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16.11.1897 Erstes Blatt
 
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fffr. 269 Erstes Blatj_______Dienstag den 16. November

1897

Der

0te|euer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.

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Hratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de, folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Die earlistische Bewegung in Spanien.

Seit dem Monat November 1885, also jetzt volle zwölf Jahre, steht Spanien unter der R gentschaft der Königin» Regentin, welche für ihren minderjährigen Sohn, den König AlfonS XIII., die Regierung mit großem Tact und Geschick führt. Nur mit kurzen Unterbrechungen har während dieser ganzen Zett die couservattve Partei die Herrschaft inne ge- habt, und mau muß anerkennen, daß sie in Betreff der politischen Beruhigung und der wirthschaftlichrn Entwickelung dr» Lande» manche Erfolge verzeichnen kann. Mit unerbitt­licher Strenge hat der alte CanovaS sein Vaterland vor jedem Bürgerkriege zu bewahren gewußt, keiu noch so ehrgeiziger General durfte ein Pronunctamento wagen, und wenn wirk­lich derartige Absichten zur Ausführung gelangen sollten, so wurden sie im Keime erstickt. Such die Republikaner, deren Partei in Spanten recht zahlreich vertreten ist, durften sich nicht mucksen,- nur an anarchistischen Verbrechen, an Attentaten gegen Leden und Etgenthum der Mitbürger hat e» nicht gefehlt, und man darf wohl behaupten, daß Spanien dasjenige Land ist, in welchem in den letzten Jahren der Anarchismus die meisten Opfer gefordert har. Aber so bald dürste hierin keine Besserung rintreten, da die wirth- schasiltchen und politischen Verhältnisse Spaniens einen zu günstigen Boden sür den Umsturz des bestehenden gesellschast- ltchen System» bieten. Jedoch find e» immer nur einzelne Kreise, auf welche der Anarchismus einwirken kann, das große Publikum wird demselben immer fern stehen und sich nur voll Abscheu von den Lehren, welche Mord und Ver­wüstung predigen, abwenden.

Viel mehr Gefahr für die Regierung bildet die earlistische Bewegung, welche in der letzten Zett wieder an Umfang ge­winnt. Die Anhänger des Throoprätendenten Don Carlo» recrutiren sich nicht etwa nur aus den Aristokraten, wie e» sonst vielfach bei legttimiftischrn Parteien der Fall ist, sondern unter den Kleinbürgern, den Bauern, Kaufleuten und GutSbefitzern der nördlichen Provinzen find Diejenigen zu finden, welche den Don Carlos als ihren rechtmäßigen König betrachten und eventuell auch persönliche Opfer nicht scheuen, um ihm zur Regierung zu verhelfen. Dazu kommt, daß fast die ganze niedere Geistlichkeit dem CarlismuS zugethan ist, und bet dem großen Einfluß, den dieselbe in Spanien unter der Landbevölkerung hat, ist eS nicht zu verwundern, daß dte Bestrebungen sür den Throoprätendenten an Schärfe nicht ' verlieren, sondern höchstens einige Zett unterbrochen werden, ; dann aber wieder mit um so größerer Heftigkeit in dte Er- : scheiuung treten. Seit dem Jahre 1830 muß jede Regierung, mag fie liberal oder conservanv sein, mit dteseu Bestrebungen rechnen und sich gegen dieselben zu decken suchen. Selbst dte strengsten Befehle de» Papstes an den Clerus, sich jeder Agitatoa gegen dte jetzige Spanische Regierung zu enthalten, haben keine Wirkung auSgeübt, und das Cavinet Sagasta fieht sich jetzt veranlaßt, gegen dte im Innern des Landes entstehende Gefahr mit größerer Energie einzuschreiten. Denn dte unterirdischen Mächte fangen an, sich zu regen- Waffen- depot» werden errichtet, Munition wird eingeschmuggelt, dte Bevölkerung der baSktschen Provinzen übt sich im Gebrauche der Waffen. Ob e» zur Erhebung wirklich kommt, läßt fich natürlich heute noch nicht Vorhersagen, das wird hauptsäch­lich davon abhängen, ob die Regierung bald der äußeren Schwierigkeiten Herr wird oder nicht. Denn von jeher haben dte CarUften aus der Verlegenheit der Regierung Capital zu schlagen versucht und selbstverständlich auch die precäre innere Lage zu ihren Zwecken auszunutzen gewußt.

Die Regierung soll sichere Beweise dafür in Händen haben, daß diesmal ein Anschlag der Carltsten geplant ist. Welche außerordentlichen Maßregeln fie aber auch zu ergreifen beabfichtigt, nimmer kann fie daran denken, dar Cl queuwesen aus den Localverwaltungen zu beseitigen, auS dem Heere dte .politische Parteiung zu entseroen, der Einmischung der Depu- rtrten bet der Besetzung von Staatsstellen und bet der Er» theilung von Conceifionen sowie beim Zuschlag von Staats- Lieferungen ein Ende zu machen, noch vor allen Dingen gegen Lie den CarliSmus fördernde Geistlichkeit allzu schroff vorzu- Lehen. Die Lage deS CabioetS ist deßhalb äußerst schwierig, «nb eS steht nur zu wünschen, daß dte Meldungen fich be- Wahrheiten, wonach die Beziehungen zwischen Spanien und Len Vereinigten Staaten andauernd beffere werden, so daß Ler Ausbruch eines offenen Confl-ct» ausgeschlossen erscheint. Sagasta ist ja ein energischer Mann, es wird ihm, wenn seine Hände nicht durch äußere Verwickelungen gebunden sind, hoffentlich gelingen, auch den CarltSmuS zu unterdrücken.

(XX)

Deutsches Reich.

Berlin, 13. November. Die Kamerun-Hinterland- Gesellschaft theilt unS mit, Dtrector Jäger von der Kamerun-Hinterlaud'Gesellschaft ist von seiner Kameruner Reise zurückgekehrt und hat an verschiedenen Stellen aus­gedehnten Grundbesitz erworben und die Stationen am Sauage, 80 Kilometer nach dem Innern bis Edea vorgeschoben. Die Gesellschaft beabfichtigt jetzt in Anbetracht der günstigen Verhältnisse auch Plantagen für Lacao und Kautschuk auzu- legen.

Berlin, 13. November. Staatsminister v. Hofmann ist anläßlich seine» 70. Geburtstages zum Ehrenmitglied der deutschen Colontalgesellschaft ernannt worden.

Dresden, 13. November. Im ReichStagS-Wahlkreise DreSden-Altstadt werden die Soctaldemokraten dem Grafen Herbert Bismarck den Redacteur Dr. Gradnauer und dte deutsch-socialen Reformer den bisherigen Abgeordneten Zimmermann entgrgenstellen.

Att-land.

Wie«, 18. November. Sämmtliche Blätter besprechen die gestrige Versöhnungsrede Badeni» je nach ihrer Parteischattirung, constatiren jedoch, daß die Regierung an­scheinend ernstlich bemüht ist, einen Au-gleich zwischen Deutschen und Tschechen zu Stande zu bringen. Jedenfalls seien die Chancen der Deutschen wieder gestiegen. E» käme nunmehr, so meinen die Blätter, hauptsächlich darauf an, ob die Regierung der R chten gegenüber soviel Kraft werde besitzen, um ihren Willen durchzusetzen.

Fiume, 13. November. Nachdem die Regierung auf der Einführung der ungarischen Gesetze besteht, gab der Gemeinderath seine Demission. Gestern Abend fand eine große Demonstration statt gegen die ungarische Regierung.

Rom, 13. November. Bei der Audienz de» Staats- secretärS v. Bülow beim Papst wurde einem Gerücht zufolge auch bezüglich der Stellung eines Theile» der vatikani­schen Presse zu dem Dreibunde eine ernstliche aber freundliche Aussprache gehalten. StaatSsecretär Rampolla erwiderte den Besuch v. BülowS diesmal merkwürdiger Weise im Palazzo Caffarelli.

Baleucia, 13. November. In den Dörfern Grao und Nazaret findUeberschwemmungen vorgekommen. Mehrere Brücken wurden zerstört. 15 Personen find ertrunken.

Koustautiuopel, 13. November. Die Pforte beklagte fich, daß die Militär-ÄttachH« nicht auf die Artikel der Friedens- bedingungen achten, welche bestimmen, daß eine kleine Grenz- regultrung zu Gunsten der Türkei gemacht werde.

Rewyork, 13. November. Newyork Herald meldet, daß zwischen Deutschland und der Türkei eine militärische Uebereinkunft abgeschloffen worden sei, welche der Türkei eine defenfive Rolle in dem Dreibunde überträgt.

Rio de 3«niro, 13. November. Der Senat hat in zweiter Lesung den Kriegszustand erklärt. In einer gemeinsamen Sitzung deS Senats und der Kammer wurde der Kriegszustand angenommen.

Depeschen bei Bureau .Herold."

Berlin, 14. November. Der Kaiser und dte Kaiserin treffen morgen früh fast gleichzeitig gegen 8 Uhr auf der Wildparkstation bei Potsdam ein. Der Kaiser kommt von Schlesien, die Kaiserin von Plön.

Wien, 14. November. Den gestrigen Balgereien in der Aula der Universität zwischen jüdisch-nationalen und deutsch- nationalen Studenten sollen heute abermals studentische Excesse folgen. Die slawischen Hörer beabsichtigen, heute zu dewonstriren- ebenso beabfichtigen die deutschen Studenten, diese Demonstration eventuell mit Gewalt zu vereiteln.

Teplitz, 14. November. Im Nelsonschacht stürzte eine mit sieben Personen besetzte Föiderschaale in den Schacht. Die Bergleute wurden schwer verletzt.

Madrid, 14 November. Trotz der Intervention bei Papstes unterstützt der Clerns die Agitationen und Rüstungen der Larlisten auf« Eifrigste. Amtlich wird conftatirt, daß die letzteren ernstlich einen Ausstand planen. In Barcelona confisctrten die Behörden viele Kisten mit eingeschmuggelten Gewedren und Patronen. Sechs Personen wurden verhastet.

Warschau, 14. November. In der Nähe der Station Skierntewice sand ein Zusammenstoß zwischen einem Personenzuge und einem Lastzüge statt. Sieben Waggon- wurden zertrümmert, zwei Conducteure getödtet, mehrere Paffagiere schwer verletzt.

Athen, 14. November. Die letzten hier eingetroffenen

Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslände- nehm«» < Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgeg««.

Meldungen über den Stand der Friedensverhand- lungen lauten sehr günstig. Die Unterzeichnung deS Ver­trage- soll spätesten- in vierzehn Tagen erfolge«.

Berlin, 15. November. Finanzminister Dr. v. Mtquel hatte für gestern Abend den Reichskanzler Fürste« Hohenlohe sowie die übrigen Minister bei fich zu einem Bierabend eingeladen.

Berlin, 15. November. Die Morgenblätter berichten auS Dirschau: Der Oberlehrer Dr. Fricke, welcher fich bei der Landtagsersatzwahl mit noch mehreren anderen Wahl- männern der Stimme enthalten hatte, weil der deutsche Candidat fich nicht erklären wollte, daß er gegen da- Vereins­gesetz stimmen werde, sodaß der polnische Candidat siegte, ist zum 1. Januar 1898 int Interesse deS Dienste- nach Paderborn versetzt worden.

Coceks hu-H prot>in$icttr#»

Bietzen, 15. November 1897.

* * Parade. Zur Feier de- Geburt-tage- Seiner Königlichen Hoheit deS Großherzog» und Ihrer König­lichen Hoheit der Frau Großherzogin findet Donuer-tag den 25. d. M., Vormittags 117a Uhr, auf dem Hofe der neuen Kaserne Parade statt. Im Anschluß an dieselbe spielt die Musik. Von 11 Uhr Vormittag» ab steht der Zutritt zum Kasernenhof allen Zuschauern frei.

* * Kirchliche Dienstnachrichte«. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht, dem Pfarrer Otto Schulte zu Engelrod die evangelische Pfarrstelle zn Beuern, Decanat Gießen, zu übertragen.

* * Militärisches. Laut Kaiserlichem Befehl soll der Stab der 50. Infanterie»Brigade beim ersten Stellenwechsel im Commando von Darmstadt nach Mainz verlegt werden. Die» ist jetzt nach dem Tode deS Generalmajors v. Bismarck der Fall. Der Stab bezw. das Büreau find schon nach Mainz verlegt worden, während der neue Brigade-Commandeur Generalmajor v. Buddenbrock in Kürze in Mainz er­wartet wird.

* * Concertverei«. Zum ersten Mal in dieser Saison hatten fich gestern die Pforten des großen ClubsaalS für die Abonnenten des ConcertvereinS und sonstigen Mufikfreunde Gießens geöffnet, und eine zahlreiche andächtige Zuhörerschaft hatte sich zu dem ersten unter der Leitung des Herrn Uni- verfitälS-Mufikdirector Trautmann stattfindenden Orchester- concert etngefunden, ein Beweis, daß das Bedürfniß nach guter Musik nach der mufiklosen Sommerzeit in unserer Stadt ein großes war. Aus Anlaß des Todestages von Felix MendelsohN'Bartholdh, der am 4. November vor 50 Jahren zu Leipzig in der Blüthe seiner Jahre durch den unerbitt­lichen Tod dahingerafft wurde, hatte der Vorstand deS Con- certoerein» in pietätvoller Weise in der Hauptsache nur Com» Positionen dieses unvergeßlichen Tonsetzer» auf das Programm gesetzt, eine Thatsache, die mit um so größerer Freude zu begrüßen war, als gerade Mendelssohn in den letzten Jahren auf den hiesigen Concertprogrammen verhältnißmäßig wenig vertreten war. WaS uns an Mendelssohn interesfirt, ist weniger die Tiefe seiner Gedanken, al» seine elegante, flüssige und gefällige Schreibweise und seine außerordentliche Formen­gewandtheit, die ihn aus allen Concertprogrammen längst eine willkommene Erscheinung hat werden laffen. Die A-dur» Symphonie, das Nocturno au» ShakespearesSommernachtS- traum" und dte Concert-OuvertureMeeresstille und glück­liche Fahrt" find in dieser Hinficht wahre Perlen Mendel»- sohn'scher Muse und erfuhren unter Herrn Mufikdirector TrautmannS anfeuernder Leitung eine wohl gelungene Wieder­gabe, für die sich das Publikum durch wiederholte lebhafte BetfallSäußerungeu bedankte. Der Solist deS gestrigen Con- certeS war der seit einiger Zeit rühmlichst bekannte Geiger Alexander P e t s ch n i k o f f, der sowohl im Mendel»sohn''che« Biolin-Concert wie in der Ciaconna von Bach fich als einer der berufensten Meister seines Instruments erwies. Er ist trotz seiner Jugend nicht allein ein ausgezeichneter Virtuos, für den technische Schwierigkeiten überhaupt nicht zu exi- sttren scheinen, sondern auch ein sein denkender Musiker, der ernstlich bestrebt ist, die zu interpretirenden Werke möglichst congenial wiederzugeben. Daß ihm für seine Darbietungen rauschender Beifall zu Theil wurde, war bet seiner Vortrags­weise kein Wunder, und wir würden e» für kleinlich halten, wollten wir an Einzelheiten, wie an der im Biolincovcert stellenweise etwas stark beschleunigten Temponahme Anstoß nehmen, um so mehr, als dies durchaus nicht auf Kosten der Klarheit geschah. Nicht unerwähnt darf dabei die correctc und, abgesehen von einem Theile deS letzten Biolincovcert- satzeS auch decente Begleitung Seitens des Orchester- bleiben.