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Nr. 196 Zweites Blatt.
Sonntag den 22. August
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** Bilder auS der Schule. Seit dem Weckrufe Kaiser Wilhelms II. wird zwar an den Schulen allerorts reformirt «it vielem Eifer und gutem Willen: Instructionen und methodische Winke sollen alle Klagen verstummen wachen - dennoch bleiben aber noch viele Desideria bestehen, namentlich die überfüllten Klaffen, die schlechten Schulroume rc. Jndetz riue» wird fast nie betont: die Pädagogik des Hauses, viele Eltern find der irrigen Ansicht, dadurch, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken, sei schon Alle- gethan. Einige Bilder 1 Der kleine Max ist in der Schule ein gewandter, frischer Bursche, der jede Frage beantwortet, fast fehlerlos. Unb seine schriftlichen Hausarbeiten sind gar oft recht lüder« ich verfertigt. Nach wiederholten Mahnungen und Drohungen schreibt der Lehrer 4 ins Heft, der Bater straft den „leichtsinnigen" Knaben — vergebens. Natürlich vergebens. Die .Bohnung ist klein- man heizt nur ein Zimmer im Winter- !^ter heißt'S nun für Max, die Aufgaben machen und lernen —- iöott schlägt das Brüderchen die Trommel, das Schwesterchen irläft die Trompete, das ganz kleine Nesthöckerl schreit in der Wiege — die Mutter hat keine Zeit, den Kindern zu wehren rund — Max muß unter all' dem Lärm seine Aufgaben .nachen und lernen. Können diese nun anders auSfallen als fehlerhaft?? — Hansens Vater ist furqtbar jähzornig und fftreng. Bei dem geringsten Vergehen schlägt er den Buben, daß es zum Erbarmen ist. Der Lehrer weiß natürlich dies TlleS nicht. ... Da arbeitet HanS wieder einmal in einer 'Schulaufgabe schlecht. „Du läßt daheim das Rotenheft «unterschreiben — aber vom Herrn Papa! Notabene!" lautet i)eS Lehrers Befehl. Hans weint, betet, fleht--er weiß,
NaS ihm droht. Der Lehrer ist unerbittlich. Da schleicht er nach Hause und — denkt der künftigen Schläge. Da begegnet ihm Nachbars Moriz, dem klagt er sein Leid. Moriz
Feuilleton.
Vom russische» Militär.
Gelegentlich des Besuches, den die deutschen Majestäten -dieser Tage dem russischen Kaiserpaar abstatteteu, erweckte die große Parade der russischen Truppen ein ganz besonderes Interesse, und zwar ebensowohl in Rußland selbst wie bet unS in Deutschland. Die russische Bevölkerung tnteresfirte dabet natürlich vor Allem die Persönlichkeit unseres Kaisers, der bekanntlich bet der großen Parade sein Wiborg'scheS Regiment dem Zaren Nicolaus persönlich vorsührte. Man ikann sich denken, mit welcher Spannung die Augen Aller auf unfern Kaiser gerichtet waren, als er sich plötzlich an die Spitze seines Regiments setzte, und zu großer Freude muß eS dabei hinwiederum uns gereichen, daß die russischen Blätter voll des Lobes über die Schuldigkeit und die aus- gezeichnete Reitkunst Kaiser Wilhelms sind. Um so mehr hat diese unter der russischen Bevölkerung Aufsehen erregt, «IS die russische Cavallerie eine etwas rohe Art zu galop- ytren hat: statt der wechselseitigen, je nach Bedarf einsetzenden Hülfen und Stützen arbeiten beim Rechtsgalopp fast nur der linke Zügel und der linke Schenkel unter gelegentlichem Anreißen des rechten Zügels. Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch erwähnen, daß Kaiser Wilhelm auch in anderer Beziehung den Raffen gewaltig imponirt hat, nämlich durch seine coirecte Aussprache deS Russischen. Wenn man Herren auS der Hofgesellschaft befragt, wie Kaiser Wilhelm daß Russische ausspreche, antworten sie stets: „Für einen Ausländer ausgezeichnet!" Hierin liegt das größte Lob, das der Ruffe dem Angehörigen einer anderen Nation zollen Lann. Zunächst ist bekanntlich allen Slaven das harte, dramatische Zungen-R gemeinsam, während wir Deutschen mit alleiniger Ausnahme einzelner Anwohner der Oftgrenzen, tcheilweise auch der Mecklenburger und der Gebirgsbayern, da- gutturale R haben. Kaiser Wilhelm hat die Klippen der weichen und harten Consonnanten, der namentlich ruf« fischen Bocale glücklich umschifft, und wenn er einem seiner russischen LiebliagS • Regimenter sein „Sdorowo" ober „Sdradstwuitje molodzy!“ zuruft, so freuen die Soldaten sich nicht bloß über den vollen, kernigen Klang seiner Worte, s mdero noch mehr Über die ausgezeichnete Anrede „Molodzy“ («eine Braven!), denn gewöhnlich werden die Soldaten von beea hohen Herrschaften „Robjata“ (Kinder) angeredet. Im hsrausenden Chorus tönt es dann zurück: „Sdrawje shelajem Waschemu Imperatorskomu Welitschestwu* (Gesundheit i»Ünschen wir Ew. Kaiserlichen Majestät!) Sehr viel Be- »underung hat eS schließlich auch in russischen Militärkreisen tirregt, daß der Deutsche Kaiser bet der Fahrt durch ba
tst ein burchtriebener Junge . . . unb weiß Abhülfe, daß der böse Bater nicht- erfährt. Am nächsten Tag wird die Unterschrift verlangt. HanS bringt da- Heft... der Lehrer schöpft Verdacht... „Hat der Papa unterschrieben?" „Ja!" stottert Hau- und die Röthe schießt ihm in da- fahle Gesicht. Untersuchung — Geständntß — strenge Strafe. So wurde Han- zum „Urkundenfälscher". . . . Karl kommt mit dem JahreSzeugniß. Er hat die 3. Klasse des Gymnasium- mit ziemlich gutem Erfolge bestanden. Kaum hat er 14 Tage der Ferien auSgeruht, da mahnt die sorgliche Mutter den lieben langen Tag: „Karl, nimm Deine Bücher! Paß auf, wa- Du für schlechte Noten im nächsten Jahre kriegst, wenn Du immer faullenzest." — Karl möchte auch lieber mit den NachbarSbuben Ballschlagen, Reifetreibev, sich herumtummeln — aber da muß er — die Mutter will'« — ein paar Stunden bei den Büchern fitzen — freudlos- Geigenstunden müffen auch fortgenommen werden - die schöne „Bacanz" verstreicht, ohne Rast, ohne Genuß! — Fritz in der Tertia erhielt im Griechischen einen „Vermerk", ein Wort, da- dem Laien ganz ungefährlich erscheint, für Eingeweihte den Inbegriff einer Fluth von Sorgen bildet. Bekommt nämlich Fritz in der Secunda wieder ungenügend im Griechischen, so fällt er un« nachfichtlich durch und da- Einjährige ist verloren. Fritz war da- ganze Jahr hindurch fleißig, aber es gelang ihm nicht, der Geheimnisse de- griechischen Verbum- Herr zu werden. Dos Resultat? Der strenge Vater bictirt: „Weil Du so schlechte Noten erhieltest, darfst Du nicht znm Onkel auf- Land, sondern holst während der Ferien da- Versäumte nach!" — Statt der verdienten Erholung erscheint zweimal täglich der Jnstructor, paukt mit dem Jungen nach allen Regeln der Nachhilfe die griechischen Berbalformeln durch, die Accent- regeln, den TempuScharakter — lauter trockene, nüchterne Abstracto — — unb draußen scheint die Sonne so herrlich, und bei Onkels ist der Kahn unbenützt, und die Angel, und
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Lager von Kraßnoje Selo die Mannschaften seine- Wiborg- scheu Infanterie-Regiment- in russischer Sprache unb genau nach dem neuesten russischen Exercier - Reglement „Griffe klopfen" ließ.
Da- ist eS jedenfalls, was die russische Bevölkerung bei der großen Parade vor den deutschen Majestäten am meisten interesfirt haben wird. Für unS Deutsche hingegen dürfte, abgesehen von der allgemeinen Aufnahme des Besuche- unsere- KaiserpaareS am russischen Hofe, die rusfische Armee oder besser da- russische Militär al- solche- besonder- interessant sein. Und darüber bringt die „Deutsche TageSztg." einen längeren Bericht. Der Mitarbeiter dieses Blatte-, der der Parad- als Augenzeuge beigewohnt hat, schreibt über da- russische Militär Folgendes:
Der russische Soldat gefällt mir bedeutend besser im freien, ungezwungenen Lagerleben, al- in den geometrisch abgemessenen Zwangsformationen der Parade. Seit Alexander dem Dritten ist der Paradedienst zu Gunsten be- Felddienftes vollständig in den Hintergrund getreten. Im Uebrigen ist der rusfische „Zeremonialjuyi-Marsch" (Cere- monialmarsch) zu keiner Zeit dem deutschen Parademarsch gleichwenhig gewesen, schon weil der russische Soldat den deutschen Paradeschritt gar nicht kennt.
Von einem einheitlichen Typus läßt sich beim russischen Soldaten gar nicht reden, dazu ist das Nationalitätengernisch ein viel zu buntes und mannigfaltige-. Gerade das Kern- russenthum um Moskau herum, ist vielfach schon mit mongolischen Bestandtheilen durchsetzt und erinnert in Körperbau unb GefichtSschuitt an Asiaten, währenb anbererseitS Stämme von unzweifelhaft mongolischer Abstammung, wie bie Esten unb Finnen, unter bem Einfluß germanisch-protestantischer Cultur etwas burchauS AbenbläabischeS angenommen haben. Schöne schlanke Leute kommen überhaupt auS den Küsten- gegenben ber Ostseeprovinzen, ferner auS bem äußersten Norden, den Gouvernements des Weißen Meere- unb au- bem äußersten Süden, dem Land ber ehemaligen saporogischen Kosaken unb ben jetzigen Don- und Kaukasus Kosaken. Der Leib Convoi des Kaisers, ber sich bekanntlich auS Kuban- Kosaken zusammensetzt, besteht auS lauter herkulisch gebauten Männern, die in ihren langen rothen Kaftans nach tscherkessischem Schnitt mit ben Patronenreihen auf beiben Seiten ber Brust noch gigantischer erscheinen.
Rußlanb hat für seine Gardetruppen unter seinen 120 Millionen Einwohnern natürlich eine ganz andere AuS- Wahl als irgend ein anderer Staat. Abgesehen von den besonders stattlichen Leuten der ja wenig zahlreichen englischen Garde hat Rußland entschieden die größten unb kräftigsten Garbe-Mannschaften, benen Deutschlanb nur in ben beiben preußischen Kürasfier-Regimentern unb den beiben
die Flinte--wundert - Dich, kurzsichtiger Vater, daß
Fritz da- nächste Jahr durchfällt, mißrnuthig, störrisch, gleich« giltig geworden ist? Ist daran die Schule schuld? Wäre Fritz wie sonst auf dem Land gewesen, hätte er mit frischen Kräften einsetzen und da- Klassenziel erreichen können.... Es ist ein Jrrthum, zu glauben, daß währenb der Ferien Alle- vergessen werde: das richtig unb methobisch Gelernte mag wohl nach acht Wochen sich etwas verwischen, aber bei einmaliger Wieberholung ist der ganze Stoff innerhalb ber ersten Wochen wieber vollauf aufgefrischt unb parat — nach richtig genoßenen Tagen der Freiheit. Wie oft müffen aber die Kinder da« Gefängniß der Schule mit bem bes Hauses vertauschen i Es gibt auch eine Päbagogik beS Hause«. (M. N. N.)
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fanbmirttfdjaftlidje Winke nni> Rathschläge.
«Barum ««d wie solle« deS LandwirthS Tratten tmh Töchter melke« ? Unlängst ging durch die landwirthschaftliche Presse die Mittheilung, daß ein Landwirth Amerikas festgestellt habe, wie allein schon die Person des Melkers den Milchertrag der Kühe bei gleicher Fütterung fast verdoppeln könne. Diese Mittheilung, welche auf den ersten Blick allerdings etwas wunderlich erscheinen mag und deren Wahrheit daher auch vielfach bezweifelt wurde, ist leicht erklärlich und entspricht gewiß der Wirklichkeit. Wir haben selbst diesbezüglich schon bittere Erfahrungen machen müssen und wissen daher den Werth eines tüchtigen Melkers oder einer tüchtigen Melkerin wohl zu würdigen. Leider geschieht dies nickt überall; sonst müßten die Bauerntöchter und ihre Eltern viel mehr Gewicht darauf legen und eS sich zur Ehre rechnen, selbst melken zu können. Vielleicht würde dann das Vieh auch nicht so im Kothe stehen, wie jetzt das vielfach der Fall ist. Leider überläßt man die Arbeit des Melkens aber immer mehr den Dienstboten, und je mehr diese in ihrer Genußsucht und naturgemäß denn auch in ihrer Unzufriedenheit vorschreiten, desto mehr wird auch der ungünstige Einfluß auf den Milchertrag nicht ausbleiben. Die Kuh muß freundlich behandelt werden, wenn sie Milch willig hergeben soll. Was thun aber die Dienstboten bielfad)? Ein Schlag mit dem Melkstuhl, begleitet mit groben Schimpfwörtern, mit rohen Flüchen ist der Morgengruß; ein Tritt mit dem Fuß oder ein Schlag mit der Mistgabel die leider nur zu
ersten Regimentern ber Garbe-Infanterie- unb ber Garbe- Grenabier-Division (1. Garbe-Regiment z. F. unb Alexanber- Regiment) Aehnliches entgegenzustellen vermag.
Währenb ein russisches Linienregiment in ber Durch- schuittSgröße ber Mannschaften ein deutsche- nicht übertrifft, oft sogar bahinter zurückfteht, scheinen viele Regimenter, selbst auS ber „Jungen Garbe" Rußlanb-, faßt au-fchließlich aus „Flügelmännern" im Sinne unserer brüten unb vierten Garbe-Regimenter zusammengesetzt zu sein. Dabei stößt man in Rußlanb nur ausnahmsweise auf ein Product moderner Großstadtcultur: die abfallenden Schultern. Die Leute find fast durchweg „Vierkant" gebaut.
Im äußeren Auftreten, in Strammheit, Schneibigkeit unb in ber frischen, blühenben Männlichkeit ber Erscheinung sinb ihnen freilich die beutschen Solbaten unenblich überlegen. Das eigentlich „Martialische" ist etwa- bem russischen Charakter Frembe-, ein Mangel, ber besonbers im Kreise ber eleganten unb weltmännischen Petersburger Garbe-Offiziere bem deutschen Auge sofort ausfällt.
Militärischer Glanz ist heute fast nur noch in ben Uniformen der Garde-Cavallerie vertreten. Unter ber Garbe- Infanterie ist fast bie einzige Paradetruppe das Pawlow'sche Regiment mit seinen hohen Blechmünzen, nach deren Muster Czar Nicolau- da« erste preußische Garde-Regiment z. F. mit ähnlichen Mützen beschenkt, bis dieses durch Kaiser Wilhelm LL neuerdings historisch-preußische Blechmützen tat Style der Friebericianischen Zeit bekam unb seine bisherigen Kopfbedeckungen an das Alexander-Regiment abgab. Da« Pawlow'sche Regiment defilirt stets mit gefälltem Bajonett, eine Auszeichnung, die ihr für einen heroischen Bajonett- Angriff gegen die alte Garde Napoleons be« Ersten zu Theil geworben ist. Leider find die Mannschaften gerade diese- so glänzenden Regiment- die unschönsten in der ganzen Garbe, da zum Gedächtuiß Kaiser Paul- de« Ersten fast ausschließlich Rekruten mit Stumpfnasen, rölhiichem Haar und Pockeo- narben in dasselbe eingestellt werden. In anderen Regimentern, deren Mannschaften vorwiegend schwarzhaarig find, müffen fich die Blonden zur Parade Haar unb Schnurbart schwarz wichsen. Solche Schablonifirungen an Menschen wirken lächerlich, am Pferbematerial aber haben fie etwa« Imposante-. Währenb nur wenige beutsche Garbe-Cavallerie- Regimenter mit Pferben von burchweg gleichem Haar au«* gestattet finb, haben in Rußlanb sogar bie meisten Cavallerie- Regimenter ber Linie Pferbe von einer ganz bestimmten Farbe, wobei sogar schwarzbraun unb hellbrau unterschieben werben. Solch einen Luxus kann fich freilich nur ein Laub erlauben, baS über einen Bestaub von 18 Millionen Pferben verfügt.


