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Erstes Blatt Dienstag dm 14. September
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Deutschland und Oesterreich.
Unmittelbar nach dem Besuche des italienischen Königs» tzaare« hat sich Kaiser Wilhelm nach Ungarn Begeben, um an den Mauövern der österreichisch-ungarischen Armee theil» zuuehmen. Am Sonntag Nachmittag ist er in Totts ein- getroffen, vom Kaiser Franz Josef und den Großwürden- trägem der befreundeten Monarchen auf daS Herzlichste empfangen worden. Immer inniger gestaltet sich die Freund» schäft, welche die beiden Herrscher verbindet, und mit immer größerer Zuversicht darf man sich der Hoffnung htngeben, daß die guten Beziehungen zwls^en unS und Oesterreich- Ungarn dauernd die gleichen bleiben werden. Man kann es als ein Meisterstück der Btsmarck'schen Diplomatie ansehen, daß er trotz der tiefen Vertrimmung, welche die beiden Länder trennte, trotz deS Mißtrauens, welches zwischen ihnen herrschte, die Jntereffen dieser Völker so eng verknüpfte. Wir wissen heute, daß er schon beim Abschluß des Friedens von Nicols- bürg darauf Rücksicht nahm, nicht gänzlich daS Band mit Oesterreich zu zerschneiden und eine Brücke zu lasten für die Anbahnung guter Beziehungen. DaS ganze Jntereffe unserer politischen Welt richtete sich damals auf den Kaiserstaat an der Donau, und vielleicht hat die Vernachlässigung, welche nothgedrungen dadurch die Pflege unseres Verhältnisses zu Rußland erfuhr, dazu beigetragcn, daß eine Erkaltung der Freundschaft zwischen Berlin und Petersburg eintrat. Und wie sehr Fürst Bismarck in seinen Bestrebungen durch Kaiser Wilhelm I. unterstützt wurde, ist aller Welt bekannt. Die Reise deS greisen Monarchen nach Oesterreich, sein fast all jährlicher Aufenthalt in Gastein haben nicht wenig dazu bei« getragen, die Politik Bismarcks zu fördern. Bei der oft gebotenen mündlichen Aussprache zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef konnten leicht alle noch bestehenden Differenzen ausgeglichen werden, insbesondere seit dem Jahre 1871, alS Graf Beust nicht mehr an der Spitze der öfter» retchischen auswärtigen Politik stand.
Auch unser jetziger Kaiser läßt sich die Pflege guter Beziehungen zu Oesterreich angelegen sein- er sucht und findet die Gelegenheit, häufig mit Kaiser Franz Josef zu» sammeuzutreffen und Gruß und Handschlag mit ihm auSzu- tauschen. Noch nie hat während seiner Regierung eine ernste Differenz da» Berhältniß der beiden Länder zu einander zu trüben vermocht. DaS zeigte sich in anderer Zett zur Evidenz, alS durch die sogen. Hamburger Enthüllungen die Thatsache zur öffentlichen Kenntniß kam, daß Deutschland bis zum Jahre 1890 neben dem Drribundvertrage ein besonderes Abkommen mit Rußland getroffen hatte, welches den beiden anderen Vertragsmächten nicht bekannt war. Wohl machte sich anfangs in der österreichischen Preffe eine leichte Verstimmung bemerkbar, aber diese war nur vorüber» gehender Natur, und daS Verhältniß zwischen den beiden Regierungen blieb ungetrübt.
Der diesmaligen Reise Kaiser Wilhelms nach Ungarn legt man neuerdings eine besondere Bedeutung bei, da eben erst daS Zusammentreffen mit König Humbert ftattgefunden hat. Wir haben schon bet Besprechung der Ankunft deS letzteren in Homburg darauf htngewtesen, daß die Dretbund- mächte unter allen Umständen Stellung nehmen müffeu zu der in Peterhof verbündeten Allianz zwischen Rußland und Frankreich. Kaiser Wilhelm wird auch in der Lage sein, die bündigsten Versicherungen der BundeStreue Italiens zu überbringen, an der vielleicht gerade in Oesterreich einiger Zweifel entstanden war. Bekanntlich hat unser Kaiser schon öfter den Vermittler zwischen den beiden andern Dreibund» staaten machen müffeu, da insbesondere die Beziehungen zwischen Hofburg und Quirinal nicht so herzliche find, wie efl sein sollte. Noch immer hat Kaiser Franz Joseph auS Rücksicht auf den Vatican den schuldigen Gegenbesuch am italienischen Hofe nicht gemacht. AlS Kaiser Wilhelm im vorigen Jahre mit König Humbert zusammengetroffen war, begab er sich direct nach Wien, und heute, wo er denBcsuch des italienischen Herrschers entgegengenommen hat, eilt er wiederum zum Kaiser Franz Josef. Daß dies nur dazu beitragen kann, daS Verhältniß zwischen den Dreibundstaaten zu festigen, liegt auf der Hand. Auch wir begleiten den Kaiser in der frohen Hoffnung nach Ungarn, daß daS Friedens» werk damit eine neue Kräftigung erhält. (xx)
Deutscher Reich.
Darmstadt, 11. September. Die in Deutschland vielfach gehegte Auffaffung, daß bet Träger deS Dreibunds- gedankenS in Italien König Humbert selbst ist, wird nun auch von dem „Figaro" bestätigt. Diese» Blatt entschuldigt das Ministerium gegen Angriffe, daß eS die Reise nach Homburg zugelaffen habe. Der „Figaro" will daraus nicht ge
folgert wissen, daß der Marchese di Rudini ein aufrichtiger Anhänger deS Dreibundes geworden sei, vielmehr habe Rudini nur dem ausdrücklichen Willen des König» sich nicht widersetzen können und wollen. Man müffe berücksichtigen, daß König Humbert seine eigene Politik mache. Die politischen Auffaffungen, die der König habe, seien am entschiedensten von Crispr, wenn auch vielleicht mit einiger Uebertreibung, so doch mit großer Treue in die Wirklichkeit übertragen worden. Der „Figaro" gibt damit also zu, daß König Humbert persönlich ein überzeugter Anhänger deS Dreibundes sei. Wenn er trotzdem weiterhin sagt, daß Radint „durch einen Wirbelwind von Jntrigue, Lüge und Vorurtheil dorthin getrieben worden sei, wo er nicht hätte hingetrieben werden wollen", so liegt im Zusammenhänge mit dem Borangegangenen in diesem Satze eine grobe Beleidigung deS Königs Humbert. Wenn sich das französische Blatt der französischen Gerechtigkeit«» liebe rühmt, weil die Franzosen den Marchese di Rudini nicht angriffen, trotzdem er die Reise nach Homburg zuge- laffen habe, so liegt der einfache Grund für dieses Wohlwollen darin, daß man den für franzosenfreundlich gehaltenen Minister gern unterstützen will. Die von den Franzosen selbst aber zugegebene Dreibundstreue de» italienischen Königs ist die beste Garantie dafür, daß die Hoffnungen der Franzosen auf einen Abfall Italiens vom Dreibünde sich nicht sobald erfüllen werden.
Darmstadt, 11. September. Der „Darmft. Ztg." zufolge treffen der Kaiser und die Kaiserin von Rußland bereits am 1. October hier ein.
Berlin, 11. September. Die „Berl. Corresp." schreibt: Anläßlich der Eisenbahnunfälle wird die Behauptung aufgestelll, daß die Zahl der im äußeren Betriebe beschäftigten Bediensteten zu knapp sei und die Dienstdauer eine zu große sei. Dies beruht aber anscheinend auf der irrigen Annahme, daß die 1895 eingetretene Personalvermtnderung auf die Betriebsbeamten sich beziehe - vielmehr find Personal- Verminderungen lediglich im inneren Verwaltungsdienst vorgenommen worden. Dagegen sind im äußeren Betriebsdienst dem Personal durch abgekürzte Dienstdauer und Vermehrung stete Erleichterungen gewährt worden. Zu diesem Zwecke find seit 1892 acht Millionen mehr aufgewandt. Bei Verstaatlichung der Hessischen LudwtgSbahn sind 365 Bedienstete mehr angestellt worden. Bei jedem E'.senbahnunfall werden Dienst- und Rubezeit der betheiligten Bediensteten untersucht und darüber an den Minister und an daS ReichSeisenbahnamt berichtet. Durch die Untersuchungen bei denjenigen Unfällen der letzteren Zeit, die auf Pflichtversäumniß Bediensteter zurückgeführt werden können, ist feftgestrllt, daß die in Betracht kommenden Beamten nach 8 bis 18 Stunden Ruhe zur Zeit des Unfalls sich keineswegs langer als 4 Stunden im Dienste befanden. Neuerdings ist eine Commission eingesetzt, die auch die Zahl, Dienfteintheilung und Dienstdauer der Beamten des äußeren Dienstes eingehend prüft.
Wildparkstation, 12. September. Ihre Majestät die Kaiserin ist mittels Sonderzugeö gegen 8 Uhr auS Homburg v. d. H. hier etngetroffeu und auf dem Bahnhofe von den kaiserlichen Prinzen Adalbert, August und Oscar empfangen worden. Nach kurzem Aufenthalt begab sich Ihre Majestät mit den Prinzen nach dem Neuen Palais.
Frankfurt a. M., 11. September. Wie die „Franks. Zeitung" berichtet, hat dem Frankfurt-Homburger Personenzug gestern Abend vor der Station Bockenhelm ein Zusammenstoß mit einer Maschine gedroht. Den Stationsbeamten gelang eß, durch Rufe und Zeichen den Zugführer auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Die Bremse functionirte vorzüglich.
Homburg v. d. H., 11. September. Der König von Italien hat 2000 Mk. für die hiesigen Polizeibeamten gespendet.
Köln, 11. September. Die „Köln. Ztg." schreibt zu den letzten Eisenbahn-Unfällen: Abgesehen von dem vielfach im Betrieb verwandten schlechten Material, wodurch eine Anzahl der letzten Unfälle veranlaßt wurde, sind die Bahnhofs» und Geleisverhältniffe im weiten rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk durchgängig unzureichend und theilweise geradezu trostlos, so baß „kleine" Mittel nicht ausreichen. Das Blatt fordert gebieterisch anstatt der allgemein gehaltenen Anmerkung der „Nordd. Allg. Ztg." bei den nicht wegzu» leugnenden Mißverhältnissen eine große That, umfassende, gründlich schöpferische Arbeiten, sowie ein möglichst schnelles Vorwärtsgehen der Eisenbahnverwaltungen.
Dresden, 11. September. Der König Albert von Sachsen ist heute früh, von Homburg kommend, in Niedersedlitz eingetroffen und hat sich von dort nach Pillnitz begeben.
Leipzig, 10. September. Die für nächsten Sonntag g.'plante Fahrt hiesiger Studenten nach Eger unterbleibt
infolge allseitiger Warnungen. Sie gilt al» aufgeschoben bi« zu den Leipziger Schlachttagen (16.—19. Oct.), ist übrigen» aber durchaus nicht als eine allgemeine Angelegenheit der hiesigen Studentenschaft aufzufaffen.
Arrrlarrd.
Rom, 11. September. Menotti Garibaldi erhielt einen Drohbrief, sofort nach Empfang de» Briefes an einen in demselben angegebenen Ort 100,000 Lire zu senden, da ihn sonst die Anarchisten töoten würden. Der Briefschretber befindet sich bereit» in den Händen der Polizei.
Moskau, 11. Septmber. Ein aus JaroSlaw kommender Personenzug lief mit solcher Wucht in den hiesigen Bahnhof ein, daß er einen auf dem EmpfangSgeleise stehenden leeren Gepäckwagen zertrümmerte und die Locomotive sich in die Wand deS Stationsgebäudes hineinbohrte. Der auf die Locomotive folgende Gepäckwagen wurde zertrümmert und ein in diesem Wagen befindlicher Bahnbediensteter aus den Tender geschleudert. Ein Personenwagen wurde theilweise zerstört und neun Passagiere verwundet, darunter zwei schwer.
Wolff« telegraphische« Correspoudenr-Bure«.
Wien, 12. September. Se. Majestät der deutsche Kaiser traf heute Mittag 12 Uhr auf der Staatsbahnstation Hütteldorf bei Wien ein und setzte nach einem Aufenthalt von wenigen Minuten die Reise auf der Verbindungsbahn nach dem Wiener Südbahnhofe fort, von wo er 12 Uhr 20 Min. mittelst eines Hof-SeparatzugeS nach TotiS wetterfuhr. Der kaiserliche Botschafter Graf zu Eulenburg hat sich hier dem Allerhöchsten Gefolge angeschloffen.
Wien, 12. September. Anknüpfrnd an die Ankunft de» deutschen Kaisers auf österreichischem Boden sagt da« „Fremdenblatt": Die Völker Oesterreich-Ungarn« fügen mit froher Genugthunng diesen Besuch als jüngste« Glied in die Reihe der Begegnungen zwischen den beiden eng verbündeten und befreundeten Herrschern ein und begrüßen den erlauchten Gast deS Kaisers Franz Josef mit aufrichtiger Freude und Verehrung.
Budapest, 12. September. Sämmtliche Blätter ohne Unterschied der Parteistellung bringen anläßlich der Ankunft Sr. Majestät de» Kaisers Wilhelm in Ungarn schwung- volle Leitartikel. „Pester Lloyd" ruft dem deutschen Kaiser „Heil!" zu und fährt dann fort: „Von den Karpathen biß zur Adria fliegen ihm die herzlichsten Willkommgrüße entgegen, sie gelten wohl in erster Reihe dem Gaste unseres König«, gesteigert werden diese Sympathten aber auch noch durch das lebhafte Jntereffe, welche« hier zu Lande bereits
seit geraumer Zeit der kraftvollen, durchaus originellen Persönlichkeit des deutschen Kaisers entgegengebracht wird." — „Nemzet" schreibt: „Der Besuch de« deutschen Kaiser« eröffnet die Aussicht, daß die Homburger Kundgebungen über den Dreibund auf ungarischem Boden einen nachdrucksvollen Abschluß finden werden. Wir haben daher allen Grund, die Ankunft Sr. Majestät de« Kaisers Wilhelm für ein ebenso erfreuliches als wichtiges Ereigniß zu begrüßen." — „Pesti Naplo" führt aus, der deutsche Kaiser könne Überzeugt sein, daß die Begeisterung, mit der er überall in Ungarn empfangen wird, keiner vorübergehenden Laune entspringt, sondern daß diese Begeisterung der ernste Ausdruck der Ueberzeugung einer in politischen Kämpfen gestählten Nation ist, welche erkannte, daß daS Bündviß mit Deutschland ein für beide Theile sehr ersprießliches Gebot politischer Klugheit sei. Ungarn ist e» besonders ftetß im Bewußtsein, daß bet der Aufrechterhaltung dieses Bündnisses starke Entschlossenheit der ungarischen Nation sowohl jetzt al« in Zukunft der unerläßlichste Factor ist. — Der „EgyrterteS" schreibt: „Mit aufrichtiger Herzlichkeit und mit Wärme, welche baß Merkmal unserer Na'.ion ist, wenn sie weiß, wofür fie sich begeistert, müssen wir den deutschen Kaiser überall auf ungarischem Boden, ganz besonder« aber in Budapest empfangen." — Auch alle Übrigen Blätter besprechen in diesem Tone den bevorstehenden Besuch Sr. Majestät des deutschen Kaisers.
Depeschen de« Bure« „Herold.*
Berlin, 12 September. Der Kai ser hat angeordnet, daß die Marineschule eine mehr selbstständige Stellung erhält. An ihre Spitze tritt der vom Kaiser zu ernennende Director.
Berlin, 12. September. Zur Feier de« 125j ährt gen Bestehens des Grenadter-Regiments 1, west- preußischrs Nr. 6, wird der Kaiser am 14. October in Posen eintreffen.


