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16.7.1897 Erstes Blatt
 
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Milan de» 16 Juli

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Der OKtexer Anzeiger erscheint täglich, «Ul Ausnahme de- Montags.

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Gießener Anzeiger

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Alle Annoncen-Bureaux de- In« und Au-landeS nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 13. Juli. Postalische Fürsorge für daS platte Land. Gegenüber den in den Ausführungen eines ThetlS der Presse versteckt liegenden Vorwürfen, daß die Postverwaltung unter der Leitung des verewigten Staats» fecretärS die Interessen der Großindustrie vorzugsweise be­rücksichtigt habe, Vorwürfe, welche durch statistisches Material nicht belegt worden sind, möchte der Hinweis darauf am Platze fein, in welchem Umfange die Postverwaltung den Interessen der Landbevölkerung ihre Fürsorge zugewendet hat. Mit der Neugestaltung des Landpostdtenstes wurde bekanntlich int Jahre 1881 vorgegangen, zur Vervollkomm­nung der BerkehrSanlugen auf dem platten Lande waren außer einer Verstärkung der Bestellkräfte um daS Doppelte vorgesehen: 1. durchgreifende Vermehrung der Poftagenturen- 2. Schaffung einer neuen Gattung von VerkehrSanftalteu: der Pofthülfstellen zur Unterstützung des Landbriefträger­dienstes - endlich 3. Ausrüstung von Landbriefträgern mit Fuhrwerk. In welchem Umfange diese Maßnahmen, deren Zweckmäßigkeit zur Erreichung des angestrebteu Zieles nicht angezweifelt werden wird, zur Ausführung gelangt find, ergibt sich aus der amtlichen Statistik der Deutschen Reichs- post- und Telegraphenverwaltung. Die Zahl der Postageu- turen im Reichspostgebiet ist von 3339 im Jahre 1880 auf 7878 im Jahre 1895 gestiegen - Ende 1895 bestanden ferner 16,012 Pofthülfstellen und 2134 Landpostcurfe. Daß bet der Verstärkung der Betriebsmittel die einzelnen Gebiets- thetle gleichmäßig berücksichtigt wurden, ergibt ein Vergleich der Ende 1882 und 1895 vorhandenen Postagevturen und Pofthülfstellen (die Statistik der früheren Jahre gibt hierüber keinen Aufschluß) in den OberpostdirectionS'Bezirken Aachen, Toblenz, Düsseldorf, Köln, Trier Rheinlande, sowie in den Bezirken CöSltn, Stettin Pommern und Danzig, Gumbinnen, Königsberg Oft- und Westpreußen. Die Zahlen find folgende: Von 1882 bis 1895 verzeichnen die Rheinlande eine Zunahme an Postagenturen um 101 pCt., an Pofthülfstellen um 663 pCt.,- Pommern eine Zunahme an Postagenturen um 94 pCt., an Pofthülfstellen um 921 pCt.; Ost- und West Preußen eine Zunahme an Postagen« turen um 105 pCt., au Pofthülfstellen um 659 pCt. Die gleiche Fürsorge hat die Postoerwaltung gegenüber der Hebung des Telegraphenverkehrs auf dem platten Lande bethättgt. Im Jahre 1880 bestand der Telegraphenbetrieb nur bet 1707 Postagenturen (Gefammtzahl derselben 3339), im Jahre 1895 dagegen bei 7319 (Gesammtzahl 7878). Seit dem Jahre 1883 ist die Verwaltung ferner dazu übergegangen, auch Pofthülfstellen in geeigneten Fällen mit Fernsprechern

auszurüsten - Ende 1895 belief fich die Zahl dieser Anstalten auf 1592. In dem Zeitraum von 1880 bis 1895 ist sonach die Zihl der Telegraphen - Anstalten auf dem platten Lande (von den kleinern Postämtern mit Telegraphenbetrieb ganz abgesehen) von 1707 aus 7319 (-ft 1592 8911), mithin um 422 pCt. gestiegen.

Wolff- telegraphisches Correfpondmz-Bureau.

Berlin. 14. Juli. Dr. Paul Hempel, der Geschäfts­führer der BerlagShandlung B. Brtgl, Herausgeberin der T8gl. Rundschau" und derDeutschen VerkehrSzettuug", ist heute hier gestorben.

Elberfeld, 14. Juli. Finauzmtnister v. Miquel und Minister Thielen besichtigten die hiesigen großen Etabltffe» mente von Wilhelm Bödölinghaus, sowie Schleper und Baum. Hierauf sand im Casino ein Diner statt, wozu etwa zwanzig Industrielle vom Oberbürgermeister geladen waren. Nach dem Diner machten die Minister eine Spazierfahrt durch die umliegenden Bergwälder.

Hamburg, 14. Juli. Der Hamburger Schnelldampfer Auguste Victoria" ist von seiner Tour nach Spitz­bergen gestern in Tromsoe wieder eingetroffen. Der Aus« flug nahm bei günstigem Wetter einen herrlichen Verlaus. Die Teilnehmer bewunderten die Mitternachtssonne in seltener Pracht. Unterwegs wurde der DampferLofoten", Capitän Sverdrup, früherFram", begrüßt. Es wurden viele Eis­berge und Walfische augetroffeu.

Bremen, 14. Juli. Der Lloyd ermäßigte den ZwischendeckpreiS nach Newyork auf den Poftkampfern auf 140 Mk. Auf den Schnellpostdampfern betragen die Kosten 160 Mk. Ein Platz im Zwischendeck nach Baltimore kostet 130, nach Galveston 140 Mk.

Uwe, 14. Juli. DaS Befinden Seiner Majestät des Kaisers ist befriedigend - die Nacht war gut. Um 10 Uhr wurde an Bord derHoheuzollern" ein Trauergottesdienst für den verunglückten Lieutenant v. Hahnke gehalten. Um halb 1 Uhr lichteteHohenzollern" Anker und trat die Fahrt nach Bergen an.

Paris, 14. Juli. Anläßlich des heutigen National­festes herrschte lebhafte Bewegung in der Stadt. Bei schönem Wetter haben heute Vormittag die gewöhnlichen Kundgebungen vor den Statuen von Straßburg, der Jeanne d'Arc und von Gambetta stattgesundeu und sind ohne jeg­lichen Zwischenfall verlaufen. Aus den Provinzstädten werden von heute Vormittag glänzende Truppenparaden ge­meldet, welche überall im Beisein großer Zuschauermengen abgehalten wurden.

Konstantinopel, 14. Juli. Der Sultan hat für die Hinterbliebenen der bet der Schiffs-Katastrophe ertrunkenen Mannschaften desReinbeck" 500 Pfund gespendet. Der deutsche Botschafter Freiherr v. Saurma von der Jeltfch hat dem Sultan den Dank für diese Spende ausgesprochen.

Depeschen des Bureau .Herold."

Berlin, 14. Juli. Entgegen einer Meldung derK. Z." erfährt diePost", daß der Kaiser auf feiner Reise nach Petersburg von beiden Divisionen des ersten Geschwaders begleitet sein wird.

Berlin, 14. Juli. DemBert. Tagebl." wird auS Rom telegraphirt: Kaiser Wilhelm hat den italienischen Gelehrten Marconi eingeladen, ihm den Telegraphen ohne Drahtleitung vorzuführen. Marconi wird fich von England auS direct nach Berlin begeben.

Berlin, 14. Juli. Entgegen dem Dementi derNordd. Allgem. Ztg." berichten dieVerl. Pol. Nachr.", daß die Staatsregierung fich der Pflicht einer Reform deS Wahlrechts voll bewußt ist und hierzu zur Genüge entschlossen fei.

Berlin, 14. Juli. DerNeuen Berl. Corresp." zufolge herrscht an maßgebender Stelle nicht die Absicht, die Stras- proceß-Novelle in der nächsten ReichStagSsessiou noch einmal einzubrtngen. Die Regierung will der Initiative deS Reichstages überlassen, die Sache von Neuem in Flust zu bringen.

Berlin, 14. Juli. DerNat. Corresp." zufolge ist die Meldung, der Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Oberst Liebert, beabsichtige zurückzutreten, unbegründet.

Berlin, 14. Juli. DerRetchSanzeiger" veröffentlicht daS Gesetz betreffend Abänderung der Gesetze vom 9. Juli 1886 und vom 6, Juni 1888 betreffend den Bau neuer Schiff sahrtS-Canäle und die Verbesserung vorhandener Wasserstraßen.

Berlin, 14. Juli. DieMil. Pol. Corresp." schreibt: Von dem neuen Vicepräfideoten des StaatSminiftertumS, Herrn v. Miquel, wird behauptet, daß er in kürzester Frist eine programmatische Rede halten werde. Dieselbe werde von den Bielefelder und Kölner Aussprüchen des Kaisers auSgehen und eine nähere Darlegung und Erweiterung der in jenen in den Vordergrund gezogenen Gesichtspunkte bringen.

Berlin, 14. Juli. OfficiöS wird der Unfall des Kaisers an Bord der Hohenzollern folgendermaßen ge- schildert: Nach Abhaltung des Gottesdienstes, welcher um 11 Uhr Vormittags beendet war, begab sich der Kaiser auf daS Brückendeck, um in dem dort befindlichen Salon einen Vortrag entgegenzunehmen. Vorher ging der Kaiser erst

Feuilleton.

Herr Rentier Murmrlmsnn.

Humoreske von Fr. Thieme.

(Schluß.)

Natürlich segnete ich nun den Zufall, der baß in­teressante Ehepaar in mein Abtheil führte. Ich legte von Stund an Gl wicht auf die Bekanntschaft und bemühte mich, durch vermehrte Herzlichkeit zu ersetzen, was ihr an Länge der Zeit gebrach. Mit Dank nahm ich das Anerbieten der allen Dame an, mich der Familie anzuschließen, und was für herrliche Stunden verlebte ich mit dem wirklich schönen, gemüthvollen und liebreizenden Wesen!

Ehe wkr'ß unß versahen, waren wir in Jena angelangt und stiegen den steilen FuchSthurmweg hinauf.

Murmelmann keuchte und raisonnirte entsetzlich. Alle Minuten fragte er, ob man nicht bald oben und ob oben rin Restaurant fei. Der gute Mann verspürte Appetit, außerdem fehlte ihm jede Befähigung zum Dauerläuser und Bergfex.

Da er uni nicht recht traute, fragte er einen vorüber­gehenden Studenten, wie weit noch sei biß auf die Höhe.

Der lustige Bruder Studio, den Frager mit pfiffigem Schmunzeln messend, erwiderte:O, nicht mehr weit, höchstens zwei Stunden."

Was?" schrie Murmelmann,zwei Stunden man hat mir gesagt, wir hätten im Ganzen kaum dreiviertel zu steigen?"

Dann hat man Sie falsch berichtet. Wissen Sie nicht, daß der HauSberg, worauf der FuchSthurm steht, nach der Schneekoppe der höchste Berg Deutschlands ist?"

Schimpfend ächzte der Rentier hinter uns drein.

Sehen Sie nur, wie er schwitzt," flüsterte mir seine Frau zu.So ist ihm gerade gesund. Passen Sie auf:

oben kehren wir nicht ein, vielmehr steigen wir nach Ziegen­hain ab, dann führe ich ihn heute noch auf den Forst und auch nach Ammerbach"

Um Gotteswillen, Frau Murmelmann wird er das aushalten?"

Er muß!"

Armer Murmelmann! Wenn du eine Ahnung von dieser schrecklichen Verschwörung gehabt hättest! Und hinter allen Restaurant! wollte fie dich wegführen, ohne daß du eS wußtest! Dursten und hungern bei all der Anstrengung,!

Endlich hatten wir ihn oben. Unß einer größeren Ge­sellschaft anschließend, glitten wir pfeilschnell den Abhang hinab. Ehe wir's unß versahen, standen wir vor HanfriedS Gasthof, aber wir waren nicht vollzählig. Murmelmann war verschwunden.

Wo ist mein Mann? Wo ist Papa?"

Oben hatten wir ihn noch gesehen. Gewiß fitzt er oben tn dem FuchSthurmhauS und ruht fich aus. Warten wir ein wenig.

Prosit Mahlzeit. Wir warteten eine halbe, eine ganze Stunde. Murmelmann kam nicht. Frau Murmelmann wurde immer besorgter und ängstlicher. Wir stiegen wieder hinauf nirgends ein Murmelmaun zu sehen.

Der arme Mann hat fich verirrt," klagte die Frau. Wir müssen ihn suchen, er wird in Verzweiflung sein."

In der Thal: wir forschten nach ihm den ganzen Tag. Da wir vom Forst gesprochen hatten, erstiegen wir diesen in der Hoffnung, er würde fich dort einfinden. Aber er war nicht da. Wir nahmen Lichtenhain, Ammerbach' und eine Reihe Etablissements durch, keine Spur von ihm. Nie­mand wußte etwas von ihm. Es war ein anstrengender Tag. Wir liefen in der Jultgluth wie Eilboten und schwitzten redlich den Schweiß der Edlen. Endlich drängte die Zeit zum Bahnhof. Total erschöpft langten wir daselbst an.

Vielleicht treffen wir ihn hier," sagte ich.

Und ich hatte recht. Im Wartezimmer erster Klaffe saß Murmelmann, ein Bild stillen Friedens, vor einer großen Kanne Weißbier und einer Rostwurst und blickte unß verschwitzte, bestaubte, schwer athmende Sterbliche mit mildem Lächeln an.

Hier bist Du? Gott sei Dank, daß ich Dich gefunden habe ich Angst gehabt, Mann! Den ganzen Tag haben wir nach Dir gesucht."

Aber warum denn? Ich bin doch kein Kind. Ruht Euch aus, Ihr habt noch Zeit genug."

Diesem Rathe folgten wir sogleich.

Seit wann bist Du denn da, Papa?" fragte Gertrud neugierig.

Ich? Seit warte einmal seit heute Vormittag um elf."

Ach, du lieber Gott!" Frau Murmelmann fiel aul den Wolken.Und wir Unglücklichen o wie schändlich."

Murmelmann verzog triumphirend das Gesicht.

Geschieht Euch recht, warum wolltet Ihr mich hinein- legen. Ich habe heute früh in der Bahn alles gehört. Da dachte ich: mag doch laufen und Gegenden ansehen, wem ß Spaß macht. Mir nicht. So ging ich direct hierher und hat mir ausnehmend gut hier gefallen. Wenn sein muß, reife ich alle Sonntage mit. Kellner, zahlen!"

Ich will nicht verrathen, was Herr Murmelmann in der Zeit seiner Anwesenheit alles verzehrt und getrunken hatte, weil er nämlich jetzt mein Schwiegervater ist, mit- theilen kann ich aber, daß et fich, soweit sein Embonpoint in Frage kommt, seitdem sehr verändert hat er ist näm­lich noch viel dicker geworden, denn seine getreue Gattin ist nie wieder zu bewegen gewesen, dieser ersten verhängnißvolleu EutfettungSreise eine zweite folgen zu lassen.