Ausgabe 
15.12.1897 Zweites Blatt
 
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N* 294 Zweites Blatt. Mittwoch den 15. December

1897

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Kenerat-Mnzeiger.

und Anzeigeblatt für den Kreis Gieszen.

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H«« Jtnjrtger «scheint täglich, * Ausnahme M MoNtLDs.

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Abnahme vo» «»zeige» zu der Nachmittag« für d« folgenden Lag erscheinenden Nummer bil Bon». 10 llhn.

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Alle «unowtee-Bercaar de« F». und «ullanbt» nehm« I Anzeige» für d«Gieße»er Anzeiger" enlgeg«.

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Amtlicher Thoil.

Bekanntmachung,

betreffend: JnvaliditätS- und AlterSverficheruug der sogen, unständigen Arbeiter (Taglöhner, Wäscherinnen, Büglerinnen, Nähterinnen rc.)

Die nachstehend abgedruckte Bekanntmachung bringen wir mit dem Bemerken zur allgemeinen Kenntntß, daß wir fortan gegen Säumige unnachfichtltch Strafanzeige erheben werden. Gießen, den 10. December 1897.

Großherzogltche Bürgermeisterei Gießen.

I. B.: Wolff.

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 5. Januar 1891 ordnen wir wiederholt auf Grund des § 126 der JnvaliditätS- und AlterSverficherungSgesetzeS an, daß diejenigen Berficherten, welche nicht in einem regelmäßigen ArbeitSverhältuiß zu einem bestimmten Arbeitgeber stehen, sogen, unständige Arbeiter, innerhaib der letzten fieben Wochen­tage eines jeden MonalS ihre Quittungskarte zum Zwecke de? Eontrole dem Rechner der betreffenden Hedestelle vor­zulegen haben.

Dies find in den Landgemeinden die Gemetnderechner, bezw. besondere örtliche Hebestellen,- in der Stadt Gießen die örtliche Stelle (Bürgermeisterei).

Wird hierbei nachgewtesen, daß die Beiträge für einen »der mehrere Monate im BorauS entrichtet find, so find die Berficherten für diese Monate von der weiteren Vorlage der Karten entbunden.

Die Zuwiderhandlung gegen diese Controlvorschrift unter« liegt der im § 126 bezeichneten Strafe

Wir bemerken dazu, daß der Vorstand der Versicherung»« anstalt seine Controlbeamten angewiesen hat, jedeSmal fest» zustellen, welche Berficherten der Vorschrift nicht uachgekommen find, und Anzeige zur Bestrafung zu erstatten. Wir erwarten von den Inhabern der Hebestellen, daß fie keine Gelegenheit versäumen, die Verpflichteten auf die Befolgung der obigen Vorschrift aufmerksam zu machen, damit Verfehlungen mög­lichst verhütet werden.

Gießen, den 1. December 1897.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Ausschreiben.

Weiner, Marti», Schneidermeister dahier, ist seit dem 10. ds. Mts., Vormittags, verschwunden. Tin Theil seiner Kleider ist am linken Lahunfer in der Gemarkung Gießen gefunden worden.

Rach zurückgelaffenen Briefen steht außer allem Zweifel, daß derselbe seinen Tod in der Lahn gesucht und auch ge­funden hat.

Weiner ist 62 Jahre alt, 1,80 Mir. groß, schlank, schmal, hat starke Nase, melirte Kopshaare und Vollbart. Er trägt dunkelgrünlich auSsehende Eheviothose und Weste, hellgraues Jägerhemd, Gummihosenträger, dunkelgraue wollene Socken, unbeuagelte einsohlige Zugstiefel, Gummistehkragen und schwarz', mit rothen Tupfen versehene Cravatte.

Man ersucht um Absuchung der beiden Lahnufer und Drahtnachricht, im Falle die Leiche aufgefunden werden sollte.

Für die Auffindung der Leiche ist eine Belohnung Von 80 Mk. ausgesetzt.

Gießen, den 13. December 1897.

Großherzogltche- Polizetamt Gießen.

v. Bechtold.

Deuts ehe» Reich»

Berlin, 13. December. Der Etat der Reichspost- undTelegraphen-Verwaltung fürdaS Etatjahr 1898. Der Entwurf des neuen Etats ist bereits veröffentlicht worden,- nach demselben beträgt der Gesammtüberschuß nach Abzug aller Unkosten 31 Millionen Mark. Er ist also trotz der stattgehabten BesoldungSausbefferung um 1128 043 Mk höher wie im Vorjahre. Die Gesammtzahl aller etatsmäßigen Stellen beträgt 79715. Bon den neuerrichteten 4997 etatS- mäßigen Stellen entfallen 2195 auf Beamte, 2802 auf Uuter- beamte. DaS Gehalt deS StaatssecretärS der Postverwaltuug wird auf Antrag der Budgetcommisfiou der Reichstages von 24000 auf 30000 Mk. erhöht. Neu in Ansatz gebracht find 40 etatsmäßige Siellen für Telegraphengehilfinnen, da diese jetzt nach einer (Srsammtdienstzeit von zwölf Jahren etatS« mäßig angestellt werden mit einem Gehalt von 1100 bis 1500 Mk: nebst WohnungSgeldzufchuß. JnSgesammt werden z. Z. in 21 Bezirken 2800 Fernsprechgehilfinneu beschäftigt. 7 Aemter 2. Klaffe werden tu die Reihe der Aemter 1. Klaffe etngereiht, 13 Aemter 3. Klasse werden zu solchen 2. Klasse und 29 Agenturen zu Aemtern 3. Klaffe vorrücken. Neu eingerichtet werden 229 Postagenturen. Die im deutschen Schutzgebiete bestehenden Postagenturen, welche zum Theil durch Privatpersonen verwaltet werden, sollen zukünftig Post-

asfisteuten als Vorsteher erhalten. Auch beim deutschen Post­amte in Shangai wird deS gesteigerten Verkehrs wegen ein zweiter Beamter zur Anstellung gelangen. Zur Beschleunigung des E>l- und TelegrammbestelldtensteS werden in den «eisten größeren Städten wettere Fahrräder eingestellt werden. So in Berlin, Bremen, Breslau, EmS, Dresden, Frankfurt a. M., Hamburg, Königsberg rc., inSgefammt 86 Zweiräder und 32 Dreiräder._____________

Der holländische Schmugglerhund.

Den Schmugglerhund trifft man im Allgemeinen in Grenzorten derjenigen Länder an, wo von Artikeln, deren Verpackung nur einen geringen Raum in Anspruch nimmt, hohe Zölle erhoben werden. Es liegt auf der Hand, daß der Schmugglerhund kein Rassehund ist; an der französisch« belgischen Grenze z. B. verwendet man, um das scharfsichtige Auge der Beamten zu täuschen, eine Art großer Dogge, nicht so schwer, als die Mastiffs, aber doch schwerer als die Bull­dogge; vielleicht eine Kreuzung dieser Beiden. Zwischen der holländischen, belgischen und holländisch-deutschen Grenze wird ein gewöhnlicher, großer, starker und vor allem schlauer Hund zu diesem Manöver verwandt. Schlauheit des Thieres ist die Hauptsache, ferner eine besonders feine Nase und ei« vorzüglich feines Gehör. Sie müssen kräftig gebaut und doch gewandt sein, dazu gut unter Appell stehen und selbstverständ­lich von Hause aus wachsam sein.

Wie kräftig aber auch der Schmugglerhund ist, so wird er doch nicht darauf abgerichtet oder dazu benutzt, große Lasten zu tragen; seine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Tabak, Cigarren, Spitzen und dergleichen zu befördern; mit einem Wort: solche Artikel, die ohne schwer zu sein, hoch verzollt werden müssen, und an denen in Folge dessen etwas zu verdienen ist.

Die Dressur des Schmugglerhundes ist langwierig und schwierig- der Hauptwitz besteht darin, ihn zu lehren, ganz allein nach einem bestimmten Hause jenseits der Grenze z« laufen, ohne dabet gesehen zu werden, sich dort die ge­schmuggelten Maaren abnehmen zu lassen und sich dann, mit einem dort empfangenen Packet nicht nach der Wohnung sei­nes Herrn, sondern nach einem andern bestimmten Platz an der diesseitigen Grenze zurück zu begeben, sich unterwegs nirgendwo aufzuhalten und vor Allem nicht den Grenzbeamten als Ziel für ihre Kugeln zu dienen.

Schmugglerhunde bewegen sich deßhalb gewöhnlich dv» Nachts oder des Abends und zwar allein, dabei vermeiden sie sorgfältig alle gebahnten Wege. Ihre besonders feine Nase läßt fie jede Gefahr wittern und sie thun keinen Schritt, ohne sicher zu sein, daß ihnen nichts zustößt.

Fsrnlletsn.

Der W i l d s« n g

Von O. Seeher.

(2. Fortsetzung.)

Gemüth so namenlos beunruhigt, schwanden, Ruhe und Be­sonnenheit traten an ihre Stelle, und das alte seelische Gleich­gewicht, daS Gertrud ehedem noch in keiner Lebenslage ver­lassen, kehrte zurück, mit ihm die Seligkeit jenes Augenblicks, in dem er ihr seine Liebe offenbart hatte.

Sprich das Zauberwort noch einmal aus, und ich glaube Dir," flüsterte fie.

Er verstand fie.

Gertrud, sei mein, wie ich Dir angehöre für alle Zeit," sprach er innig, bann setzte er lächelnd hinzu:O, Dn kleine Eifersucht! Du hast mich für flatterhaft gehalten, und da der Schein gegen wich ist, so soll Dir das Recht der Aufklärung zu Theil werden- höre mich an!"

Und nun berichtete er in gemüthvoll launiger, doch so zweifellos wahrheitsgetreuer Weife, daß das völlig überzeugte Bräutchen bald an feinem Hälfe hing und ihm den Mund mit Küffen verschloß.

Auch die kleine Unschuld empfing ihren Theil.

Verzeiht wir beide," bat Gerttud weich.Wie konnte ich so thöricht sein- ich habe das erste Examen schlecht be­standen, mein Walter, aber dafür eine Lehre erhalten für mein ganze- Leben."

Ich nicht minder I" rief das kleine Fräulein eifrig, bann aber erröthete fie, und alle lachten.

So wurde, wie Dorchen voraulgefagt, dieses Quü pre qno oder besser Quia pro qno daS keine Mitwisser hatte, fortan nur noch scherzhaft behandelt.

Am Polterabend erfolgte dann die feierliche Beröffent- Hebung der Verlobung. Sie war so geheim gehalten worden, daß Jedermann bereits davon wußte.

Ihr folgte daS luftigste, aber auch daS glanzvollste Fest, daS die Braufewalter Oberförsterei je in ihren Räumen gesehen hat.

(Schluß folgt.)

gleiche Wunsch beseelt, den herrlichen Morgen im Walde zu­zubringen, und fie waren zufällig im Htrschwinkel zusammen- getroffen. DaS Fräulein hatte dem jungen Manne auS- weichen wollen, er war aber auf fie zugeschritten, hatte fie gebeten, auf der Bank Platz zu nehmen, und sie dann un­befangen wegen deS Mißverständnisses am Abend vorher um Entschuldigung gebeten, ihr auch alles Weitere gestanden. Und daS verständige Kind hatte ihm sofort verziehen. Mit den treuherzigen Worten:Et, Herr Doctor, haben Sie eine gute Wahl getroffen, ich wünsche Ihnen von Herzen Glück!" reichte fie ihm in demselben Augenblicke die Hand, als Gertrud in den Htrschwinkel eintrat.

Diese hätte nun wirklich fliehen mögen, wett, weit fort, allein die Füße versagten ihr den Dienst- wie angewurzelt blieb fie stehen und starrte auf daS anscheinend recht ver­traute Paar.

Da blickte Walter auf.

Gertrud, mein Alles!" rief er und eilte auf fie zu, Du kommst zur rechten Stunde!"

Allein fie streckte ihm abwehrend die Hände entgegen. Dann schien fie der Rest ihrer Selbstbeherrschung verlaffeu zu haben - fie wäre nmgesuukru, wenn fie Walter nicht vor- sorglich in seinen Armen anfgesangru hätte.

Er trug die Willenlose zur nächsten Quelle und hier erholte fie fich unter seinen und deS Fräuleins Bemühungen allmälig. Dann führte er fie zur Bank, lehnte ihren Kopf an feine Schulter und beruhigte fie mit den zärtlichsten Aus- drücken. Auch ihre angebliche Nebenbuhlerin fetzte fich zu ihr und drückte ihr warm die Hand.

Al» Gertrud die Augen aufschlug, blickte fie in daS Antlitz eines uufchuldSvolleu Kinde», dem die hellen Thränen auf den Wangen perlten, und bann in Walter» Augen, die fie hatte meiden wollen und die doch nur die innigste Liebe zu ihr bekundeten. E» war ihr, al» ob fie au» einem bösen, schweren Traume erwachte. Angst und Zweifel, die ihr

Warum muß ich diesen Mann so unsäglich lieben, der offenbar mit den Mädchenherzen ein rnuthwilligeS Spiel treibt!" klagte fie bittet.Freilich, ich kannte ihn nicht. Wer ist nun die Betrogene? O, diese jähe Ent- täuschung! Darf ich ihm wohl noch einmal in die so treu blickenden Augen schauen? Nein nein! Fort von hier! Wie? Etwa fliehen?" rief fie entsetzt. Morgen ist der letzte Tag vor der Hochzeit, morgen soll ich meiner Dora den Brautkranz winden! Ach, meine Thränen werden ihn frisch erhalten!"

Bei diesem Gedanken wollte der Berlaffenen schier daS Herz brechen. Sie warf fich auf da» Bett und nun flössen die Thräaen, mit ihnen tarnen aber auch ein weicheres Empfinden, eine mildere Beurtheilung, ja, Trost und ^°^n@erttnb schlief ein, boch bet junge Tag fanb fie schon wachenb.

Hastig kleidete fie fich an unb ging unbemerkt in ben »alb. DaS wat ein Morgen! Sonnenschein, Bogelsang, Kiefetnbuft, Waldwebeu! Wer kennt eine beffere^Arzuei für ein wnnbeS Menschenherz?

Wundersam beruhigt durchmaß fie rüstigen Schrittes die bekannten Wege drS Forste».

Der Heimweg führte sie durch den Hirfchwtnrel- wer beschreibt aber ihre abermalige Bestürzung, als fie bei de« Betreten de» Thale» Walter und die Gouvernante Hand in Hand auf der Fürstenbank fitzend fand.

Beide hatte nämlich vorweg fei es gesagt der