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Mr. 66 Erstes Blatt
Freitag den 19. März
IS97
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener A>amilienvtäiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Amtliche* Theil.
Gießen, den 18. März 1897.
Betr.: Die Feier des hundertjährigen Gebuttstages Seiner Majestät des verewigten Kaisers Wilhelm.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
au sämmtliche unterstehende Behörden.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben angeordnet, daß am 22. dö. Mts., dem hundertjährigen Geburts- tage Seiner Majestät des verewigten Kaisers Wilhelm des Großen sämmtliche öffentliche Gebäude zu beflaggen sind.
Sie wollen hierfür sorgen und am genannten Tage Ihre Diensträume geschloffen lassen.
v. Gageru.
Bekanntmachung,
betreffend die Ausführung einer Drainage tn den Fluren I, H und X der Gemarkung Langsdorf.
Nachdem zur Ausführung einer Entwässerung von Grundstücken tn den Fluren I, IX und X der Gemarkung Langs- dorf Antrag auf Bildung einer öffentlichen Waffergenoffeu- schäft gestellt worden ist und die Großh. Obere landwirth- schaftltche Behörde als fachliche Centralbehörde das beabfich- ttgte Unternehmen als zweckmäßig und zuläsfig erachtet und die Einleitung des Verfahrens zur Bildung einer öffentlichen Wasiergenoffenschaft angeordnet hat, wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Vorarbeiten hierzu vom 23. März l. I. bis zum 5. April l. I. auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Langsdorf zur Einficht sämmt- licher Grundeigenthümer, deren Grundstücke in die zu der- beffernde Fläche fallen, offen liegen.
Gleichzeitig werden diese Grundeigenthümer zur Verhandlung und Beschlußfassung sowie zur Wahl ihrer Vertreter für daS weitere Verfahren auf
Mittwoch den 7. April I. I, Nachmittags «y2 Uhr tn das Gemeindehaus zu Langsdorf vorgeladen, unter Androhung deS Rechtsnachtheils, daß die Ntchterscheinenden sowie die Nichtabstimmenden als dem beantragten Unternehmen beistimmend mit der Wahl der Vertreter einverstanden angesehen und mit ihren Einwendungen gegen die Art der Ausführung später nicht mehr gehört werden.
Diejenigen Grundeigenthümer und WaffernutzungSberech- tigten, die an dem Unternehmen nicht unmittelbar betheiligt erscheinen, werden hiermit aufgefordert, etwaige Einsprachen gegen daS Unternehmen in der vorerwähnten Tagfahrt geltend zu machen, widrigenfalls die Einsprachen nach Ablauf der Frist nicht mehr berücksichtigt würden und nur noch privat- rechtliche Entschädigungsansprüche gegenüber dem Unternehmen geltend gemacht werden könnten.
Gießen, den 17. März 1897.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Abhaltung von Körterminen zwecks Eintragung der Zuchtthiere in das Provinzial-Herdbuch im ersten Körbezirk.
Die Körcommtssion des ersten KörbezirkeS (Vogelsberger Vieh) wird au folgenden Tagen im Kreise Gießen nachfolgende Körtermine abhalten:
1. In Grünberg den 23. März d. IS., Morgens 11 Uhr, 2. In Weickartshain den 23. März d. Iß., Mittags 2 Uhr,
3. In Fretenseen den 23. März d. IS., Mittags 3 Uhr,
4. In Btngmühle den 23. März d. IS., Mittags 4 Uhr,
6. In Queckborn den 24. März d. IS., Morgens 9 Uhr,
6. In Reiskirchen den 24. März d. IS., Morgens 10 Uhr, 7. In Großen-Ltnden den 24. März d. IS., Mittags 2% Uhr.
Die Züchter von Vogelsberger Vieh, welche ihre Thier- iu das Herdbuch eintragen lassen wollen und bez. Anmeldungen schon an mich haben ergehen lassen, werden ersucht, ihre betreffenden Thiere an einem von der betreffenden Groß- herzoglichen Bürgermeisterei hierzu bezeichneten Ort aufzu- stellen, damit die Arbeiten der Commission ohne Aufschub erledigt werden können.
Sollten noch weitere Viehzüchter ihre Thiere kören lassen wollen, so werden dieselben ersucht, dieselben gleichfalls an den betreffenden Körterminen vorzusühren, vorher aber dem Vorsitzenden dieser Commisfiou, Herrn Oberamtmann Hoffmann in Hofgüll, oder dem Geschäftsführer Herrn I
Oberverwalter Betlstein in Laubach direct Mittheilung davon machen zu wollen.
Laubach, am 13. März 1897.
Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhesseu.
Friedrich, Graf zu SolmSLaubach.
Deutsche* Reichstag
193. Sitzung. Mittwoch ben 17. März 1897.
Zur Berathung steht der Antrag v. Kardorff, v. Manteuffel, den Bundesratb zu ersuchen, die Bäckerei-Verordnung vom 4. März 1896 abzuändern.
Ein Amendement v. Stumm will hinzufügen: „in einer die berechtigten Interessen des Bäckergewerbes entsprechenden Weise."
Ein Antrag Pichler ((Str.) hierzu lautet auf motivirte Tagesordnung und zwar in Erwägung: 1. daß bet den früheren Debatten über den Gegenstand (April 1896 und Januar 1897) das Bedürsnttz einer Abänderung der Verordnung von der Mehrheit des Hauses anerkannt sei; 2. daß Erhebungen über den Effect der Verordnung bundeSrathsseittg angeordnet seien; 3. daß vor Abschluß dieser Erhebungen ein Urtheil über die Art der nothwendtgen Aende- rungen der Verordnung noch nicht möglich sei.
Abg. Graf Stolberg (cons.): Seine Freunde seien keine Gegner der Soctalresorm; sie wollten aber nur eine gesunde, ziel- bewußte, die sich nicht von bloßen Theorien leiten lasse. Der Bericht der ArbettsenquStecommission behaupte eine Gesundheitsschäd- lichkeit des Bäckereigewerbes, führe aber dafür keinen Nachweis, und in der Thal sei das Gewerbe auch nicht gesundheitsschädlich. Seine Partei würde die Sache gleichwohl nicht hier zur Sprache gebracht haben, wenn es stch nicht um ein Handwerk, ein Mittelstandsgewerbe handelte, welches man doch gerade schonen und heben wolle. Das Beste wäre die Beseitigung der Verordnung, doch begnüge man stch mit Beschränkung der Verordnung auf die großen Betriebe in den Städten.
Staatssecretär o. Bötticher: Die Berichte der Einzelstaaten über die von der Reichsoerwaltung angeordnete Enquöte liegen jetzt vollständig vor; ihr Inhalt über die Wirkungen der Verordnung lautet ganz verschieden. Die Regierungen find aber darin einig, daß ein sicheres Urtheil nach so kurzer Zeit noch nicht möglich ist. Die Regierungen von Preußen, Bayern, Württemberg, Mecklenburg- Strelitz, Hessen, Braunschweig, Anhalt und Schwarzburg-SonderS- hausen erklären, noch gar kein Urtheil abgeben zu können. Gegen eine sofortige Aufhebung oder Aenderung sind Preußen, Sachsen, Württemberg, Reuß j. L. Schwere Schädigungen werden constattrt für einige Bezirke Bayerns, Hamburg, Thüringens; wieder in anderen Gebieten werden die Klagen der Bäckermeister als übertrieben bezeichnet, wtrthschaftliche Schädigungen ganz bestritten. Die Mehrzahl der preußischen Regierungspräsidenten stellt fest, daß nicht einmal Unbequemlichkeiten für die Bäckermeister entstanden seien und daß stch die Verordnung über alles Erwarten bewährt habe. AuS Württemberg liegen Berichte vor, wonach die Bäckermeister die Verordnung geradezu als Erlösung betrachten. Verschiedentlich sei eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Meistern und Gesellen wahrzunehmen gewesen, sowie eine Verstärkung des socialdemokratischen Einflusses auf die Gesellen, weil die Socialdemoklaten behaupten, nur ihnen sei die Verordnung zu verdanken. Andererseits aber constatirt eine ganze Anzahl von Regierungspräsidenten, daß eine solche Zunahme des Einflusses der Socialdemokraten auf die Gesellen nicht stattgefunden habe, im Gegenthetl, daß der Soctal- demokratie ein Kampfmittel entzogen worden fei. (Heiterkeit und Rufe: Hört, hörlN Eine Zusammenstellung aller dieser Einzelberichte werde demnächst sämmtltchen Einzelregierungen zugeschickt, damit dieselben darüber sich ein Urtheil zu bilden vermögen, welche Abänderungen etwa an der Verordnung vorzunehmen seien. Seiner persönlichen Ansicht nach würden solche Verordnungen vielleicht eintreten können in Bezug auf die Dauer der Arbeitszeit vor Sonn- und Festtagen. Für jetzt aber könne er jedenfalls nicht in Aussicht stellen, daß die Regierungen in eine Aufhebung oder Veränderung der Verordnung einwilligen würden, denn die Berichte ließen keinen Zweifel darüber, daß überall im Reiche die Regierungen der Meinung sind, daß eine erst so kurze Zeit nicht ausreicht, ein zutreffendes Urtheil über die Wirkungen der Verordnung zu fäll-n.
Abg. Hitze ((Str.) bittet, die Zusammenstellung der Einzelberichte auch dem Reichstage mitzutheilen (was StaatSsecretär von Bötticher auch zusagt), und beantragt, bis dahin den Gegenstand von der Tagesordnung abzusetzen, zieht diesen Antrag aber zurück, nachdem Abg. v. Kardorff dagegen als gegen eine Vergewaltigung der Minorität protesttrt hat. Abg. Bebel nimmt zwar den Antrag wieder auf, derselbe wird aber, da nunmehr auch das Centrum dagegen stimmt, abgelehnt.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) begründet seinen Antrag unter Hinweis darauf, daß man bet der Eisenindustrie, wo die Arbeit eine viel schwierigere sei, noch nicht einmal an Anordnung einer Maximalarbeitszeit gedacht habe.
___ _ Augst (südd. Vp.) ist gegen eine völlige Aufhebung der Bäckerei-Verordnung; einer Abänderung sei dieselbe nur insoweit bedürftig, al« es zweckmäßiger wäre, an Stelle einer Maximalarbeitszeit eine Mintmalrubezeit oorzuschreiben.
Abg. Hitze ((Str.): Mit der Anregung des Staatssecretärs, für die Tage vor den Sonn- und Festtagen Zugeständnisse zu machen, könne er stch einverstanden erklären, wenigstens zu Gunsten derjenigen Bäckereibetriebe, welche volle Sonntagsruhe gewährten. Für den Antrag Kardorff könne er aber gegenwärtig nicht stimmen, um den Regierungen nicht etwa eine falsche Directive zu geben.
Abg. Hilpert (bayr. Bauernb.) spricht stch gegen die Verordnung aus.
Abg. Hasse (nl.) erklärt, die nationalliberale Fraction bedauere, daß der Bundesrath von der Befugniß des S 120 e zum ersten Male gerade an einer unrichtigen Stelle Gebrauch gemacht habe. Mißstände gebe es ja im Bäckergewerbe, aber die Reglementirung hätte nicht auf ben Arbeitstag erstreckt werden dürfen. Seine Freunde stimmten daher dem Anträge Kardorff mit dem Amendement Stumm zu.
Abg. Vtelhaben (Rrf.-P.) beantragt einfache Aufhebung der Bäckeretverordnung, mit der die Regierung nur im soctaldemokrati- schen Fahrwasser segle und die Bäckermeister in dasselbe treibe.
Abg. Bebel (Soc.) bezeichnet eine vom Vorredner erwähnte Angabe, daß er (Bebel) sowie ein socialdemokratischer Bäckermeister Petzold ihre Gesellen schlecht behandelt hätten, als Lüge gemeinster Art. Der Niedergang des Kletnbäckeretgewerbes entspreche nur dem Gange der ganzen modernen capitalisttschen Entwickelung, woran auch eine Aufhebung der Bäckerei-Verordnung nichts ändern könne.
Abg. o. Podbielski (cons.) tritt für den Antrag Kardorffein.
Abg. Schneider erklärt die Zustimmung der freisinnigen Volkspartei zu der molivirten Tagesordnung des Abg. Pichler.
Abg. v. Kardorff bemerkt im Schlußwort, mit solchen Maßnahmen wie bet Bäckerei-Verordnung züchte die Regierung die Socialdemokratie.
Unterstaattzsecretär v. Woedtke weist diese Aeußerung entschieden zurück.
In RamenSabstimmung wird sodann der Antrag Pichler auf motivirte Tagesordnung mit 148 gegen 104 Stimmen angenommen.
Morgen 12 Uhr: Marine-Etat, vorher Antrag Lieber.
Schluß 6 Uhr.
AslffS telegraphisches Lorrespondenz-Bnrea».
Berlin, 17. März. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Ein Theil der Presse behauptet, die Action der Regierung müsse eine wesentlich straffere sein, um die Marineforde- rungen durchbringen zu können. Daran wird die Frage geknüpft, weshalb der Retchsschatzsecretar die Finanzlage nicht sofort klargelegt und die andern ReffortS die Marine im Stich ließen. Dem gegenüber ist darauf hinzuweiseu, daß eS nicht Sitte des Reffortchefs fei, soweit nicht die einzelnen ReffortS in Frage kommen, den sämmtltchen Sitzungen der einzelnen Commissionen beizuwohnen. Dies wäre mit ihren Geschäften einfach unvereinbar. Der Reichsschatzsecretär gab übrigens tn der Budgetcommisfion am 17. und 21. Februar ein eingehendes Bild der Gestaltung der Reichsfinanzen für 1896 und versuchte nachzuweifen, wie die Finanzen für 1897/98 sich gestalten werden. Mithin ist eS unrichtig, daß die ReichSfinauzverwaltung eS versäumt habe, die Finanzlage, soweit fie zur Zeit übersehbar sei, sachlich klarzulegen.
Berlin, 17. März. Lieber und Genossen beantragten, der Reichstag wolle den Reichskanzler ermächtigen, diejenigen Maßregeln, die zur Ausführung des Gesetzes vom 28. Juni 1896 erforderlich find, noch vor der endgiltigen Feststellung des ReichShauShaltSetatS für 1897/98 nach Maßgabe der bei der zweiten Berathung des Etats gefaßten Befchlüffe zu treffen. Es handelt fich um die durch die Umformung der vierten Bataillone nothwendig gewordenen TruppendiSlocationen.
Dortmund, 17. März. Wie die „Dortmunder Zeitung" meldet, fand heute Morgen im Schachte „Wilhelm" der Zeche „Pluto" eine Explosion statt, bei welcher fieben Bergleute getödtet wurden.
Lübeck, 17. März. 300 Arbeiter der hiesigen Emailltr- werke Karl Thiel u. Söhne, die seit Mitte October v. I. fich im Ausstande befinden, beschlossen heute, den Ausstand als ausfichtslos aufzugeben.
Karlsruhe, 17. März. Wie der Hofbericht der „Karlsruher Ztg." meldet, haben die fortlaufenden Berichte über das Befinden des Prinzen Wilhelm die Prinzessin Wilhelm veranlaßt, ihren Aufenthalt in Mentone jetzt abzuschließen. Sie trifft morgen Mittag mit dem Gotthard- schnellzuge hier ein. Wahrscheinlich wird morgen Bormittag die Königin von Württemberg auS Freiburg zum Besuche del Großherzoglichen Paare- hier eintreffen. Die Königin gedenkt einige Stunden hier zu verweilen und dann nach Stuttgart zurückzukehren.
Wien, 17. März. Zugleich mit dem Erzherzoge Friedrich begeben fich am Freitag auch Offiziers- abordnungeu des Husaren-Regimentes Nr. 17 und bei Infanterie-Regiments Nr. 34 zur Kaiser Wilh elm-Feier nach Berlin.
Bozen, 17. März. Heute stürzte der LehramtS- candidat Korak aus Meran beim Blumenpflücken von der Felswand des Kalvarienberges ab und blieb zerschmettert unten liegen.
Nizza, 17. März. Kaiser Franz Joseph ist heute Nachmittag zum Besuche bei der Königin Victoria in Ctmiez eingetroffen.
London, 15. März. Die durch die vereinten Anstrengungen der „Liberalen BorwärtS-Bewegung" und des Kreta- ComitvS zustande gebrachte Massenversammlung auf dem Trafalgar-Square litt sichtlich unter dem Fehlen jeder erhofften Begeisterung für die Sache der „Märtyrer". Dal Publikum war vorwiegend Sonntagspublikum, schaulustig und neugierig, aber völlig passiv, das Wetter überdies regnerisch und windig. Die in Masse vertheilten Zettel .enthielten die


