Ausgabe 
14.12.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 293 Erstes Blatt D'H Dienstag den 14. December

1897

Drr

Menet An,ei-er erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.

Die Gießener

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Siebener Anzeiger

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieszen.

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm.I chratisöeikage: Gießener Aamilienblätter I ^"«.'7,'°^^'

Bekanntmachung.

Die Herren LandwirthschaftslehrerLeithiger in Alsfeld, Dl», v. Peter tu Friedberg und Andrä tu Büdingen sind ersucht worden, in den Gemeinden deS Kreises Borträge «über die Bedeutung der öffentlichen Lagerhäuser für die Lundwtrthschaft" abzuhalteu. Die hierdurch entstehenden kosten werden auf die landwtrthschaftliche BeztrkSvereinSkaffe übernommen. Für den Fall, daß Sie wünschen, daß tu Ihren Gemeinden ein Vortrag hierüber oder über ein anderes laudwtrthschaftlicheS Thema gehalten wird, wollen Sie sich direct mit einem der genannten Herren LandwtrthschaftSlehrer Ins Benehmen setzen. Falls jedoch der Orr, an welchem der Vortrag gehalten werden soll, nicht an der Eisenbahn liegt, Io wollen Sie den Herrn LandwtrthschaftSlehrer per Wagen an der Bahn abholea und dabtn zurückbrtngen taffen. Diese Kosten übernimmt jedoch der Bezirksverein nicht.

Gießen, den 7. December 1897.

Der Direetor des landwirthschaftl. BezirkSvereinS Gießen. __________________________Jost._________________________

Die Botschaft Me Kinleys.

Wem Gott ein Amt gtebt, dem gtebt er auch verstand, io kann mau mit Recht vou dem Präfideuteu der großen nordamertkanischen Union sagen. Ehe er das Weiße Hau- in Washington bezog, da that sich Mc Kinley besonders da- durch hervor, daß er durchblicken ließ, er werde fein Be­streben vor Allem darauf richten, der Monroe- Docirtu in jeder Weise Geltung zu verschaffen und insbesondere mit Spanten bezüglich Eubas nicht viel Federlesens zu machen. Sr gertrte fich ferner als Silberfreund, machte aber schon in feiner AntrittSbotschaft in dieser Beziehung bedeutende Coucesfiouen für die einer andern Währung Huldigenden. Wir erinnern und noch, daß die Regierung Spaniens be­müht war, den Aufstand auf Euba zu beenden, ehe Mr. Cleveland den Prästdenteuposten an Mc. Kinley abgebeu würde, da man sich vou Letztere« uicht allzuviel Gutes ver­sprach. Eine Zeit lang schien es auch so, als ob ein Con- stict zwischen den Bereinigten Staaten und Spanien auö- brechen würde- die Note, welche Mr. Wordford in Madrid Überreicht hatte, mißfiel den Spaniern sehr und erregte ihr heißes Blut. Aber es folgten daun Erklärungen uach, und es glätteten fich wieder die heranziehenden Wogen besonders seitdem General Wryler von Cuba abberufeu worden und damit dem System der Grausamkeiten ein Ende bereitet worden war. Die Anzeichen, daß die Spanier von den Ber­einigten Staaten nichts zu befürchten haben, finden ihre 8c- stättguug in der Botschaft, welche Mc Kmley an den am H. December in Washington zusammengetretenen Congreß gerichtet hat. Allgemeine Ueberraschung hat die besonnene und die wohlwollende Sprache hervorgerufen, mit welcher fich der Präsident besonders uach Madrid wendet. Freilich wird in die freundlichen Worte die Forderung gekleidet, bald auf Cuba geordnete Zustände herzustellen, aber immerhin dringt tu der Botschaft die Berficherung durch, daß die ver­einigten Staaten niemals einen gewaltsamen Schritt unter- nehmen und in die Rechte Spaniens eingreifen »erben.

Freundlich ist auch der Ton, der gegen Japan ange­schlagen wird. Mit diesem astatischen Staate ist bekanntlich Nordamerika In Conflict gerathen wegen der Erwerbung Hawais- Japan hatte sogar Kriegsschiffe nach der Südsee gesandt, und man glaubte allgemein, daß eS zu einem ernsten Zwischenfall kommen würde. DaS muß nun als ausge­schlossen gelten, da Mc Kinley in seiner Botschaft verfichert, Japan sei jetzt von der Absicht der Bereinigten Staaten überzeugt, alle Fragen, welche die Jntereffen Japans be- rühren, im freundlichsten Sinne zu behandeln.

Die AuSlaffuugeu Mc Kinleys über die wirthschaft- lichen Fcageu sind sehr auSsührlich, und eS scheint, al» ob die Rede des Grafen Goluchowski in den Delegationen nicht ohne Wirkung geblieben ist, wenigstens enthält die Botschaft nichts, was etwa die europäischen Staaten besonders herauS- fordern könnte, wenn mau fich auch vergegenwärtigen muß, daß die Schutzzölle in der Union bereits auf einer Höhe ange­langt find, wüche eine Steigerung vollständig ausschließt. Mc Kinley gab in seiner Botschaft der Hoffnung Ausdruck, daß die Beschwerden der fremden Staaten gegen die neuen handelspolitischen Maßregeln fich wieder beseitigen laffeu- ein Commiffar stehe gegenwärtig mit verschiedenen auswärtigen Regierungen wegen Abschlusses von GegeuseitigkeitSverträgen in Unterhandlung, und ein Erfolg dieser Unterhandlungen sei nicht auSgeschloffen.

Der Congreß wird eine definitive Stellung zur Sin- Wanderungsfrage einzunehmen haben, die bekanntlich schon feit Jahren auf der Tagesordnung steht. Amerika war

früher dem Einwaudererstrom vollständig offen- heute möchte eS am Liebsten dem Gros derselben feine Thür verschließen und nur capitalkräftige Einwanderer aufnehmen. Die Be­schränkungen, welche jetzt bestehen, sind schon recht lästig, sie werden aber wohl noch eine weitere Ausdehnung erfuhren.

Ueber die WährungSfrage spricht fich Mc Kinley nicht deutlich auS- er ist sich wohl selbst darüber noch nicht im Klaren, besonders da auch unter den Congreßmitgliedern in dieser Beziehung große Meinungsverschiedenheit herrscht. Jedenfalls ist der PaffuS feiner Botschaft, in welchem er sagt, er werde dafür sorgen, daß dem Silber zu seinem Rechte verholfen werde, recht dunkel. (x><)

Dewtfdpe* Aeietzstag.

Sitzung vom Samltag den 11. December 1897.

Ein schleuniger Antrag Auer auf Einstellung eines Straf' verfahrens gegen den Abg. Horn wird angenommen.

Es folgt die Fortictznng der ersten EtatSberathung.

Abg. Fritzen (Clr.) stimmt im Allgemeinen den gestrigen Ausführungen deS Retchs-Schotzsecrelärs zu. In Betreff deS Martnegesetzes hofft Redner aus eine Verständigung etwa in der Art, daß von der einen Seite in der Sache, von der anderen Sette in der Form Entgegenkommen gezeigt wird. Dem iür den Bau einer Bahn von Swakopmund nach Windhoek geforderten Betrag wolle er nicht widersprechen, dagegen habe er ernste Bedenken gegen dm Bau des Hafens von Swakopmund. Redner widerspricht dem Abg. Grasen Limburg-Stirum, welcher am Montag erklärt hatte, daß das Ansehen des Deutschen Reiches im Auslände herabgegangen fei Er müsse eine solche Bemerkung als nicht wohl angebracht erklären In einem Augenblicke, wo in Ostasien so wichtige Interessen für uns auf dem Spiele ständen. Aber auch sachlich sei er mit dieser Erklärung nicht einverstanden. DaS Ansehen des Deulschm Reiches sei nicht so gering, daß eS nicht auch die ostasiatische Ange­legenheit zu einem glücklichen und für das ganze Vaterland gedeih­lichen Ende führen werde. Des Weiteren erklärt Redner, die socialen Arbeiten dürften nicht von der Tagesordnung verschwinden; die vornehmste Fürsorge müsse fortdauernd noch der Besierung der Lage der weniger bemittelten Schichten der Bevölkerung gelten. Redner richtet an den Kriegsminister die Frage, ob sich bereits ein Ergebniß der neuerdings in der Duellfrage erlassenen Allerhöchsten Eabinets- ordre bemerkbar mache.

Kriegsmintster v. Goßler erwidert, auf die Verringerung der Duelle mitten sowohl der Oberste Kriegsherr alS auch die Militär­behörden hin. Das Duell sei seit dem Erlaß ehrengerichtlich nur in zwei Fällen zwischen Osfizieren der Armee gestattet worden; in beiden Fällen habe eS sich um schwere Verletzungen der häuslichen Ehre gehandelt. Wie sich in solchen Fällen der Einzelne dazu stelle und welche Sühne er zu verlangen habe, daS müsse dem Etnzelnm überlassen bleiben. Es gäbe eben Fälle der Ehrverletzung, denen gegenüber der Offizier eventuell bereit sein müffe, mit seinem Leben etnzusteben. Eine Anfrage über seine Stellung zum Duell werde an keinm Osfiziersaspiranten gestellt.

Abg. v. Leipziger (cons.) führt aus, wenn neulich von einem Sinken des Ansehens des Deutschen Reiches nach außen gesprochm worden sei, so habe sich dies nur auf die Politik des Grafen Caprivi bezogm.Nach der festen Sprache, die der Herr StaatSsecretär des Aeußrrm neulich hier führte und wenn sich die guten Nachrichten von unseren Ersolgm in Haiti und China bestätigen, können wir unsere leitenden Staatsmänner nur beglückwünschen." (Beifall.) Redner geht kurz auf einige Punkte des Etats ein. Seine Partei sei nicht nur mit der Eisenbahn nach Windhoek, sondern auch mit dem Aus­bau des Hafens von Swakopmund einverstanden. Redner gedenkt zum Schluß mit warmen Worten der untergegangenen braven Mann­schaft und deS TorpevobootsS. 26."

Abg. Bebel (Soc.) tritt den Ausführungen des KriegSministerS entgegen und polemtstrt gegen die Bemerkungen des Abg. v. Leipziger. In der Thronrede und in den Ausführungen des Staatsschatzsecretärs sei die Finanzlage rosa in rosa gemalt; aber es sei wohl jetzt bereits der Höhepunkt der günstigen Lage erreicht. Redner kritisirt sodann die Forderungen für die Marine, bespricht die Mllttärstrafprozeß- vorlage und erinnert an das Versprechen des Reichskanzlers, das CoalittonSverbot aufzuheben.

Präsident Frhr. d. Buol ruft den Abg. Bebel wegen des von ihm gebrauchten AusdrucksPfui" zur Ordnung.

Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe verwahrt sich dagegen, daß er ein bindendes Versprechen, daS Coalttionsverbot aufzuheben, gegeben habe. Er habe damals nur in Aussicht gestellt, daß die Gesetzgebung eingretfen würde, daß eine allgemeine Revision der landesgesetzlichen Vorschriften stattfinden würde. Was die reichS- gesetzliche Regelung angehe, so werde er darauf später zurückkommm.

Kriegsminister v. Goßler erklärt die vom Abg. Bebel an­geführten Zeitungsnachrichten von der Einführung von Maxtm- geschützen u. f. w. für gänzlich falsch. Die Herren hätten von militärischer Organisation nicht die leiseste Ahnung.

StaatSsecretär Tirpttz theilt mit, er habe einen Brief vom Fürsten BiSmarck erhalten, in welchem dieser schreibt, er würde, wenn er im Reichstage wäre, für die Martnevorlage stimmen.

Staatssecretär Graf v. Pofadowsky behält fich weitere Erwiderungen auf die Angriffe BebelS vor. UebrigrnS fei er zu höflich, um Bebel in demselben Tove zu antworten.

Weiterberathung Montag 1 Uhr.

Schluß 5t/< Uhr.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. December. Die »Nordd. Allgem. Z'g." er- klärt, der von ihr am 7. d. M. gebrachte Artikel über die Deutsch-Amerikanische Petroleum-GeseUschaftf, der la der Preffe und In der gestrigen Reichstagsverhandlung als Bertheidigung der genannten Gesellschaft und der Standard-

Oll Company aufgefaßt worden sei, sei Ihr vou privater Seite zugegangen. Nachdem dieNordd. Allgem. Ztg." die den Standpuk kc der Mannheimer Händler vertretende Mittheilong gebracht, glaubte fie auch entgegensteheudeu Aeußerungen drr deutschen Vertreter der Standard Oil-Companh Raum geben zu sollen.

Berlin, 11. December. DleNationalzeitung" ver­zeichnet die Meldung von Unterhandlungen wegen Ad- tsretuog des tunesischen Hafens Blserta von Frankreich an Rußland und meint, die Nachricht habe nichts innerlich Unwahrscheinliches. Ihre Bestätigung würde zeigen, daß Frankreich den heutigen BerkehrSverhälttnffeu Rechnung trage. Seit der Eröffnung deS Suez-CanalS fei da- Mittelmeer für Europa daS Herz des Weltverkehrs ge­worden, die Legende von dem französischen See treffe daher noch weniger als vordem zu.

Wilhelmshaven, 11. December. Corvettev-Capitäa Trug ger wurde zum TranSporrführer nach Ostafiea ernannt. Die Freiwilligen der Garde find hier elogetroffen. Born hiesigen Infanterie-Regiment haben fich 50 Freiwillige für China gemeldet.

Kaiserslautern, 11. jDeeember. Bon den auf der Grube Frankenholz" verunglückten Bergleuten find der Pjälz. Pr." zufolge drei weitere gestorben, fo daß die Ge- sammtzahl der Opfer jetzt 48 beträgt. In ärztlicher Be­handlung befinden fich noch elf Schwerverletzte, doch hofft mau fie sümmtlich am Leben zu erhalten. Die Arbeiten find auf der Grube wieder In vollem Umfange ausgenommen worden. Jutereffout dürfte sein, daß für jene Grubeu- abtheiluvg, in der die Explosion erfolgte, über 200 Bergleute, also die doppelte Zahl der seitherigen Belegschaft, fich neu angrmeldet haben.

Wie», 11. December. Großes Aufsehen erregt eine angeblich inspirlrte Correspondeuz desKrakauer Czaß-, worin eine rein absolutistische UebergangSperlode für Oesterreich augekündigt und Graf Badenl als drr zukünftige Mann derselben bezeichnet wird.

Prag, 11. December. Heute ist der gesamutten Garnison in deutscher und tschechischer Sprache ein Befehl deS CorpS- commando- bekannt gegeben worden, in welchem der Kaiser unter Hervorhebung des vollen Vertrauens auf die bewährte Pflichttreue aller Truppen seine Befriedigung über die aus­nahmslos correcte Haltung aller Truppenkörper ausgesprochen hat, welche berufen waren, anläßlich der jüngsten beklagenS- werthen Ausschreitungen für die Wiederherstellung der Sicher­heit und Ordnung thatkräftig einzugreifen. Der com- mandirende General, Graf ® r nenne, hat daS Ober- commando über die beiden in Böhmen disloeirten Corps übernommen.

Prag, 11. December. Heute begannen vor dem Straf­gericht die Verhandlungen wegen der jüngsten Aus­schreitungen und Plünderungen BIS Mittag wurden sechs Angeklagte wegen Auslaufs, öffentlicher Gewaltrhätigkeit und Diebstahls zu Freiheitsstrafen von drei Wochen bis zu einem Jahr schweren Kerkers verurtheilt.

Lemberg, 11. December. Die gesummte hiesige polnische Preffe räth von der Idee einer polnisch-tschechischen Verbrüderung ab, ebenso von dem Versuch einzelner Kurzsichtiger, Raffenpolitik zu treiben. Bei einer Slavifirung Oesterreichs könne sür die Polen nichts Gutes herauS- kommen.

Loudon, 11. December. Die Herzogin von Teck hat ihr gesummtes Vermögen ihren Kindern vermacht. Der Herzog von Teck erhält nichts.

Loudon, 11. December. Der französische Bot­schafter hatte gestern mit dem Minister der Colonien, Chamberlain, eine Unterredung. ES ist daS erste Mal, daß ein Botschafter in officieller Weise einen Minister besucht hat. Wie es heißt, habe fich die Unterredung um die Niger- frage gedreht. Dieselbe sei in ein kritisches Stadium getreten.

Depeschen bei BureauHerold."

Kiel, 12.December. Prinz Heinrich empfing gestern die Vertreter der Universität, eine Deputation der Stadt und die Vorstände vou 14 Militär- und Kriegervereiuen. De« Vertretern der Univerfität sagte der Prinz, er habe der Auf­forderung deS Kaisers zur Uebernahme des Befehls der Krenzerdivifion gern Folge gegeben nnd hoffe beitragen zu können zur Erweiterung der Macht und Größe Deutschlands. Den Vertretern der Stadt antwortete Prinz Heinrich, er gehe mit Muth und Gottvertrauen an die gestellte Aufgabe heran.