wurden den Majestäten von der zahlreichen Menschenmenge stürmische Ovationen dargebracht. Nachmittags wird Kaiser Wilhelm die Sehenswürdigkeiten der Stadt brfichtigen. Um 5 Uhr findet Galadiner in der Hofburg statt.
Budapest, 20. September. Außer Pernerstorffer wollte auch der Führer der Arbeiterpartei Dr. Adler fich gestern nach Budapest begehen. Auch er wurde auf einer Station vor Pest von Geheimpolizisten angehalten und sofort wieder zurückspedirt.
Budapest, 20. September. Der deutsche General-Consnl Prinz Ratibor erschien bald nach der Ankunft Kaiser Wilhelms in der Wohnung des Geheimraths und Reichsraths- Abgeordneten Grafen Theodor Andrassy, des ättefUn Sohnes des verstorbenen Grafen Julius Andraffy. Prinz Ratibor sagte dem Grafen, er habe von seinem Souverän den Auftrag, in dankbarer Erinnerung an den Mitschöpfer de«


