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Hi-^rner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamikiendtäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigrlegt.
Zweites Blatt« Samstag den 16 Januar
1897
Gießener Anzeig er
Kenerak-Mnzeiger.
Vierteljähriger ASonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Aints- und Anzeigeblutt für den Ttveis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den I ftdttAlle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen j
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. I v» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Lheit.
Bekanntmachung, betreffend: die Veranstaltung von Berloosungen innerhalb deS GroßherzogthumS.
Die mit Verfügung Großh. Ministeriums deS Innern und der Justiz vom 16. Mai 1896 genehmigte Verloosung zu Gunsten des Turnvereins zu Homberg a. d. Ohm ist mit Genehmigung Großh. Ministeriums deS Innern vom 28. v. Mts. auf den 22. April 1897 verlegt worden.
Gießen, den 14. Januar 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: das Ersatz-Geschäft für 1897.
Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr- Ordnung werden aüe im Jahre 1877 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine dtfinitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirth. schaftSbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufdalten, hiermit aufgesordert, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom IO. bis zum 25. Januar l. Js. bet der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte nicht geboren find, ihren Geburtsschein, welcher «unmehr bei dem betreffenden Standesamt zu erwirken ift, und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlaffen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark ooer mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Thetlnahme an der Loosung ausgeschlossen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.
Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit
Feuilleton.
Sine Spaperfahrt nach Norwegen.
Reiseerlebnisse von Joseph Kahn, Ranstadt (Oberhessen).
(5. Fortsetzung.)
Nun steuerten wir dem 40 Meilen entfernten Christian- sand zu, wo wir unS auch nur wenige Stunden aufhielten und uns deßhalb gar nicht in das Innere der Stadt wagten, von hier bis Stavanger hatten wir günstiges Werter und eine herrliche Fahrt begann. Welche großartige, überwältigende Scenerie sieht das Auge. Immer neue Schönheiten, immer anders geformte Gebirge. Berge, deren Gipfel von ewigem Schnee glänzen, schnell herunterrieselnde Wasserfälle, hohe Felsen, die uns näherrücken oder mitten im Meere stehen, zwischen diesen felsigen öden Erhebungen liegt manchesmal ein kleiner Garten, ein Stück Wiese mit einem reiten Häuschen dabei.
Doch ich vermag nicht die Reize der Natur so darzustellen, wie ich fie wirklich auf jener Fahrt sah und bewunderte. „Es muß fich göttlich dort wohnen," meinte vodow. „Hierher w ll ich einstens meine Hochzeitsreise wachen, in einem solchen Neste kann man doch mit Ruhe die Flitterwochen verleben, seine Sirsta verbringen, ohne von ben Nachbarn gestört zu werden, höchstens daß ein Walfisch neugierig werden könnte." So philosopirte er, bis ihn Müller endlich aus feinen Betrachtungen mit der Bemerkung riß, daß die Berge doch noch höher wären, wenn sie in Berlin stünden.
Natürlich waren wir nur sehr selten in unseren Cajüten. Nordau'S geistvolles Werk „Paradoxe" lag noch unauf- geschnitten in meiner Reisetasche, und ich schneide doch so gerne auf. Aber wer hätte in einem anderen Buche als hem der Natur lesen wollen. Sogar unsere Mahlzeiten wurden auf dem Verdecke eingenommen.
Freitag Morgen sahen wir Stavanger vor uns liegen. Die Einfahrt ist wirklich vrachtvoll. Man wird gewisser- I
avweieno find, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen Anmeldungen verpflichtet.
Die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.
Gießen, den 2. Januar 1897.
Der Civilvorfitzende
der Großherzogltchen Ersatz Commission Gießen.
I. V.: Dr. Wüst.
(§) Mucke, 13. Januar. In Ergänzung unseres Be- richtes über die fortwährende Zunahme des Verkehrs auf Mücke und der dortigen Gebäude und Anlagen bemerken wir noch, daß die Bierbrauerei Wallach in Alsfeld erst dieser Tage wieder einen Bauplatz für die Summe von 1200 Mk. käuflich erworben hat.
? Stockhausen (bei Mücke), 13. Januar. Der hiesige Landwirth B. führte sein kürzlich gekaustes Pferd zur Schmiede, um es beschlagen zu laffen. Auf dem Wege zur Schmiede schlug das Pferd ouS und traf feinen Herrn mit solcher Gewalt, daß ihm das Schienbein zerschmettert wurde. Der Mann stürzte zu Boden und das Pferd ging durch, seinen Besitzer eine ziemliche Strecke mitschleifend. Das Pferd scheint die Freiheit sehr zu lieben, denn früher ging es schon einem Pferdehändler in der Gegend von Hungen durch und hielt sich dort einige Tage in Wald und Feld auf, bis eö wieder eingefangen wurde. Diesmal aber gelang es seiner rasch wieder habhaft zu werden. Sein jetziger Besitzer wurde in die Klinik nach Gießen verbracht.
Bad-Nauheim, 13. Januar. In der israelitischen Kinderheilftätte dahier wurden in der letzten Saison 64 größtentheils skrophulöse Kinder verpflegt, von denen 31 aus Frankfurt a. M. waren. Im Frühjahr soll mit dem Bau eines eigenen Heims begonnen werden, das einen Kostenaufwand von 200000 Mk. fordern wird.
§§ Vom Vogelsberg, 10. Januar. Nachdem die Bahnstrecke Lauterbach-Gedern genehmigt und eine Theil- strecke Lauterbach - Grebenh ain auch bereits vrrmeffen ist, ist über den Baubeginn noch nichts bekannt. Vielfach haben fich Comiiss gebildet, um den Bau der Bahnstrecke fördern zu helfen, so in Büdingen, welches die Bahn von da aus über Rinderbügen, das Seementhal, Völzberg, Crainfeld nach Lauterbach gebaut wissen will. Ein anderes Comitv soll fich in Hirzenhain gebildet haben, um den Bau
maßen überrumpelt von der eigenartigen Farbenzusammen- stellung des Bildes. Der Hafen mit seinen vielen Schiffen, Kähnen und Masten sieht recht lebhaft und bunrig aus. Hier betreibt man neben einem bedeutenden Holzhandel auch schon Fischkxport. Ganze Hütten voller geräucherter Fische stehen am Strande, Tonnen werden hin- und hergerollt, Boote kommen an mit frischen Meerbewohnern, große Schiffe liegen da, die allerhand Fracht aus- und einladen, kurz, es ist ein Bild, das kaletdoscopisch auf uns wirkt. Die Häuser in der Nähe des HafenS haben fast keine andere Schtlder als mit „FiSkkontor" bezeichnete.
Die Stadt an fich ist wie alle anderen Städte, mit Ausnahme Bergens, von keiner besonderen Schönheit. Die Straßen find breit, die Häuser find theils von Holz, theilr aus Stein gebaut, übrigens sieht alles recht proper aus. Die Straßen find ziemlich belebt,- was mir besonders auffiel, war, daß die Wirthschasten alle dicht besetzt waren und daß daS Geräusche in denselben ein fo laute- war, daß man annehmen konnte, die Leute befänden fich in keinem nüchternen Zustande. DaS einz ge Gebäude, daS den Fremden reizt, ift natürlich die Domktrche. Die Kanzel stammt au- dem 9. Jahrhundert und 'st sehr künstlerisch ausgestattet. Auch ein sehr alte- Taufbecken ist dort, daS allgemeine Bewunderung durch die feinen Einmeißelungen erregen muß. Die Kirche ist circa 60 Meter lang. Das Schiff und das Vor- hauS sind aus Granit aufgeführt, die Ecken und die Fenster-, sowie Thüreinfaffung aus gehauenem Speckstein. Das Chor ist in reichem Spitzbogensttl und ganz von Steatit. Auf jeder Seite des östlichen Endes des Chores ist ein viereckiger Thurm, in welchem zwei Capellen find, die jetzt als Sakristeien benutzt werden. Nachher liefen wir ein wenig in den Straßen umher und betrachteten uns die Leutchen. Die norwegischen Männer und Frauen find fast alle blond und haben fehr Helle Haare. Die Tracht der Männer ist eine zebraarrig gestreifte Jacke mit dunkelblauen Hosen, während Frauen, Mädchen und fttnder rothe und verzierte Mieder und buntige Schürzen trogen. Die Röcke werden sehr kurz getragen, f
der Bahn von da über Gedern nach Lauterbach zu betreiben. Auch in Freiensteinau hat sich eine Vereinigung gebildet, um den Bau einer Bahn von Steinau (Station der Bebra- Frankfurter Bahn) über Freiensteinau bei Grebenhain in die Bahnstrecke Lauterbach Grebenhain anzustreben. Ferner soll von Birstetn resp. Wächtersbach aus eine Zweigbahn angeregt werden, die etwa bei Völzberg in die Linie Lauterbach-Gedera einmündet.
□ Darmstadt, 13. Januar. Minifterialrath Muhl hat sich vor einigen Tagen nach Gardone (Riviera) am Gardasee zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit begeben- man spricht mehrfach von seinem demnächstigen Rücktritt als wahrscheinlich. — Der Vortrag über Polar- forschung von Dr. Jul. v. Payer aus Wien hatte an 500 Personen versammelt und bewies wieder, ein wie großes Interesse für wiffenschaftliche Reisebestrebungen in unserer Stadt besteht.
* Hanau, 12. Januar. Die Neustadt Hanau, die durch ntederländtsche und französische Emigranten gegründet wurde, begeht Anfangs Juni d. I. die Jubelfeier ihres 300jährigen Bestehens. Die beiden Kirchengemeinden toerben die kirchliche Feier am 1. Juni, dem historischen GründungS- tage, abhalten und haben dazu den Kaiser als ihren obersten Bischof eingeladen. Die weltliche Feier, bei der u. A. ein historischer Festzug geplant ist, beginnt am ersten Pfingst- feiertage. Die Kosten für die Festtage find auf 60000 Mk. veranschlagt.
* Der starke Zuzug weiblicher Dienstboten nach Berlin veranlaßte die Kaiserin zu einem Schreiben über die Fürsorge sür die weibliche Jugend, worin fie auch auf den erwähnten Nothstand eingeht. Infolge deffen find die Land- räthe dutch den Minister des Innern und die RegierungS- präfidenten dringend ersucht worden, fich die thunlichste Förderung der Bestrebungen des „Vereins sür die weibliche Jugend" besonders angelegen sein zu laffen. Insbesondere sollen fie fortgesetzt dahin wirken, daß die Amts- und Gemeindevorsteher gegen den Zuzug weiblicher Dienstboten nach Berlin thätig sind. Diese Beamten kommen vorzugsweise in die Lage, die Mädchen vor dem Zuzug nach den großen Städten zu warnen und diejenigen, welche fich nicht zurück- halten laffen, im Sinne deS Vereins zu belehren.
• Elberfeld, 12. Januar. In Ohligs beabsichtigt die Stadtverwaltung diejenigen Bürger, die an einem der drei
Unschön ist die weibliche Kopfbedeckung. Ein circa 10 Centi- meter hoher Kreis, mit einem weißen oder farbigen Tuche stramm überspannt, gibt dem schönen Gesicht einen etwa- nonnenhasteu Anblick. Bei Festlichkriteu tragen fie blecherne oder hölzerne Kronen, die bunt angestrichen oder vergoldet find. An der Ausstattung der Mieder und Schürzen wird von den Wohlhabenden viel Sorgfalt verwendet, manchmal fieht man die kunstvollsten Stickereien darauf. Mit Wohlbehagen betrachtete ich mir die schönen markigen Gestalten mit den freundlichen Gefichtern, und al- wir nach einem vierstündigen Aufenthalte wieder auf dem Verdecke standen, um Stavanger ein Lebewohl zuzurufen, flatterten uns eine ganz« Menge Taschentücher entgegen und wir hörten manches Farwell uns entgegenklingen.
Einige Engländer und Engländerinnen waren hier eingestiegen, die nach dem Nordcap wollten. Von da an Härte daS „o how nice, o how beautiful* gar nicht mehr auf. Auch eine Deutsch-Amerikanerin fuhr mit. Sie raisonirte über alles. In Newyork, meinte fie, schmeckten die Speise» viel beffer, man könne nirgends in Europa ein gutes Beefsteak bekommen, auch seien dadrüben die Portionen Gefrorenes viel größer. Ich tröstete fie auf den nächste» Gletscher. „Ich liebe in Amerika zu travelle," meinte fie, „da hat man in den Cars fein EiSwaffer." „Ja, mein Sohn Eduard war doch fenfible, daß er diese Saison i» Newyork geblieben ist." — „Wie alt ist Ihr Herr Sohn?" fragte ich die lamenttreude Dame. — „Mein Eduard wird nächsten Monat fünf Jahre alt," bekam ich zur Antwort. — Wir fuhren an Haugesund vorüber, wo der angebliche Be- gräbnißplatz Harald HaarfagreS (f 933) ist. Sein Denkmal konnten wir ganz gut vom Schiffe aus sehen, es ist in der Form eines Obelisken von rothem Granit, umgeben von einer Anzahl, die einzelnen Volksstämme Norwegens reprä- scntirenden Steine.
(Fortsetzung folgt.)


