Nr. 296 Zweites Blatt. Freitag den 17. December
1^97
Der tteftewer A»,ei«er erscheint täglich, mit Ausnahme bti Montags.
Die Gießener M««tlte»ötS11er werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
vierteljähriger AdonnemeutspretBr 2 Marl 20 Psg. sott Bringer loh«. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Ps^
Redaction, Expeditio» und Druckerei:
-ch«lstr«ßeAr.A.
Fernsprecher 61c
Aints- und Anzeigeblatt für den Tkveis Gieren.
Annahme von Anzergen zu der Nachmittag- für den folgende« Lag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Jamilienölätter.
Alle Lnnoncen-Bureaux deS In- und Auslände- nehou» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger^ eMgege«.
Schmerzenskinder der Volksschule.
Von D. Gr. L.
Jede Mutter lebt in der Einbildung, ihr Kind sei ein Musterkind, und in Gesellschaftskreisen hört man oft den voreingenommenen Vater mit sichtlichem Stolze die Vorzüge seines jungen Sprößlings rühmend erwähnen. O gütige Vorsehung, wie müssen wir auch hier wieder eine Deiner Anordnungen als eine sehr weise bezeichnen Du machst Vater und Mutter blind, daß diese vor überschwenglicher Liebe nicht ahnen, welch geistiger Desect ihrem Liebling oft innewohnt. Zwar beschleicht mit der Zeit wohl eine beklemmende Besorgniß, ein gewisser Zweifel das Herz der Mutter. Prüfend, still beobachtend schweift oft ihr Blick nach ihrem so ruhigen, artigen Kinde hin: „Das Kind ist so eigen, nicht so wild, so lebhaft wie andere Kinder, immer still und so für sich". Aber noch, liebe Mutter, ist Dir das Unglück Deines Kindes verborgen. — Doch die Zeit vergeht, das Kind kommt zur Schule. Am ersten Schultage bringt die Mutter ihren Liebling selbst zur Schule. Mit einer gewissen Beklemmung macht sie dem Lehrer ihre Mittheilungen über die Eigenheiten und besondere Vorzüge des neuen Schülers. Aber gar zu bald, bedauernswerthe Eltern, sollt ihr hier den bitteren Kelch unumstößlicher Wahrheit schmecken. Der Lehrer gewinnt nämlich durch feine Beobachtungen und Wahrnehmungen eine andere, leider aber auch die richtige Ansicht. Mit dem besten Willen und der grüßten Umsicht will e» dem Lehrer nicht gelingen, diese» Kind so zu fassen, daß es dem Unterricht folgt oder Antheil nimmt. Dem Scharfblicke des Lehrers stellen sich die, seitens der Eltern hervorgehobenen Vorzüge des Kleinen in einem anderen Lichte dar. Er erkennt den wahren Zustand des Kleinen. — es ist schwachsinnig. — Jetzt erwächst für den Lehrer die peinliche und schwere Aufgabe, Vater und Mutter über den wahren Zustand ihres unglücklichen Kindes aufzuklären. Anfangs wollen diese es nicht glauben, und der Lehrer muß es sich oft gefallen lassen, daß fein Lehrgeschtck in boshaft hämischer Weise in Zweifel gezogen wird. Aber das gegebene Urthetl des Lehrers wird mit der Zeit nur noch mehr bestätigt. Immer auffallender wird der Unterschied in der geistigen und auch körperlichen Entwickelung zwilchen dem schwachsinnigen Kinde und seinen normal beanlagten Altersgenossen.
Dem Lehrer bietet sich in seiner practifchen Thätigkeit vielfach Gelegenheit dar, schwachsinnige Kinder in und auch wohl außer der Schule zu beobachten. Bei dem einen Schüler
zeigt sich die geistige Schwäche ausgeprägter und ist dementsprechend leichter zu constatiren. Aber bei anderen Schülern ist der Grad des geistigen Defects ein geringerer, so daß man versucht wird, an grenzenlose Dummheit, an geistige Versumpfung zu glauben. Der Lehrer hält dementsprechend mit seinem Urtheil zurück, auch hier bestätigt das zunehmende Alter mit Bestimmtheit das Vorhandensein dieses Uebels. Die stärkeren Grade des Schwachsinns, Blödsinn (Idiotismus) genannt, bleiben auch den Eltern nicht verborgen.
Oft entwickelt sich der Körper eines schwachsinnigen Kindes ganz normal. So gewahrt man oft solche Kinder, welche einen ganz sympathischen Eindruck machen und körperlich so entwickelt sind, daß ein Unterschied zwischen ihnen und ihren normal begabten Altersgenossen nicht auffällt. Diese Kinder haben einen guten Appetit, ihr Körper nimmt zu, aber nicht ihr Verstand. Bei diesen Ku.dern fällt besonders die große Ruhe und die Ueberfülle von Phlegma auf. Aber trotzdem fällt der Schwachsinn doch gleich auf. Alle Bewegungen sind schwerfällig, linkisch und täppisch. Der Blick ihrer Augen ist stupid, ohne Feuer und Frische, und träumend starren sie mit geöffnetem Munde in's Leere. Dem Munde entströmt der Speichel, die Nase fließt fortwährend, der ganze Gesichtsausdruck ist welk und gleichgiltig.
Die körperlich wenig entwickelten Schwachsinnigen erweisen sich im Gebrauche ihrer Glieder sehr unbeholfen, ihr Gang ist schleppend und schwerfällig. Kommen solche Kinder in frcmbe Häuser, so sind sie gleich heimisch, die kindliche Schüchternheit fehlt ihnen. Mit ihren Gespielen gerathen sie bald in Zwiespalt und ifoliren sich. Ein weiteres characte» ristisches Zeichen des Schwachsinns ist die mangelhafte Sprache, sie spiegelt ihre zurückgebliebene Geisteskräfte. Manche Laute und Lautverbindungen können diese Kinder gar nicht hervorbringen-oder bilden, daher auch ihre unbeholfene und unklare Sprache. — Solche Kinder machen in der Schule keine bedeutende Fortschritte, nur mit großer Geduld, Fleiß und Ausdauer bringt es der Lehrer dahin, daß er ihnen eine bescheidene Elementarbildung beibringt. Leider aber kann sich der Lehrer nie so eingehend mit einem schwachsinnigen Kinde beschäftigen, wie es die Natur eines solchen Kindes erfordert, denn dies würde sonst der übrigen Klasse zum Nachtheil gereichen. Mit großer Vorsicht sucht der Lehrer sich zu bemühen, solche von der Natur so stiefmütterlich bedachten Schüler vor dem Opfer der Lächerlichkeit und des Spottes
zu bewahren. Aber nicht immer liegt dies in der Macht des Lehrers. So ist leider dies bedauernswerthe Kind meist dazu verurtheilt und genöthigt, müßig zu sitzen, zu träumen und noch weiter geistig zu verkümmern. Es empfiehlt sich daher, solch ein Kind zu seinem eigenen Wohle und nicht minder auch zum Wohle der gesunden Kinder aus der Schule zu entfernen und es einer Anstalt zu überweisen, welche sich mit der Pflege und Ausbildung derartiger Kinder befaßt. Leider verursacht das Verbringen solcher Kinder in eine derartige Anstalt große Opfer, welche von den meisten Eltern nicht aufgebracht werden können. In dieser Hinsicht sollte sich der Staat mehr dieser Bedauerswerthen annehmen und für sie helfend eintreten und armen unglücklichen Eltern chr unglückliches Loo» mildern helfen. Die Jdiotenanstalt zu Darmstadt erweist sich zwar sehr zweckdienlich und ist in ihrer Einrichtung auch eine wahre Musteranstalt, aber für das ganze Land kann sie nicht genügen. Es sollte vielmehr in jeder Provinz eine solche Anstalt sich befinden
CocaUt ttnd protHtrjUUo.
H. Au» dem Horloffthale, 15. December. Jo Nr. 279, erstes Blatt, vom 27. November, machten wir darauf aufmerksam, daß wir nach den bei uns geltenden Witterungt- regeln gegen den 12. oder 13. December erst aus eine» kräftigeren Frost zu rechnen haben würden. Nachdem diese Wendetage aber naß und regnerisch vorübergingen, haben wir erst gegen den 28. December auf Schnee oder Frost zu rechnen. Da» find Witterungsregeln, die sich meistens bewähren, obgleich Falb und andere Wetterpropheten schon längst starken Frost und Schnee onkündigten.
sw. Ans der südlichen Wetteran, 15. December Obgleich es seither ununterbrochen müde war, wird doch überall darüber geklagt, daß die Hühner nur sehr spärlich legen. Infolge davon find die Eier kehr rar und viel theurer, als in den Städten, wohin fie durch Zufuhren aus Italien gebracht werden. Wir zahlen mitunter 8 bis 9 Psg. für da» Stück. — Dagegen haben die Gänse schon thrilweise mit dem Brutgeschäfte begonnen, so daß zu Beginn des neuen Jahre- oder etwa bis Mitte Januar junge Gänse vorhanden sein werden. Der Handel mit fetten Gänsen ist im größten Flor.
-n- Breungeshain, 15. December. Infolge der großen Streu« und Futteruoth des Jahres 1893 wurde au den Abbau des tu htefiger Gegend liegenden Torfstreulager»
Feuilleton.
Postmsnn's Weihnschtssteude.
Von 0. H. P.
Von allen Festen, die im Laufe des Jahres gefeiert werden, verlebt man wohl keines mit so besonderer Vorliebe zu Hause im Kreise der Familie, wie gerade das Weihnacht-« fest mit dem daranschließenden Neujahr. Schmerzlich empfin- den dies Alle, die aus dienstlichen oder anderen Gründen sich gezwungen sehen, die fcelige, fröhliche Weihnachtszeit teilweise ober ganz ohne bie Angehörigen unb Freunbe zu verbringen. Zu diesen wenig BeneidenSwcrthen gehören neben vielen anderen in erster Linie die Betriebsbeamten der Reichs- postverwaltung. Ihre amtliche Thätigkeit gestattet es leider höchst selten, die Feste so zu feiern, wie sie fallen; denn des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr geht nicht nur an den Wochentagen, sondern auch an Sonn« und Feiertagen und fie steht nicht still an den höchsten und hohen Festtagen. Wenn am heiligen Abend unter dem feierlichen Geläute der Glocken die Straßen allmählich menschenleer werden, weil Jeder nach Hause eilt, um beim lichtftrahlenden Weihnachts- bäum die lang ersehnte Christbescheerung zu beginnen, dann ist es nur einem kleinen Theil der Postleute vergönnt, da» Gleiche zu thun. Die Meisten befinden sich noch in eifriger Thätigkeit. Der eine sitzt am zugigen Schalter und holt sich den unvermeidlichen Stockschnupfen, andere schwitzen im Bahnpostwagen, in der Abfertigung oder Packkammer, und wieder andere frieren draußen bei Wind unb Wetter auf bem naß- kalten Bahnhof unb wachen eifrig herüber, baß bie vielen Weihnachtspackete ordnungsmäßig behanbelt und rechtzeitig befördert werden. Wie mancher sonst so übermütige Geselle gedenkt am diese Zeit gar wehrnüthig der leider für immer dahingegangenen feeligen, glücklichen Tage der Kindheit. Doch lange kann er bei solchen Erinnerungen nicht verweilen, rast- los eilt die Zeit, Zug auf Zug braust heran. Mit regelmäßiger Unregelmäßigkeit kommen Schnellzüge, Personenzüge unb Güterzüge. Sie alle bringen Arbeit und Packete, Packete unb immer roieber Packete. Ueberfüllt sind alle ankommen
den Bahnpostwagen, kaum vermag das Fahrpersonal die Arbeit zu bewältigen und jeder freie Raum, der in den Wagen durch das Ausladen der Packete entsteht, er ist gar schnell wieder ausgefüllt durch die auf den Stationen neu zugehenden Päckereien. Aber nicht nur in den Wagen, auch auf der Station siehts genau so aus. Alle zur Verfügung stehenden Karren und Wagen sind mit Packeten schwer beladen, so schwer, daß die schwachen Achsen sich beugen und stöhnen unter der so ungewohnten Last. Die große Halle, die sonst außer den Packeten auch noch den Karren und Wagen Schutz vor den Unbilden der Witterung gewähren muß, sie kann heute die große Zahl der Packete nicht aufnehmen. Schon muß ein Theil der Päckereien ins Freie vor die Halle gefetzt werden und noch ist Mitternacht nicht vorüber. Angst und bange wird- dem Neuling, der erstmalig den Weihnachtsverkehr mitmacht. Er weiß nicht, was das werden soll, die Päckel fie nehmen fein Ende. Doch Geduld, auch das Schlimmste es geht vorüber. Seht, eben haben die selbst so überlasteten Bahnbeamten den ersten Beiwagen bereit gestellt. Nun frisch drauf los, heran mit den Karren. Mit 1. fangt an und zählt schnell und sicher weiter, so lange noch irgend Raum im Wagen ist. Nicht zweimal lassen's sich die wackeren Schaffner sagen. Karre um Karre rückt an, und mit einem Eifer, der der besten Sache würdig, wickelt sich das Verladen der Packete jetzt ab. Wahrlich, die Arbeitslust fie wächst mit der Zahl der Packete. Jeder sucht seinen Stolz darin, innerhalb einer bestimmten Zeit möglichst viel Packete bearbeitet zu haben. In erstaunlich kurzer Frist sind 600—800 Packete verladen, Begleitpapiere werden ausgestellt, der Wagen verschlossen und versiegelt, abrollt er mit der nächsten sich barbietenden Gelegenheit. Ein zweiter, dritter und vierter Wagen kommt heran. Bei allen gehts wie beim ersten, immer lustig den letzten Vers noch einmal. Jetzt aber geht hin unb weckt die in den Wagen schlafenden fahrenden Schaffner, die jedenfalls von vielem Packetforttrm noch ganz lendenlahm find. So leid's uns thut, fie müssen heute nochmal tüchtig ran. 300—500 Packete nimmt zur Noch der kleinste Wagen; drum auf und keine Zeit verloren. Wenn wir uns tüchtig branhalten, ist die Packethalle theil-
weife entleert bevor die fünfte Stunde naht. Dann aber kommt ihr müden Genossen herein in die angenehm erwärmte Halle, in der es so anheimelnd nach der allbekannten dunkle» Brühe riecht, die der Sortirschaffner unter der Marke „prima Zuntz-Mokka" so vorzüglich zu brauen versteht. Nehmt Platz auf den hölzernen Drehbeinen, und ihr Herr Senior der Gesellschaft machts Euch bequem in jenem Sessel, der eigentlich schon gestern im Pfarrhaus zu Dingsda unterm Weihnachtsbaume stehen sollte. Gar behaglich sitzt sich so unb trefflich mundet der edle Zuntz, besser wie der feinste Champagner dem Faullenzer unb Schlemmer. Aber, o weh, schon roieber ertönt bas Einfahrtssignal, ber letzte Personenzug für biefe Nacht fährt ein. Alle Mann an Bord, noch einmal heran unb tüchtig zugegriffen. Die Hauptarbeit ist vorüber und nun rasch das Buch über Einnahme und Ausgabe a» Postpacketen abgeschlossen. Sieh da! 20000 Pakete habe» wir die Nacht bearbeitet. Genug für heute. Nun stellt die noch lagernden Packete fest unb übergebt biefelben ber Ablösung, bie uns soeben mit herzlichem Guten Morgen! begrüßt. Wir Nachtwächter aber eilen so rasch uns bie müben Beine tragen hin zum heimatlichen Herde, suchen und finden gac bald auch ohne Wiegenlied den fanden, tiefen Schlaf de» Gerechten, der uns neu stärkt und kräftigt für das gewohnte Tagewerk, das morgen von Neuem beginnt.
Und so geht e» vom 19. bis 25. December; erst bann, wenn bie Millionen Christgeschenke in Gestalt der Weihnacht»- packete glücklich in die Hände der Empfänger gelangt find, dann fährt der Postmann wieder im alten Geleise. Aber nur für kurze Zeit. Das alte Jahr es geht zur Neige, die Vorboten des Neuen, die bekannten Neujahrskarten, sie kommen. Abermals beginnt eine arbeitsreiche, schwere Zeit: der Neujahrsdienst. Wenn dann in der Neujahrsnacht hoch vom Kirchthurm herab die Glocken mit ehernem Munde der freubig harrenben Menschheit verkünben, baß roieber ein Jahr mit all seinen Seihen und Freuden bahingegangen unb ei» neues herangekommen, dann finben wir ben Postmann wie* berum an her Arbeit. Briefsäcke so schwer, baß ein einzeln« Mann biefelben kaum bewältigen kann, werben herangeschleppt, chr schier endloser Inhalt ergießt sich über Tische unb Arbeit»-


