Sonntag den 2!. Februar
Erstes Blatt.
Nr. 44
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Zlints- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gietzen.
chratisöeikage: Gießener Kamilienötätter.
Feuilleton.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den falgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Alle Anuoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
das Haar auf seiner Gesicht bebt in wildem
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------ veranstaltet t. der ’adschaft „Hassia“. lK 15. Mari. leliWlewinne.
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L (Liste u. Porto 20 Pf.) Ihnacker In Darmstadt.
Ja," sagte sie.
.Und daS Temperament ging mit mir durch und ich
Ker große Mailing
Humoreske von Martha Renate Fischer.
(Fortsetzung.)
Der Pensionär im nächsten Zimmer spielt Clavter — eine schwebende Melodie im Dreivierteltact: lah — lalala — hüt hüt hüt — und Molltng beginnt sich leise danach zu regen. Seine Blicke, zurückgerusen in die Vergangenheit, schauen die Almeh, — werden verzückt, von der Verheißung naher Seligkeit trunken- seine Sehnen straffen sich, heben ihn — und er gleitet einen Tanz des Werbens in Gewißheit
Zum Teufel!"
Und 6a nicht sofort Folge geschieht, wirft er den Schlafrock wie einen Mantel über die Schultern, ist mit einem Sprunge auf dem Corrtdor und in des Nachbars Stubenihüre. , t v ,,
„Doch langsamer!" schreit er wieder und bleibt tu- steiuert stehen. Im hohen Spiegel des vornehmer wohnenden Nachbars sieht er sein Bild: die Flammenaugen deS jungen Molling und des alten TanzmeisterS hagere Glieder mit der zerknitterten Pracht. Der Schlafrock fällt von den Schultern
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) Pfg. das Pfund. WSUHllttklM Her * Sohie.
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Durch die Post bezog« 2 Mart 50 Pfg.
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-chutstraße Nr.7.
Fernsprecher 51.
ar 1897.
Silberreote b$cnit cv '»* * 1881 «mA DM-
Lorbeer der Vergangenheit. Uud jetzt erinnert er sich au die kleine, runde Lucy uud sagt schalktsch:
„Ja, ja, die Lucy, wie hält ich die vergeffeu sollen k — W'ffen Sie noch, Luch, wie ich einmal in der Couliffe hinter Ihnen stand, uud Sie sahen so rund uud zart auS wie eine Flaumfeder —"
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eine schwarze Gewitterwolke wogt Stirn, die Augen blitzen, daS faltige Feuer. Sie schwingen und wirbeln ihm seine Schritte- so schwankt sein Körper und biegt sich, f' **“k **““ sich seine Arme, strecken sich verlangend, beschwichtigen, dämpfen, — er ist wie eine Sturmnacht in seiner Leidenschaft.
Und noch wilderes Tempo — unsinniges.
Molling- Augen blitzen- er flucht, packt ein Buch, schleudert es gegen die Nebeuthür und schreit: „Langsamer!
ganz anders. Der König äußerte sich im Ministerrathe dahin, er habe die Ueberzeugung, daß keine Großmacht Schergen- dienste für die Pforte thun und Befehl geben werde, auf christliche Soldaten zu schießen.
Pari«. 19. Februar. Die Begeisterung für Griechenland steigt mit jeder Stunde. Zahlreiche franzö» sische Offiziere a. D. und junge Leute haben sich der griechischen Gesandtschaft zur Disposition gestellt, um in d-e Rethen der griechischen Truppen einzutreteu. Heute Abend fiader ei« Riesen Meeting statt.
Pari». 19. Februar. Der Marineminister hat de« Marinerath den Vorschlag unterbreitet, die französische Mittelmeer.Flotte mit Rücksicht aus die eventuelle« Entwickelungen im Orient bedeutend zu verstärken.
Bonbon, 19. Februar. Gladstone telegraphiere auS Cannes, er müffe energisch gegen die Jsee protestiren, Gewalt zu gebrauchen, um die Türkei zu schützen, da der Sultan sich selbst aus der Reihe der civilifirten Nationen auSgeschloffen habe.
Kopenhagen, 19. Februar. König Georg von Griechenland hat an seinen Vater, den König Christian von Dänemark, telegraphirt, er werde sein Ziel btS zum Aeußerste« verfolgen uud nicht ruhen, bis er Kreta- Einverleibung erreicht habe. t p . m
Athen, 19. Februar. Die Nachricht, daß trotz der Besetzung der Großmächte in Kreta 1800 türkische Soldaten gelandet seien, ruft hier eine große Aufregung her- vor. Der König scheint zum Aeußersten entschloffeu zu sein.
Konstantinopel, 19. Februar. Der Sultan ernannte im Einverständniß mit den Großmächten KaratheodrhPascha zum General-Gouverneur von Kreta.
Berlin, 20. Februar. Soweit die Krnutniß der „Beri. N. Nachr." reicht, beruht die Legende deS geplanten Zare«- besucheö in FriedrichSruh auf mißverstandenen oder entstellten Aeußerungen einer warmen Sympathie, welche die Zarin, wie der gesammte Darmstädter Hof und mit diesem die meisten deutschen Höfe für den Fürsten BiSmarck empfindet.
Berlin, 20. Februar. Die „Nattonalzeitung" behauptet, König Humbert und Rudini stimmten bisher durchaus mit dem Verhalten der anderen Festlandsmächte bezüglich Kretas überein.
Berlin, 20. Februar. Am 7. März findet in Dresden eine couservattve Volksversammlung statt, welche auch von zahlreichen Abgeordneten deS Reichs« und Landtage- besucht sein wird.
London, 20. Februar. Salisbury erklärte de« Mächten durch eine Note, England wünsche die Anfichten der
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Karamellen chnell wirkend bei iserkeit, Katarrh uog. Per Packet A.&G. Wallenfels, h und Chr. Wallen- an.
Berlin, 19. Februar. Der „Nordd. Allgem. Ztg." wird auS Wien telegraphirt: Die österreichischen Kriegsschiffe werden in vier Tagen vor Kreta etntreffen. Einen Tag nehmen sie Aufenthalt an der dalmatinischen Kohlen- station. Mau ist hier der Ansicht, daß man in Griechenland nicht daran denke, Kreta freiwillig zu verlaffeu. Die Aussicht auf Blokade deS Py'äus und anderer griechischer Häfen wird in hiesigen unterrichteten Kreisen heute alS gering bezeichnet.
Berlin, 19. Februar. Eine Einigung der Großmächte wegen der Kreta-Frage ist noch nicht erzielt. Die Verhandlungen dauern fort. Eine directe Ablehnung der vorgeschlageuen Blokade deS PhräuS seitens EnglandS ist, wie die „Post" hört, nicht erfolgt, wohl aber hat England sich dahin geäußert, daß ihm der Vorschlag der Mächte nicht sympathisch sei.
Köln, 19. Februar. In der Strafsache gegen den Criminalcommiffar von Tausch haben auch hier Vernehmungen stattgefunden, wobei es fich um die Verbreitung mehrerer Berichte handelte, welche die Festnahme der in der bekannten LandeSverrathS-Affaire Ende 1895 verwickelten Personen besprachen. Tausch war damals mit der Eruirung dieser Personen betraut und deßhalb mehrere Tage in Köln anwesend, wo er den Redacteur Emil Schmitz von der „Köln. Ztg." gesprochen haben soll. Bald darauf erfolgte eine eingehende Berichterstattung über den Spionenfang mit Beschlagnahme von Briefschaften und die Anwesenheit deS KrtegsmlnisterS in Köln in auswärtigen Blättern. Redacteur Schmitz hatte dieserhalb eine längere Vernehmung vor dem Richter zu bestehen, desgleichen der Journalist Wilhelm Mirbach. Letzterer gab die Versicherung ab, daß er den Commiffar v. Tausch nicht kenne und keinerlei Verbindungen mit demselben unterhalten habe.
Köln, 19. Februar. In einer Besprechung der kretischen Wirren sagt die „Köln. Ztg.": ES sei unbegreiflich, daß die Mächte noch immer zögerten, Griechenland zusammenzupreffeu, daß ihm der Athem ausgeht. WaS man auch immerhin mit Kreta beginnen wolle und wie man sein Verhältntß zum Großherrn gestalten wolle, Griechenland habe eS verscherzt und dürfe eS nicht haben, wenn nicht im Orient gefährliche Vtrwtckelungen heraufbeschworen werden sollen.
Wien, 19.Februar. Nachrichten auS Konstantinopel besagen: Trotzdem die Griechen schon festen Fuß auf Kreta gefaßt, will sich der Sultan noch immer nicht für den Krieg entscheiden und dem griechischen Gesandten die Päffe zustellen, weil er noch immer hofft, der Streit laffe sich friedlich beilegen. In Griechenland denkt man dagegen
der Gewährung.
Anderes Tempo, schneller, stürmischer.
Haupte geworfen, wie
Der Hteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamifieubkäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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.eich vorzüglich wie che Kuhblliittj löst
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und die Wangen finken langsam herab zu zwei großen Längsfalten.
Da ruft eine warme, herzliche Stimme:
„Herr Molltng! Ja, da« find Sie doch leibhaftig! So seh ich Sie immer in meinen Gedanken. Ja, und Sie kennen mich wohl gar nicht?"
Und vor ihm steht eine behäbige Dame mit weißen, dicken Händchen, die fie ihm entgegenstreckt, und mit zwei frohen, gutmüthigen Augen, die ihn anstrahlen.
Rührung im Blick, so daß der alte Tanzmeister erröthet. Sie ist wohl gerührt darüber, daß auS dem jungen Molltng so ein jämmerliches Wrack geworden ist.
Die rundliche Dame schiebt ihn aufs Sopha, sagt: „Sie find erhitzt!" und breitet eine seidene Decke über seine Glieder. „Ach, erinnern Sie fich doch —" schwatzt fie dabei, „ich bin ja die Lucy, die kleine Choristin, und war so verschossen in Sie — und mehr! Aber zu so einer Größe wagte unsereins ja gar nicht aufzusehen. Sie und die Lolo! Und daß ich Sie nun wieder treffe! So ein gütiger Zufall. Ich bin erst seit gestern hier. Wollt mir mal den Rummel in einer Pension ansehen. Mein Mann hatte ein Seifengeschäft. Und jetzt bin ich eine Wittwe. Und nun erzählen Sie mir. — Ach, die Ehre? — Wtffen Sie, wir haben uns mal geschlagen, wir drei Choristinnen, die Anna, die Frieda und ich, um einen Blick von Ihnen. Sie find gewiß mein Nachbar. Und was haben Sie gemacht, daß ich langsamer spielen sollte — etwa getanzt?" Sie holt Wein. Und daS abgewandte Gesicht lacht und weint zugleich. — „Ja, Sie — Sie waren ein Künstler! Die andern, das war alles bloS Gesindel, ein Dunkel und daneben GeschäftSintereffe. DaS war eins so stark wie daS andere. Und ich — ich bin eine kleine, ehrliche Kaufmanns- frau gewesen, uud jetzt bin ich die stolze Nachbarin von dem großen Molling." ,p .
Und Mollings Augen strahlen. Er ist jung und zu- friede« mit einem Schlage, denn er fitzt wieder unter dem
Gießener Anzeiger
Kenercik-Anzeiger.
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Wolff- telegraphische- Lorresvondem-Bsre».
Berlin, 19. Februar. S. M. Sch'ff „Kaiserin Augusta", Commandant zur See Capttän Köllner, ist gestern Abend io Malta angekommen und wollte sogleich nach Kohlenübernahme die Reise nach Kanea fortsetzen.
BreSlau, 19. Februar. Prinz Heinrich von Preußen stattete, wie die „Schlesische Zeitung" meldet, heute Mittag dem Cardinal Fürstbischof Dr. Kopp einen halbstündigen Besuch ab.
Wien, 19. Februar. Der Großherzog und die Großherzogin von Hessen find heute früh hier eingetroffen und haben nach zweistündigem Aufenthalt ihre Reise nach Bukarest angetreten.
Budapest, 19. Februar. DaS Magnatenhaus nahm die Vorlagen betreffend die Bedeckung deS DeficitS der Ausstellung und die Einführung einer Klasseu- lotterie an.
London, 19. Februar. Die Morgenblätter machen sich allgemein über den von der Südafrikanischen Republik erhobenen Anspruch auf Schadenersatz für den Einfall JamesonS lustig, der als albern hingestellt wird.
Athen, 19. Februar. Der Dampfer „EpiruS" beförderte 2000 Flüchtlinge aus Herakleion nach dem PiräuS. Zwei russische Panzerschiffe find eingetroffen.
Kanea, 19. Februar. (Ag. HavaS.) Oberst VafsoS hat nach Akrotirt Geschütze geschafft und beschloffen, da- Fort Vukolis zu nehmen, um seine Flanken zu decken.
Depeschen deS Bureau .Herold."
Berlin, 19. Februar. Der Reichstag wird fich in der nächsten Woche im Plenum mit dem Etat deS Auswärtigen Amtes beschäftigen.
Berlin, 19. Februar. Die Fürstin Hohenlohe, Gemahlin deS Reichskanzlers, gedenkt fich in einigen Tagen nach ihren ruffischen Besitzungen zur Bärenjagd zu begeben.
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Obst.
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Gefunden : 1 silb. Ring, 2 Portemonnaies, 1 Taschentuch, 1 Handschuh, 1 Hun^ehalsband, 1 Scheere, 1 Hacke, 1 Serviette, mehrere Schlüssel.
Gießen, den 20. Februar 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
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„Und ich hielt still."
„Wie ein Vogel," sagt er gerührt. „Und ich bi« in- zwischen ein alter Tanzmetster gewesen und Sie eine glück- ltche Frau."
„Ich war nicht glücklich, Herr Molltng.
«Aber "jetzt bin ichS! Wir wollen anstoßen auf gute Nachbarschaft. Und wissen Sie was? Ich hätte doch bei der Bühne bleiben sollen oder doch wenigsten- für- Concert. Aber der Capellmeister hatte eine Pieke auf mich. Uud meine Stimme — wenn Sie die noch heute hören würden« Ich fing ja blo- bi- zum C", sagt sie stolz-beschetden, „aber ich fing wie lauter Glocken. Ja, ja, gewiß, Herr Molling! Wenn ich'S so an «ich hätte wenden können! — Wisse« Sie, als ich noch so ein junges Ding war, hab ich immer gedacht: Du wirst so groß wie der Molling — die Gaben find vorhanden, da kommt eS bloS auf die Ausdauer an. 3“' ©fc FlNg-l, p.Lludlrt und fing'- -- ßnd
Strophen auS der „Afrikanerin":
„Täubchen girrend ruft, Leise bebt die Luft."
Und Molling hört und weiß, daß die Lucy von fünfzig Jahren die kleine, gepreßte Stimme der Lucy von fünfzehn Jahren behalten hat, bloß, daß die Jugend daranentschwunden ist. r r , x
(Schluß folgt.)


