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Viertes Blatt
Sonntag dm 14. November
1897
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schntstratze Ar. 7-
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Vierteljährig«: Abonnementsprei«^ 2 Mark 20 Pfg. rii Bringerlohn.
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Die Gießener A^millenvkälltr werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
-lehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montage.
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Kenerat-Anzeiger.
?hnts« und JJnjcijjcblatt für den Kreis (Sieben.
Annahme von Anzeigen zu der MachmittagS für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
chratisöeitage; Hießener Kamikienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehme» 1 Anzeigen für den „Gießener Anzeiger* entgegse.
Aitttüche» Ttz«it.
Die landwirthschaftl. Haushaltungsschule zu Lindheim
beendigt ihren 2. 1897er Cursus Dienstag den 30. No vember l. I., Nachmittags 2 Uhr, wir einer im Anstatrrgrbäude stailfiabenben Schlußfeier.
Die Angehörigen der Schülerinnen, sowie olle Die» jenigrn, welche an der Anstalt Jnterrffe nehmen, find hierzu freundlichst etngeladeu.
Der nächste fünfmonatliche 19. Cursvs der seit neun Jahren bestehenden Anstalt beginnt
Montag den 3. Januar 1898, wozu Anmeldungen baldigst erberen werben. Für Unterricht und Logis sind 20 Mk. pro Cursus und für Kost und Der« pfleguug 1 Mk. pro Tag zu entrichten.
Die Schule har die Aufgabe, jungen Mädchen iw Alter von 15—20 Jahren die Gelegenheit zu geben, fich diejenigen Kenntnisse und Fertigketteu auzuetgnen, welche zu der Führung einer wohlgeordneten einfachen bäuerlich bürgerlichen Hau«. Haltung heute oothwendig find.
Die unmittelbare Leitung der Anstalt, welche unter der Oberausficht deS landwtrthschaftlichen ProvtnzialveretnS Ober- hefien und des landwirthschastlichen BezirkSvereinS Büdingen steht, ist einem OrtScomüL, einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Jnduftrtelehrerin) anverrraut.
Ausführliche Programme, au« denen alles Nähere ersehen werden kann, sind von Herrn Oberamtmann Western ach er zu Lindhetm, sowie von dem Unterzeichneten erhältlich.
Büdingen, den 5. November 1897.
Der Bolsitzende de« landw. BezirkSvereinS Büdingen. Kltetsch, Geh. RegierungSrath.
Politische Wochenschau.
Irgend ein besonderes Ereigniß, welches unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Grade in Anspruch zu nehmen geeignet wäre, ist auf dem Gebiete der inneren Politik nicht zu verzeichnen. Den jetzt in verschiedenen Wahlkreisen stattgehabten Ersatzwahlen zum Reichstage mißt man vielfach eine gewtffe Bedeutung bei, man will daraus auf den Ausfall der tm nächsten Jahre erfolgenden Parlamentswahlen einen Schluß ziehen können. Inwieweit dies zutrifft, ist schwer zu sagen, umsomehr al« der AuSgang vieler Wahlen von Zufälligkeiten abhängt und die Stichwahlen bei uns eine Haupcrolle spielen. ES wäre vielleicht an der Zett, über dte Zvcckmäß gkett der Pcopoctionalwahien nachzuoenken.
Der Kaiser weile mehrere Tage in der Provinz Schlesien, wo er auch das uebersch w emmun g sg ebte t eingehend tu Augenschein nahm und fich jedenfalls davon überzeugt hat, daß hier mit privater Hülfe nicht« geihan ist, daß vielmehr der Staat in umiaffender Weise elnzurreteu hat. Wenn daneben noch nach Möglichkeit der Ueberschwem- mungsgefahr durch Regulttung der Flußläufe oorgebeugt wird, bann erst hat der Staat seine Schuldigkeit gerhan. Wir vertrauen, daß dte Anwesenheit des Kaiser« an Ort und Stelle der Katastrophe viel dazu beitragen wird, die berechtigten Wünsche oer Beiheiligten in Erfüllung gehen zu sehen.
Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat in dieser Woche erst noch einen kleinen Abstecher nach Gravowo gemacht, von dem er am Donnerstag früh wieder tu Berlin eingetroffen ist. Es steht nunmehr auf Gmud der diesbezüglichen tm RetchSanzeiger veröffentlichten Kaiserlichen Verordnung fest, daß der Reichstag am 30. d. MtS. zuiammentritt, zu wel- chem Termine ihm bereits sämmtliche Regierungsvorlagen zugegangen sein sollen. Dann beginnt daS frtiche, fröhliche, politische Leben, weiches wir einige Monate haben entbehren müffen. Daß dte Mtltlärstrafproceßreform im BundeSrarhe erledigt worden ist, kann nunmehr als ficher angesehen werden, wenngleich darüoer eine officiöse Mittheilung noch nicht vorliegt. In diesen Tagen sind auch dte Novellen zur Ctvil- procetzordnung und zum GerichtsoerfassungSgesetze dem Bern- veSrathe zugegangen, der sie bereits den betreffenden Aus- schliffen überwiesen hat. Bezüglich der Entschädigung un- schaloig Berurtheilter hat dte Regierung eine besondere Bor- l»ge au-arbetten und an den Bundesrath gelangen laffen.
In unserem Nachbarstaate Oesterreich herrschte in di.rser letzten Woche ver^ältntßmäßlge Ruhe, wa« freilich nur auf die Vorgänge tm Pailamente Bezug hat, wo der fürsorgliche Biceplüsiüent Übrahamowitch die Puitdrckel von den Plätzen der Abgeordneten entfernen ließ. Sonst ist dte Äituatton noch äußerst bewegt. Die Rede de« Finauzmtnifter« Biltnekt im österreichischen BudgetauSschuß, in welcher er
auSsührte, daß daS AuSgleichSprovisortum schließlich auch ohne Milwirkung der Parlaments zu Stande kommen könne, hatte in Budapest arg verschnupft, da dort bekanntlich dte Obstruction nur unter der Bedingung Frieden mit der Regierung gemacht hatte, daß der Ausgleich in Oesterreich unter Wahrung voller Gesetzmäßigkeit durchgeführt werde. ES wurden deßhalb zwischen Wien und Budapest Noten gewechselt, worauf Bil'neki am Dienstag bet der Budgetberathung im AuSschuffe wieder abwiegelte. Dte Berhältoiffe in Oesterreich spitzen fich übrigen« immer mehr zu, dte Erregung erfaßt immer wettere Kreise. Oder sind die Vorgänge im Wiener Gemeinderath und die Studentendemonstration vor dem ParlamentSgebäude etwa nicht auf die allgemeine politische Erregung zurückzusühren?
Graf GoluchowSki hat seine Reise nach Monza beendet- bis jetzt ist noch Nichts darüber bekannt, daß seine Fahrt besondere politische Folgen haben wird. An Combinationen vor und während der Reise hat eS wahrlich nicht gefehlt, heute aber schweigt Alles wie auf Verabredung. Aus dem herzlichen Verkehr, welcher in Monza zwischen dem König und seinem Gaste herrschte, darf vielleicht geschlossen werden, daß dte Beziehungen zwischen den beiden Höfen beffere geworden sind.
Am lktzten Tage der Vorwoche hat e« tu Süd- amerika, und zwar in Rio de Janeiro, wieder einmal ein Attentat gegen da-Staatsoberhaupt gegeben. Der brasilianische Präsident MoraeS ist dabet unversehrt gebliebcn, aber sein Krtegsminister hat da- Leben lassen müffen. Solche Ereigniffe find ja in den kleinen amerikanischen Republiken nichts Seltenes, weßhalb fich dte Erregung über den Vorgang auch nur auf einen engen Kreis beschränkt. Dte That soll auf ein Militär- complott zurückzusühren sein, und aus diesem Grunde ist über das Land der Kriegszustand erklärt worden.
Lord Salisburys Rede in der Gnildhall war bekanntlich inhaltlich sehr mager. Frankreich ist nicht sehr da- von erbaut, weßhalb denn in der französischen Preffe lebhafte Erörterungen über dte Ausführungen Salisburys begonnen haben. Und wie recht wir hatten, als wir seine Schilderung der Lage in Indien für allzu optimistisch bezeichneten, geht auS den Meldungen hervor, die neuerdings au« jenem fernen Lande efngehen. Danach bedarf eS noch ganz gewaltiger Anstrengungen, bis die Engländer des Aufstandes Herr sein werden.
Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf den Orient, so können wir nur wiederholen, war wir schon mehrere Wochen haben sagen müffen, daß die Dinge nicht recht von statten kommen wollen. Dar Gleiche gilt von der cubantschen Angelegenheit, über welche bald in diesem, bald tu jenem Sinne berichtet wird. Bleiben wir deßhalb dabet, den Verlauf ruhig abzuwarten, ehe wir diese beiden Fragen einer näheren Erörterung umerzieben.(xx~)
Locales und provinzielles»
** Aus der über die Benutzung und Vermehrung der Universitäts-Bibliothek zu Gießen vom 1. April 1896 bis 31. März 1897 (bezw. vom 1. April 1895 bis 31. März 1896) in den „Mittheilungen der Großh. Centralstelle für Landesstatistik" veröffentlichten Statistik dürften die folgenden Zahlen auch weitere Kreise interessiren. Was die Ausleihe betrifft, so wurden im Geschäftsjahre 1896/97 rund 20 400 (1895/96 rund 19400) Bände verliehen. Gegen das Jahr 1886/8 7, in dem rund 10 700 Bände verliehen wurden, hat sich die Gesammtausleihe demnach nahezu verdoppelt, die Ausleihe nach auswärts dagegen sich vervierfacht. Von auswärts, und zwar in erster Linie von Angehörigen der drei Provinzen des Großherzogthums, ist die Universitäts-Bibliothek, die diesbezüglichen Wünschen gerne nach Möglichkeit entgegenkommt, im Laufe der letzten Jahre in steigendem Maße benutzt worden: im Geschäftsjahr 1896/97 wurden 2072 Bände in 498 Sendungen (gegen 1 486 Bände in 1895/96) nach auswärts verschickt. Unter den 426 einheimischen Benutzern des Geschäftsjahres 1896/97 befanden sich 148 nicht der Universität angehörende Personen und 54 Universitätslehrer. Die die Bibliothek im Wintersemester 1896/97 benutzenden 224 Studirenden repräsentiren 36 °/0 von deren Gesammt- zahl. Den höchsten Procentsatz zu den die Universitäts- Bibliothek benutzenden Studirenden stellen die Historiker, klassischen Philologen, Neu-Philologen und Theologen (80, 88, 77, 67 %), während von den Medicinern 29 %, von den Juristen 26 % sich als Entleiher einfteflten. Von der Groß- herzogl. Hof-Bibliothek zu Darmstadt wurden im abgelaufenen Jahre 599 Bände, von sonstigen auswärtigen Bibliotheken und Archiven 425 Bücher und 626 Handschriften und Archivalien durch Vermittelung der Universitäts-Bibliothek an Hiesige verliehen..
Der gesammte Zuwachs der Universitäts-Bibliothek im i Jahre 1896/97 umfaßte 9 257 Schriften, von welchen 1 364 gekauft, 1 784 als Tausch-, Geschenk- und Pflicht- Exemplare, 353 von der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, 249 vom Oberhessischen Geschichtsverein, 127 vom philologischen Seminar, deren Bibliotheken mit der Universitäts-Bibliothek vereinigt sind, geliefert wurden- der Rest von 5 380 Schriften bestand aus Universitäts- und Schulschriften.
Zum Vergleich mit der angeführten Ziffer der Gesammtausleihe von 20 400 Bänden seien die entsprechenden Ziffern einiger gleichartigen Bibliotheken aus dem vergangenen Rechnungsjahr angeführt: Königliche und Universitäts-Bibliothek Königsberg: 24 893 Bände, Universitäts-Bibliothek Marburg: 21898 Bände, Universitäts-Bibliothek Kiel: 14 770 Bände, Hof-Bibliothek zu Darmstadt: 12 980 Bände. Zum Vergleich hinsichtlich der Vermehrung (9 257 Schriften) stehen nur die Ziffern der Bibliotheken von Königsberg (9 382) und Marburg (9 322) zur Verfügung.
Von den der Großh. Universitäts-Bibliothek in jüngster Zeit gemachten größeren Zuwendungen ist die Schenkung der aus ca. 1000 Bänden bestehenden sprachwissenschaftlichen Bibliothek des am 7. März d. I. verstorbenen Professors des Sanskrit und der vergleichenden Sprachwissenschaft, Dr. von Bradke, hervorzuheben, durch welche die Univ.- Bibliothek eine äußerst werthvolle Bereicherung erfahren hat.
E. Echzell, 12. November. Einen schauderhaften Fund machte gestern Nachmittag eine Jagdgesellschaft, die in der Nähe des Häuserhofes und im Unter-Widdersheimer Wald jagte. Einige Wochen nach Pfingsten verschwand der Landwtrth M. auS Berstadt- da er Verwandte in Amerika hat, nahm man an, er wäre dorthin gereist. M. hatte von jeher ein eigenthümlicheS Wesen und da jede Spur von dem Verschollenen verschwunden war, fing man an, die Sache zu ver- geffen. Gestern machte die Jagdgesellschaft einen grausigen Fund. Ein menschlicher Leichnam lag am Stamme eines Baumes mit einer Schlinge um den Hals- der Kopf der Leiche war zerfleischt, wahrscheinlich von Raben und Füchsen. Oben an einem Baumast fand fich der andere Theil de« Strickes. Die Leiche wurde al« diejenige des verschwundenen M. in Berstadt erkannt. Der Unglückliche, den jedenjalls Trübfinn zu der That getrieben hat, hing so lange an dem Baume, bis das Teilchen mürbe wurde und brach, worauf die Leiche zur Erde fiel. In der Nähe lag ein geschaffener Rehbock, deffen Verfolgung und Aufsuchung auf die Entdeckung des verschwundemn M. führte.
* Eine seltsame sozialpolitische Gründung beabfichtigt Prof. Phtl. Hausen aus M.-Gladbach. Ec will, wie vom Niederrhein geschrieben wird, auf einem großen Gute in der Nähe deS belgischen Städtchen« Lankleav am MaaSkanal eine Mufterstadt gründen, in der vorläufig vertragsmäßig Jedermann irgend eine bestimmte Waarengattung allein, ohne Concurrenz anfertigen oder verschleißen soll. Bis jetzt haben fich etwa 200 Personen unter dieser Bedingung zur lieber» nähme eines Geschäft« oder Handwerks in der zu errichtenden Stadt bereit erklärt. Sie müffen ein Haftgeld von 1500 bis 2500 Mk. entrichten, worin eine Gewährleistung dafür gesehen wird, daß sie trotz ihres Monopols gute Waare zu angemessenen Preisen liefern. In der Stadt sollen Muster- Häuser, -Straßen, 'Werkstätten, Handwetkergenoffenschaften errichtet werden, wozu bereits genaue P-äne aurgearbeitet find. Die Häuser sollen 7 bis 8 Stockwerke hoch werden - die Läden erhalten eine T'efe von 17 Mtr. und werden von zwei Straßen Eingang haben. Jede dritte Straße soll etwa 150 Mtr. breit werden und zur Errichtung von Schulen, öffentlichen Gebäuden oder Volk-gärten dienen. Alle Häuser sollen Wafferleitung, Badeeinrichtung, Dampfheizung und electrische« Licht erhalten. Außerdem werden auf Bestellung kleinere Villen auf Grundstücken von 700 Quadratmeter gebaut, die bis 1. Januar 1898 4500, bis 1. April 1898 6500 und vom 31. Juli 1898 ab 8500 Mk. kosten sollen. Am 15. März des kommenden Jahres soll der „Betrieb" beginnen. Prof. Hausen glaubt, daß von da an etwa 400 Bauhandwerker thätig sein werden, wodurch den Gewerbetreibenden schon eine gewtffe Einnahme garantirt sei.
* Zarter Wink. Gatte: „Martha, eben lese ich in der Zeitung, daß eS 800 Arten giebt, Kartoffeln zu kochen. Möchtest Du nicht eine davon lernen?"


