Ausgabe 
18.7.1897 Drittes Blatt
 
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Antttiche- Thell.

Gießen, 15. Juli 1897.

Betr.: Die Einsendung der Tagebücher der Fleisch« beschauer.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<ä die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

ES find in letzter Zeit von den Kreisveterinärämtern öftere Klagen darüber geführt worden, daß seitens der Fletschbeschauer die Tagebücher nicht, wie daS ihre Instruction verlangt, unmittelbar nach Abschluß deS jeweiligen Quartals an daS betreffende KreiSveterinäramt zur Revifion eingeschickt werden. Auch ist es vorgekommen, daß die Tagebücher von deu Fletschbeschauern rechtzeitig auf den Großh. Bürger­meistereien abgegeben worden find, um von da an daS jeweilige KreiSveterinäramt eiageschtckt zu werden, daß fie aber bet den betreffenden Bürgermeistereien dann liegen ge­blieben sind.

Wir beauftragen Sie, die Fletschbeschauer streng au- zuhalteo, die Tagebücher sofort nach Quartalsschluß vor­schriftsmäßig abgeschloffen bei Ihnen abzugeben- Sie selbst aber wollen die Tagebücher sterS unverzüglich an das betr. KreiSveterinäramt einsendea.

v. Gagern.

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Ließen, den 17. Juli.

An» dem Handelskammer Bericht. Deu im Handels­kammer-Bericht für 1896 enthaltenen Berichten über That« fachen entnehmen wir ferner folgendes auf Grund der von deu einzelnen Brauchen etngelaufenen Berichte Erstattete:

Getretdegefchäft.*) Das Getreidegeschäft war von Beginn des Jahres an nicht besonders gut zu neunen- der

*) Zu dieser Rubrik unseres vorjährigen Berichtes ist eine öffentliche Polemik und auch eine Correfpondenz der Kammer mit dem LandeSauSfchuß der landwtrthfchaftlichen Vereine des Groß- herzogthumS Hessen erwachsen. Es wurde uns erwidert, daß die Entwicklung der Getreidepreise eine andere gewesen fei, als der Bericht sie angab. Wir constattren, daß unser Berichterstatter in

Eonsum deckte seinen Bedarf von Hand zu Mund und die Preise bröckelten im Verlauf des Frühjahrs allmältg ab, besonders da die kommende Ernte eine sehr gute zu werden versprach. Hierin täuschte man sich jedoch. ES trat kurz vor Beginn der Ernte Regenwetter ein und als zu gleicher Zett daS Ausland, infolge der von Indien fignalifirten Mißernte rapid steigende Preise sandte, sodaß wir in der Lage waren, Weizen hiesiger Provenienz nach Süddeutschland zu exportiren, konnte man fich auch hier befferen Preisen nicht verschließen, daS Geschäft fing an an Lebhaftigkeit zu gewinnen und blieb so bis zum Schluß des Jahres. In Futterartikeln war während des ganzen Jahres ein recht guter Bedarf, ja die Nachfrage nach Raps-, Palm- und Sesamkuchen war von Herbst ab eine derartige, daß die betr. Mühlen nicht in der Lage waren, allen Ansorderungen, die in dieser Beziehung an sie gestellt wurden, gerecht zu werden. Deshalb erfuhren auch diese genannten Artikel eine Steigerung von ca. 40 pCl., während Mühlenabsälle, obgleich auch hierin das Geschäft ziemlich lebhaft war, nur kleine PretSbefferungen erfuhren. Für das hiesige Getreidegeschäft wäre eS u. E. von Nutzen, wenn die Staffeltarife wieder eingeführt würden, dann würde daffelbe wieder einen regeren Verkehr mit Nord- dentschland erlangen, der feit Aufhebung dieser Tarife voll­ständig erlahmt ist.

Hutbranche. Der Absatz in der Hutbranche war tu der Hauptverkaufszeit durch ungünstige Witterung stark beein­trächtigt. Gegen Ende des Jahres traten wieder normale Verhältniffe ein und war (bis jetzt) der Eingang von Früh- jahrSaufträgen für 1897 befriedigend.

JnstallationSartikel. Eine hiesige Fabrik für JnstallationSartikel berichtet uns über sehr günstigen, zu beträchtlichen Betriebserweiterungen führenden Geschäftsgang und glaubt denselben zurückführen zu sollen einerseits auf den allgemeinen wirthschaftlichen Aufschwung, andererseits aber auch auf die vermehrte Neigung der Arbeitgeber, hygienische seiner bezüglichen Darstellung durch Verallgemeinerung von Beob­achtungen, die er in engerem Kreise machte, ein unrichtiges Bild der PretSverhältnisse geschaffen hat, dessen Klarstellung bereits auf Seite 72 des 26. Bandes der Mittheilungen der Großh. Centralstelle für die Landesstatistik gegeben ist. Die Kammer wird berichtigende sachliche Bemerkungen stets gerne entgegennehmen, zumal sie die thatsächlichen Berichte, die sie als Sammelstelle veröffentlicht, nicht überall in allen Einzelheiten nachzuprüfen vermag.

Eiurtchtungeu zum Wohle ihrer Arbeiter zu treffen. Zugleich wird in dem Bericht geklagt, Über das Fehlen von EilzÜgen auf der Linie GießenKöln- ebenso Über die zu hohen Telephongebühren, wodurch eine lebhaftere Benutzung dieses Verkehrsmittels, namentlich mit Frankfurt und angefchloffenen Orten erschwert sei.

Kleineiseuwaaren. Der Bericht einer Handlung in Kleineiseuwaaren rc. lautet im Wesentlichen dahin, daß der Geschäftsgang in 1896 gegen den des Vorjahres fich nicht geändert habe. Ebenso sei die aus dem Gebiete der Eisenindustrie eingetretene Befferung ohne erhebliche Rück­wirkung aus die geschäftlichen Verhältniffe unserer Gegend geblieben. Hier entscheide vielmehr die Lage der Landwirth- schäft und diese sei infolge der schon länger grasfirenden Viehseuchen und der mit denselben verbundenen Sperrmaß' regeln recht unbefriedigend.

Kohlen en groß et en dätail. Der allgemeine Aufschwung der Industrie, welche bedeutende Mengen Kohlen, CoakS und Briketts mehr al» in den Vorjahren verbraucht hat, brachte dem Zwischenhandel wenig Nutzen infolge Er­höhung der Kohlenpreise durch die Syndikate. DaS Kohleu- engroSgeschäft ist auch in seiner Ausdehnung beschränkt, da das Syndikat daS ganze Absatzgebiet in 29 Reviere riu- getheilt hat, einige größere Abnehmer mit dem Alleinverkauf in einem Reviere betraut find unb so der Abnehmer von dem betreffenden Alleinverkäufer abhängig ist. WaS da» Kohlendetailgeschäft anlavgt, so ist besonders Über die am Platze existirenden Kohlenkaffen, BerbrauchSvereive, Stein- kohlenbezugSgesellschafteu usw. zu klagen, deren Mitglieder früher meist directe Abnehmer der hiesigen Kohlenhändler waren. Die Verkaufspreise waren ungefähr dieselben wie im vergangenen Jahre. Im Herbst und Winter mußten allerdings die Händler bedeutend höhere Preise anlegen. Die WitterungSverhältniffe übten auf die allgemeine Lage des Kohlengeschäftes keinen besonderen Einfluß aus. (Forts, folgt.)

Der Vieuenznchterverein für Gießen und Umgegend unternimmt Sonntag den 18. Juli (Abfahrt von Gießen 12 Uhr 10 Minuten) einen Ausflug nach Reiskirchen zwecks Besichtigung der Bienenstände dortiger VereinSmit- glieder. Nachmittags */,3 Uhr hält derselbe bei Herrn Gastwirth Gun drum eine Versammlung mit Vortrag ab. Der zahlreiche Besuch der in Reiskirchen zuletzt tagenden

Feuilleton.

Verhütung von Gesundheitsjchädigungen beim Eisenbahnfähren.

Don Dr. Otto Gotthilf.

(Nachdruck verboten.)

Die Reisesaison befindet fich auf ihrem Höhepunkt. AuS den heißen, gluthfchwangeren Städten strömen die wohl­habenderen Familien an die kühle See oder auf die luftigen Berge. Wirkliche und eingebildete Kranke eilen in Gesund­heit spendende Kurorte oder in moderne LuxuSbäder. Die verschiedensten Ausstellungen ziehen viele Tausende von nah und fern an. Schul-, Universität»- und Gerichtsferien be­wirken auf den Eisenbahnen einen Maffenverkehr, wie er sonst da» ganze Jahr Über nicht mehr vorkommt. Fast alle diese Leute, mit Ausnahme der Kranken, pflegt manDer- gnügungireisende" zu nennen. Sieht mau fich aber in einem Eisenbahnwagen daS Publikum genauer an, so wird man nur wenige wirklich Vergnügte darunter finden. Der Eine klagt über erschlaffende Hitze, der Andere über erkältende Zugluft, der Dritte über daS nervös machende Rütteln rc., so daß man eine Eisenbahnrrise für die größte Gesundheit»- schädiguug halten müßte. Dies ist nun keineswegs der Fall. Wohl können beim Bahufahreu schwere Gefahren für Gesund- heit und Leben entstehen, aber man kann fie durch vernünftiges hygienisches Verhalten leicht verhüten.

Eigentlich übt Reisen au und für sich sogar einen wohl- thätigeu Einfluß auf Körper und Geist auS. Die pasfiveu Bewegungen des Körpers regen die Verdauung an und be­fördern den Stoffwechsel. Friedrich der Große schrieb am 5. August 1775 an d'Alembert:Ich hatte bloS einige Fieberanfälle und eine Brusterkältung, wovon mich die Reise nach Preußen gänzlich wiederhergestellt hat. Glauben Sie mir, ohne Bewegung findet keine Gesundung statt. Reisen ist ein wirksameres Mittel als China und Ipekakuanha." Auch bildet es ein gutes LinderungS- und Heilmittel für »iederdrückende Gemüthaffecte und wirkt gemüthSerheiterud. Andere Menschen, andere Umgebungen, anbeie und ab- wechselnde Eindrücke find unter Umständen geeignet, selbst die trübsten Gedanken zu verscheuchen und die verstimmten

Saiten eines leidenden Gemürhs wieder auf den rechten Ton zu stimmen.

Andererseits kann aber auch nicht geleugnet werden, daß man fich mancherlei Krankheiten zuziehen kann, welche aber nut selten der Beschaffenheit der Verkehrsmittel zur Last fallen, sondern vielmehr dem unvorfichtigen und unzweck­mäßigen Verhalten der Reisenden. Während manche Per­sonen am sogenannten Eisenbahnfieber leiden, d. h. nie früh genug zum Bahnhof kommen können, werden wieder andere nie zur rechten Zeit fertig, laufen dann im Sturmschritt zum Bahnhof, erreichen mit Mühe und Noth noch den Zug und setzen fich nun schweißtriefend und schwer keuchend bei geöffnetem Fenster auf einen Vorderplatz, wo fie am meisten der Zugluft auSgesetzt find. Die Folgen davon find sehr oft Gefichtsschmerz ober Lähmung der Gesichtsnerven, ferner Hals- unb Lungenkatarrhe. Diese Unannehmlichkeiten ver­meidet man gänzlich durch langsames Gehen zum Bahnhof.

Wer irgendwie nervös veranlagt ist, fetze sich nie in den hintersten, besonders schwankenden Wagen der Schnellzüge. In diesem bekommen empfindliche Personen bei langen Fahrten leicht eine Art von Seekrankheit, welche auch noch nach Be­endigung der Reise längere Zeit anzuhalten pflegt.

Aeußerst gefährlich ist e», den Kopf oder Oberkörper auS dem Fenster zu lehnen. Schon manchem Menschen hat diese Unvorsichtigkeit das Leben gekostet, indem die nicht zu- verläsfig geschloffene Thür deS WagenabtheilS fich unter dem Gewicht des aufgelehnten Körpers öffnete unb der Betreffende hinauSstlirztr. Auch kann eine sehr schwere, ja tödtliche Ver­letzung dadurch herbeigeführt werden, daß an einem vorbei- fahrenden Zuge eine Thür offensteht ober ein Gegenstand auS dem Fenster gehalten wird- beim bei boppelgeleifigen Bahnen finb die Mitten der Geleise auf freier Strecke nur 3,50 Meter voneinander entfernt, während die Durchgang»- wagen eine äußere Breite von durchschnittlich 3 Meter haben. Die Unfitte deS HiuauSlehnens aus dem Wagenfenster hat ferner schon häufig Augeuentzündungen unb Erblinbungen herbeigesührt. Scharfer Luftzug, Staub unb Kohlentheilchen können die Augen sehr schwer schäbigen. Um auch beim Sitzen diese Gefahr zu vermeiden, nehme man entweder einen Rückfitz ein oder lasse das Fenster nur bi» zur Kopfhöhe herunter.

In der heißen Jahreszeit hat das reisende Publikum namentlich viel unter zu großer Hitze zu leiden. Bisweilen ist daran die Bahnverwaliung schuld, weil fie Wagen, welche lange in der glühenden Sonne gestanden haben, ohne vor­herige Abkühlung in Betrieb nimmt. Da- ist eine große RÜcksichiSlofigkeit nnd Gefundheitsschädtgung für Hunderte von Menschen, wogegen daS Publikum mit aller Energie in Zeitungsartikeln und Beschwerdeschriften auftreten muß. Wohl besteht die gesetzliche Bestimmung, daß Personenwagen, welche in Züge eingestellt werden sollen, mindesten» eine Viertel­stunde vorher gut gelüftet werden- auch sollen bei solchen Wagen, die lange Zeit in der Sonne gestanden haben, die Wagendecken mit Waffer begoffen werden- diese Bestimmungen sind aber sehr mangelhaft und ihre Ausführung ist e- noch mehr. Eine viertelstündige Lüftung ist viel zu kurz, und die jetzt meist geübte Methode, die heißen Wagen unmittel­bar vor Bildung des Zuges mit einigen Eimern Waffer zu begießen, ist ganz wirkungslos. DaS wurde auch besonders betont auf dem Congreß desDeutschen Vereins für öffent­liche Gesundheitspflege" im Jahre 1889, wo der königliche GeneraldirectionSrath Mahla erwähnte, das Uebergießen der Wagendächer habe die Temperatur im Innern nur um 2 Grad herabgesetzt. Können eben die Wagen nicht unter Schutzdächern untergebracht werden, so muß wenigsten» einige Stunden vor Rangiren des Zuges eine regelmäßige Be­gießung der Dächer mit Waffer stattfiodev, so daß durch die Vrrdunstung deffelben im Innern der Wagen eine erträgliche Temperatur hergestellt wird.

Während des Fahrens selbst sorge man stets für frische Luft durch zweckmäßigen Gebrauch der LüftungSvorrichtungen und durch vorsichtiges Oeffnen der Fenster. Die Luft in den Eisenbahnwagen ist im Allgemeinen sehr schlecht und gesundheitschädigend. Unwohlsein, heftige Kopfschmerzen, OhnmachtSanfälle und dergleichen sind häufig die Folgen solcher Luftvergistung. Daher ist eS im Sommer durchaus nothwendig, die Fenster wenigstens theilweise zu öffnen. Auf den deutschen Eisenbahnen besteht die Bestimmung, daß auf Wunsch auch nur eines Mitreisenden die Fenster auf der Windseite geschloffen werden müffen- aber im Uebrigen haben die Reisenden volle» Recht auf frische Luft, indem fie selbst gegen den Widerspruch einzelner Personen die Fenster auf