Ausgabe 
21.11.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 274 Drittes Blatt. Sonntay den 21. November

1807

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Die Pulver-Explosion in Bhu; im Jahre 1857.*)

Blindwütherd mit des DonnerS Krachen, Ze, fp engt es das gedorst'ne HauS, Und wie aus offenem Höllenrachen Speit es Verderbe» zündend aus".

Daß die Bewohner einer befestigten Stadt nicht nur in Kriegszeiten großen Gefahren und Verlusten ausgesetzt sind, sondern daß auch im tiefsten Frleden Unheil ganz besonderer Art über sie hereinbrechen kann, erfuhr die Bevölkerung von Mainz durch dre entsetzliche Katastrophe der Pulver-Explosion am 18. November 1857.

Es war an einem Mittwoch Nachmittag um drei Uhr, als ein donnerähnlicher betäubender Schlag die Häuser der Stadt bis auf den Grund erbeben machte. Wie bei einem Blitzschläge fuhr es prasselnd nieder, die Fenster flogen mit zerschmettertem Glas und Rahmen in die Zimmer, Dächer stürzten ein, Schornsteine wurden herabgeschleudert und Bilder und Spiegel fielen von den Wänden. Gleichzeitig wankte lecundenlang der Boden; eine mächtige, wie von einem Orkan getriebene Staubwolke verfinsterte den Himmel und verhüllte Vie Gegend, ccntnerschwere Steine sausten mit vernichtender Wucht von allen Seiten herab.

Ich war damals nbch ein Kind und glaubte, das Ende der Welt fei gekommen. Dann sah ich vor der Wohnung meiner Eltern, tn der Pfaffengasse, schreckensbleiche Menschen auf die Straße stürzen, hörte das Jammergeschrei Verwun- « deter und dazwischen den Angstruf.-Heiliger Golt, was ist j geschehen?! Wir sind alle verloren!"

*) AuS Alfred Börcket'SMainzer Geschichtsbildern". I

Doch mein Vater, der als österreichischer Militärarzt in vielen Feld ügen die Gewalt des Pulvers kennen gelernt und 1822 den großen Ausbruch des Vesuvs in Neapel mit­erlebt hatte, erkannte sofort die Ursache der Erschütterung und rief herunter:Seid ruhig Leute, es ist vorüber I Es war eine Explosion!"

Und so war's. In der Richtung nach dem Kästrich leuchteten jetzt blutrothe Flammen durch die schwarze Rauch, faule und plötzlich ging es von Mund zu Munde:Der Pulverthurm ist in die Luft geflogen!"

Nun eitlen Tausende nach der Unglücksstätte, obgleich der Weg dorthin mit Trümmern übersäet und sein Begehen durch nachstürzendes Mauerwerk lebensgefährlich war. Und am Orte selbst welch' ein Anblick!

Der, meist von ärmeren Leuten bewohnte, alte Kästrich, der obere Theil der Gaustraße bis zum Eingang in die StephanSstraße und die Stephanskirche waren eine einzige, rauchende und brennende Rume! Und unter diesem riesigen Trümmerhaufen lagen ganze Familien begraben! Herz­zerreißendes Geschrei und Gestöhne drang aus ihm herauf, während oben gräßlich verstümmelte, zuckende Körper umher- lagen, deren Blut über den Schutt floß. Dabei suchten Mütter händeringend nach ihren Kmdern, jammerten Kinder nach ihren Eltern, schleppten Soldaten und Bürger Ver­wundete hinweg und rasselte die Feuerwehr mit ihren Spritzen vorbei. Es waren unauslöschlich der Erinnerung sich ein­prägende Scenen voll Todesangst und Verzweiflung!

Und kaum war einige Ruhe und Fassung wiedergekehrt und die erste Hülfeleistung im Gange, da verbreitete sich die schaudererregende Kunde, daß eine noch größere Explosion nachfolgen werde, weil in den anstoßenden Minen beim Pulver­

thurm eine Masse Pulver lagerte. Dank der raschen Thätig- keit und Umsicht der Militärbehörde und der Mannschaften, welche unaufhörlich Wasser in die Minen einließen, ging diese Gefahr jedoch vorüber und der übrige Theil der Stadt wurde vor der sonst unausbleiblichen Vernichtung bewahrt.

Erst nach und nach ließen sich die Folgen der Katastrophe Überblicken und ermitteln. Der Martinsthurm, ein massiver Steinbau aus dem Anlange des 13. Jahrhunderts, der früher als Militärgefängniß gedient hatte, war fast mit seinem ganzen Fundament aus der Erde gehoben; statt feiner blieb nur eine große kraterähnliche Vertiefung im Boden zurück.

Kurz vorher hatte er mit dem angebauten Magazin 700 Centner Pulver enthalten, bei der Emission bargen sie noch über 200 Centner, ferner 700 gefüllte Granaten und 240 Zündkugeln, welche zum Theile verbrannten oder mit den Steinen weit umhergeschleudert wurden, zum Theil auch später noch zischend aus dem glühenden Schutt auffliegen und zerplatzten. Die in die Stadt fliegenden Steine zer­schmetterten die Dächer vieler Gebäude, wie das des Gym­nasiums und der Augustiner und Johanniskirche.

$m Caf6 de Paris durchschlug ein Steinkoloß zwei Stockwerke, ins Krätzer'sche Haus auf dem Ballplatze flog ein Stein, der über 13 Centner wog, ebenso wurden ungeheure, glatt behauene Steine von 1315 Gentnern Schwere noch in ziemlich weiter Entfernung, auf Promenaden und Plätzen, vor der Stadt gesunden; so furchtbar war die Gewalt des Luftdrucks gewesen. In der Augustinerstraße riß ein Stein einem Kinde den Kopf, vor dem Cafe de Mayence ein anderer einem Schauspieler ein Bein ab, und auch am Linsen- berge fanden mehrere Spaziergänger in diesem Steinregen den Tod. Unter den zusammenstürzenden Häusern fanden

Feuilleton.

Die Geheimpolhei des Unkle Asm.

Schilderungen aus dem Detectivdlenst bei der nordamerikanischen Bundesregierung.

Von Emil Berdau.

(Fortsetzung.)

8u welchen, wenn ich bitten darf?" fragte ich neu* gierig dazwischen.

In letzter Zeit wurden viele Autographen aus der Congreßbibliothek zu Washington emwrndet und man weiß noch jetzt gar nicht genau, wie viel von diesem historischen Material gestohlen worden ist. Gegenwärtig hat Unkle Sam seine Spürhunde in dieser Richtung angesetzt und es dürfte wohl bald an den Tag kommen, welche von den Herren Volks­vertretern die Langfinger gewesen sind."

©o?" machte ich verwundert.Also die Abgeordneten deS mächtigen Volkes der Vereinigten Staaten find nicht im Stande, an einer Sammlung werthvoller Älterthümer ihrer Nation vorbeizugehen, ohne etwas davon zu stehlen? Was thuu Sie denn mit diesen Autographrn?"

Verkaufen sie zu hohen Preisen an die Raritäten* Händler, welche fie zu höheren Preisen an die Sammler los* schlagen."

Nette Volksvertreter," dachte ich bet mir.Ist schon .viel gestohlen worden?" fragte ich laut.

Man sagt, daß z. B. kein einziges Autograph von Abraham Lincoln mehr tu der ganzen Sammlung zu ent­decken ist," erwiderte der Capttän.

Meinen Sie, daß die Diebe, falls fie entdeckt werden, auch bestraft werden? So ein Volksvertreter ist doch immer eineeinflußreiche" Persönlichkeit."

Nun, es kann ja sein, kann auch nicht sein, daß man Upen etwas am Zeuge flickt. Jedenfalls soll es nur zur Abschreckung der Uebrigen dienen."

Wozu find die RegierungSdetectiveS noch außerdem verwendet worden?- suhr ich in meinen Ausforschungen fort.

Kürzlich entdeckte man, daß im Schotzamte werthvolle a.lte Postmarken und Siegel zu verschwinden begannen. Die Marken find zumeist sehr viel Geld werth, weil manche von ihnen nur in wenigen Exemplaren in den Archiven Vor­kommen. Man reißt fie oder schneidet fie einfach von den Documenten ab und verkauft fie an die Markenhändler und diese setzen fie zu fabelhaften Preisen an die Sammler ab. Man hat bei einem einzigen Händler allein zwanzigtausend*

WaS sagen Sie?" platzte ich heraus.

Allein zwanzigtausend Marken und Siegel auß dem Schatzamt mit Beschlag belegt," vollendete der Polizist.

DaS ist ja aber haarsträubend! Nun begreife ich, warum sich die Amerikaner die erste,handelstreibende"

Nation der Welt nennen!" rief ich spottend.Das ist ein fach großartig I Fahren Sie nur fort! Ich sehe, die sichere" Bundesregierung hat viel Arbeit für ihre geheime Polizei."

Wenn ein Angestellter der Regierung in dem Verdacht steht, über feine Mittel hinaus verschwenderisch zu leben, so wird ein Detectiv ihm gewissermaßen alsSchatten" an­gehängt. Auf diese Weise erfährt das Bureau, an dem er arbeitet, wie er fein Geld auSgibt. Man weiß, wie viel und wie vielerlei er am Tage vertrinkt, ob er bei Wett­rennen hohe Einsätze macht, ob er Whist oder Poker spielt und wie hoch den Point, und ob er noch anderen Lastern sröhnt. Ist nun der geheime Bericht der DetecttveS un­günstig für den betreffenden Beamten, fo erhält dieser eine Warnung, welche um so größere Wirkung hat, je unbeob­achteter sich der Delinquent wähnte."

Da hat Ihre Regierung viel zu thun, wenn sie sich um die Schnäpse und Cigarren ihrer Beamten per Geheim­polizei bekümmert. Aber sie thut das auch nur deßhalb, weil sie keinem von ihren Angestellten über den Weg trauen darf. Nette Gesellschaft! Aber nur weiter, Herr Capitän!" lachte ich verächtlich.

Fast jedes Departement der Executive hat fein eigenes Detectivcorps,- begann mein Erzähler.

So? Na, das muß ein Spüruafeodienft in Wahiogton fein, der der spanischen Inquisition über ist. Weiter! Ver­zeihen Sie, daß ich Sie immer unterbreche."

Die Spitzel deSPost-Office Departement find die schlauesten von Allen. Sie find beständig aus der Suche nach Dieben und solchen Personen, welche die Poft zu un­ehrlichen Zwecken benutzen. Die kürzlich vollendete Post- Office in Washington ist mit einem System von Gucklöchern versehen, durch welche die Clerks und Briefträger ohne ihr Wissen beobachtet werden können. Diese Gucklöcher find ver­bunden mit einem geheimen Treppenzugang aus dem Erd­geschoß. Das AuSleeren von Werthsendungen ist sehr ge­wöhnlich und manches stille Diebsgeschäft ist von diesen Gucklöchern auS beobachtet und dann zur Anzeige gebracht worden!"

Gut, gut! Weiter mein Herr!" nickte ich dem Inne- haltenden zu. Dieser fuhr mit einer Art Wohlbehagen fort:

Eine der interessantesten Entdeckungen dieser Art wurde in Wilmington N. C. gemacht, wo beunruhigend viele Brief­diebstähle vorgefallen waren. Der Schuldige war ein Clerk, welcher, als er sich entdeckt sah, ein volles Geständniß feiner Verbrechen ablegte. Er sagte, daß er fich auf feinen Geruch verlassen hätte, um zu entdecken, ob ein Bries Geld enthielte oder nicht. Die Polzei war so neugierig, daß fie den Dieb bewog, in ihrer Gegenwart zu operieren. Man verband ihm die Augen und legte ihm einen Hausen Briefe vor, von denen einige Papiergeld im Werthe von 500 Dollars und darüber enthielten und forderte ihn auf, diese herauSzufinden. So­

fort ging er an'S Werk, beroch jeden Brief und hatte ist Nu fieben, welche eine Summe von über 20,000 Doll, ent­hielten herauSgeleien und bei Seite gelegt!"

DaS war ja ein wahres Diebsgenie!" rief ich auS. Nun freilich! Altes Papiergeld soll wohl schließlich einen eigentümlichen Geruch bekommen, weil eS durch so viele Taschen und Hände geht. Hat er aber auch neues anfge- funden?"

In den Briefen war nur neues, frisch auS der Münze geholtes Papiergeld verwendet worden und er roch dasselbe doch heraus!"

Wunderbar! Weiter! Weiter!" drängte ich.

Ein anderer Dieb fühlte eS den Briefen an, ob sie Geld enthielten. Ein dritter zog einen Faden durch die Mitte des Briefes und untersuchte 'dann die an demselben beim Herausziehen hängen gebliebenen Papierfasern mit einer Lupe, wobei er nie fehlging." erzählte er weiter.

Welch ein Glück, daß man nicht selbst in einen Brief in diesem Lande gesteckt werden kann! Denn, wissen Sie, eS muß wehe thun, wenn man einen Faden durch den Leib gezogen erhält!" spöttelte ich und der Polizist lachte herzlich mit. Der Mann schien eben ganz und gar keine Galle zu haben.

Sehen Sie, die bloße Thatsache, daß mehr als 800 Postämter jedes Jahr beraubt werden, liefert schon einen Anhaltspunkt, von welchem ans man auf die Menge der Geschäfte, welche die Poft Office DetectivS in diesem Lande zu bewältigen haben, schließen kann," fuhr er fort, indem er fich eine neue Cigarre anzündete und den Stummel der alten in einen riesigen, hölzernen Spucknapf warf.Außer­dem werden auch Detrctivs verwendet, um die Absender anonymer Briese aufzufinden. Andere wieder haben alle Hände voll zu thun, die Schreiber obszöner Literatur, welche dte Post für ihre GeschästSzwtcke benutzen, zur Bestrafung zu ziehen. Wieder andere jagen den Erbschaftsschwindlern nach u. s w. DaS Erbrechen und Berauben von Brief­kästen ist nachgerade ein einträgliches Geschäft geworden und DetectivS haben die Diebe aufzusuchen. Außerdem werden in neuester Zeit auch schon Briefkästen beraubt, ohne daß man fie erbricht. Der Brieskastendieb zieht fich einfach eine Briefträgeruniform an und kann am Hellen Tage mit Nach- fchlüffel soviele Kästen auSleeren als er für gut befindet. Nachts wirft er die Briefe, nachdem er die Wertsendungen herausgenommen, einfach wieder und zwar ohne Uniform zu tragen in den Briefkasten hinein und geht feiner Wege. Diese Diebe aufzuspüren, ist sehr schwierig, dum man wüßte an jedem der oft zahlreichen Briefkästen einen Detectiv aufstellen, der die Photographien sämmtlicher, wirk­lich ungeteilten Briefträger entweder in einem großen Album bei sich haben oder doch ihm Gedächtniß Herumtragen müßte. DaS ist eben unmöglich!"

(Schluß folgt.)