Mittwoch den 20. Januar
Erstes Blatt
Nr. 16
1S9?
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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WslffS telrgrnphifches CorrsspovLent-Lmenn.
Lettin, 18. Januar. Die freie Vereinigung der Berliner Productenbörse beschloß in ihrer heutigen, zahlreich besuchten außerordentlichen Generalversammlung einstimmig die Auflösung. Darauf constitutrte fich der neue Verein unter dem Namen „Verein der Berliner Getreide« productenhändler". Die Staturen deS neuen Vereins wurden genehmigt und ein Vorstand von 21 Mitgliedern gewählt. Der Verein bezweckt die Förderung der wirthfchaftlichen In- tereflen der Mitglieder ohne jede Organisation für die verschiedenen Handelszweige und sancttonirt die Beschlüffe, die zum Austritt aus der Productenbörse gesührt haben.
Lettin, 18. Januar. Gegenüber einer Ausführung der „Nationalzeitung" betreffs deS PostzettungStartfes, daß „bie Post jahrelang die berechtigte Forderung unbefriedigt gelaffen habe", theilr die „Nordd. Allgem. Ztg." mit, daß gerade die ReichSpoftverwaltung diese Angelegenheit von vornherein auss Eifrigste betrieben habe. Der Postverwaltung wurde von mangelhaft unterrichteter Seite auch die Schuld daran beigemeffen, daß dem Wunsche auf Ermäßigung de- PortoS und der Fernsprechgebühren bisher nicht entsprochen wurde, während doch durch wiederholte amtliche Erklärungen im Plenum des Reichstages, wie in der Budget-Commisfion festgestellt sei, daß der Grund in dem allerdings berechtigten Widerstande der Finanzverwaltung zu suchen ist.
Lettin, 18. Januar. Die Abgeordneten Hahn und Genoffen brachten im Reichstage eine Interpellation ein, welche lautet: Beabsichtigt die Regierung, den § 26 der Washingtoner Beschlüffe von 1889 über daS Wegerecht der Fischdampfer, der am 1. Juli 1897 in Kraft treten soll, in Kraft zu setzen oder, nachdem die Unhaltbarkeit deS genannten Paragraphen fich hrrauSgestellt hat, die Anregung zu einer neuen internationalen Regelung des SeestraßenrechtS für Fischereifahrzeuge in die Hand zu nehmen?
Berlin, 18. Januar. Die „Nordd. Allgem. Zeitung." wendet fich in längerer Ausführung gegen einen Artikel der „Eorrespondenz des Bundes der Landwirthe" vom 16. d. M., betreffend die Reichs - Postdampfer « Gesetznovelle. Nach Widerlegung verschiedener Behauptungen, darunter, daß nur 36 pCt. der von den Reichs Postdampferu beförderten Güter auf Deutschland fallen, weist das Blatt auf die Ausführungen deS StaatSsecretärS Stephan gegenüber den Behauptungen hin, daß der „Norddeutsche Lloyd" die deutschen Werften nicht genügend berücksichtige, sowie gegenüber den Klagen der Kingfin-Lmie. In dieser Beziehung sei auch von dem Abgeordneten Hahn auf den Jahresbericht der Ktngfin- Ltnie vom 23. März 1896, sowie von anderer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Dividende der Ktngfin-Linte von 94—95 von 3 auf 8 PCt. gestiegen sei. Auch die Hamburger Handelskammer spricht sich zu Gunsten der Ausdehnung der ostafiattschcn Postdampferfahrten aus.
Karlsruhe, 18. Januar. Die außerordentliche Kammersesston wurde heute Mittag durch Staatsminister Nolke geschloffen, der den Dank des GroßherzogS für die Annahme der ConvertirungSvorlage aussprach.
Wieu, 18. Januar. Die „Politische Correspondenz" verbreitete eine Meldung über das Befinden deS Kaisers von Rußland. Hierzu bemerkt „W. T.-B.": Wir find von Herrn Geheimerath v. Bergmann zu der bestimmten Erklärung ermächtigt, daß demselben weder von einer Er- krankung deS Kaisers von Rußland etwas bekannt, noch au ihn irgend eine Berufung nach Petersburg ergangen sei.
Philippopel, 18. Januar. Nach Meldungen auS Kon- stanttnopel sollen die sämmtlichen in Festungen und auf Inseln internirten politischen Gefangenen türkischer Nationalität wegen der in der letzten Zeit fich häufenden Fälle von Flucht nach Konstantinopel zurückgebracht werden
Pott Louis, 18. Januar. DaS indische Truppen- tranSportschtff „Warren Hastings" erlitt am 18. v. M. an der Insel Reunion vollständigen Schiffbruch. Die Truppen, die sich auf dem Schiffe befanden, wurden gerettet und find heute an Bord des Schiffes „Lalpoora" hier ein« getroffen.
Bombay, 18. Januar. Nach amtlichen Ausweisen find bis gestern 3636 Erkrankungen an der Pest und 2562Todes« fälle vorgrkommen. Die Lage hat fich verschlimmert. Die Auswanderung dauert fort.
Depeschen deS Bureau „Herold."
Berlin, 18. Januar. DaS Abgeordnetenhaus begann heute die erste Lesung des Etats in Verbindung mit dem Richter-Besoldungsgesetz. Morgen Fortsetzung.
Berlin, 18. Januar. Der Präsident des Abgeordneten« Hauses, v. Köller, welcher sich eine Erkältung zugezogeu hatte, ist wieder genesen und hat die Amtsgeschäfte wieder übernommen.
Berlin, 18. Januar. Die „Post" bezeichnet die Pariser Meldung, wonach der Zar an den Nachwirkungen der auf seiner Japan Reise erhaltenen Kopswunde krank sei und durch Profeffor Bergmann-Berlin operirt werden solle, als durchaus falsch. Weder bestätige fich die Meldung von einer bevorstehenden Operation, noch überhaupt die der Erkrankung.
Berlin, 18. Januar. Das Fest deS Schwarzen AdlerordenS wurde heute Vormittag im Königlichen Schlöffe in üblicher Weise begangen. Der Feierlichkeit der Investitur wohnte auch Graf Goluchowskh als Zuschauer bei. An die Investitur schloß sich ein Capitel der Ordensritter.
Berlin, 18. Januar. Ueber die Jahrhundertfeier des Geburtstages des Kaisers Wilhelm I. hat, wie verlautet, der Köaig von Preußen eine CabinetSordre erlaffen, nach welcher die Centennarfeier in Prenßen einheitlich ftattfinden soll. Diese CabinetSordre ist auch den übrigen Bundesstaaten zugegangen.
Berlin, 18. Januar. Die Frage der Börsenreform wird voraussichtlich morgen bet Berathung deS Etats im Abgeordnetenhause zur Sprache kommen. Die verschiedenen Parteien haben heute Vormittag hierüber Besprechungen abgehalten. Wie die „Post" hört, wird NamenS der Frei« conservatioen der Abgeordnete v. Kardorff und Namens der Conservattveu der Abgeordnete v. Puttkamer-Plauth das Wort ergreifen.
Köln, 18. Januar. Die „Köln. Ztg." meldet auS Berlin: Der Fürst zu Wied, deffen Gesundheit erfreulicher Weise gekräftigt ist, hat fich, wie wir auS bester Quelle erfahren, bereit erklärt- eine auf ihn fallende Wahl zum Präsidenten deS Herrenhauses anzumhmen.
Hambnrg, 18. Januar. Die heutigen elf Versammlungen der Ausständigen erklärten einstimmig ihr Eiu- verständniß mit dem Vorgehen ihrer Vertreter in der.Conferenz mit den Arbeitgebern, sowie ferner durch einstimmigen Beschluß, eine Arbeitsaufnahme ohne vorherige Vereinbarungen sei ausgeschloffen.
Hamburg, 18. Januar. Dem „Hamb. Corr." zufolge haben die Dclcgirten de» Arbeitgeber«Verbandes in der vorgestrigen Verhandlung die bündende Erklärung abgegeben, fie müßten auf bedingungsloser Arbeitsaufnahme bestehen. Die Lage deS Strikes ist daher unverändert.
Wien, 18. Januar. DaS Kaiser - Wilhelm - Husareu-Regiment trifft Vorbereitungen für den Besuch seines hohen Chefs anläßlich des hundertjährigen Jubiläums des Regiments.
Wien, 18. Januar. Gestern sollten im Gebäude deS CtrcuS Renz Srterkämpfe ftattfinden. Dieselben wurden aber von der Behörde verboten.
Rom, 18. Januar. Die protestantische Kirche in Grotte bet Girgenti ist eingestürzt. Opfer an Menschenleben sind nicht zu beklagen.
Pari», 18. Januar. Die Regierung wird demnächst eine Vorlage betreffend die Bewilligung eines zweiten provisorischen Zwölftels für den Monat Februar ein« bringen.
Paris- 18. Januar. Der „Figaro" bringt Einzelheiten über ein Duell zwischen dem früheren Marine Attachö in Berlin, Lieutenant Buchard und dem Lieutenant d'Agoult, wobei Letzterer verwundet wurde.
Berlin, 19. Januar. Entgegen anderweitigen Mittheilungen kann der „Börsen-Courier" feststellen, daß Graf Goluchowskh gestern der Investitur der neuen Ritter des Schwarzen AdlerordenS auch als Zuschauer nicht beigewohnt hat, vielmehr zur Zeit, als dies stattfand, von der Kaiserin Friedrich empfangen worden ist. Gras Goluchowskh hat als neu ernannter Ritter des höchsten preußischen Ordens fich dem Monarchen pläsentirt und dem OrdenSfest am Sonntag beigewohnt. Er hat bei dem Kaiser eine lange Audienz gehabt und ist im Schloß im intimen Kreise sowohl wie gestern Abend beim Galamahl mit ganz besonderen Auszeichnungen gefeiert worden. Heute ist der Graf noch einmal Gast deS Reichskanzlers. Er reist heute Abend nach Dresden ab, wohin ihn private Veranlaffung ruft und wo sein Aufenthalt bis Donnerstag Mittag berechnet ist.
Danzig, 19. Januar. Ein hiesiges polnisches Blatt meldet ein Gerücht, wonach Bischof Dr. Redner dem Ab« geordneten WolSzlegier die Parlamentarische Thätigkeit I in den beiden gesetzgebenden Körperschaften untersagt habe.
Hambnrg, 19. Januar. Die Lage des bei Blankenese gesunkenen Dampfers „Abana" ist bedenklich. Man befürchtet, daß das Schiff auseinauderbrechen wird.
Hamburg, 19. Januar. Bei einem Rencontre des Jagdaufsehers Zorn mit drei Wilddieben erschoß Zorn einen und wurde selbst ziemlich schwer verwundet. Die Cowplice« deS Getödteten entflohen.
Wien, 19. Januar. Etwa am 10. Februar begibt sich der Kaiser nach Cap St. Martin, wo er sich etwa vierzehn Tage aushält. Ende Mai erfolgt voraussichtlich die Reise des Kaisers nach Petersburg.
Rom, 19. Januar. Der Miuifterrath beschloß, der osficiösen „Jtalie" zufolge, den König um Erlaubuiß der Kammerauflösung anzugehen. — Angesichts der neuesten Angriffe der Preffe auf die Mission MouaireS nach Abeffynien droht der „Offervatore" mit Enthüllungen.
WB. Berlin, 19. Januar. Die Reichsbank letzte den Discont auf 4, den Lombardzinsfuß auf 4*/2 resp. 5 pCt. herab. _______________ ______________
CoceUs rrnd protHniUOef«
Gießen, den 19. Januar 1897.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten« Verfammlnug Donnerstag, den 21. Januar 1897, Nachmittags r/24 Uhr. 1. Feier des 100jährigen Geburtstages des ProfefforS Credner. 2. Vermielhung eine» Kellers unter dem Realschulgebäude. 3. Gesuch deS A. und C. Rübsamen dahier um Erlaubniß zur Anlage eines Schienen- geletseS auf der Schützenftraße und Rodheimerstrahe nach der Hammstraße. 4. Desgleichen des Wtlh. Bernhardt zur Errichtung einer Halle an der Frankfurterstraße zum Verkauf von Sämereien und Pflanzen. 5. Baugesuch der Firma Brüder Schmidt um Bauerlaubntß für den SelterSweg. 6. Feststellung der Baufluchtlinie für den Seltersweg längs der Hofraithe des Rob. Haas. 7. Die Baufluchtlinie für die Bergstraße. 8. Verlängerung des EntwässerungScanalS von der neuen Kaserne zwecks Berieselung des Obstbaum- stückS. 9. Den Lindenplatz, hier den Bürgersteig auf der Nordseite. 10. Die Erhöhung städtischer TrottoirS. 11. Ausbau der Ebelstraße. 12. Das Inventar des städtischen VermessungSbureauS. 13. Die Paffage durch den Hof der Stadtknabenschule. 14. Verlegung des VtrhmarkteS; hier: Wahl einer besonderen Commission.
** Kirchliche Dienstnachrichten. Ernannt wurden: Pfarr- vicar Hehl zuWolfSkrhlen zum Pfarrvicar in Sprendlingen, Decanat Offenbach,- Psarrasststent Peters zu Bönstadt zum Pfarrvicar in 2Bolf6Ee&ten; PfarramtScandidat Fresenius zu Gießen zum Pfarrasfistenten in Bönstadt- Pfarramts- candtdat Erckmann zu Gießen zum Pfarrasststenten in Steinbach, Decanat Gießen- PfarramtScandidat Schuldt zu Staden zumPfarroerwalter in Gelnhaar- PfarramtScandidat Walter zu Mainz zum Verwalter der Pfarrgehilfeoftelle in Londorf. (Die Ernennung deS Pfarrasfiftenten Kalbhevn in Burg-Gräfenrode zum Verwalter dieser Srelle wurde zurückgenommen.) Pfarrverwalter Kietz in WormS zum Pfarrverwalter in Monsheim. — Zar Wtederbesetzurg wird ausgeschrieben die evangelische Pfarrstelle zu Udenhausen - den sämmtlichen Rtedesel Freiherr zu Eisenbach steht daS Präsentationsrecht zu.
** Vor geladenem, musikalisch uttheilSkraftigem Publikum hat fich am vergangenen Sonntag Abend in dem Saale der Loge eine jugendliche Geigenkünstlerin hören laffen, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Louise Jost aus Philadelphia, eine Nichte des Herrn RegierungSrath Jost, war es, welche zur Fortführung ihrer Ausbildung nach Deutschland bezw. Gießen gekommen ist, um bei unserem UniverfitätSmufikdirector Herrn G. Trautmann in ernsten Studien die Vollendung anzustreben. Alle Eigenschaften, die zur Künstlerschaft führen, besitzt die liebenswürdige Debütatin vollauf, so in erster Linie ein musikalisches Ohr, daS zeigte die tadellos reine Intonation, eine markige Bogensührung, die eine Kraft verrieth, welche man der zarten Gestalt kaum zutraute. Wetter rechnen wir dazu den schönen geschmackvollen Vortrag, der eben sowohl in den kecken Variationen von de Beriot, als auch in der poetisch duftigen Cavatine von Raff hervortrat. So viel schöne Eigenschaften vereint müffen unbedingt, wenn gut geleitet, wohl gepflegt und mit ernstem Fleiß gefördert zum Endziel, zur Künstlerschaft führen. ES wird unS durchaus nicht verwundert machen, wenn wir den Namen Louise Jost in absehbarer Zeit am Kunsthimmel glänzen sehen werden.
•• Panorama. Wir wollen nicht unterlaffen, auf die letzte herrliche Serie hinzuweisen, die daS Panorama nur


