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Der
Uietzener Auzetger erscheint täglich,
*tl Ausnahme deS Montags.
®k Gießener
»erden dem Anzeiger »schenllich dreimal deigelegt.
Drittes Blatt. Sonntag den 19. September___________________
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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folgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. | ch^ratisbeisage: Gießener Aamitienökätter. | "'"^77
Amtlicher Lbeii.
Gießen, den 15. September 1897. Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.
Die
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an die Schulvorstande de- Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 3. August d. Js. (Gießener Anzeiger Nr. 180) noch nicht entsprochen haben, werden an umgehende Erledigung erinnert.
v. @o g em.
Politische Wochenschau.
Aus dem Gebiete der hohen Politik hat die vergangene Woche nur wenige Ereigniffe zu verzeichnen. Herr v. Miqnel hat vorläufig in Berlin noch allein daS Regiment, da Fürst Hohenlohe noch im Süden weilt. Thatsächlich scheint die Erledigung der RegierungSkrifiS vertagt worden zu sein, wenn man auch aonehmen darf, daß nur noch kurze Zeit bis zum Rücktritt des Reichskanzlers verstreichen wird. Als eventueller Nachfolger wird jetzt wieder mit größerer Bestimmtheit der Oberpräfident der Provinz Schlesien, Fürst Hatzfeld, genannt; doch ist diese Version nicht neu, obgleich der Name des Fürsten in letzter Zeit mehr in den Hintergrund getreten war. Man weiß, daß der Kaiser große Stücke auf den Oberpräfidenten hält und ihn zu etwas Höherem ausersehen zu haben scheint.
Der Kaiser weilt seit Anfang der Woche in Ungarn und erfreut sich dort großer Aufmerksamkeit. Seine Freundschaft mit Kaiser Franz Josef ist freilich zu intim, als daß man etwas Anderes hätte erwarten dürfen. Bisher find politische Kundgebungen noch nicht erfolgt, doch erwartet man solche gelegentlich des Aufenthalts in Budapest, wo der Fortbestand des Dreibunds feierlich verkünd-t werden dürfte. Die Magyaren beweisen jetzt, daß sie für Wilhelm II. eine schwärmerische Verehrung hegen; aber ein gut Theil ihrer Kundgebungen darf man wohl auch dem Umstande zuschreiben, daß fie gegenüber den wenig stabilen Verhältniffen in Oesterreich demonstriren und darlegen wollen, daß der Dreibund seine Hauptstütze m der tranSleithaniichen Reichshälfte har. Man kann überzeugt sein, daß der Empfang, den Kaiser
Wilhelm in Budapest findet, sich zu einem überaus herzlichen und großartigen gestalten wird, und daS ist insofern gut, als die Gegner des Dreibundes hierin die Bestätigung finden können, daß thatsächlich an dem Bestände desselben nicht gezweifelt zu werden braucht.
Seitens der Franzosen werden jetzt Anstrengungen gewacht, Italien dem Dreibunde zu entfremden, obgleich der Besuch König Humberts in Homburg zur Genüge dargelegt haben sollte, daß man an der BerlragStreue des Königs keinen Zweifel hegen darf. Man weift auf die Borthetle hin, welcye Italien aus einer Annäherung an Frankreich entstehen, und stellt ersterem eine wesentliche Erholung seiner Finanzen in Aussicht. DaS Alles wird natürlich keinen Zweck haben, obgleich man sich der Erkenntniß nicht verschließ-.n darf, daß eS in Italien eine große Partei gibt, welche ihr Heil in einem engerem Anschluß deS Landes an Frankreich sieht.
Daß man an der Seine die Monarchenzusammenkunft in Homburg und in Ungarn mit lebhaftem Interesse verfolgt, liegt auf der Hand, umsomehr, als die Franzosen immer noch nicht wissen, ob ihnen auS der Alliance mit Rußland wirkliche Vortheile in Ausficht stehen. Die herzliche Aufnahme, welche Kaiser Wilhelm in Ungarn findet, ist den Franzmännern eine Enttäuschung, da fie schon auS den ungewisien politischen Zuständen in Oesterreich Kapital für ihre Zwecke schlagen zu dürfen glaubten. Mehr und mehr rüstet man sich in Frankreich auf die parlamentarische Campagne, die diesmal ein besonderes Interesse haben wird, da voraussichtlich die Opposition Gelegenheit nimmt, die Regierung wegen des Inhalts der franco-russischen Allianz zu interpelliren. Kann dann Herr Mvline bestehen, so ist der Weiterbestand deS CabinetS gesichert, wo nicht, so dürfte eS um dieses geschehen sein und auch Herrn Felix Fanre wird eS bann schlecht gehen.
Schlimmere Nachrichten kommen auS Spanien. Die Spanier scheinen thatsächlich schwere Niederlagen auf Cuba erlitten zu haben, wodurch sich die Situation im Mutterlande erheblich verschlimmert. Hatte sich die Madrider Regierung bisher hauptsächlich gegen die Angriffe der Republikaner zu wehren, so sind es jetzt die Carlisten, welche die Lage auS- nutzen wollen, um ihren Zwecken förderlich zu sein. Die Anhänger Don Carlos' find rege an der Arbeit, aber einen wirklichen Erfolg dürften sie kaum erzielen, sondern nur die revolutionäre Bewegung in Spanien unterstützen helfen. Denn
eS darf als ausgeschlossen gelten, daß jemals der CarlismuS wieder an'S Ruder kommt, dieser hat ein- für allemal in Spanien auSgewirthschaftet.
Eigentlich erscheint eS überflüssig, in der Wochenübersicht noch den Stand der Dinge im Orient zu erörtern. Man kann nur immer dasselbe wiederholen, daß die Lage die gleiche bleibt. An Meldungen, wonach der Abschluß deS Friedens unmittelbar bevorstehen soll, hat es auch in der letzten Woche nicht gefehlt, aber als vorsichtiger Politiker wollen wir daraus keine voreiligen Schlüffe ziehen, sondern noch einmal darauf Hinweisen, daß mehr als anderwärts eS in den orientalischen Angelegenheiten geboten ist, die Geduld nicht zu verlieren, sondern ruhig abzuwarten, bis der Friedensvertrag publizirt worden ist. (xx)
Deutsches Reich.
Darmstadt, 17. September. Seine Königl. Hoheit der Großherzog kehrten mit Zug 11 Uhr 33 Minuten von der Jagd im Biernheimer Wald zurück, wo Allerhöchst- dieselben einen Hirsch von 16 Enden und einen von 14 Enden erlegt haben. — Ihre Königl. Hoheit die Großherzogin werden heute Abend 9 Uhr 38 Min. von Coburg zurück- kehren und nach Wolfsgarten fahren.
Das neue Beamtengesetz.
(Schluß.)
D. Ministerium der Justiz. Präsident deS Ober- landeSgerichtS 9500 (9350). — Oberstaatsanwalt, Senatspräsident des Oberlandesgerichts und Präsidenten der Landgerichte 8200 (7850). — Rath des Ministeriums (Geheimer StaatSrath, Ministerialrath) 7500 bis 9500 (6850 bis 8850). — OberlandeSgerichtSrSthe 5400 bis 7200 (6350 bis 6850). — Direktoren der Landgerichte ebensoviel (6850). — Erste Staatsanwälte ebensoviel (5350 bis 6350). — Landrichter und Amtsrichter 2800 bis 6200 (2725 bis 5800). — Staatsanwälte 2800 bis 5800 (2725 bis 4825). — Mini- fterialsecretär ebensoviel (2725 bis 5350). — GerichtSschretber bei den Collegialgerichten ebensoviel (bis 5350). — Gerichts- schreibe» bei den Amtsgerichten 2000 bis 4000 (2410 bis 3880). — Rechner der Zellenstrafanstalt ebensoviel (2620 bis 3250). — Oeconomen an den Strafanstalten ebensoviel (2 zu 1870 bis 2620, 2 zu 1870 bis 2200). — Gehülfe des Oberstaatsanwalts und StaatSanwaltSgehülfen ebensoviel
Feuilleton.
Der grheimnißvoUe Neffe.
Von H. Erlin.
(Fortsetzung.)
Dann bat er um Nachricht und Auskunft der zu ver- mtethenden Wohnung wegen, worauf der Fremde mit großer Freundlichkeit erklärte, daß er selbst der Vermitther der Wohnung wäre. DaS HauS wäre sein ständiger Sommerwohnsitz, leider nur etwas zu groß für seine Ansprüche.
„Aber wollen die Herrschaften nicht nähertreten?"
Mit einer einladenden Handbewegung öffnete er eine Zimmerthür.
Ueber Herrn Pfeifers Geficht flog ein Sonnenstrahl, als er ein Sopha und auf dem Tische davor eine Flasche Wein erblickte; Frau Eleonore aber war im Stillen längst darüber einig, daß hier bei dem „neffengesegneten" Manne und nirgends anders gernierhet wurde. Thekelchen hingegen dachte gar nichts, wenigstens iah fie so auS.
Ehe man fich niederließ, folgte natürlich die gegenseitige Vorstellung.
„Herr RechnnngSrath Pfeifer mit Fran und Tochter!"
„Herr Worbke aus Berlin 1"
AuS einigen nebensächlich hingeworfenen Bemerkungen Herrn WorbkeS ging noch hervor, daß er Besitzer einer großen Südfruchthandlung in Berlin war und fich in Ahlbeck erholungshalber aufhielt.
Dann setzte man fich. MänneS Hoffnungen mit der Weinflasche erfüllten fich, denn Herr Worbke schenkte gastlich vier Gläser voll deS edlen Rebensaftes, die er mit einem freundschaftlichen „Auf den Schreck von vorhin, meine Herrschaften!" präseutirte.
Dann wurde allerhand gesprochen, schließlich aber kam zur Freude Frau Eleonorens die Rede wieder auf Herrn WorbkeS Neffen.
Sie erkundigte fich nämlich, ob denn der erwartete Herr
irgendwelche Aehnlichkeit mit ihrem Manne habe, die daS Mißverständniß erklärlich mache.
Da lachte der Südfruchthändler schallend auf. I bewahre! Jetzt finde er seinen Jrrlhum selbst unbegreiflick. Sein Neffe — eine hohe, schlanke Gestalt — und dann noch in JünglingSjahren —
Frau Eleonore lächelte beruhigt und suchte nähere Erkundigungen über den Neffen einzuziehen. Merkwürdig aber: der sonst so beredte Worbke that da geheimnißvoll.
Sein Neffe — ? Mit wahrhaft väterlicher Wonne drückte er die Augen zu, lächelte schlau und machte allerhand dunkle Andeutungen.
„Ein bildhübscher Kerl, mein Neffe, sage ich Ihnen — dabei schneidig — hm — ach, und begabt, sage ich Ihnen, Sie haben keine Idee, wie begabt der ist! WirdS mal weit bringen — ist jetzt schon in Staatsdiensten. Na, Sie lernen ihn hoffentlich kennen. Schade nut, einen Halt müßte so ein talentvoller Mensch haben, eine gute Frau zum Beispiel. Wünsche ich ihm schon lange! Der Bengel ist aber wählerisch — kann'S ja auch."
Bei solchen Bemerkungen blinzelte er ein paarmal prüfend zu Thekelchen hinüber, die fich in süßen Träumen von einer Süofruchthandlung wiegte.
Endlich fand man eS auch an der Zeit, wieder auf die zu vermiethende Wohnung zurückzukommen.
Natürlich wurde hier gemiethet! DaS war ja so gut wie abgemacht. Freilich ließen die Zimmer zu wünschen übrig, wie Herr Pfeifer bei der Befichtigung constatirte, aber der freundliche Wirth — man konnte nicht wieder weggehen. Und der Preis, der eigentlich viel zu hoch bemeffen war — Überlegte Frau Eleonore — doch der Neffe siegte, den rniethete man sozusagen mit, seine Bekanntschaft wenigstens.
Familie Pfeifer hatte also eine Wohnung gefunden. — Thekelchen mußte nun sofort nach der Bahn gehen, nm die Besorgung deS Gepäckes anzuordnen. Inzwischen entspann fich daheim zwischen ihren Eltern folgender kleiner Dialog:
„Weißt Du, Männe, wenn der Neffe Herrn WorbkeS
seinem Onkel ähnelt, muß er ein sehr netter Mensch fein — innerlich wenigstens."
»Herr Worbke macht einen sehr guten Eindruck," war Männes auswe'chende Erwiderung.
„Ich denke mir, der Neffe wird auch auS Berlin fein. Warum nur Herr Worbke daS uns nicht sagte — nicht mal den Namen seines Neffen nannte er. Gott, bei der Geheim- nißthuerei wird er fich nichts gedacht haben — wir lernen ihn ja noch kennen, den jungen Herrn. In Staatsdiensten? Was soll man darunter verstehen? RegierungSrath — Assessor? Mindestens doch Assessor! Weißt Du, Männe, ich hab eine Bitte! Laß uns Herrn Worbke nicht sagen, aus welchem kleinen Neste wir find. Du kannst ja die größere Nachbarstadt nennen. ES ist wegen Thekelchen."
„WaS Ihr Weiber doch gleich alles auShecktl Mach' was Du willst und laß mich aus dem Spiele."
Frau Eleonore kannte ihren Gestrengen. Wenn er in dem Tone redete, war nicht alle Hoffnung zu verlieren, wenn eS auch vorläufig besser war, daS Thema abzubrechen. Ueber- dieS mußte Thekelchen jeden Augenblick heimkehren; nun, mau würde ja wohl morgen Gelegenheit zu Weiterem finden.
Und die Gelegenheit fand fich, indem Fran Pfeifer früh Morgens bereits, als sie fich mit Thekelchen auf dem Dege zum Bade befand, mit Herrn Worbke zusammentraf, der ihr sofort freudestrahlend erzählte, daß er soeben von seinem Neffen einen Brief erhalten habe, worin ihm dieser seine Ankunft für übermorgen Mittag festsetzte. Als Herr Worbke aber zum untrüglichen Wahrheitsbeweis seiner Mittheilung den Brief triuwphirend vorzeigte, suchte Frau Eleonore einen raschen Blick auf den Stempel desselben zu werfen. Richtig! Ihre Bermuthung hatte fie nicht betrogen, der Brief tarn auS Berlin.
An diesem Morgen ging die biedere Frau RechnungS- rath nicht mehr zum Bade; fie hatte ganz andere Pläne, und die veranlaßten fie, ihre Schritte gen Heringsdorf zu lenken.
(Schluß folgt.)


