Ausgabe 
14.11.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 268 Drittes Blatt. Sonntag den 14. November

189?

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Bekanntmachung,

betreffend: die großen Herbstüdungen in 1897.

Das General-Commando deS 8. Armeecorps hat an das Großh. Ministerium des Innern das nachstehende Schreiben gerichtet, welches wir hiermit zur allgemeinen Kenntniß bringen.

Gießen, den 12. November 1897.

Großherzogltches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Dem Großh. Hessischen Ministerium beehre ich mich ganz ergebenst mitzutheilen, wie nach Meldung der Truppen« befehlshaber die Aufnahme der Truppen durch die Sivil« bevölkerung während der diesjährigen Herbstüdungen eine hervorragend freundliche und entgegenkommende gewesen ist.

DaS Großh. Hessische Ministerium bitte ich daher, den betheiltgten Civtlbehörden, sowie der Bevölkerung der durch die Manöver und Märsche berührten Kreise für die den Militärbehörden und Truppen gewährte Unterstützung meinen Dank gütigst übermitteln zu wollen.

Lob lenz, 30. October 1897.

Der commandtrende General:

Friedrich, Erbgroßherzog von Baden.

Visionen und Ahnungen.

Ueber dieses Kapitel ist schon viel gestritten worden; mitunter kommen Dinge vor, die dem hausbackenen Menschen­verstände unbegreiflich sind, oder an eine vierte Dimension glauben laffen. Die Schriftstellerin Nataly von Eschstruth veröffentlicht in dem Septemberhefte derDeutschen Revue" eine längere Erzählung und Abhandlung, die sieJoseph Victor von Scheffel über Visionen und Vor­ahnungen" nennt und deren wesentlicher Inhalt in der Wiedergabe zweier merkwürdiger Erlebnisse besteht, die der Dichter der oben genannten Schriftstellerin persönlich mit« getheilt hat.

Diese Erlebniffe sind allerdings merkwürdig, sie werden nichtsdestoweniger von einem Vorkommniß übertroffen, das sich in unserer Provinz Oberheffen ereignet hat und von dem verstorbenen Pfarrer Bindewald der sich um unser Volks­leben und unsere oberhessischen Sagen die größten Verdienste erwarb mitgetheilt wurde. Wir glauben vielen freund-

Feuilleton.

Lin Dankksslirer.

Amerikanische Criminal-Erzählung von Joseph Treumann.

(Fortsetzung.)

Ohne ein Wort zu sprechen, schleppte der Einbrecher Nora auS dem Zimmer und die Treppe hinab tu den Hausflur.

Erst dort flüsterte er ihr zu:Ich werde Dich tödten, sobald Du einen Laut von Dir gibst und das Meffer nicht sofort losläßt! Hier herein mit Dir!" Dabei versuchte er. sie an die offenstehende, kleine, nur von außen verschließbare Speisekammer zu drängen.

Miß Wilson entgegnete nichts, raffte todeffen alle ihre Kräfte zusammen, um ihm feine Waffe zu entreißen- ihre Hand machte einen schnellen Ruck nach oben und eS gelang ihr, das Meffer etwa zwei Zoll weiter herauSzuziehrn, ehe er eS wieder fester umschloß.

Im nächsten Moment stieß der Manu einen entsetzlichen Fluch auö- zwar ließ er daS Meffer, dessen Klinge seine Hand blutig geschnitten, nicht fahren, aber er zog den Arm von ihrer Taille zurück und schlug ihr mit der Faust auf den Kopf.

Etnsehend, daß ihre Kräfte denen deS Einbrecher» denn doch nicht gewachsen wären, wandte sich Nora, laut um Hilfe rufend, zur Flucht nach der in den Hofraum führenden, halb geöffneten HauSthür, stolperte aber über die Schwelle and stürzte nieder. Halb betäubt blieb sie ein paar Minuten liegen. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, wie zwei Männer, nach Möglichkeit fluchend, dicht vor ihr miteinander rangen- in dem einen an der Stimme den Knecht der Tante erkennend, raffte sie sich empor, um ihm Beistand zu leisten.

Da aber sprang schon der Besitzer des Nachbarhauses,

lichen Lesern einen Gefallen zu thun, wenn wir dieses Er- eigniß wortgetreu, wie es Pfarrer Bindewald beschrieb, hier folgen lassen.

In Wetterfeld bei Laubach war ein Pfarrer, der einst mit seiner Frau zu einem längeren Besuch nach Battenberg ins Hinterland verreiste. Ein noch zartes Kind, ein blühen­des Knäblein, das sie sehr liebten, ließen sie unter der Ob­hut einer Schwägerin zurück, die in ihrer Abwesenheit in ihrer Kammer schlief und die Wiege vor dem Bette stehen hatte, um gleich bei der Hand zu sein, wenn das Bürschchen etwas bedürfen sollte.

Etliche Tage darnach hatte sich die Mutter desselben zu Bette gelegt und zwar mit dem Gedanken an ihren fernen Liebling und in Sehnsucht nach ihm fest eingeschlafen. Im Schlafe kam es ihr vor, als wache sie auf und thue sich an, dann öffnete sich das Fenster des Gemaches, und es wurde ihr zu Muthe, als schwebe sie hinaus, emporgehoben über Häuser und Bäume, über Berge und Thäler, Flüsse und Länder, als flöge sie in den Lüften dahin einen weiten, weiten Weg.

Als sie zu sich selbst kam, stand sie zu Wetterfeld vor ihrer wohlbekannten Hausthüre, und es war Nacht. Also trat sie ein, tappte die Treppe hinauf nach ihrer Schlaf­kammer und drückte zögernd die Klinke auf. Siehe, da brannte auf dem Tischchen vor ihrem Bette ein Nachtlicht und erhellte zur Hälfte den stillen Raum. Die Schwägerin lag regungslos auf dem Kissen, die Wiege befand sich vor ihr, mit einem grünen Vorhang zugedeckt. Da schritt sie herzu, schlug die Vorhänge der Wiege zurück und sah ihr Kind da liegen, wie einen Engel Gottes, und süß und fried­lich schlummern.

Ihr Mutterherz kam in Wallung und weil sie dem Kind alles Gute gönnte, sprach sie mit segnend erhobener Hand über seinem Haupt den alten, frommen Spruch:Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde". Aber in demselben Augenblick als sie das sagte, gab es neben ihr ein Geräusch, sie blickte um sich und gewahrte, wie die Schwägerin sich entsetzt mit der Hälfte des Leibes aufrichtete und sie mit weit geöffneten Augen anstrerte; zugleich hörte sie sich schrill beim Namen rufen.---

Noch klang der ängstliche Schrei in ihren Ohren nach, als sie zur Besinnung kam, und sich in Battenberg fand, wo sie unruhig sich auf ihrem Lager wälzte. Was sie gethan, geschaut, gesagt, kam ihr deshalb je länger, je mehr, als ein absonderlich lebhafter Traum vor, ihr Herz dachte an nichts Anderes und also schwieg sie davon stille.

welchen der Lärm au- seinem Bette getrieben :hatte, über den Zaun, und eS dauerte nicht lange, bis der Dritte über­wunden am Boden lag. Und da in diesem Augenblick da» ebenfalls munter gewordene Dienstmädchen mit einer Lampe herauStrat, erkannten Nora und der Knecht in dem Fremden den Landstreicher, der Nachmittag» tu der Stadt vor dem Bankgebäude um Almosen gebettelt hatte.

Bringt ihn nach dem Gefängniß!" befahl Miß Wilson, da» Uebrige wird fich dann vor dem Friedensrichter finden."

Während ihrer Weisung Folge geleistet wurde, eilte fie tnS HauS zurück, um nach der Taute zu sehen, bet der die Wirkung des Chloroforms inzwischen schon verschwunden sein mußte, da eS durchaus keiner großen Mühe bedurfte, um fie zu erwecken.

Erst jetzt, nachdem fie von den stattgefundenen Vor­gängen Kevntniß erhalten hatte, und sah, daß daS Köfferchen mit dem kostbaren Inhalt fich bereits außerhalb des ihm von ihr angewiesenen Platzes befand, gestand fie zu, daß der Bankkaifirer mit seiner Warnung doch Recht gehabt. Infolge dessen ließ fie gleich deS Morgens, während Nora und der Knecht sich nach dem Bureau deS Friedensrichters begaben, den Bräutigam ihrer Nichte, der in der Stadt feine Praxis als Advocat auSÜbte, aber in ihrer Nähe wohnte, zu fich bitten, um ihm die zehntausend Dollars zu übergeben und damit der Sorge ledig zu sein.

Inzwischen ging daS verhör des verhafteten vor fich.

Miß Wilson berichtete ausführlich, wie fie mit dem Manne bereit» im Laufe de» vergangenen Tage» in der Stadr zusammengetroffen und gab ihrer Ueberzeugung Aus­druck, daß er auf diese Weise Kenntniß von dem im Hause befindlichen Gelde erhalten hätte und ihnen deßhalb gefolgt wäre. Dann erzählte fie, waS fich während der Nacht im Hause ihrer Tante zugetragen, bis eS gelungen Ware, den Einbrecher zu Überwältigen und zu verhaften.

Auch der Knecht und der Nachbar gaben, den Thatfachen entsprechend, ihr Zeugniß ab.

Allein, was mußte sie hören, als fie wieder daheim bei den Ihren anlangte? Als der erste Sturm der Be­willkommnung vorüber war, fragte die Pfarrfrau die Schwägerin:Nun, meine Liebe, es ist doch in unserer Abwesenheit Alles gut gegangen und nichts Besonderes vor­gefallen?"Ach nein", antwortete die, außer an dem und dem Tage, zu der und der Stunde der Nachtzeit hast Du mich recht erschreckt".Ich?" entgegnete aufs Höchste gespannt die Pfarrfrau,wie sollte das sein?"Nun so höre, was ich erlebt, ists Täuschung, oder was es ist, ich weiß es nicht. Also zu jener Zeit lag ich, das Nachtlicht vor dem Bette, schlafend vor der Wiege. Da ward ich wach. Ich hörte die HauSthür auf- und zugehen, dann kam» herauf, Schritt für Schritt, o ich kannte das wohl, das warst Du und Niemand anders. Und richtig, über eine Weile ging die Thür der Schlafkammer auf und ich sah Dein Gesicht, es war kein Zweifel, so sähest Du aus und so warst Du bekleidet, Du schautest Dich eine Minute lang um, als suchtest Du etwas; ich aber vermochte mich nicht zu rühren und zu regen, wie Blei lag es auf meinen Gliedern. So tratst Du heran zur Wiege, schlugst die Vor­hänge zurück und beobachtetest mit innigem Wohlgefallen den ruhig schlafenden Buben. Dann hobst Du die Hand über ihn auf, wie Dein Mann beim Segnen in der Kirche". Und sagte ich etwas?" fragte die von der Erzählung ganz überwältigte Pfarrfrau?Ja, Du sagtest: Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde. Wie ich aber das hörte, konnte ich es nicht aus­halten vor Grusel, that mir alle Gewalt an und rief, mich auf dem Bett erhebend, laut Deinen Namen.--Auf

einmal war Alles verschwunden. Mit offenen Augen und offenem Munde lag ich auf dem Bette, und ich sah wohl, daß in der tiefen Dunkelheit rings um mich her das Ganze nur ein Bild meiner erhitzten Einbildungskraft könne gewesen sein. Aber, was siehst Du mich so eigen bei alledem an? Und warum fragst Du so sonderbar?"

Da erzählte mit bebender Seele die Pfarrfrau auch ihr Erlebniß, das traf zu mit dem eben Vernommenen von Wort zu Wort, auf Zeit und Stunde und fehlte auch keine Kleinigkeit, so genau stimmte Alles zusammen. So wurden sie inne, daß allerdings, dochaußer dem Leibe", eine Fahrt durch die Luft müsse stattgefunden haben, und dankten Gott, daß die wunderbare Geschichte doch wenigstens dem Hause nichts Böses verkündet hatte.

Die Wahrheit dieser, von Pfarrer Bindewald gebrachten Erzählung ist nicht zu bezweifeln. Das Merkwürdige dabei

Der Friedensrichter fragte nunmehr den Gefangenen, ob er fich schuldig bekennen wolle.

Energisch den Kopf schüttelnd, entgegnete der Angeredete: Diese junge Dame sagt, fie habe mich im Zimmer ihrer Tante getroffen, nachdem ich dieselbe durch Chloroform be­täubt, in der Absicht, einen Koffer mit Geld zu stehlen- fie erzählt ferner, ich hätte auch fie betäuben wollen und mit ihr wenigsten» fünf Minuten gerungen, um sie unschädlich zu machen. Nein, dem ist nicht so! Wenn fie fich in meinen Händen befunden hätte, würde e» nicht so langer Zett bedurft haben, sie zwischen meinen Fingern zu zerdrücken, viel weniger wäre e» ihr möglich gewesen, mir zu entwischen. Wenn wirklich ein Einbruch im Hause stattgefunden hat, so war e» ein Anderer, der ihn begangen hat und dem e» gelungen ist, seine Flucht zu bewerkstelligen. Da» Einzige, wa» ich zugestehe, ist, wir den Holzstall der alten Dame ohne Er- laubniß al» Schlafstelle ausgesucht zu haben. Al» ich Hilfe­rufe hörte, glaubte ich, e» sei im Hause Feuer ausgebrochen, und trat hinaus, um mit retten zu helfen, statt dessen wurde ich Überfallen und schließlich etugesperrt."

Nora wies stumm auf die rechte Hand des Beschuldigten, welche mit einem schmutzigen Lappen umwickelt war.

Der Richter verstand sie und fragte den Gefangenen, wie er zu der Wunde an der Hand gekommen sei.

O, den kleinen Schnitt habe ich mir mit der Axt im Holzstall zugezogen, als ich fie und noch ein paar andere Werkzeuge, die dort umherlagen, hinwegränmte, um Platz für mein Lager zu schaffen."

Diese Ausrede wird Ihnen nicht viel helfen," sagte der Richter spöttisch.Ich überweise Sie hiermit wegen Ein­bruchs, mit der Absicht, zu rauben und eventuell zu morde», dem verfahren vor den Großgeschworeveu."

Trotzdem der Mann laut protestirte und wiederholt feine Unschuld versicherte, wurde er ins Gefängniß abgeführt.

(Schluß folgt.)