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20.8.1897 Erstes Blatt
 
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Der -ie-ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Zur Lage im Orient.

Fast wäre man versucht, zu glauben, daß es gar keine griechisch-türkische Frage mehr gtbr, da über die Verhandlungen der Botschafter mit der Pforte schon seit einiger Zett tiefes Stillschweigen herrscht. Anscheinend steht man noch auf dem­selben Flecke, auf welchem man fich bereits vor mehreren Wochen befand, und der Präliminarvertrag, welchen eine Wiener Correspondenz veröffentlichte, stellt fich nur als die Wiedergabe fernerer Wünsche dar. Der arme Sultan! Hier drängen ihn die Großmächte, in nichts weniger als glänzende FriedenSbedingungrn zu willigen, und dort an der Perfischen Grenze wird sein Land durch die Einfälle der Armenier be­unruhigt und er muß beträchtliche Truppenmaffen zur Be- Dämpfung der Räuber entsenden. Wahrltch, daS Leben wird dem Padtschah sehr sauer gemacht! Im Uebrigen scheint sein jetziger Minister deS Aeußern, Tecvfik Pascha, früherer Botschafter am Berliner Hofe, emes türkischen Diplomaten würdig zu sein, da er sich prächtig darauf versteht, heute etwas abzuleugnen, was er gestern versprochen hatte, d. h. die Verhandlungen endlos in die Länge zu ziehen. Wie oft ist nicht schon gemeldet worden, daß die Pforte den Vor­schlägen der Mächte bezüglich der Greozregulirung zuge- stimmt habe, aber jedesmal kamen Vorbehalte, welche die Pforte machte, als hinkende Boten nach.

Seitens Deutschland ist bekanntlich in Anregung gebracht worden, daß die Türkei die Räumung TheffaiienS nach und «ach im Verhältniß zur gezahlten Kriegsentschädigung vor­nehmen solle. Diesem Plan hatte auch der englische Bot­schafter zugestimmt in der Annahme, daß auch die Londoner Regierung einverstanden sein würde. Darm hatte er sich aber getäuscht, denn jetzt erhebt Lord SaliSbmy Schwierig­keiten, indem er die sofortige Räumung Thessaliens verlangt. Die Einigkeit der Großmächte ist also wieder einmal in die Brüche gegangen, und es ist noch gar nicht abzusehen, wie die Sache enden wird. Man vermuthet, England wolle Revanche an dem Sultan nehmen, weil dieser angeblich die indischen Muselmanen zum Widerstande gegen England auf­gereizt hat. Und so ganz Unrecht mag die britische Regie­rung nicht haben. Wir haben schon früher auSgeführt, daß das Selbstgefühl der Muselmänner durch die Siege der Türken nicht nur im osmanischen Reiche beträchtlich gehoben worden ist, sondern auch unter den Bekennern des Islam in anderen Ländern eine merkliche Steigerung erfahren würde. Daß der JSlam den Engländern in Indien ungemein gefähr­lich werden kann, ist sicher- um so weniger ist eS zu verstehen, daß diese in neuerer Zeit den Sitten und Gebräuchen eines

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Fenilleton.

Gustes Ferien.

Humoreske aus dem Leben von M. Kossak.

(Schluß.)

Guste riSkirte es. Das heißt, vorerst kletterte sie die Treppe zum Hängeboden hinauf, wo sie ihre Habseligkeiten Ltufbewahrte, suchte fich dort ein blaßgelbeS Wollkleid von streng modischem Zuschnitt und einen mit vielen rothen Rosen garnirten Hut heraus, mit welchen Herrlichkeiten sie sich alsdann in dem Schlafzimmer ihrer Herrschaft schmückte. Man hatte dort alles, was zum Toilettemachen gehörte, so bübsch beisammen, den hohen Stehspiegel, Puderbüchse, JBau de Cologne, Kämme, Bürsten u. s. w. Guste, die kommunistischen Ideen huldigte, nahm denn auch keineswegs Anstand, von diesen Dingen Gebrauch zu machen. Als fie fertig war und zum Schluß noch die hellen Glaces auf die dicken, abgearbeiteten Hände gezwängt hatte, musterte fie fich befriedigt in der Psyche. Ja, fie sah doch in der That schneidig und fein aus, wie eine wirk.iche vornehme Dame.

Der geheimnißoolle AuSgang nahm viele Stunden in Anspruch. Als fie davon zurückkehrte, fühlte fie sich an­gegriffener, als wenn sie ganz allein ein Diner für zwanzig Personen hergerichtet hatte. Trotzdem setzte sie fich, noch im vollen Putz, an- Ptanino und fing an die Tonleiter zu üben, ja, wirklich und wahrhaftig, die Tonleiter. Wohl dreißigmal spielte fie fie herunter, erst ganz langsam und stockend, dann immer schneller.ES geht schon," lobte fie fich im Stillen. Für heute also konnte fie eS genug sein lassen deS grausamen Spiels. Man durfte auch nichts Über­treiben.

Von da ab begann eine Zeit harter Prüfung für die übrigen Bewohner des Hauses. Da fie wußten, daß DoctorS verreist waren, konnten fie eS nicht begreifen, wer diesen

großen Theils ihrer indischen Untertanen nicht mit der bis­herigen Rückficht Rechnung tragen. Ob der Sultan that- sächlich bei den letzten Aufständen im indischen Reiche ferne Hand im Spiele hat, erscheint übrigens sehr fraglich, wenn iom auch eine allgemeine Revolution daselbst jetzt nicht so unwillkommen sein würde, weil fie die Aufmerksamkeit der Welt von den Dingen in der Türket ablenken wüßte.

Mittlerweile schwebt Griechenland immer noch zwischen Hangen und Bangen und macht die verzweifeltsten An­strengungen, um die nöthtgen Gelder zur Zahlung der ersten Klaffe der Kriegsentschädigung zusammen zu pumpen. Im Auslande sind ihm alle Taschen verschlossen, deshalb muß man versuchen, eine innere Anleihe zu Stande zu bringen. Daß ist für daß kleine Land sehr schwer, insbesondere, seit­dem der Patriotismus der reichen Griechen fich merklich ab­gekühlt und einer nüchternen Berechnung Platz gemacht hat. Willenlos hat fich jetzt die griechische Regierung den Anord­nungen der Großmächte gefügt, wenn auch einige Schreier immer noch Widerstand biß aufs Aeußerste predigen und ver« langen, daß der König fich an die Spitze des Volkes stelle. Das find aber nur leere Redensarten, da das griechische Volk keineswegs gewillt ist, noch einmal die Lasten des Krieges auf sich zu nehmen, abgesehen davon, daß Wahn­sinn wäre, bet den verlotterten Zuständen innerhalb der griechischen Armee ernstlich an die Fortsetzung des Kampfes zu denken. Der jetzige Stand der Dinge ist übrigens den Griechen eine heilsame Lehre und wird sie von künftigen Tollkühnheiten zurückhalten,' eine europäische Controle ihrer Finanzen kann ihnen überdies nur dienlich sein und dazu beitragen, den Credit Griechenlands zu heben und sein An­sehen im AuSlande wiederherzustellen.

Auch auf Kreta stehen die Dinge noch immer beim Alten. Der neue Gouverneur, Djeoad Pascha, macht alle Anstrengungen, fich dort dauernd festzusetzen, und die Admirale der fremden Mächte führen ein beschauliches Dasein. Viel­leicht verschwindet einer nach dem andern stillschweigend und läßt Kreta Kreta sein. Jedenfalls ist die orientalische Frage noch immer ungelöst und dürfte auch in absehbarer Zett noch nicht ihre endgiltige Erledigung finden, (xx)

Ausland.

Freiburg (Schweiz), 17. August. Der 4. inter­national e wissenschaftliche Katholtkencongreß wurde gestern Nachmittag unter dem Vorfitz des Ehrenpräfidenren Dernaz. des Bischofs von Laumnne und Genf, in Anwesen­heit von etwa 500 Teilnehmern eröffnet. Alle schweizerischen

ohrenzerreißendeu Lärm vollführte- als die schreckliche Wahr- beit ihnen dann aber fiar wurde, entluden sich furchtbare Racheschwüre auf GusteuS schuldiges Haupt. Man forderte fie auf, ihre dorcerte eirzustellen, und als daß nichts fruchtete, drohte man ihr sogar, an Hartmanns zu schreiben. Umsonst alles umsonst die Guste spielte täglich ihr Pensum herunter und lachte die Leute auß.

Nachdem diese unerquicklichen Zustände drei Wochen etwa gedauert hatten, ließ die angehende Elaviervirtuofin eineß Abends ein Schreiben vom Stapel laufen, deffen letzter Theil wörtlich und buchstäblich folgendermaßen lautete: und hiermit vielgeliebter Friederich thue ich Dich zu wißen, daß ich versprochenrrmasen fleifig auf den Fliegel iebe damit ich dermalen wenn wir der Pachtung haben den Gästen zum ländlichen Tanzvergnügen aufspielen kann um daß fiele Geld fier die Musikanten zu sparen. Mögest Du hieraus ernteten, wie sehr ich Dich liebe und sirr Dein Fort­kommen besorgt bin. Denn daß Elavierieben kein Amiesemang und kosten die Stunden fufzig Fenige einer jeden. Doch hoffe ich rasch in die Sache perfect zu werden derweilen mein Lehrer was ein sehr pläsanter Mann iS der frieher Kinder lehrte aber jetzt von die Musik lebt auch einen Gesangverein die halbe Lunge genannt dirigieret mir gesagt hat daß ich fiel Talent dafor besitze und gut begreife. MehrschtentheilS spiele ich noch Tonleitern, bin aber schon biß zu die schwarzen Tasten vorgedrungen, was einen Fort- schritt bebeitet und habe einen Ländler angefangen waß eigentlich kein neimodischer Tanz iS aber daß erste Stick in die Clavierschule von DocterS Melli welcher ich benutze. Und nun mein vielgeliebter Friederich rufe ich Dir hiermit ein Lebewohl zu u. f. w."

Die Antwort auf Meß stylistische Meisterwerk ließ nicht lange auf fich warten, aber leider mußte fie der Empfängerin wenig Freude bereiten, denn ihre Augen strömten bei der Lrclüre Über und ihr Clavierspiel verstummte.

Die Hausgenossen trauten dem Frieden anfänglich nicht,

Bischöfe und Prälaten des Auslandes wohnen den Verhand­lungen bei. Unter den ausländischen Delegirten befinden fich : Professor Atzberger auS München, Professor Dr. Schroers au« Bonn, der Graf Victor Matuschka auS Breslau, Professor Dr. Kilm aus Würzburg, Geheimer Rath Dr. Trecxer aus Wien u. A. Präfident de« CongreffeS ist Dr. Freiherr von Hertling (München). Die Verhandlungen werden vor- auSfichtlich bis zum 20. August dauern.

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Wolff« telegraphische« Correspondenz-Bureau.

WilhelmShöhe, 18. August. Die Galatafel zur Feier deS Geburtstages deS Kaisers Franz Joseph fand heute Nachmittag V/g Uhr statt. An derselben nahmen Theil: Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe mit Gemahlin, der Fürst und die Fürstin zu Waldeck-Pyrmont, ferner die Mitglieder der österreichisch ungarischen Botschaft, General der Cavallerte Fürst WindtschgrLtz, der commandirende General deS 11. Armeecorps General der Infanterie v. Wittich u. A. Der Kaiser trank auf baß Wohl seines treuen Verbündeten, deS Kaisers Franz Joseph. Nach der Tafel hielt da« Kaiserpaar Cercle.

Fulda, 18. August. Die Conferenz der Bischöfe ist heute Abend mit einer Andacht im Dome geschloffen worden.

Dresden, 18. August. Amtlich wirb bekannt gemacht: Der Gesammtverkehr auf ber Linie FreibergMolbau ist am 17. b. M. wieder ausgenommen.

Paris, 18. August. Der Gegenstand, welcher tn der Nähe des NordbahnhofeS bei ber Abfahrt des Präfideuten Faure explodirte, war eine 30 Centimeter lange Röhre mit einem Durchmesser von 5 Zentimeter. Diese war in einem kleinen leerstehenden Laden am Boulevard Magenta und ber Rue Lafayette niedergelegt. Einige Nägel, welche aus kürzester Entfernung auf bas Trottoir geschleudert worden waren, sowie ausgefunbene Papierhülsen, welche die Worte:Vive la liberte!Vivo la Pologne! enthielten, weisen anscheinend darauf hin, daß der Urheber dieses Attentats dasselbe unzurechnungsfähige Individuum ist, welches auch die Explosionen im BoiS de Boulogne und auf ber Place be la Concorde s. Zt. verursacht hat.

ArraS, 18. August. Präfident Faure traf Vormittags 11 Uhr hier ein. Auf dem ganzen Wege von Paris bis hier wurde er überall bei der Durchfahrt mit sympathischen Kundgebungen begrüßt. In AmienS und hier hielten Ver­treter ber Behörden Ansprachen an den Präsidenten, in

als aber ein Tag nach dem andern verfloß, ohne daß die wohlbekannten schrecklichen Töne fich vernehmen ließen, da athmeteu fie erleichtert auf. Ein schwachnerviger Herr, der besonders unter den musikalischen Studien unserer strebsamen Küchenfee gelitten, sagte ihr sogar ein paar anerkennende Worte wegen ber angenehmen Ruhe, die jetzt im Hanse herrschte.

Ach, Herr Justizrath," meinte bie Guste,wozu soll ich mich noch mit baß alte Clavierspielen rackern, wo boch mein Friedrich, für den ich's bloß that, in 'ne Wirthschaft bei Kahla einheirath."

So Ihr Bräutigam ist Ihnen untreu geworben?" fragte jener theilnehwenb.

Guste nickte eifrig.

So, ober wenn Herr Justizrath meinen, baß ich den Menschen nachtrauere, bann irren fich ber Herr Justizrath, ES is mir man bloß um baß viele Gelb für bie Stunden, aber im übrigen ber Herr Schorcht, waß mein Klavierlehrer war, auchn ganz honetter und pläsanter Mann und"

Sie brach ab, ihrem Zuhörer Überlassend, den Rest beß Satzes auß seiner Phantasie zu ergänzen. Er that es, habet von ber Erwägung ausgehenb, baß ein sparsames und practisches Mäbchen, wie bie Guste, ihr Capital unter keinen Umstänbeu verloren gab, wenn trgenb eine Möglichkeit bestaub, eS zu retten.

Die Thatsacheu machten seiner Combinationsgabe Ehre, benn als bie Hartmann'sche Familie von der Reise zurück­kehrte, war so ziemlich baS Erste, was bie Frau Doctor auß GusteuS Munde vernahm, die Mittheilung von ihrer tn Kurzem bevorstehenden Vermahlung mit Herrn -Eapell« meister" Schorcht.

So hatte die Guste ihre Ferien doch auf nutzbringende Art verwendet.