Ausgabe 
17.10.1897 Zweites Blatt
 
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1897

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis t^iefzen

Hratisöeikage: Hießener Kamitienktätter.

Ulle Amwaecn-Bureaux beS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger-

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag evlckeinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Die Gießener SlamtkienStälier »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Die °Utb auf gelte Thtere deS Roth- und Damwildes, auch von Damhirschen kann bis Mitte deS Monats fortgesetzt rotrbm. Rehböcke und Sauen sangen jetzt an recht gut zu werden. Jetzt der Hauptabschutz von Rebhühnern und Fasanen, auch Becafstnen, Entm und Gänse werden geschossen. Der Dohnenstteg ist jetzt hn eoUcn Gange. Der Dachs ist nun gut und wird gegraben, eben Ja Füchse. Ende deS Monats kommen Marder zum Fang. Die Brunst deS RoihwildeS geht zu Ende und die deS Damwildes beginnt.

Der

#i**tt Anzei-er erscheint täglich, mit Ausnahme deS RontagS.

» HvfbrauhanS ob Kmistiulstelluug. Man berichtet der Frkf. Ztg." aus München vom 13. d. MtS.: DaS Preß- comttä der internationalen Kunstausstellung gibt et» EommuniquH in die Preste hinaus, das den künstlerischen Ersolg der Ausstellung feststellt, dann aber fortfährt: ,9hn eine befremdliche Lücke ist zu constatiren: der Besuch deS Münchener Publikums ist mit Bedauern muß daS aus. gesprochen werden bisher ein minimaler gewesen und covtrastirt mit dem Rufe Münchens alS Kunststadt in einer den aufrichtigen Kunstfreund tief betrübenden Weise .... Wer die Ueberfluthung unsere- neu eröffneten Hofbräu- hauseS mit dem absoluten Mangel an Münchener Publikum im GlaSpalaste vergleicht, der wird zugestehen müffen, daß die sich ergebende Schlußfolgerung für die Vertreter der Münchener Kunst keine sehr erfreuliche ist." Könnte man da die Kunstausstellung in einer Nachsaison nicht tnS Hof- brauhaus verlegen? Freilich dürfte man dann während dieser Zeit nicht im GlaSpalast Bier auSschänken.

Ist bei «schieben der Storche» strafbar aber nichts Diese Frage beschäftigte jüngst die zweite Strafkammer in Braunschweig als Berufsinstanz. Der Rittmeister a. D- DommeS, Pächter der BorSfelder Frldjagd, hatte im Mai in seinem Jagdreviere zwei Störche geschaffen. Hierfür hatte er einen Strafbefehl von 16 Mk. erhalten, welche Strafe daS Schöffengericht Borsfelde auf 6 Mk. ermäßigte. Vor der BerufuogSkammer legte Rittmeister DommeS dar, daß der Storch der Niederjagd ungemein gefährlich sei, indem er jungen Hasen, Rebhühnern 2c. nachstelle. In dem erpachteten Jagdrevier würde der durch die Störche angerichtete Schaden ganz besonders fühlbar, weil die Storchfamilten in der BorS-

Was macht der Landwirth im Monat Oktober.

Bon Dr. Agrtcola.

(Nachdruck verboten.)

10. Die Wintersaat wird in der Aeldwirihschaft in diesem Monat fortgesetzt und wenn möglich beendet. Die Kartoffelernte beginnt. Die Knollen gräbt man möglichst trocken auS und bringe ste in frostfreie Keller und Mieten. DaS Kartoffelkraut aus dem Felde zu verbrennen, wie eS vielfach üblich ist, ist durchaus unzweck- rnStzig, man gewinnt hierdurch nur die wenigen in der Asche befind­lichen mineralischen Pflanzennährstoffe, während daS Kartoffelkraut als solches untergepflügt den Boden an Humus bereichert, ihn also physikalisch verbessert. Mit dem Ernten der Rüben wartet man, wenn kein Frost zu erwarten steht, am besten biS Ende des Monats, da gerade die nun mehr kühlen Nächte das WachSthum der Rüben befördern. Vielfach pflegt man bereits vor der Ernte, besonders in futterarmen Jahren, die Rüden auf dem Acker zu enthielten. Da« ift aber sehr unrichtig, denn wenn der Wurzel die Blätter genommen werden, kann fie nicht asfimiliren, d. h. keine organische Substanz eu8 der in der Lust befindlichen Kohlensäure unter Mitwirkung von Blattgrün und Licht bilden. Es kommt auch hinzu, daß derartig entblattete Rüben selbst auch gegen den geringsten Frost nicht wider- standSsShig find und nach einem Frost gleich versüttert werden muffen, wenn fie nicht verfaulen sollen. Die abgeräumten Aecker, sowie event. noch vorhandene Stoppelselder werden umgepflügt oder geschält. Das Mistsahren wird fortgesetzt.

Aus den Wiese« bringe man nun die Gräben tüchtig in tDrbnung und wässere ununterbrochen. Das Waffer ist jetzt am reichsten an Pflanzennährstoffen. Bemerkt man zunächst einen schwarzen Schlick auf der Oberfläche der Wiese und werden später die Stoppeln und die Gräser selbst schwarz, so kann man fest überzeugt fein, daß -Has Waffer seine Aufgabe erfüllt hat.

Der Stzoftwirih zeichnet weiter die zu fallenden Holzer in fcen Verjüngungsschlägen und nimmt Fällungen vor namentlich in toen Brennholz- und Vorbereitungsschlägen. Nach dem Laubfall beginnt der Abtrieb im Niederwald und des Unterholze« im Mtttel- roalb. Durchforstungen, Stockrodung und Aufbereitung dürrer Hölzer noitb fortgesetzt. Grünästungen werden begonnen. Ebenso beginnt fcie lebhafte Abfuhr der Brennhölzer. Das Einsammeln von Eicheln, Buchen- und Ahornsamen mutz Ende des Monats beendet sein, ebenso Idas der Weißtannen- und Weymuthkiesern Zapsen bis Mitte des MonatS. Der Kiesernspanner (piniaria) gebt nun * *ur Verpuppung In das Winterlager. Die Raupen des Rothschwanzes (Orx^ia pudi- bnnda L.) steigen von den Bäumen und müffen an den Baumstämmen igetöbtet werden. Da die Flugzeit deS Frostspanners (^'^od.a Ira®ata L.) beginnt, so versäume man nicht, Theerringe um die Stämme zu legen.

Das Bish wird jetzt immer später auf die Weide getrieben, lockere und nasse Wiesen und Weiden müssen aber gänzlich vermieden werden. Fohlen und junges Vieh können noch verschnitten werden. Hat Klee und Gras bereits bei GrünsÜtterung vom Froste in der Nacht gelitten, so muß solches gehörig mit Häcksel gemischt und wenn möglich mit heißem Waffer gebrüht werden. Da die Rüben- und Kohlernte begonnen hat, so hat man durch deren Blätter noch ein gutes Grünfutter. Da dieses Futter das Vieh aber sehr leicht auf- bliht, so zerstampfe man eS vor dem Verfüttern tüchtig und bestreue es von Zeit zu Zeit mit Salz. Man versäume aber nicht, die Thiere allmälig an die nun bald heranrückende Trockensütterung zu ge­wöhnen, da ein plötzlicher Uebergang von Grünfütterung zum Trocken­futter üble Folgen haben kann. Milchkühe f reff en bei einem solchen schroffen Uebergang sehr schlecht, geben infolge dessen auch weniger settreiche Milch. Von den geernteten Hackfrüchten kommen zuerst die Wasserrüben zur Verfütterung, da diese zuerst im Keller ver­derben

In der Sitnewi«** fahre man fort, die Stöcke für den Winter einzurichten und den überflüssigen Honig fortzunehmen. Sind hier und da in den Stöcken noch Ritzen vorhanden, so muß man dieselben selbst verkitten, da die Bienen dies nicht mehr können. Das Vereinigen wird fortgesetzt und die Fluglöcher werden sorg­fältig vor Mäusen bewahrt. Man hüte fich besonders davor, Schwächlinge einzuwintern. Der Zustand seiner Zuchtstöcke muß dem Imker genau bekannt sein. Mit dem Mästen des AedorvteHO wird sortgesahren. Man entiebige fich nach und nach der alten, nicht zur Nachzucht brauchbaren Thiere, da diese nur unnöthig viel Wintersulter brauchen. Die «ommooteiche können nun am Besten gefischt und die Streichteiche abgelaffen, sowie die Raubfische heraus- genommen werden. Für Lachse ist Laichzeit. Im Herbst gefischte Fluß- und Bachteiche bleiben bet genügendem Speisewaffer wahrend des Winters zur Entsäuerung trocken liegen, während HtmmelS- teiche gleich nach dem Ablassen wieder gestreckt werden. Man suche sich jetzt auch zeitig einige gute Rogener zu Streichkarpfen für das nächste Jahr au8. Diese müssen gut gewachsen und fünfjährig sein. In der -a«O- ««d Hofwirthschaft fahrt man fort, Flachs und Hanf durch Darren, Bläuen und Brechen rc. zum Spinnen vorzu­bereiten ober dadurch zum Verkauf zurecht zu machen. Brunnen können jetzt noch gegraben refp. gereinigt werden. Da in diesem Monat die Ernte des Winterobstes fällt, so versäume man nicht, wenn reichlich davon vorhanden, sich gut zu versorgen, und dasselbe zu trocknen, da ja bekanntlich die Obsternten unsicher find. Oefen und Schornsteine an Wohngebäuden und Stallungen müssen jetzt spätestens vorgenommen werden. Können Feldarbeiten nicht mehr vorgenommen werden, so lege man Composthaufen aus abgeschältem Rasen, Teichschlamm oder anderer guter Erde, auch aus Asche, Bau­schutt ufw. an, die später von Zeit zu Zeit mit Jauche durchtränkt und zur Düngung von Wiese und Acker Verwendung finden. Aus der Scheune wird gedroschen.

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an, die sich in die geheiligten Räume des Selamlik gewagt hatten. Aber nur wenige Augenblicke dauerte das Erstaunen. Bald wurden wir erkannt, einige Freundinnen liefen auf uns zu und grüßten uns auf das Herzlichste. Wir mußten Platz nehmen; einige der Damen klatschten in die Hände, genau wie das in den arabischen Märchen der Scheherezade so hübsch beschrieben ist, circasfische Dienerinnen in seidenen Gewändern eilten herbei, brachten uns gleichfalls den duften­den Trank in kostbaren, mit Juwelen besetzten Täßchen, reichten uns Cigaretten und schnell waren wir zu Hause. Gespräch und munteres Lachen begann wieder, und wir hätten glauben können, uns in einer lustigen europäischen Hochzeitsgesellschaft zu befinden; denn ein großer Theil der türkischen Damen trug abendländische Toiletten.

Unter den Anwesenden war auch die Mutter des Khe« dive, deren Tochter Emine, ihre Nichte Nimet Hanoum, und binnen Kurzem trafen die Frauen und Töchter der meisten Gesandten und Würdenträger ein. Es wurde fast ausschließ­lich französisch gesprochen, und die Unterhaltung war heiter und ungezwungen. Bald sollte es uns vergönnt sein, die Braut selbst zu sehen. Eine der nächsten Verwandten Munir Paschas, forderte uns auf, nachdem wir unsereErforsch­ungen" beendet hatten, ihr zu folgen. Wahrlich, ohne diese gütige Führerin hätten wir uns wohl nie durch den Schwarm der Gäste hindurch zurecht gefunden. Ein Zimmer nach dem andern, bas wir zu durchschreiten hatten, war wahrhaft voll­gepfropft mit Festgästen; wir konnten kaum durch das lustige Gewimmel unseren Weg bahnen. Küchenbeamte mit Schüsseln und Präsentirtellern liefen förmlich gegen uns an es war ein Festestrubel, wie in Tausend und Einer Nacht. Was da verzehrt wurde, war enorm, und wenn man bedenkt, daß der Jubel drei ganze Tage dauerte, so kann man sich eine Vorstellung von einem türkischen Hochzeitsfeste machen.

Jetzt ging es die Treppen hinauf. Sklaven stürmten vor uns her und brachen uns Bahn durch den Wirwarr, der von Stufe zu Stufe immer toller wurde. Endlich ge- langten wir in den Salon, wo die Braut sich befand, thro­nend auf einem erhöhten Sessel in Prunkgewändern und in Staatsparade.

Wie schön sie war, aber, ach, wie jung! Erst fünfzehn Lenze zählte sie. Das ist nach türkischen Anschauungen voll­ständig alt genug zum Heirathen. Sie sah so lieblich und glücklich aus! Und doch kannte fie ihren Bräutigam nur

aus Photographien und Beschreibungen, da die morgen­ländische Sitte ja dem künftigenMann und Weib" verbietet, einander zu sehen, ehe die letzte der feierlichen Zeremonien, dieNicaja", bei welcher in Gegenwart desImam" Braut und Bräutigam den Ehecontract vollziehen, gefeiert worden ist.

Dies reizende, junge Kind nahm mit holder Grazie unsere Glückwünsche entgegen und erlaubte uns, fröhlich lächelnd, ihreBrauttoilette" in Augenschein zu nehmen und Stück für Stück zu prüfen. Es waren kostbare Gewänder: ein himmelblaues Seidenkleid mit Goldstickerei, etwa in der Art eines Morgencostüms, die Aermel weit und herabhängend. Die wundervollen Locken der Braut, schwarz wie Ebenholz, rollten auf ihre Schultern hernieder, Perlenschnüre und Edel­steine zogen sich blitzend und schimmernd hindurch. Auch ihr Kleid war von oben bis unten mit herrlichen Juwelen be­deckt, die bei jeder Bewegung der graziösen Trägerin in wahren Regenbogenfarben schillerten. Ja, selbst von den schön gestickten Schuhen herauf blitzten uns die diamanten entgegen.

Nachdem wir uns von dem holden Geschöpf verabschiedet, wurden wir in das Brautgemach geführt. Dort waren die für den Bräutigam bestimmten Geschenke aufgespeichert: bas seidene, gestickte Hemde mit Perlen statt der Knöpfe, die Schuhe, das Bernstein Mundstück und der Cigaretten-Aschbecher. Hier in diesem Zimmer, so erzählte man uns, empfängt die Braut am Schluß des Festes ihren Bräutigam. Aber selbst hier noch, am Endstein der Verlobungszeit, wird es de« sehnsuchtsvollen Jüngling schwer gemacht, zu seinerAu«, erwählten" zu gelangen. Schaaren von Frauen umschwirren unter Gelächter und Scherzen die Braut. Die Wächterinnen zu vertreiben, wirst der Gatte jetzt einen Stegen von Geld­stücken unter dieNeidischen". Das lenkt ihre^ Aufmerksam­keit ab, denn die Münzen gelten alsporte bonheur*, und es entfpinnt sich schnell ein Kämpfen und Strngen um die Andenken". Jetzt springt der Gatte auf feine junge Fran zu, lüftet ihren Schleier, und sie sinkt ihm in tiefer Unter­werfung zu Füßen. Er hebt fie gütig auf und setzt sie neben fich auf den Diwan; sie erhebt sich gleich wieder, bringt eine Cigarette, zündet fie an und reicht ihm die Schutzs In diesen verläßt der Gatte das Zimmer und begibt fich nach demSelamlik", wo ihm alle Verwandten entgegen­kommen und ihm zurErlangung seines Weibes gratuhren.

Feuilleton.

Bit Vermählung der Tochter Munir Psschss.

An den palmen- und orangengeschmücklen Gestaden des blauen Bosporus in der Nähe von Therapia auf bemJlali", dem Sommersitz des Dberceremonienmeijters des Groß ultans, fand die feierliche Vermählung der Tochter Mumr Pascha« mit dem Major Zia Bey nach streng türkischem Ritus statt. Die hohe Stellung des Vaters der Braut, sowie der Um- stand daß das Palais Munir Paschas mitten in dem Ge- sandtschaftsviertel gelegen ist, trugen dazu bei, eine große ^abl fremdländischer Residenten nach dem hochzeitlichen Hause m ziehen, um einer so interessanten Phase türkischen Familien- ebens als Zuschauer beizuwohnen. Denn nach türkischer Sitte werden besondere Einladungen zu Hochzeitsfeierlichkeiten nicht ausgegeben. Ein Jeder ist willkommen. Je mehr Gäste erscheinen, desto lustiger ist da« Fest, und glückbringend ist die große Zahl der Theilnehmer für das junge Paar. Da­her machten wir uns denn so berichtet die Gattin eines bekannten Diplomaten in Konstantinopel mehrere Freun­dinnen und ich auf den Weg nach dem Lustschloß Mumr Paschas. Wir bestiegen eineGaique" und fuhren den Bos­porus hinauf bis zu der Marmortreppe, die in den Garten des Oberceremonienmeisters führt. Dort schaukelte bereits eine so große Zahl von Booten und kleineren Dampfern bunt durcheinander, daß wir einige Mühe hatten, den Lan­dungsplatz glücklich zu erreichen.

An der Treppe waren zwei Reihen kostbar gekleideter Eunuchen aufgestellt. Wir nannten den Wächtern des Harem« unsere Namen, und die grimmigen, schwarzen Gesellen ließen uns mit ehrerbietigen Saalem« passiren.

Nun schritten wir durch den wundervollen Garten des Paschas dem Hause zu. Dort wurden wir in einen Salon geführt, in welchem bereits eine große Zahl von türkischen Damen versammelt war. Alle waren in kostbare Festgewän­der gekleidet und trugen eine Fülle von wahrhaft blendenden Juwelen. Die Damen faßen und ruhten in den bequemsten Stellungen und prächtigen Divans, rauchten ihre Ligaretten, tranken ihren Mokka aus winzigen Täßchen und lachten und schwatzten, daß man gleich sah, sie amüsirten sich auf das Köstlichste. Doch wurde es im Augenblicke, al« wir eintraten, mäuschenstill im Saal. Alle« starrte diefränkischen Damen"