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1897.
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Nr. 189 Erstes Blatt_______Samstag bea 14. August
Der
Hiehener Anjtiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
I>«mitienvtäiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Meßmer Anzeig er
Kenerak-Mnzeiger.
1897
Vierteljähriger Abonaementsprei» r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
-chutstratze Ar.7.
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Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeg«.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
betreffend die großen Herbstmaoöver 1897.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß bei den diesjährigen großen Herbstmanövern sowohl die preußische wie auch die bayerischen Gendarmerte-Patrouillen auf hessischem Gebiete zu gleichen DtenstauSübungeu befugt find, wie die hessischen Gendarmerie-Patrouillen.
Gleichzeitig warnen wir, zur Vermeidung von Flur« schaden hiermit Jedermann vor unbefugtem Betreten aller mit Frucht und sonstiger AuSsaat bestellten Grundstücke, unter dem Bemerken, daß die Gendarmerie, die Polizeidtener und die Feldschützen angewiesen worden find, das Publikum von den Grundstücken fernzuhalten und eventl. zur Anzeige zu bringen.
Die Großh. Bürgermeistereien wollen dies ortsüblich bekannt machen laffen.
Gießen, den 7. August 1897.
Großherzogliches KreiSantt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 7. August 1897.
Betr.: Katsermanöver.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Während der Katsermanöver wird daS große Haupt- quartier Seiner Majestät des Kaisers in Homburg mit den im Manövergelände befindlichen höheren Commandobehörden durch Feldtelegraphenlinien verbunden werden. Ueberall da, wo solche Leitungen angebracht werden, ist öffentlich bekannt zu machen, daß Beschädigungen derselben mir entsprechender Geldbuße belegt würden.
DaS Auffichtspersonal, wie auch die Kreisstraßenwarte, letztere in unserem Namen, sind anzuwetsen, auf den Schutz fraglicher Telegraphenleitungen bedacht zu sein, und eventl. Strafanzeigen zu erheben.
v. Gagern.
Gießen, den 11. August 1897.
Die
Gschh. Kreis-Schulcommisßon Gieße« »ti die Schulvorstände und Bürgermeiftereieu des Kreises.
Wir beauftragen Sie, die Schuloerwalter Ihrer Gemeinden von nachstehender Bekanntmachung Kenntniß zu geben
Fruilleton.
Modernr Ilsdtrbilder.
Leipzig.
Reisebrief für den „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
M. „Leipzig ruft dem Beschauer keine alterthümliche Zeit zurück/ es ist eine neue, kurz vergangene, von Handels- .hätigkeit, Wohlhabenheit, Reichthum zeugende Epoche, die fich uns in diesen Denkmalen anküodet. Ganz nach meinem Sinn waren die mir ungeheuer scheinenden Gebäude, die, nach zwei Straßen ihr Gesicht wendend, io großen, himmelhoch umbauten Hofräumen eine bürgerliche Welt umfaffeod, große Burgen, fja Haidstädten ähnlich sind."
Diese Worte Goethes, welche den Eindruck schildern, den rr von Leipzig empfing, als er fich, ein junger Student, in der „Feuerkugel" zwischen dem alten und neuen Neumarkt rtvquartierte, laffen sich im Grunde noch heute an die Spitze Siner Betrachtung über Leipzig stellen.
Diese deutsche Großhandelsstadt macht keineswegs den Eindruck einer geräuschvollen, lärmenden Fabrikstadr. In dem Bilde, das der Besucher zuerst von Leipzig empfängt, ftehen nicht die mächtig rauchenden Schlote, noch der dichte Ring von Fabrik-Vororten, welche fich um die Stadt gelagert haben, im Vordergrund, sondern die breiten, vornehmen Plätze Vit ihren Denkmalen und imposanten Häusercomplexen, unter welchen der AugustuSplatz mit seinem Mendebrunnen und städtischen Museum den Vergleich mit keiner piazza in d-rr Welt zu scheuen braucht. Die Gemäldesammlung, Äeunschon fie nicht den Ruf der Dresdener oder Münchener i besitzt, lohnt einen längeren Besuch/ man finhet hier eine Menge intereffanter Arbeiten und Werke erster Meister. Zu •
mit dem Bemerken, daß Gesuche, die später als am 9. Oc« tober d. I. bei uns eingeliefert werden, keine Berückfichti- gung finden, und daß eine besondere Aufforderung, bei der Prüfung zu erscheinen, an die einzelnen Prüflinge nicht wehr ergeht.
I. V.: Dr. Wagner.
Bekanntmachung.
Die diesjährige zweite Defiuitorialprüfuug der Schrrlamts-Aspirauten und -Aspirantinnen soll Montag, den 8. November, Vormittags 8 Ubr, im Gebäude der Mittelschule für Knaben (Friedrichstraße Nr. 1) dahier beginnen.
Unter Hinweis auf § 27 der Verordnung vom 10. Januar 1876, die Prüfungen für das Lehramt an den Volksschulen betreffend, werden diejenigen SchulamtS.Aspiranten und -Aspirantinnen, welche fich dieser Prüfung zu unterziehen beabfichtigen, aufgefordert, ihre an die unterzeichnete Behörde zu richtenden, mit Stempelmarken im Gesammtbetrage von 1 Mk. 10 Pfg. zu versehenden Gesuche, nebst den erforderlichen Anlagen (SeminarabgangS-Zeugniß, beziehungsweise Zeugniß der ersten Prüfung, Zeichnung und Probeschrift) bis spätestens zum 9. Oktober bei der betreffenden Kreisschulcommtssion einzureichen, welche die Gesuche weiter- beförderu wird.
Alle diejenigen Prüflinge, welche nicht ausdrücklich von der Prüfung zurückgewiesen oder durch besondere Zuschrift der unterzeichneten Behörde auf einen späteren Termin zu derselben etnberufen werden, haben fich zu der am Ansang dieser Bekanntmachung bemerkten Zeit dahier zur Prüfung einzustellen.
Die Großh. Kretsschulcommisfionen, sowie die OrtSschul- vorstände wollen die Schulamts-Aspiranten u. s. w. von dieser Bekanntmachung in Kenntniß setzen.
Darmstadt, den 4. August 1897.
GrohherzoglicheS Ministerium des Innern, Abtheilung für Schulangelegenheiten.
I. V.: Usinger.
de Beauclatr.
Bekanntmachung.
Freitag den 3. September lsd. Js., Vormittags 10 Uhr wird auf LonhS Felsenkeller zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins des Kreises Gießen abgehalten werden.
Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder deS Vereins und der landwirthschaftlichen Localvereine, sowie alle
Freunde der Bestrebungen auf Hebung der Landwirthschaft hierdurch freundlichst etugeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ergebeost ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern deS Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf recht zahlreichen Besuch der Versammlung htnzuwirken.
Tagesordnung:
1) Vortrag deS Rechtsanwalts Jost über die Bestimmungen des WährschaftSgesetzeS mit Rücksicht auf das bürgerliche Gesetzbuch.
2) Vortrag deS Herrn Dr. v. Peter von Friedberg über die Zweckmäßigkeit der Errichtung von Ge- noffenschaftSmolkereien.
3) Wahl des Vorstandes.
4) Vorlage der Rechnung deS landwirthschaftlichen Bezirksvereins pro 1896/97.
5) Feststellung deS Voranschlags de» landwirthschaftlichen BezirkSveretnS für 1897/98.
Gießen, den 12. August 1897.
Der Direktor des landwirthschaftlichen Bezirk-Verein».
C. Jost, RegterungSrath i. P.
Nach der Kaiserentrevrre.
Mit herzlicher Umarmung und wiederholten Küffen haben fich der Zar und Kaiser Wilhelm am Mittwoch Nachmittag auf der Rhede 'von Kronstadt verabschiedet/ daS deutsche Kaiserpaar hat die Rückreise nach Deutschland augetreten und wird am Sonntag wieder in Kiel eintreffen. Wenn noch irgend Jemand im Zweifel sein konnte, ob der Aufenthalt der deutschen Majestäten in Rußland von nachhaltigem Eindruck sein werde, der wurde eines Befferen belehrt, wenn er Zeuge der Ovationen sein konnte, welche bei der Abfahrt dem deutschen Katserpaare von allen Schichten der Bevölkerung dargebracht wurden. DaS war nicht mehr eia ein- studirteS, anbefohlenes Hochrufen, daS war aufrichtige Begeisterung, daS waren aus dem Herzen kommende Wünsche auf baldiges Wiedersehen, welche dem Katserpaare zugerufen wurden. Unvergeßlich wird der Augenblick Jedem bleiben, in welchem die beiden Herrscher in herzlicher Umarmung auf dem deutschen Panzer „König Wilhelm" verweilten und der enthusiastische Jubel der Tausenden loSbrach, welche zur Verabschiedung vor dem Kaisergeschwader erschienen waren.
Daß die Anwesenheit deS deutschen Kaisers in Peterhof neben der Absolvirung der vielen großartigen Festlichkeiten auch ernster Arbeit galt, haben wir bereits hervorgehoben/ und dies wurde dadurch bestätigt, daß die beiderseitigen leitenden Staatsmänner mehrfach cooferirten. Wie wir schon
den letzteren möchten wir rechnen: einen Bismarck und Kaiser Wilhelm I. von Lenbach, BöcklinS „Todteninsel", Karl SohnS „Donna Diana", UhdeS „Lasset die Ktndletn zu mir kommen", Gabriel Max' „Madonna mit dem Kinde", Oswald Achenbach» „Am Pofilip bet Neapel" usw. usw.
Characteristisch für Leipzig als Sitz des Handel» und Verkehr» zwischen Occident und Orient ist daS reich aus- gestattete Grasst-Museum am KönigSplatz, das für die vergleichende Länder- und Völkerkunde ein riefigeS An- schauungsmaterial in Kästen, Schränken, Vitrinen und plastischen Modellen bereit hat. Bald entrücken unS die ausgestellten Trachten, Waffen, Luxus- und Gebrauchsgegenstände zu der eigenartigen Cultur des himmlischen Reich», bald erzählen uns die Götzenbtldchen, TanzmaSken, Kopsbedeckungen und grotesken Schmucksachen von uncivilifirten Stämmen des Festlandes und der Inseln abenteuerliche Geschichten. Es ist Einem schließlich „ganz exotisch" zu Muth, wenn man zwei Stunden oder noch länger in diesem Grasfi-Museum zu- gebracht hat!
Da» alte Leipzig bekommt mau gegenwärtig doppelt zu sehen: einmal so weit es noch in der Wirklichkeit existirt. DaS ist in erster Linie das Rath h auS auf dem Marktplatz, erbaut 1556 von dem Bürgermeister und Baumeister Hieronymus Lotter, daS sogenannte Königshaus an der Südseite des Marktes, über ein Jahrhundert das Absteigequartier des sächsischen HofeS, in dem auch vorüber- gehend Peter der Große, Friedrich der Große und Napoleon I. gewohnt haben, und nicht weit davon, in der Grtmmaischen Straße Auerbachs Hof mit Auerbachs Keller — und sodann als Imitation auf der sächsisch-thüringisch en GewerbeauSstellnng am Johannapark, wo die Reconstruction des alten Leipziger Meßviertel», in welchem auch die Menschen, die Wirthe und Verkäufer in den Trachten
von ehedem herumwandeln, den beabfichtigten gemüthlichru, altfränkischen Eindruck macht, während die Anlage deS trau« lichen Dörfchens mit allem landwirthschaftlichen Zubehör in seinen sauberen Fachwerkbauten ein getreue» Abbild echter Thüringer Art gewährt.
Weniger glücklich find die Nachbildungen der Wartburg und der Burgruine Täufer» in Tirol ausgefallen. Die Wartburg in der Ebene und losgelöst von Wald und Fels, ist um ihren eigentlichen Eharacter gekommen; nur die hübsch gedrechselten Säulchen in Mitte der rundbogigen Fenster rufen die Erinnerung an das Original herbei.
Im Großen und Ganzen hat die Leipziger Ausstellung ein einheitlicheres Gepräge als die vorjährige große Berliner, auf welcher zu viel Klimbim und JahrmarktStrödel den soliden Gesammteindruck schädigte. Die vielen Variete Bühnen find in Leipzig auf eine einzige beschränkt geblieben. Freilich treffen wir auch manchen alten Bekannten wieder. Waffer- rutschbahn und Alpenpanorama scheinen zu den herkömmlichen Ausstellungsobjecten zu gehören. Dafür aber besitzt die Ausstellung in dem Panorama der „Kreuzigung Christi" und der vornehmen „Kunsthalle" zwei Treffer ersten Ranges.
An Vergnügungen hohen und minder hohen Stils fehlt eS zur Zeit in Leipzig nicht. Die „Vereinigten Stadtheater" spielen auch bei sommerlicher Temperatur und im „Karola- Theater" absolvirt soeben Adalbert MatkowSky aus Berlin ein breit angelegtes Gastspiel. Wir sahen den Künstler in der DostojewSky'schen.Studie „Raskolnikow", konnten aber seiner manirirten Art, die mit starken Drückern arbeitet, jedoch wenig feinere Abstufungen — wenigstens in dieser Partie nicht — gewährt, keinen rechten Geschmack abgewinnen.


