Ausgabe 
21.11.1897 Zweites Blatt
 
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Feuilleton.

Am Grabr der Tochter.

Bon A. Fromm.

(Nachdruck oerbotm.)

Ein stiller, trüber Novembermorgen- Erde und Himmel find tu einförmiges Grau getaucht- auf dem Friedhof aber ist eS, als wäre noch eiumal der Sommer gekommen, die Gräber find mit Grün, mit Blumen in allen Farben geschmückt, s'.lbst daS ärmste hat seinen bescheidenen Kranz von Immer­grün, denn eS ist Todtensountag.

Der alte, hagere, gebückte Herr jedoch mit den strengen tiefgefurchten Zügen, der eben zur Ktrchhofpforte hereintrat, hatte eS nicht gewußt, oder doch nicht daran gedacht. Er stutzte, als er die Gräber im Schmuck sah.Todtensountag!* sagte er dann vor sich hin.Merkwürdig!"

Er war in seine Heimath zurückgekommen, die er vor mehreren Jahren mit der Abficht, uie wehr dorthin zurück- zukehren, verlaffeu hatte. Aber wie daß zunehmende Alter iha mahnte, daß seine Zeit knapp bemessen war, hatte er daS verlangen gefühlt, noch einmal deu altbekannten Ort zu sehen, und er hatte ihm nachgegeben. Und da er einmal hier war, beschloß er, auch daS Grad seiner Tochter aufzusuchen.

Er hatte uur diese einzige Tochter gehabt, nur dieses eine Wesen hatte ihm nach dem frühen Tode seiner Frau angehört. Sie war in ihrer immer reizender ausblühenden Schönheit seine Freude und sein Stolz gewesen, bis sie zur Schmach, zu dem beständig nagenden Schmerz seines Lebens geworden war. Sie hatte sich einem Manne hiugegeben, der tu seiner Leidenschaft für sie Weib und Kinder vergessen hatte. Die betrogene Gattin, immer schon ein zartes, kränkelndes Geschöpf, war von diesem Schlage uiedergeworfen, in ein Siechthum verfallen, da« schließlich ihren Tod herbei­geführt hatte,- aber noch vor ihr war die Sünderin hingr- pangen, von einer heftigen kurzen Krankheit jäh weggerafft. Als der Vater die erste Kunde von der Schmach erhalten hatte, die fie über sich und thu brachte, hatte er fie nicht verstoßen, er hatte fie in seinem Hause geduldet, aber er hatte kaum mehr ein Wort zu ihr gesprochen und still und finster vor sich hingelebt. Als sie gestorben war, zu rasch, als daß er ihr noch ein verzeihendes Wort hätte sagen können, wenn er es gewollt hätte, da hatte der alte Manu den Ort verlaffeu, an dem er so Bitteres durchgemacht hatte. Nun war er wieder da und auf dem Wege zu dem Grabe der Tochter, und weil er eben wieder hier war, sagte er sich.

Er schritt durch die Reihen der Hügel hin, fast der einzige Besucher des Friedhofs zu dieser frühen Stunde - denn die »elften von denen, die hier ihre Angehörigen be­graben, hatten die Ausschmückung am Abend vorher besorgt. Er fand das Grab bald. Die anderen Gräber ringsum waren sorgfältig gesäubert, eS lagen grüne Zweige, Kränze und Sträuße darauf. Diesen Hügel, den kein Stein, kem Kreuz bezeichnete, deckte nichts als die welken Blätter, die der Novemberwiud darauf gestreut hatte. Das Grab lag da, ein Sinnbild ihrer selbst, wie sie zuletzt im Leben da- aefiauden hatte- mitten unter ihresgleichen, und doch von ihnen gesondert durch deu Makel, der sie befleckte. So

dachte der Vater, und ein grimmiges Wehgefühl packte fein Herz. Das Grab sah so kläglich auS in seiner vernach- läsfiguag uud Verlassenheit, daß er zum ersten Male Mit- leid mit ihr empfand, die darin lag.

Er wandte sich ab und ging planlos zwischen den Hügeln hiu und her, mitunter einen Namen lesend, deu er noch nicht hier zu finden vermnthet hätte- aber er dachte fich nichts hierbei. Er achtete wenig auf den Weg, deu er ging, und so kam er, ohne eS zu wollen, wieder in die Nähe deS Grabes seiner Tochter. Er sah wenige Schritte vor fich, und er blieb verwundert steheu, denn zwei Kinder standeu daran, kleine Mädchen, das jüngere mochte wohl wenig älter sein als daS Kind der Sünde, daS er tu einer Erziehungsanstalt auf dem Laude untergebracht hatte, wohin er fich alljährlich einmal begab, um fich, der Form wegen, nach der Führung der Kleinen zu erkundigen uud ein paar kalte, nichtSsagrube Worte zu ihr zu sprechen. Wo dieses Kind hätte stehen müssen, da waren die fremden Meinen Mädchen emsig beschäftigt, daß Grab von den welken Blätero zu reinigen.

Noch nicht, Martha," sagte daß größere Kind, als daß kleinere einen Kranz, den es in beiden Händen hielt, auf den Hügel legen wollte,erst muß alles ganz ordentlich fein." Und mit spitzen Fiugercheo, von denen die warmen Handschuhe abgeftreift hatte, nahm die letzten vereinzelten welken Blätter fort.

Der alte Herr trat väher.Waß thut Ihr hier uud wer Hb Ihr?"

Die Kinder, die sein Herankommen nicht bemerkt hatten, erschrocken, als er sie auredete; daun aber sahen fie ihn zutraulich an, und daß älteste Mädchen antwortete freundlich:

,/Wir waren gestern Abend hier und brachten Kränze auf daß Grab der Mama." Sie deutete mit der ausge- streckten Hand dorthin, wo der unter Blumen saft verborgene Hügel lag.Unb als wir nachher hier vorüber kamen, dauerte unß dieseß Grab, auf daß Niemand auch uur ein Bischen Grün gelegt har. Da find wir wiedergekommen und haben dem armen Tobten, der darunter liegt, einen Kranz gebracht. ist doch traurig, wenn einer ganz ver­gessen ist."

Die Tobten köun.n um Nichts bitten," sagte daß kleinere Mädchen und hob die unschuldigen Augen zu dem fremd n Maune auf.Denen muß man von selber thuu, was ihnen Freude machen kann."

Die Tobten können um Nichts bitten," wiederholte der alte Herr lautlos.Nichts für sich, nichts für Andere."

Wer seid Ihr denn?" fragte er.Keine Angehörigen der Tobten hier, das weiß ich."

Nein," sagte das größere Mädchen, den Kopf schüttelnd. Ich heiße Agnes Hüwart, und meine Schwester heißt Martha."

Agnes Hüwart!" schrie der alte H rr auf. ES war der Name der Frau, welche seiner Tochter Sünde um LebenSglück und Leben gebracht hatte.Ist Euer Vater der Kaufmann Hüwart in der Ringstraße?" fragte er, um ganz gewiß zu sein.

Daß Kind bejahte tl.

Hat Euch Jemand hergeschickt?" ftagte er mit stocken­dem Athem.

Niemand."

Und Ihr Ihr tragt Eure Blumen auf dieses Grab. Wißt Ihr, wer hier liegt?"

Ein Todter," sagten die Kinder nnichuldig.

Aber wenn diese Todte ich habe fie gekannt eine große Sünderin gewesen ist?"

Sie ist ja tobt!"

Und wenn ich Euch sage, daß fie au Euch, auch an Euch, gesündigt hat? Werdet Ihr dann noch Euren Kranz hierher legen wollen?" Er faßte daß ältere Mädcheu bei der Hand, athrmlo» auf die Antwort auß dem Kindermund horchend.

Daß Kind sah ihn erstaunt, aber furchtloß au, hatte den Sinn seiner Worte schwerlich ganz erfaßt.Die Tobten können doch nicht mehr abbitten, den Tobten muß mau ver­zeihen," sagte endlich entschuldigend.

Den Todteu muß man verzeihen," wiederholte das kleinere Mädchen ernsthaft.Denn sehen Sie, den Todteu können wir auch nicht abbitten, was wir ihnen angethon haben," fuhr daß ältere Kind mit altklugem Eifer fort. Wir müssen hoffen, daß fie unß verzeihen."

Der alte Herr beugte fich zu den Kindern herab und schloß fie in die Arme.Kruder! Kinder!" rief er bewegt. Ja, Ihr habt recht, den Tobten müssen wir verzeihen, wie wir hoffen, daß fie unß verzeihen. Gott segne Euch, für daS, maß Ihr gesagt habt und für baß, waS Ihr hier thut!"

Er küßte die kleinen frischen Gesichter, dann richtete er fich auf.Habt ferne Furcht vor mir," sagte er mild, da fie ihn verwundert aniahea - sie brachten doch nur Blumen auf ein armeß verlassenes Grab, warum küß-e sie der fremde Mann, und warum hatte er Thräneu in den Augen?

Legt Euren Kranz her," sprach er,und noch einmal, Gott segne Euch sür dos, was Ihr an dieser Todteu, und was Ihr an mir thut!"

Ec blieb, auf seinem Stock gestützt, mit einer Hand seine Augen bedeckend, an dem Grabe stehen. Die Kinder gingen Hand in Hand fort, anfangs mit zögernden Schritten und fich von Zeit zu Zeit nach ihm umsehend - dann liefen fie rasch der Pforte zu.

Der alte Herr stand noch regungslos, als die Gitter- thür sich schon hinter ihnen geschlossen hatte. Endlich legte er die Hand anf den Hügel und sagte leise:Die Kinder haben Dir verziehen, Ella, wie sollte ich Dir nicht der- zeihen?" Er löste behutsam eine Blume auß dem Kranze und steckte fie in die Brufttasche,die soll mich mahnen," sagte er.

Am zweiten Tage darauf erschien er wieder an te* Grabe. Er führte ein kleines Mädchen mit ernstem, blassem Gesicht an der Hans. Das Kind trug einen Kranz am Arm.

Lege Deinen Kranz neben den anderen, Ella," sagte er.In diesem Grabe schläft Deine Mutter, mein Kind. Bon nun an kommen wir jedes Jahr am Todtensountag wieder und bringen ihr Blumen, nichr wahr?"

Er drückte daS Kind an seine Brust uud beugte fich zärtlich zu ihm herab. Die Kleine sah mit verwundertem Lächeln zu ihm auf - es war das erste Mal, daß der Groß­vater fie küßte.

Bekanntmachung,

betreffend: Die Löber'sche Stiftung.

Aus obiger Stiftung ist eine Pfründe von 260 Mk. jährlich an einen in Gießen geborenen, verwittweten Handwerker zu vergeben, welcher einen guten Ruf besitzt, fortwährend einen gesitteten Lebenswandel geführt hat und wahrhaft dürftig sein muß.

Anmeldungen werden von heute an binnen 14 Tagen auf dem Bureau des Armenamts entgegengenommen.

Gießen, den 16. November 1897.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen

_________________ Gnauth. 10614

Christbescheerung-

der Kleinkinder Bewahranstalt.

Am Sonntag deu 19. Deeember d. I. soll die Christ, vescheerung für die Kinder unserer Anstalt stattfinden.

Wir haben für 223 Kinder den Christbaum zu schmücken und den Tisch mit Gaben zu decken.

Um dies zu können, wenden wir uns wieder an die Liebe und den wohlwollenden Sinn der Freunde unserer Anstalt und ihrer Kinder und bitten, uns Gaben an Kleidungsstücken, Stoffen, Garn und bergt, be­sonders aber auch an Geld, das unß die gleichmäßigste Bescheerung für untere Kleinen ermöglicht, zuwenden zu wollen.

m- r ^"bLifte zur Erhebung von Beiträgen wird nicht herumgegeben. BMmehr bitten wir, die uns zugedachten Gaben recht bald an eine der uachbenannten Vorstandsdamen gelangen zu lassen: Frl. Amalie Bansa, r.15' J^rQlLDr* Brüel, Löberstraße 11, Frau Amtsgerichts- ratb G'bhardt, Bergstraße 3, Frau Rechnungsrath Kalbfleisch, Ludwtgstraße 7, Frl. Enntte Langermann, Südanlage 21, Frau Pfarrer Slaumann, ©ubantage 8, Frau Louise Ottens, Bismarckstraße 11, grauaugufte © chw a n, Seltersweg 64, Frl.LomseWo rtmann Asterweg 16. Auch bie Schwestern unserer Anstalt sinb bereit, Gaben in Empfang zu nehmen. ö

Gießen, ben 10 November 1897.

Vorstand der Kleiukiuder-Bewahraustalt.

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In Obbornhofen Hungen-Hofgraß

Gießen, am 17. November 1897. Der Großh. Kreisbauinspector.

Deckstein-Lieferung.

Die Lieferung der auf den nach benannten Strecken einzuwalzenden Decksteine soll für die einzelnen Strecken im Ganzen bezw. in Loosen vergeben werden und sind schriftliche Angebote bis

Dicnstsg, den23.Novdr.l I.,

Nachmittags 4 Uhr,

im Amtszimmer des Unterzeichneten, woselbst die Lieferungsbedingungen zur Einsicht offen liegen, einzureichen.

Mk.

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1590.

Cementrohrlieferungen auf dem Wege des schriftlichen Angebots vergeben

Pläne, Voranschlag und Beding ungen liegen auf dem Büreau des Kreisstraßenmeisters Metzger zu Butzbach und letztere auch auf dem Büreau dcs Grotzh. Kreisbauinspectors in Friedberg (Haagstraße 14) zur Einsicht offen.

Die Angebote können auf die ein­zelnen Loose, sowie auch auf sämmt- üche Arbeiten erfolgen und sind ver­siegelt mit entsprechender Aufschrift versehen bei dem Großh. Kreisbau. infpector, Baurath Schnitzel zu Friedberg, bis Dienstag den 30. November 1. I., Vormittags 10 Uhr, einzureichen.

Zuschlagsfrtst 4 Wochen.

Friedberg, den 16. Nov. 1897. Großherzogliches Kreisamt Friedberg.

Dr. Braden. io598

Vergebung von Dtratzenbau- arbeiten.

Zur Erbauung einer neuen Kreis­straße von Münster nach Bodenrod und von Münster nach Matbach sollen nachstehende in den Gemarkungen Münster, Ostheim, Bodenrod, Fauer­bach v. d. H. und Maibach erforder­lichen Erd- und Maurerarbeiten sowie

werden.

veranschlagt zu

1. Erdarbeiten

2. Maurerarbeiten

3. Cementrohrlieferung

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