Ausgabe 
17.11.1897 Zweites Blatt
 
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Feuilleton.

Federweißer.

Von Willy Weder.

(Nachdruck verboten.)

Merkwürdig, welche Wandlung mit ihm vorgegangeu war. Daheim tu seinem ostpreußischen Grenzstädtchen war er derverschlossene Mensch", der Bücherwurm, der allezeit gestrenge Herr Professor. Und hier am User der Mosel . .

Es war ganz gescheit von mir, dachte er, daß ich die Herbstferten zu einem Ausfluge an die Ufer der Mosel be- nutzt habe. 'S weht eine andere Luft hier, wie oben in preußisch Sibirien, 'S ist ein ganz anderer Menschenschlag hier, ein lustiger, leichtlebiger, gar nicht zu vergleichen mit den phlegmatischen, bedächtigen Ostpreußen. WaS war das doch für ein fröhliches Leben gewesen während der Tage der Weinlese! In den Weinbergen hatte eS gewimmelt von fleißigen Menschen, daS Städtchen war wie auSgestorbeu. Schüsse krachten, Mörser wurden abgefeuert, bet Einbruch der Dunkelheit sprühten Raketen, zischten Feuerräder und glühten Bunrfruer. Der Jahrgang 1897 würde ein guter werden, hatte man ihm versichert, obgleich die Rtesliugtraube nicht zur Reife gekommen war.

Ueberhaupt diese Moselweine! DieserBernkastler Doctor", von dem er eben den erstell Pokal geleert hatte, war wirklich eine Seelen- und Magenstärkung. Diese Blume, dieser zarte Geschmack, diese Wohlbrkömmlichkeit! Er schenkte ein zweites Glas voll und hielt es prüfend gegen das Licht. Die Sonnenstrahlen funkelten in der goldig grünen Flüssig« lkeit, er führte das GlaS zum Munde und . . .

Prooost," kam es unwillkürlich über feine Lippen.

Prost, Herr Professor," antwortete vom Nedeutisch eine Aare, Helle Frauenstimme.

Nr. 27» Zweites Blatt. Mittwoch btn 17. Rodember

1897

Der

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Die Wehrsteuer.

Allem Anschein nach wird sich der Reichstag trotz der günstigen Finanzlage des Reiches, welche die Beschäftigung mit Steuerplänen als ausgeschlosien erscheinen ließ, in seiner in Bälde beginnenden Tagung doch mit der Erörterung von Steuerprojecten befasien müssen. Von den vereinigten Veteranen vereinen wird an den Reichstag die Forderung gestellt, er solle zu Gunsten der Erhöhung der Invaliden. Pensionen die Einführung einer Wehrsteuer beschließen. Bei dieser Forderung sind unberechtigter Weise zwei grundver­schiedene Dinge mit einander vermischt worden. Wenn der Reichstag zu der Ansicht kommt und diese Frage ist in der That einer sehr ernsthaften Prüfung würdig, daß unsere Jnvalidenpensionen unzureichend sind, so wird es, besonders Angesichts der günstigen Finanzlage des Reiches, nicht schwer halten, die hierzu erforderlichen, keineswegs über­großen Mittel auf irgend einem Wege zu beschaffen. Welcher Weg hierzu gewählt wird, ist füglich Sache des Reichstags und der Negierungen. Die Veteranenvereine haben von ihrem Standpunkte aus gar nicht klug daran gehandelt, ihre Sache mit der Frage der Wehrsteuer zu verknüpfen, denn zweifellos überwiegen die Gegner dieser Steuer bei Weitem ihre Anhänger.

In Bezug auf die Wehrsteuer treten einander zwei Auf. faflungen gegenüber, die beide vo i fehr idealen Grundsätzen ausgehen, aber zu dem völlig entgegengesetzten Standpunkt kommen. Die Einen stellen sich auf den Standpunkt, daß die Wehrsteuer einen Act ausgleichender Gerechtigkeit bilde. Zur Wehrsteuer, so erklärte Fürst Bismarck im Jahre 1881, hat nur das Gefühl Anlaß gegeben, welches sich des Musketen tragenden Soldaten bemächtigt, wenn er einen seiner Mei- nung nach auch diensttauglichen Nachbar zu Hause bleiben sieht. Die entgegengesetzte Anschauung, der vor Allem Treitschke Ausdruck gegeben hat, sieht dagegen in dieser Steuer nicht die Herstellung einer Rechtsgleichheit, sondern eine im Begriff verfehlte Gleichmacherei, ein unzulässige» Abwägen von Geld gegen Ehre.

Das sind theoretische Erwägungen; noch entschiedener aber sprechen die practischen Erwägungen gegen die Ein- führung einer Wehrsteuer. Es wird gesagt, daß Derjenige, welcher dient, ein großes Opfer an Zeit bringe, dem eben der Nichtdienende das Opfer an Geld gegenüber stellen solle. Diese Beweisführung hat ein starkes Loch. Durch unsere neue Militärorganisation ist die Rekrutirung derart ausge­dehnt worden, daß jeder völlig Gesunde unter allen Um­ständen zur Einstellung gelangt. Wer vom Militärdienst zurückgewiesen wird, leidet mithin an irgend einem, sei es auch noch so unbedeutenden körperlichen Gebrechen oder Fehler, oder an allgemeiner Körperschwäche. Es ist unseres Er-

achtens eine Ungerechtigkeit, diese vom Militärdienst zurück­gewiesenen Leute, die von der Natur gegenüber den Dienen­den benachthetligt sind, und die in zahlreichen Fällen durch ihre körperlichen Mängel in ihrer Existenz direct benachthei- ligt werden, noch mit einer besonderen Steuer zu belasten. Es muß ferner erwogen werden, daß die für die Steuer in Frage Kommenden zum vielleicht größten Theile in Folge ihrer materiellen Verhältnisse thatsächlich von der Steuer befreit werden müßten, und daß ein weiterer Theil in die- sem Aller noch nicht erwerbsfähig ist, so daß die Steuer thatsächlich von den Eltern oder sonstigen Angehörigen ge­tragen werden müßte, welche die Steuer gar nicht treffen sollte.

Wie wenig praktischer Werth der Steuer innewohnt, hat sich in Frankreich gezeigt, wo man eben im Begriff ist, die Steuer, die bisher gegen sechs Millionen Francs brachte, erheblich einzuschränken, sodaß ihr Ertrag in Zukunft nur etwa die Hälfte betragen wird. In Deutschland hat die Regierung 1881 dem Reichstage den Entwurf eines Wehr« steuergesetzes vorgelegt. Der Reichstag gönnte dem Gesetz, entwurf nicht einmal ein Begräbniß erster Klasse, wie man die Commissionsberathung zu nennen pflegt. Als in der zweiten Lesung am 7. Mai 1881 die Abstimmung durch Aufstehen erfolgte, verkündete der Präsident unter Heiterkeit des Hause», soviel er zu sehen vermöge, erhebe sich Niemand. Die Anschauungen der überwiegenden Reichstagsmehrheit haben sich seitdem schwerlich geändert. Was die Anschau­ungen der jetzigen Regierung betrifft, so geben darüber die Erklärungen Auskunft, die der Finanzminister von Miquel in der Reichstagssitzung vom 15. Januar 1894 abgegeben hat. Er äußerte sich damals über die Wehrstetzer wie folgt:

Eine Wehrsteuer ist zweierlei, Kopfsteuer und Einkom­mensteuer. Sehen Sie sich die Construction der Steuer an, so werden Sie finden, daß viele Bedenken, die gegen die Einführung einer Reichseinkommensteuer geltend gemacht sind, genau so gegen die Wehrsteuer sich richten, denn Sie können unmöglich die zum Dienen Befähigten mit einer gleichen Steuer belegen. Das wäre ja eine Kopfsteuer allerverwerf­lichster Art. Eine solche Kopfsteuer konnten wir nicht in den Emzelstaaten erheben, und mit einer solchen auf das Reich überzugehen, wäre ganz unmöglich. Sie müssen also neben der Kopfsteuer, die für Alle gleichmäßig zu erheben wäre, nach Maßgabe des Einkommens der Wehrpflichtigen bezw. der Eltern derselben Zuschläge erheben. Sie müssen das Einkommen constatiren und den ganzen colossalen Apparat anwenden, der zur Veranlagung der Einkommensteuer noth. wendig ist. Sie müssen sich vergegenwärtigen, daß in unserem Staatswesen nicht alles möglich ist, war in einem Einheits- staat möglich ist, wie in Frankreich und Italien. Wir müssen

bei bcr Ordnung unseres Finanzwesens, bet der Art der Aufbringung von Lasten auf den bestehenden Zustand, wie ihn die Reichsverfassung festlegt und wie er dem deutschen Wesen entspricht, gebührend Rücksicht nehmen. Wir können nicht einfach darüber hinweggehen, als wenn wir einen Ein­heitsstaat hätten, und ich glaube nicht, daß sich für diese Gesichtspunkte eine Mehrheit im Hause finden wird. Also mit der Wehrsteuer ist es nichts.

CtcoUs ttttfc provinzielles.

Bo» Laudesgewerbevereiu. Anläßlich der Neubesetzung deS Präsidiums derGroßh. Centralftelle zu Darm­stadt hat der Vorstand des Verbandes hessischer Handwerker und Gewerbetreibender durch seinen Vorfitzenden, Herrn Ober- meister Lautz in Darmstadt, folgendes Schreiben an den neuen Präfidenten der Centralstelle, Herrn RegierungSrath Noack, gerichtet:Sehr geehrter Herr RegierungSrath! Wir beehren uns, Ihnen zur Ernennung zum Präfidenten der Großh. Centralstelle für die Gewerbe die herzlichsten Glück­wünsche barzubringen. Wir geben zugleich der Hoffnung Aus­druck, daß es gelingen möge, auf gemeinsamem Boden für da» Wohl und die Förderung des gefammten hessischen Hand­werks eine gedeihliche Wirksamkeit zu entfalten, daß Innungen und Gewerbevereiue, jede in ihren berechtigten Stellungen, zu der gemeinsamen Arbeit ihr Theil beitragen können. Hoch­achtungsvoll rc." Hierauf traf, lt.Südwestdeutscher Ge- werbe Zeitung", folgende Antwort ein:An den verehrltchen Vorstand deS Verbandes hessischer Handwerker und Gewerbe­treibender! Für die mir erwiesene liebenswürdige Aufmerk­samkeit der Beglückwünschung zu meinem neuen Amte spreche ich Ihnen den herzlichsten Dank aus. Ich btn mir wohl der großen Verantwortlichkeit bewußt, die mir aus meiner jetzigen Stellung erwächst, hoffe aber, meine Arbeitskraft zu stärken im regen persönlichen Verkehr mit den berufenen Vertretern des Handwerks. Ich glaube, bet dieser Gelegenheit die Ueber- zeugung aussprechen zu dürfen, daß seitens unserer Regie­rung die Ausführung des Gesetzes vom 26. Juli 1897 in loyalster Weise zu erwarten steht. Auch die Vermuthung, die Centralstelle für die Gewerbe wolle die Handwerkskammer in ungeeigneter Weise beeinflussen oder in ihrer Selbstständig- kett beeinträchtigen, kann ich nicht theilen, ein solches Streben liegt mir ferne. Meiner Auffassung nach hat die Central- stelle durchaus einen objectiven und neutralen Standpunkt in der Handwerkerfrage etnzunehmeu und allen gesunden und berechtigten Erscheinungen in der neuen JnnungSbeweguug freundlich zu begegnen. Als Geschäftsstelle des LandeSgewerbe- verein- liegt ihr allerdings auch die Pflicht ob, dafür zu sorgen, daß die Gewerbevereine bei der Organisation des Handwerks die ihnen retchSgesetzlich eiogeräumten Befugnisse

Hastig setzte der Professor daS Glas ab, der Schluck wäre ihm bald in der Kehle stecken geblieben. Er warf einen zürnenden Blick nach dem Nebentisch. Wie konnte man ihn denn in seinem Gedankenfluge stören!

Sie haben zu laut gedacht, Herr Professor," klang es wieder an sein Ohr,ich hätte sonst wirklich nicht gewagt"

Er rückte die Brille zurecht und fixirte die Sprecherin. Hm eh liebliches Kind, ein Moselblümchen. Haare blond, Augen blau, Nase und Kinn gewöhnlich, ohne besondere Kenn­zeichen .... Dummheit, dachte da der Professor wieder, wie prosaisch hier inmitten all der Poesie, da» klingt ja fast wie ein Steckbrief.

Der Herr Professor kennen mich nicht?" fragte sie von drüben wieder.

Nicht daß ich wüßte," gab er gedehnt zurück, war doch sein Gedächtniß in Bezug auf da» Wtedererkenneu gleich Null.

Ich konnte mir» denken," lachte da»Moselblümchen", und doch wohnen wir seit zwei Wochen vis-A-vis . . . Adieu, Herr Professor!"

Der blickte der Davoneilenden verblüfft nach. WaS ihm doch in diesem Bernkastel schon alle» pasfirt war! Bei der Ankunft hatte er den Koffer seines Nachbarn dem Gepäck­träger übergeben, er war dann statt in daS Hotelzur Sonne" in da»zum Mond" gerathen, fein Mantel war bis Trier weitergefahren und gegen Abend hatte er den Hausdiener, das Stubenmädchen und zwei Kellner auf die Suche nach feiner Brille schicken müssen. Und merkwürdig! Zu Hause würde er sich über solche Sachen geärgert haben, aber hier . . .? Er vertiefte sich nochmals gründlich tu seinen Pokal.

Wer wohl die Dame gewesen sein mochte?Gegen­über" wohnte er ihr, so lange er in dem Städtchen weilte. Pah, wa- hatte er sich um sein Gegenüber zu kümmern,

wenus sein mußte, würde er es im Hotel schon erfahren, mit wem er da» Vergnügen gehabt hatte.

Drüben bet Klauß giebts heut den ersten Federwetßeu," sagte ihm Mittags der Kellner,'S soll was besonderes Kräf­tige» sein, dieser 1897er. So 'ne Sorte, die'» intuS hat, ein Sauser erster Güte . ."

Der Professor warf einen prüfenden Blick auf da» gegenüberliegende Haus.Klauß, practischer Arzt," la» er auf dem blitzenden Mesfingschild.Eine unglaubliche Stadt," murmelte er,hier schenken sogar die «erzte Federweißeu aus." Aber warum sollte da» nicht möglich sein? Hier hatte ja jeder seine Weingärten, also auch seinen Wein, und wahrscheinlich hatte der Arzt feinen Schank verpachtet.

Gegen Abend schlenderte der Professor hinüber, um den Federwetßen zu kosten. Er wunderte sich zuerst- da» sah nicht au» wie tu einem WirthShau». Dazu waren die Möbcl zu kostbar, die Tapeten zu hell, die Gemälde zu ächt. Aber da er die Stube schon gefüllt fand von einer winkenden, plaudernden und lachenden Gesellschaft, machte er sich'» auch in einer Ecke gemüthlich. Die Gäste schienen sich alle gut zu kennen, er hörte, daß sich die meisten duzten, den Wirth redete einer mitOnkel" an. Nur daß man von seiner Anwesenheit so wenig Notiz nahm, ärgerte ihn, er saß nun schon geraume Zett da, ohne daß thn Jemand nach feinen Wünschen gefragt hatte. Tin junge» Mädchen mit langen blonden Zöpfen kehrte ihm den Rücken und unterhielt sich lachend mit einem anderen Gast. Endlich riß ihm der Geduld-faden.

^Fräulein," rief er ärgerlich,ich fitze schon eine Ewig« kett hier,eS wird Zett, daß Sie sich auch mal um mich kümmern, Federwetßen möcht tch l"

Blitzschnell war die Blonde herumgefahren, so ein Grobian . . . Aber al» sie den Professor sah, huschte ein fröhliche» Lächeln über ihr frische» Gesicht, sie knixte artig