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17.11.1897 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatl

Mittwoch de« 17. November

1897

ießmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Aints- und Anzergeblatt für den Ureis Giefzen.

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Die Gießener

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Der

Lietzener Anzeiger erscheint täglich, «üt Ausnahme des Montags.

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Der renitente Sultan.

Daß Abdul Hamid ctn recht wlderspenfttger Herr ist, davon tolffen die am Goldenen Horn beglaubigten Vertreter der auswärtigen Mächte ctn 2< zu fingen. Freilich wird diese Widerspenstigkeit tu eine Form gekleidet, welche den Türken eigenthümlich ist. Der Sultan weigert sich selten dtrecr, eine berechtigte Forderung der Großmächte zu erfüllen, er lgnortrr einfach derartige Wünsche, läßt fich verschiedene Male an deren Erledigung erinnern, um dann schließlich, wenn ihm ein Ultimatum zugeht, in liebenswürdigster Weise dem verlangen nachzukommea. Oder aber er verspricht die noihwendige Abhülse *unb überläßt es dann seinen aus- führenden Beamten, die Sache möglichst in Vergessenheit ge» rathen zu laffen. Mit dieser Polit k erreicht die Pforte zweierlei: einmal macht sie dem türkischen Nationalgefühl Loncesfionen, indem sie sich nicht gleich beeilt, Wünsche der Großmächte zu erfüllen, andererseits aber gewinnt sie Zeit, die es ihr vielleicht möglich macht, fich ganz auS der Schlinge zu ziehen und fich hinterher ins Fäustchen zu lachen. Da­ist die BerschleppungSpolttik, welche wir bereits häufiger ge­kennzeichnet haben und während der letzten Decennteu fast durchweg zur Anwendung gebracht worden ist. An Zwischen- fällen hat eS ja von jeher in der Türkei nicht gefehlt, und man kann dreist behaupten, daß einer der Botschafter fast immer mit der Uederreichung einer Note an den Sultan be­schäftigt ist. Entweder sind Ntedermetzelungen christlicher Umerrhanen in größerem Stile verübt worden, oder die Pforte hat sonst in irgend einer Weise gegen die Bestimmungen des .kerrechtS verstoßen.

Ja den letzten Tagen hat fich die türkische Regierung in einen Confltcr zu Oesterreich-Ungarn gesetzt. Die Be­hörden in dem Hafenorte Merfina au der Südküste von Kleinasien haben sich gegen einen öfterreich-ungarischen Staats­angehörigen eines ungebühiltcheu und vertragswidrigen Vor- gehens schuldig gemach; und den Lloydagemen Brazzafollt aus den bloßen verdacht der Betheiliguvg an politischen Um­trieben autgewiesen. Noch bevor eine Reclamatton ersolgte, sprach die Pforte ihr Bedauern über das Vorgehen der Be­hörden aus und sagte Abhülfe zu. Aber die Localbehörden von Merfina dachten ander» oder fie waren nicht tnstruirt worden - der Llohdagent wurde gezwungen, sich nach Alexandrien eiuzuschtffcn und, nachdem die Pforte schließlich seine Rück­kehr gestattet hatte, bet seiner Ankunft tu Merfina von den türkischen Behörden belästigt und festgenommrn. Die österreich- ungarische Botschaft in Konstantinopel verlangte dafür Genug- thuung- aber die eingeleitete Untersuchung wurde so lässig betrieben und die Angelegenheit so wert hingezögert, daß e» der österreichischen Regierung schließlich zu bum wurde und fie der Psorte eine bestimmte Frist stellte, binnen welcher die Sache betzulegev sei. Wie sehr die türkischen maßgebenden Kreise ihrer oben geschilderten HinschleppungSpoltiik getreu bleiben, zeigt diese Gelegenheit wieder zur Evidenz, da fie eS bis zum Aeußersten kommen ließen, ehe fie fich dazu ver­standen, der Forderung Oesterreichs nachzugeben. Der Bot­schafter in Konstantinopel mußte erst seine Pässe sordern, ehe rr der Pforte die verlangte Genugthuung abringen konnte. Dieser energischen Haltung gegenüber half denn schließlich kein Widerstreben wehr und Oesterreich erhielt volle SatiS- faction, so daß der Zwischenfall von Merfina als beigelegt angesehen werden kann.

Im Uebrtgen können die Großmächte au« dieser An­gelegenheit sehr gut eine Lehre ziehen. In allen Stadien der orientalischen Frage ist eS zu Tage getreten, daß es den Mächten an der ersorderlichen Energie gegenüber der Pforte gefehlt hat, daß letztere fich die Halbheit der Maßregeln, welche ergriffen werden, um der türkischen Mißwirtschaft ein Ende zu bereiten, zu nutze macht. Zeigen die Vertreter der europäischen Staaten dem Sultan von vornehereiu die .Zähne, so muß derselbe schnell zu Kreuze kriechen und kann fich nicht auf Winkelzüge einlasseu,* faßt man ihn aber mit Glacs Handschuhen an, liebäugelt sogar mit ihm, wie e» einzelne Mächte, denen an der Verfolgung ihrer Sonder- inrereffen mehr gelegen ist, als au der Solidarität des euro­päischen Conceris, gerne zu thun pflegen, dann ist eS natür­lich, daß er Oberwaffer bekommt und die Mächte an der Nase herumführt. Man mache eS künftig bet jeder Gelegen­heit, in welcher gemeinsame europäische Interessen zu ver­treten find, wie die österreichische Regierung im Falle Mar­fina, und man wird sich nicht mehr über die Renitenz deS Sultan« zu beklagen haben. (XX)

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Wolff» telegraphische- Eorresvondmz-Vvrrsv.

Köln, 15. November. DieKöln. Zig." meldet aus Berlin: Wie wir hören, hat die Kreuzer-Dtvtfion in der

Ktant Schau-Bucht Truppen gelandet, um von dorr, als dem dem Thatort zunächst gelegenen Hafen, auf die chinesische Regierung einen Druck auSzuüben zur baldigen und umfassenden Erfüllung der deutscherseits aus Anlaß der Ermordung zweier deutschen Missionare und der Zerstörung einer deutschen Mission erhobenen Forderungen.

München, 15. November. Die Königlich bayerische Akademie der Wissenschaften wählte zum außer- ordenrlichen Mitglieds den chinesischen Zolldirector Professor Friedrich Hirth, zur Zett in München- zu correspondirenden Mitgliedern wurden gewählt: die Professoren Hertwig, Franz Eilhard Schulze und Adolf Haruack von der Berliner Uni­versität, Professor BruuS-Lripzig, die Professoren Rohde und ErdmannSdörffer in Heidelberg, Professor Adolf Fick Würz­burg und Professor Schuchardl-Graz. Die Wahlen wurden in der heutigen Festsitzung der Akademie, der auch die Priuzeffiu Therese von Boyern beiwohnte, verkündet.

Konstantinopel, 15. November. (Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Cocresp.-Bureaus.) Mit der Barque Ottomane wurde eine Anleihe von 800000 Pfund abgeschlossen, die jedoch noch nicht unterzeichnet ist. Die Pforte setzte die Botschafter, einer früheren Vereinbarung gemäß, von dem Abschluß der Anleihe in Kenntniß, zu deren Rückzahlung die erste Rate der Kriegsentschädigung auS dem griechisch-türkischen Kriege verwendet werden soll.

Depeschen bei Burea» »Herold.*

Berlin, 15. November. Der Kaiser traf, aus Schlesien kommend, um 8 Uhr 5 Min. auf der Wildparkstation ein und wurde daselbst von der Kaiserin, welche kurz vorher auS Plön eingetroffen war, empfangen. Im Laufe des vor­mittags nahm der Kaiser die Marinevorträge entgegen.

Berlin, 15. November. Der Kaiser empfing heute vormittag auch den Ehef de» Civilcabinet», v LucanuS, zum Vortrag und stattete Nachmittag», wie dieNordd. Allgem. Ztg." meldet, dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe einen längeren Besuch ab.

Berlin, 15. November. Im Reichsamt deS Innern ist der wirthschaftliche Ausschuß heute vormittag 10 Uhr zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten, welche der Staats- secretär im Reichsamt des Innern, Graf v. PosadowSkh, mit einer Ansprache eröffnete, in welcher er die Bedeutsamkeit der dem Ausschüsse erthetlten Aufgaben betonte. Heute Abend 7 Uhr sieht der Minister die Mitglieder deS Aus­schusses zur Tafel bei fich, zu welcher auch der Kaiser fein Erscheinen zugesagt hat.

Berlin, 15. November. Im CultuSministerium trat heute vormittag unter dem Borfitz deS Ministers Dr. Bosse eine Konferenz zusammen, um einige Maßnahmen zu be­sprechen, die auf dem Gebiete deS höheren Unterrichts- Wesens in Anregung gekommen find. Insbesondere handelt es fich u. A. um Aendernngen in der Prüfung», ordnung für das Lehramt an höheren Schulen. Außer mehreren Provinzial-Schulräthen sind auch einzelne Parla­mentarier, die sich für die in Rede stehenden Fragen beson­ders interesfiren, und Lehrer höherer Unterrichtsanstalten zu­gegen. Der ebenfalls etugeladene Geh. Ober RrgierungSrath Dr. Hinzpeter war durch Unwohlsein am Erscheinen ver­hindert. Die Mitglieder der Eonferenz und einige andere Herren, u. A. der z. Zt. hier weilende Bischos Dr. Anzer auS China, find heute Abend Gäste bei Ministers Bosse.

Berlin, 15. November. Heute vormittag begann die Disciplinar-Derhandlung in der Berufungsinstanz gegen den ReichScommiffar a. D. Dr. PeterS unter dem Borfitz deS Chefpräfidenten des Kammergerichts, Drenkmann. Al» Zeugen waren geladen: Lieutenant Peschmann, Orientmaler Kunert und der frühere Secretär deS Angeklagten, BezirkSamtS- secrelär Jancke. Dr. PeterS ist nicht erschienen. Nach der Verlesung de» ersten Erkenntniss:» folgte die Vernehmung de» Zeugen Jancke. Derselbe erklärte auf die Anfrage de» Präsidenten, daß noch eine Boruntersuchung in der bekannten Gchrader'schen Angelegenheit schwebe. Der Staatsanwalt betonte in seinem Platdoyer, daß Dr. PeterS deS Dienst- vergehen» schuldig und dasür in dem Umsange der Anklage verantwortlich und mit dem vollen Kostenbeträge zu be­legen sei.

Berlin, 15. November. Wie demBerl. Tagebl." auS Wien telegraphirt wird, ist die Meldung, daß die Pforte bereits die von Oesterreich-Ungarn verlangte SatiSfaction rrtheilt habe, nicht richtig. Der Termin für die Genug- rhuung läuft am nächsten Donnerstag ab. Zwei österreichisch- nngartschbn Kriegsschiffe find bereit» vor Adana angelangt. Fall» die Pforte bi» Donnerstag die SatiSfaction nicht gibt, wird Adana bombardirt.

Berlin, 16. November. Nach llstündiger Verhandlung ist gestern Abend die eudgiltige Entscheidung in dem Di»- ciplinarversahren gegen Dr. Carl PeterS gefaßt worden, dahin, daß die Berusung deS Angeklagten verworfen, dagegen derjenigen de» StaaiSanwalt» in vollem Umfange stattgegeben wurde, so daß Peter» definitiv auS dem ReichSdienst ent­lassen ist und auch die gefammten Kosten des Verfahrens zu tragen hat.

Berlin, 16. November. DemBerl. Tagebl." wird au» Kiel gemeldet: Die Expedition deS Kreuzer«©efion* ist nunmehr offiziell angeordnet. Die Ausrüstung deS Kreuzer» erfolgt für eine zweijährige AuSlandreife. Voraussichtlich gehtGefion" nach Kreta, während dos Schwesterfch ff Kaiserin Augusta" vom Orient nach Haiti Segelordre erhielt.

Berlin, 16. November. Der wirthschaftliche Ausschuß einigte fich in seiner gestrigen Sitzung Über die Grundsätze einer ProductionSstatist>k. ES wurde allgemein an­erkannt, daß als wesentlichste Grundlage für die Vorberathung neuer Handelsverträge zunächst eine möglichst umfassende ProductionSstatistik auszustellen sei. Sechs Fach-Commissionen wurden gebildet. Abends fand beim Grafen Posadow-ky ein Diner statt, bet welchem fich der Kaiser sämmtliche Mitglieder des Ausschusses vorstellen ließ. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch wieder auf den Ausbau unseres CanalsyftemS, für welche» der Kaiser lebhaft eiutrat. Der Monarch beabfichtigt, einzelnen wichtigen Sitzungen der Aus­schüsse beizuwohnen. An dem Diner nahmen auch Reichs­kanzler Fürst Hohenlohe, mehrere Minister, Staatssekretäre und Gesandte Theil.

Leipzig, 16. November. Da» Reichsgericht verwarf die Revision des Reichstagsabgeordneten Bneb von Mül­hausen t. E. gegen da» vom Landgericht Mülhausen wegen Beiseiteschaffung von beschlagnahmten Flugblättern und wegen Beleidigung ergangene Urtheil zu zehn Monaten Gefängniß.

WB. Konstantinopel, 16. November. Fall» bis zum Ablaus de» Donnerstag die von der österreichisch-ungarischen Botschaft geforderte SatiSfaction nicht gewährt ist, trifft dieselbe, abgesehen von der beschlossenen Abreise deS Bor- schasterS sammt Familie, auch anderweitige Vorkehrungen zur Ausführung der beschloffenen Zwangsmaßregeln.

Gießen, 16. November 1897.

Nähabende. Aufruf an die Damen Gießen». Die Betheiltgung unbemittelter Frauen und Mädchen an den Nähabenden ist in diesem Jahre wieder eine so große, daß die Zahl der diese Abende leitenden Damen leider nicht genügt. Ich richte daher aus diesem Wege an die Damen der Stadt die herzliche Bitte, fich in noch größerer Zahl an der so segensreichen Arbeit zu beteiligen und mir ihre Be- reitwilligkeit dazu baldigst schriftlich mitzutheilen, dabei auch zu bemerken, ob die Damen den Freitag Nachmittag von 57 oder Freitag von J/,8</,l0 (eventuell nur alle 14 Tage) helfen wollen. Ich hoffe zuversichtlich, daß manche, mir unbekannte, liebreich helfende Hand fich finden wird, um daS nun feit neun Jahren bestehende LtebeSwerk weiter zn führen. Baronin Gagern.

* Parlamentarisches. Bei der Zweiten Kammer sind eingegangen: 1) Eine Vorstellung Seiten« der innerhalb der Finanzperiode 189497 in Ruhestand ge­tretenen Großherzoglichen Staatsbeamten n« Berücksichtigung beim Erlasse de- demnächstigen Beamten­gesetzes. Sie richten hiernach an die Zweite Kammer die Bitte, dieselbe wolle dafür eintreten und dahin beschließen, daß in Artikel 30 des Gesetzentwurfes statt31. März 1897" angesetzt werde:31. März 1894". 2) Ein Gesuch der Bauaufseheraspiranten deS GroßherzoglhumS Hessen, das in der Bitte g'pfelt, Hohe Kammer wolle in Ergänzung des Kunststraßengesetzes beschließen, daß bei der Besetzung der KreiSstrahenmeisterstkllen die Reihenfolge nach der bestandenen Banaufseherprüsung eingehalten wird bezw. die Anstellung der KreiSstraßenmeister auf Vorschlag deS Großh. Ministerium» erfolgt. 3) Eine weitere Vorstellung der Rrei»* amtSge hilf en, die Gehalts- und AnstellungSverhältniffe derselben betreffend. 4) Eine weitere Eingabe der Forstwarte des GroßherzogthuwS Hessen, ihre Gehalt»- verhältniffe betreffend. 5) Ein Gesuch de« katholischen AnftaltSgeistlichen an der Großh. Zellenstrafanstalt Butzbach, die Regulirung seines Gehalte» betreffend.

* Provinzial - AnSschußfitzung vo« 13. November. Am Samstag fand eine öffentliche Sitzung de» Provinzial-AuS- schusses dahier statt, in welcher der Großh. Provinzial* Director Geheime Rath Freiherr von Gagern den vorfitz