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14.5.1897 Erstes Blatt
 
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Mr. 112 Erstes Blatt

Kreitag den 14 Mai

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Der

Kietzeoer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Anmitienvtälter »erden dem Anzeiger wächentliclr dreimal bei gelegt.

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Alle Anuoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen

»«nähme von Anzeige« zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Ldeil.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Staufenberg.

In der Zeit vom 14. bis einschließlich 20. Mai l. I. liegen auf dem Gemeindehaus zu Staufenberg folgende Verzeichnisse, nämlich:

1) das GeldauSgleichungs-Berzetchniß über den Zuviel- oder Zuwenig-Empfang an GelSndewerth im L und II. Feld,

2) das GeldauSgletchungS-Berzetchstß über den Zuviel- oder Zuwenig Empfang au Obstbaumwerth im I. Feld,

S) das Berzetchntß der Pachteutschädigungeu im I. Feld pro 1896,

4) ein Berzetchntß über besondere Entschädigungen im I. Feld,

6) ein Berzetchntß über besondere Gutschädtguugeu tm II. Feld, zur Einficht der Betheiligten offen.

i i Etwaige Einwendungen hiergegen find bei Meldung deS Ausschlusses innerhalb oben angegebener Frist bei Großh. Bürgermeisterei Staufenberg schriftlich einzureichen.

Friedberg, den 10. Mat 1897.

Der BeretniguugS Commiffär:

*118 Dr. Göttelmaun, Gr. KreiSamtmanu.

Deutle* Aei«hst«g.

221. Sitzung. Mittwoch, den 12. Mat 1897.

Auf der Tagesordnung steht derAntrag Auer betr. Aufhebung deS Majestätsbeleidigungs-Paragraphen des Retchs-Straf- gesetzouchS.

Vor Eintritt ht die Tagesordnung erklärt Abg. Singer (Soc.): Vie ich gehört habe, find auf der Tribüne Eriminalpoltztften zu­gegen. Btelletcht find die Herren nur als Zuschauer erschienen, aber rS könnte doch sein, daß fte aus den Verhandlungen Anlaß zu Denunciationen entnehmen. Ich möchte dte Herren auf der Tribüne warnen, nicht Anlaß zu Denunciationen zu geben.

Präsident v. Buol ermahnt die Tribüne, fich jeder Beifalls­kundgebung oder sonstigen Störung der Ruhe zu enthalten. Bet Störung würde er dte Tribüne räumen lassen.

Abg. Bebel (Soc.) begründet den Antrag unter Hinweis auf dte Zunahme der Bestrafungen wegen Majestätsbeleidigung. Eine große Anzahl von Denunctationen sei auf dte gemeinste Rachsucht zurückzuführen. Außerdem habe sich auch in vielen Fällen gezeigt, daß fich dte etgenthümliche Natur der Staatsanwälte seit einiger Zett auf dem Gebiete der Majestätsbeleidtgung auffällig weiter ent­wickelt habe. Dazu komme das Anklagemonopol der Staatsanwälte, dte zum Theil glaubten, durch Jnscenirung politischer Prozesse dte Aufmerksamkeit auf fich lenken zu sollen. Man sehe ja auch, wie groß gerade die Zahl derjenigen Staatsanwälte sei, dte in dte höchsten Richterstellen aufrückten. Und wie habe fich dte Recht­sprechung entwickelt. So, daß heute Niemand mehr sagen könne, was eine Majestätsbeletdigung sei. Schon jede Ehrfurchtsverletzung werde heute als solche angesehen. Set doch wegen etneS Artikels Strafe von fünf Monaten verhängt worden, der sich gegen dte Be­zeichnung Wilhelm der Große wendet, obwohl in dem Artkel nicht ein einziger regierender Fürst angegriffen worden fei. Dadurch werde offenbar dte Freiheit der historischen Kritik eingeengt. Bestraft sei auch eine Kritik Joachims I. Treitschke habe dte schärfsten Urtheile über Friedrich Wilhelm IV. gefällt und dabet sogar ausdiückltch erwähnt, daß dessen betr. Handlungen sich auffällig deckten mit denen eines regierenden Fürsten der Gegenwart. Ein socialdemokratischer Redacteur in Magdeburg sei verunhetlt worden, weil er eine Jagd, an der auch ein Fürst Theil genommen, als eine Mchelet bezeichnet habe. Was lasse fich nicht Alles mit dem dolus eventualis anfangen! In dem Prozeß Leckert-Lützow habe sogar der Staatsanwalt Drescher die unerhörte Aeußerung gethan, er werde künftig jede Aeußerung, daß eine Nebenregterung bestehe, als Majestätsbeleidtgung verfolgen. Majestätsbeleidtgung solle heute schon sein, wenn Jemand bet einem Hoch auf irgend einen regierenden Fürsten sitzen bleibe. Ein Moment spreche in ganz besonderem Maße für Aushebung deS Majestäts- beleidtgungS - Paragraphen: nämlich die Provocation von Stellen aus, von denen man das am allerwenigsten erwarten sollte. Diese Provokationen richteten sich nicht nur gegen seine Partei, sondern gegen ganze Schichten der Gesellschaft, gegen bestimmte Personen, ja sogar gegen den deutschen Reichstag. Die Monarchisten hätten das größte Interesse daran, daß daß nicht so fortgche. Die Monarchen befinden sich in unverantwortlicher, unverletzlicher Stellung. Um so mehr sollten sie sich von jeder Parteinahme fern halten. Gegen­über so außerordentlichen Rechten, die ein Monarch besitze, sollte es Niemandem schwer fallen, auch daS bischen Pflicht zu erfüllen. Vom bürgerlichen Anstandsgefühl auS sollte es doch Niemandem einfallen, Leute anzugreifen, die fich nicht verthetdigen können. Man spricht wohl vom Männerstolz vor Königsthronen, bethätigt man aber diesen Männerstolz, so kommt der Staatsanwalt. Wir ver­langen, daß, wenn man uns attackirt, uns Beleidigungen ins Ge­sicht schleudert, wir unS verthetdigen dürfen. Das ist unser Menschen­

recht. Redner erwähnt ferner die Aeußerung an die Rekruten, diese müßten eventuell auf Eltern und Brüder schießen. Ferner den Ausdruck Nörgler. Damit seien wohl dte Conservattoen gemeint gewesen. (Große Heiterkeit). Wetter die Aeußerung: Auf zum Kampf gegen den Umsturz! Und über den Beschluß des Reichstage» wegen der Ehrung Bismarcks habe man sich in einer Weise ge­äußert, wie das wohl noch in keinem anderen Lande der Welt gegen­über einem gesetzgebenden Körper geschehen sei. (Beifall.) Die evangelischen Pastoren seien aufgefordert worden, sich nicht um Politik zu kümmern. Den katholischen würde man so etwas nicht zumuthe». (Heiterkeit.) Und nun das Telegramm mit den Worten: traurige» Verhalten der oaterlandslosen Gesellen! Wolle man sich da wunder», wenn das bei den nächsten Wahlen seine Rolle spiele? Wenn das so fortgehe, wo gebe es denn dann eine Grenze?

Präsident v. Buol: Ich muß den Redner unterbrechen. 66 ist allgemeine gute Sitte, das Staatsoberhaupt in keiner Weise in die Debatte zu ziehen. Ich habe bisher Rücksicht genommen auf den eigenartigen Gegenstand der Verhandlung. Aber ich muß doch Ver­wahrung einlegen dagegen, daß das Staatsoberhaupt in unehr« erbtetiger und verletzender Weise in die Debatte gezogen wird. Die« scheint mir der Fall zu sein, wenn der Herr Abgeordnete sagte, wo solle das hinaus, wenn das so fortgehe? (Heiterkeit.) In Bezug auf daS Telegramm hat der Herr Redner von einer Zeitungsnachricht gesprochen, ich habe ihn deshalb nicht unterbrochen. Ich möchte ihn aber doch bitten, wenn er das Staatsoberhaupt in die Debatte zieht, dies nur in ehrerbietiger und keiner verletzenden Weise zu thun. (Beifall rechts.)

Abg. Bebel bemerkt, er habe überhaupt keinen Namen genannt. (Heiterkeit.) Das englische Parlament scheue sich nicht, Mitglieder regierender Häuser zu kritisiren. Er wünschte, der deutsche Reichstag thäte nur den zehnten Theil davon. Eine Strafverfolgung wegen Majestätsbeleidtgung sollte doch höchstens auf Antrag erfolgen, wie dies früher schon in vielen deutschen Einzelstaatm der Fall war. Ein hochherziger Fürst werde stets auf solche Anträge verzichte». Wie habe Luther früher gegen deutsche Fürsten geschrieben. Heut­zutage seien die MajestätSbelridigungs-Proctsse nur ein Monument von unserer Zeiten Schande. (Beifall bei den Socialdemokraten.)

Abg. Lieber (Etr.): Meine Freunde find einer ruhten, sach­lichen Verbesserung der Materie durchaus zugänglich. Der Gedanke, die Verfolgung von Majestätsbeleidigungen von einem Anträge oder wenigstens von einer Genehmigung abbängig zu machen, hat un­schön öfters beschäftigt. Durch die Einführung des dolos eventualis haben die Majestätsbeleidigungsprocesse einen Umfang angenommen, wie es nicht im Sinne der Gesetzgeber gelegen hat. Aber deshalb kann man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, wie der Antrag- steller es will. Wir können deshalb nicht ohne Weiteres alle diese Paragraphen streichen. Wir können nur mit aller Ruhe der Frag«

FeuiUeton

Dir Entstehung unserer Universttätr».

Von Hermann Frenzel.

(Schluß.)

Italien gab das Signal zu der neuen Bewegung. Zahl­reiche Kleinstaaten blühten dorr nebeneinander, manche von kunstsinnigen, verständigen Fürsten regiert, unter deren mildem Scepter Dichtkunst, Malerei und Sculptnr fich ent* falteten. Keine Geringeren als Petrarca und Boccaccio regten zum Studium des Griechischen an, und edle Fürsten, wie die Medici in Florenz und die Visconti in Mailand, Iffueteu den flüchtenden Griechen bereitwillig ihre Thore und gründeten Bibliotheken und Universitäten. Der immer grVßere Geltung erlangende Bürgerstand schloß sich begeistert der neuen Richtung an,daher sehen wir in dieser Periode FreiheitSsinn, Handel und Gewerbe und mit thneu bürger- lichen Reichthum aufblühen und Talente aller Art anregen. Buchdruckerkunst und Postverbindung erleichtern die Ver­breitung der Geisteswerke und legen den Grund zu einer »euen Macht: der öffentlichen Meinung. Auch die Ent­deckung der neuen Welt dehnt bald den menschlichen Blick «ob menschliches Urtheil weiter aus, während fich das Be- dürfniß, die Wissenschaften zum Allgemeingut zu machen, durch die Gründung der Univerfitäten Krakau, Heidelberg, Prag, Wien, Köln, Erfurt, Leipzig, Florenz, Mainz, Tübingen, Kopenhagen und Wittenberg bekundet." (Rau, Lulturgeschichte.)

Zwischen den Jahren 1347 bis 1506 entstanden in etwa 20 deutschen Städten Univerfitäten, zu den oben- genannten traten noch Freiburg, Basel, Greifswald, Würz­burg, Rostok, Trier, Ingolstadt, Frankfurt a. d. O. und »ndere. Eine der ältesten und weiland bedeutendsten Hoch­schulen errichtete, und zwar aus eigenem Antriebe, die auf- blühende Stadt Erfurt.Schoa in den ersten GründungS- jähren (13781392) vereinigte fie alle vier Facultäteu und ihr Ruhm reichte bis in die fernsten Länder." Ein vr. Faust spielt eine Rolle in der Geschichte dieser Uni* tzerfitüt. 1501 bezog fie Luther, um die Rechte zu studiren, zab jedoch da» Studium auf, als ein Blitzstrahl einen Freund eti seiner Seite uiederschmetterte, und trat in daS Augustiner* Koster ein. Bier Jahrhunderte hindurch behauptete fich die Erfurter Hochschule mit wechselndem Erfolge, Ende deS 18. Jahrhunderts (17691772) wirkte noch Wieland als

Professor der Philosophie an ihr. Am 12. November 1816 wurde daS nur noch dem Scheine nach bestehende Institut für immer aufgehoben.

Außer Erfurt ex Langten in der Zeit der Reformation und der dieselbe vorbereitenden Periode vor allem die Uni- versttäten Prag, Leipzig, Wittenberg und Jena Bedeutung. Die Geschichte dieser Univerfitäten zeigt uns, wie oft eine dieser Anstalten auS der andern hrrvorging. Im Jahre 1348 war in Prag nach dem Muster der Pariser Universität eine Hochschule gestiftet worden, die in ihrer Blüthezeit von nahezu 20,000 Studenten gleichzeitig besucht wurde. Ihr berühmtester Schüler und nachheriger Lehrer war Johanne» Huß, der kühne Reformator. Seine Anhänger und Gegner geriethen bald aneinander und die Waffen der Geistes mußten verschiedentlich denjenigen der äußeren Gewalt Platz machen. Noch ein anderer Umstand kam hinzu, welcher sehr bald die geistige Frage in eine politische umgestalten half: der alte Haß zwischen dem Deutschrhum und dem Slaven- thum. Die deutsche Rationalität hatte bei akademischen Be­schlüssen drei Stimmen, die slavische nur eine Stimme ab­zugeben.Dieses Mißverhältniß führte im Jahre 1406 zu einer blutigen Schlägerei . . . und drei Jahre später zu einem KönigSbefehl Wenzels, der den Slaven drei und den Deutschen nur eine Stimme gab, infolgedessen 6000 deutsche Professoren und Studenten Prag verließen und andere Uni­versitäten bevölkerten."

Die Auswanderung mehrerer tausend Studenten auS Prag führte zur Gründung der Universität Leipzig (1409), deren erster Rector der mit aus Prag gekommene Professor Otto v. Münsterberg war. Errichter waren die Landgrafen von Thüringen und Markgrafen von Meißen. Da fich nach dem Auftreten Luthers die Universität Leipzig als eifrige Gegnerin der protestantischen Lehren hervorthat, so gründete Friedrich der Weise im Jahre 1502 die Univerfilät Witten­berg, welcher Johann von Stanpitz, Luther und Melanchthon bald zu außerordentlichem Ruhm und Ruf verhalfen. Durch den unglücklichen schmalkaldischen Krieg verlor Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen den größten Theil seines Landes, mit demselben auch Wittenberg und die von ihm heißgeliebte Univerfität. Das verlorene Befitzthum empfing nebst der Kurwürde fein Detter Moritz, nur ein kleiner Theil, daS heutige Thüringen umfassend, verblieb feinen Söhnen. Als nun der Kurfürst als Gefangener des Kaisers 1547 durch Jena kam. hatte er mit seinen drei Söhnen eine Zusammenkunft, bei welcher beschlossen wurde, in dieser

Stadt eine Universität zu stiften, die an Stelle Wittenberg» zur Erhaltung der reinen evangelischen Lehre dienen sollte. Schoa zweimal hatte fich (1527 und 1535) die Univerfilät von Wittenberg wegen der herrschenden gefährlichen Seuchen hierher geflüchtet und sehr wohl befunden . . . Nach langem Zögern bestätigte Kaiser Ferdinand I. die 1547 eröffnete Anstalt al» Universität und verlieh ihr alle Rechte und Frei­heiten- feierlich eröffnet wurde sie am 2. Februar 1558." Die Gründer der neuen Universität suchten natürlich Melanch­thon sofort als Professor für ihre Hochschule zu gewinnen, da dieser jedoch W'.ttenberg nicht verlassen wollte, zürnten sie ihm und beriefen später nach Jena nur allerlei streitbare Lutheraner und Gegner MelanchthonS. So diente die Uni* verfität Jena, die später eine Hochburg der freien theologischen Richtung werden sollte, anfangs der orthodoxen Richtung. Ihre größte Bedeutung fällt unstreitig in die Regierungsze't des Herzogs Carl August. Unter ihm wirkten Schiller, Fichte, Reinhold, Schelling, Schütz, Hufeland und zahlreiche andere bedeutende Männer an der Akademie. Die Rolle, welche fie in der Geschichte der deutschen EinheitSbestrebuugen spielte, ist bekannt- wurde doch 1815 hier von 113 Studenten die deutsche Burschenschaft gegründet.

Unter dem freifinnigen Regime eines Stein und Harden­berg, deren ersterem Wilhelm v. Humboldt zur Seite stand, wurde 1809 die Universität zu Berlin taS Leben gerufen, mit der Aufgabe, den deutschen Geist beleben und da» Staatswesen neu gestalten zu helfen. Die Univerfität Straß­burg, welche kürzlich ihr 25jährigeS Jubiläum feierte, ist die jüngste unter ihren deutschen Schwestern - durch Stiftung»* urkunde vom 28. April 1872 entstanden, lag ihr die AuS- führung eine» ähnlichen Programms ob als ihrer Berliner Genossin am Anfang ihres Bestehens. Genau genommen, ist fie übrigens bedeutend älter als 25 Jahre. Denn be­reit» im 16. Jahrhundert entstand in Straßburg eine Uni­versität, die 1808 in eine französische Akademie umgewandelt wurde und aus welcher 1872 die jetzige Univerfität hervor­gegangen ist.

Man darf wohl annehmen, daß mit dem gegenwärtigen Stande die Entwickelung unsere» UniverfitätSweienS ihr Ende noch nicht erreicht hat. Es ist hier nicht der Ort, auf die Zakunftsaufgaben dieser für die Weiterbildung deS deutschen Geisteslebens io wichtigen Institutionen einzugehen, doch dürfen wir hoffen, daß dieselben, wie zu jeder Zeit, so auch in der Zukunft, fich die ihnen gebührende Bedeutung zu sichern wissen werden.