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Nr. 216 Zweites Blatt. Mttwoch 6ro 15. September
1897
Der Gietzener Jhiieiget erscheint täglich, rott LuSnahme de» Montag».
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Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat August 1897 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:
Hafer Ml. 17,00, Heu Mk. 6,60, Stroh Ml. 4,70.
Gießen, den 13. September 1897.
GroßherzoglicheS KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Sommerliche Vorbeugungsmittel gegen die hygienischen Fährlichkeiten der kalten Jahreszeit.
Von Dr. Grumbach.
(Nachdruck verboten.)
Die oft jähen Witterungsumschläge im Herbst und Früh» jahr, daS rauhe, kalte Wetter im Winter üben erfahrungsgemäß fehr nachtheiligen Einfluß auf Gesundheit und Krankheit aus und spielen unter den Krankheitsursachen eine wichtige Rolle. Da wir aber nun einmal nicht im Stande find, die kalte Witterung und überhaupt unser rauheS Klima zu mildern, so bleibt uns weiter nichts übrig, als die Einwirkung des Wetters auf unfern Organismus möglichst abzuschwächen, unsern Körper unempfindlich dagegen zu machen. Freilich gibt eS noch einen andern, wenn auch nur theil- weisen Schutz gegen die GefundhettSschädlichkeiten deS Winters: man bleibt bei schlechtem, rauhem oder kaltem Wetter einfach in der wohldurchwärmten und geschützten Wohnung. Aber dies winterliche absolute Stubeulebeu ist erstens von den meisten nicht durchführbar, weil eS fich mit ihrem Beruf nicht vereinigen läßt, und zweitens ist es in seinem Zweck vollständig verfehlt, weil es den Körper verweichlicht und verzärtelt. Ein solcher Stubenhocker ist selbst gegen die geringste Ungunst deS Wetters noch empfindlicher wie ein abgehärteter Mensch gegen einen plötzlichen, wirklich sehr großen Witterungsumschlag. Ueberhaupt find Leute, welche ihr Leben fast ganz im Hause zubringen, nur allzuoft schwächlich und kränklich- dagegen finden wir die kräftigsten, widerstandsfähigsten Menschen unter denjenigen, die sehr viel unter freiem Himmel verweilen, wie Förster, Bauern, Land« briefträger. DieS möge uns ein Fingerzeig fein. Tägliche
Bewegung im Freien unter wechselnden WttteruugSverhält- I niffen und zu jeder Jahreszeit ist ein zweckmäßiges Mittel, um fich an Temperaturübergänge zu gewöhnen und Widerstandskraft gegen die schädlichen Einflüsse der Witterung zu erlangen. Jedoch darf man mit dieser AbhärtungScur nicht bis zum Spätherbst warten. Dann ist eS in der Rege! zu spät, die Gesundheitsschädlichkeiten machen fich schon in unangenehmer Weise geltend. Auch wird eine schwächliche Constitution nicht von heute auf morgen zu einer robusten, oder ein verweichlichter Körper in zwei bis drei Tagen abgehärtet. Jetzt schon muß man aufangeu, seinen Organismus gegen die Fährlichkeiten deS Winters zu wappnen. ES gibt im August schon manche Abende, wo nicht mehr „laue Lüfte wehen",- diese bilden, mit Spazierengehen auSgeoutzt, ein gutes Mittel, fich allmählich an die Unbilden der Witterung zu gewöhnen.
Wir besitzen aber noch ein zweites BorbeugungSmittel gegen die schädlichen Temperaturwirkungen der winterlichen Jahreszeit, welches dem eben besprochenen nicht nur mit voller Ebeubürdigkeit an die Seite gestellt werden kann, sondern dasselbe eigentlich noch übertrifft, und seinen höchsten, wahrhaft unfehlbaren Erfolg dann erreicht, wenn eS in Ge- meinschaft mit demselben zur Anwendung kommt. DaS find kalte Bäder und Waschungen. Ein richtiger Gebrauch derselben trägt vorzugsweise dazu bei, die Körperconstitution im Allgemeinen zu stärken, also gegen GesundheitSschädlichkeiten widerstandsfähiger zu machen. Sie bewirken dies dadurch, daß sie einen lebhaften Stoffwechsel Hervorrufen, der Ernäh- rung aufhelfen, die Tätigkeit der Haut und der Nieren er- leichtern, das Herz und die AthmungSorgane kräftigen, daS Nervensystem anregen und aus diese Weise Harmonie in den Functionen der Organe herbeiführen. Dieser günstige Einfluß von Waschungen und Bädern muß fast ausschließlich den Temperaturwirkungen zugeschrteben werden. Wie kommt es nun aber, daß die Temperaturwirkungen des Wasser» für unsern Körper nützlich find, während bekanntlich diejenigen der Witterung schädlichen Einfluß auSüben? Letztere sind eben von »Id zu langer Dauer und ihre Uebergänge meist zu schroff. Die Temperatur deS Wassers dagegen kann man nach Belieben regulieren und seine Einwirkung abkürzen.
Der große Nutzen der Bäder und Waschungen als Bor- bereitungSmittel für die winterliche Jahreszeit besteht eben darin, daß wir die wirklichen Tewperaturschwankungen des Wetters nachahmen können. Nehmen wir z. B. ein warmes Bad von 28 Grad und danach eine kalte Brause von 10 Grad, so haben wir denselben Unterschied von 18 Grad, als wenn
wir im Winter aus einem auf 15 Grad erwärmten Zimmer ohne jede Ueberkleidung in eine Außenkälte von 3 Grad treten. Hier besitzen wir also ein ganz probates Mittel, unseren Körper an die Temperaturunterschiede der kalten Jahreszeit zu gewöhnen. Dadurch wird in vorzüglicher Weise der Temperatursinn deS Körpers geübt, die Haut und ihre Gefäße gewöhnen fich daran, bei jedem Kältereiz fich zusammen zu ziehen, — eS entsteht die sogen. Gänsehaut, — wodurch der Wärmeverlust der Haut bedeutend beschränkt wird. Ein „verweichlichtes", nicht auf Temperaturunterschiede genügend vorbereitetes Hautshstem vermag nicht sofort auf Kälteein- Wirkungen zu reagiren, die Poren bleiben geöffnet, die Blutgefäße an der Oberfläche gefüllt, wodurch eine große Blut- menge fast direct der äußeren Kälte ausgesetzt wird, eS tritt also ein bedeutender Wärmeverlust an der ganzen Körperoberfläche ein: die „Erkältung" ist da!
Natürlich kann man fich einen gut und sicher functionirenden Temperaturfinn auch durch kalte Bäder und Waschungen nicht in einigen Tagen erwerben, zumal empfindliche Personen gut thun, hierbei zuerst in milder Weise mit dem Abhärten vorzugehen. Daher soll man jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern sofort anfangen. In der jetzigen warmen Jahres- zeit kann Jeder, auch wenn er seinen Körper bisher noch so sehr verzärtelt hat, eine solche KräftigungSkur ohne Bedenken beginnen. Am besten läßt sie fich daun ausführen, wenn man eine Brause (mit oder ohne Badewanne) besitzt. ES gibt ja heutzutage so einfache Vorrichtungen dazu: ein Timer, der zu der nöthtgen Höhe hinaufgezogen werden kann und auf einen Zug an einem Ventil daS Wasser durch einen Brauseansatz nach unten auStreten läßt- an dem runden Ge- stell, das den Eimer trägt, ist zugleich ein wasserdichter Vorhang befestigt, der auch daS abspritzende Wasser in daS Becken sammelt, worin die Füße stehen. Wer eS irgend haben kann, sollte jeden Tag eine solche Regenbrause mit Wasser von 25 bis (später) 20 Grad R. nehmen. Morgens bei ganz nüchternem Magen vertragen eS allerdings nur wenige. Schwächliche thun daher besser, daS Brausebad auf eine spätere Zeit deS Vormittags, etwa bis auf eine halbe Stunde vor dem Mittagessen, oder bis Nachmittags mehrere Stunden nach demselben zu verschieben. Nach der Waschung trockne man fich mit einem groben Leintuch oder mit sogen. Frottirstoff sorgfältig ab und kleide sich gleich an. Wer fich durchaus keinen Braufeapparat anschaffen kann, muß fich mit kalten Ganzwaschungen begnügen, die aber wegen ihrer geringeren Wirkung um so regelmäßiger vorgenommen werden müssen.
Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher, kalter und langer Winter bevorsteht, der viele Menschen auf da»
den
„Presfirt eß denn so?" fragte der immer lächelnde Consnl auch diesmal lächelnd.
„Bin gern pünktlich," sagte WelmS. „Doch halt, da fällt mir ein, daß Sie vielleicht die große Güte haben möchten. Sie wollen zur Post und wenn Sie mir einen besonderen Gefallen erweisen würden —"
„Soll ich den Geldbrief mitnehmen? Wenn ich Ihnen damit dienen kann —"
„Wie freundlich," rief WelmS, „aber von unserem Herrn Consnl ist man'S nicht anders gewöhnt. Möchten Sie einen Augenblick warten. Ich hole den Brief."
„Mit Vergnügen," sagte der Consnl und lächelte wieder.
WelmS eilte nach dem Comptoir und wieder zum Fenster.
„Beschwert er Sie auch nicht?" fragte er, dem Consnl
Feuilleton.
Bd es regnen wird?
@ine heitere und wahre Geschichte von Carl Neumann-Strela (Fortsetzung.)
Sobald das Holz in seinem Besitz war, zählte er in seinem Comptoir den Betrag dasür ab. AuS der ledernen Brieftasche zehn Kassenscheine ä 500 Thaler nehmend, be- schwerte er dieselben zunächst mit Scheere und Lineal. Dann wurde der Brief geschrieben, ein festes Hanfcouvert gewählt, in dieses Brief und Geld gelegt, das Licht angezündet, Siegellack, Petschaft genommen, das Ganze mit fünf mäch- tigta Siegeln versehen und die Adresse geschrieben. So, fertig! Doch plötzlich kam eS ihm vor, al» ob das Couvert für zehn Scheine nicht fest und sicher genug sei. Man konnte nie wissen! In dieser Beziehung hatte man schon die bedenklichsten Dinge gehört. Lieber ein noch festeres Couvert suchen, fich lieber die Mühe noch einmal machen. So geschah eS denn auch.
Bis er seinen gewohnten Spaziergang machen würde, halte der Brief natürlich Zeit. Es wäre am einfachsten, ihn daun selber zur Post zu bringen.
Punkt 3 Uhr machte WelmS wie gewöhnlich das Fenster wieder auf und hielt die Hand hinan», dabei wandte er den Kopf und fragte: „Ob e» regnen wird?" — „Kann vielleicht fein," meinte Miening. — „Dann bleibe ich lieber zu Hanse."
Die Hand noch anSgestreckt, fühlte er plötzlich ein sanfte» Klopfen.
„Ah, der verehrte Herr Consnl I Eine kleine Promenade machen?"
„Ich will zur Post."
„Wollte auch eben hin, um einen Geldbrief aufzugeben. Meine Frau meinte aber, eS könnte Regen geben."
Geldbrief reichend.
„Fünftausend Thaler in Kassenscheinen," la» der ge- fällige Herr auf der Adresse, knöpfte den Rock auf, schob den Brief in die Tasche und sagte: „Beschwert mich nicht im Geringsten, besorge ihn wirklich gern."
„Herzlichen Dank im Voraus."
„Keine Ursache, bin zu solchen Diensten stet» gern bereit."
„Ja, unser Herr Consnl, immer galant, daS weiß die ganze Stadt."
„Na, denn Adieu!"
„Der Postfchein hat natürlich keine Eile. Ob Sie ihn haben oder ich ist einerlei."
„Ja, ja," sagte der Consnl, „noch ein klein wenig mehr
al» vorher lächelnd.
„Auf Wiedersehen!" rief WelmS.
„Auf Wiedersehen," sprach der Consnl, „grüßen Sie
„Wirklich ein zn lieber Herr," meinte Miening. „Paß ans, nächstens kriege ich auch noch Blumen von ihm.
Etwa acht Tage später fiel ihr der Postschein wieder ein.
„Richtig," sagte Welms auf ihre Frage, „daran habe
ich gar nicht mehr gedacht. Aber eß ist ja einerlei, ob er bei mir oder bei ihm liegt."
„Gewiß, die Hauptsache ist nur, daß Dein Lieferant gleich das Geld bekam."
„Natürlich! Mein Grundsatz bleibt: baar gegen baar."
Wieder acht Tage später fragte Miening, ob der Postschein jetzt im Pulte läge.
„Sieh doch," rief Welm», „wie vergeßlich ich bin! Bei unserem lieben Herrn Consnl liegt er natürlich im Pult- ich will ihn mir aber geben lassen. Nur der Ordnung wegen, denn sonst ist e» einerlei."
„Hast Du ihn jetzt?" fragte Miening einige Tage darauf.
„Ich habe den Consnl seitdem noch nicht gesehen," erwiderte Welm». „Bei jedem Andern wäre ich ängstlich, aber bei unserem Consnl . . ."
„Freilich, bei unserem Consnl," wiederholte Miening und fügte hinzu: „Er wird doch nicht krank fein?"
„Will gleich mal 'rumschicken . . . Rieke!"
Das Dienstmädchen trat ein, erhielt den Auftrag, nach dem Befinden deS Herrn Consnl» zu fragen und brachte den Bescheid, daß der Herr Consnl verreist sei.
„Darum sah ich ihn auch nicht. Seit wann denn und auf wie lange?"
„Hat mir keiner gesagt," erklärte Rieke und ging in die Küche.
Miening wollte noch etwas bemerken, doch WelmS verließ plötzlich die Stube. Ihm fiel ein Brief ein, den er noch schreiben mußte, auch nur der Ordnung wegen, und er schrieb ihn in seinem Comptoir.
(Schluß folgt.)


