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Nr. 88 Zweites Blatt
Mittwoch des 14. Avril
1S97
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Zlints- nut' Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.
Hratisöeitage; Hießmer Aamitienötätter.
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Der '
Hießeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
Locales «n6 provinzielle,
Gießen, den 13. April 1897.
** P»stperf,»al-«achrichten. Versetzt finb: der Post- kasfirer Elsässer von Worms nach Kiel als c Postinspeetor, die Ober-PoftdirectionSsecretäre Rad eck von Darmstadt nach Lieguttz und Tapp ermann von Frankfurt a. M. nach WormS als c. Postkasfirer, die Postseccetäre Heidenr eich von Mainz nach Potsdam und Jahn von Offenbach a. M. nach Darmstadt als c. Ober-PostdirectionsfecretSre, Binde- wald von Gießen nach Herne als Ober-Postsecretär, Hardt von Darmstadt nach VSlklingen und Schmidt von Bad- Nauheim nach Wsrdohl als Postmeister, der Postverwalter Dolle ga von Westhofen (Hessen) nach Darmstadt als Ober- Telegraphenasfistent, die Ober-Telegraphenasfistenten Böhm und Lipp old von Mainz nach Gießen, die Postasfistenten AßmuS von Mainz nach Friedberg (Heffen), Reinhardt von Friedberg (Heffen) nach Bab-Nauheim, Roß von Berlin nach Westhofen (Heffen), die Telegraphenasfistenten Glück von Mainz nach Friedberg (Heffen) und Mandel von Mainz nach Darmstadt. Ernannt sind: zum Postkasfirer der Ober-PostdirectionSsecretär Brüggemann in Offenbacha.M. zu Oberpostasststenten, die Poftasfisteuten Kraußmüller in Gießen, Sorge, Reinig und Weber in Mainz, zum Ober- Telegraphenasfistenten der Telegraphenasfistent Matthes in Mainz. — Au gestellt sind: als Postasfistent die Postasfistenten Dahl von Elberfeld und Frank von Darmstadt in Mainz, Jen sch und Kissel in Darmstadt, Haas von Darmstadt und Ko hl Hase von Straßburg (Els.) in Offen- bach a. M., Schi ermann und Todt in Gießen, die Postanwärter DehuS, Montag und Schiebelhuth in Darmstadt, Schütz in Bensheim, Lor. Müller in Oppenheim und W.edel in WormS, als Telegraphenasfistenten die Tele- grapheuanwärter Lorz von Mainz in Darmstadt, Lutz in Bingen (Rhein), Waas in Gießen, Ludw. Müller in Offenbach a. M., Wiegand in WormS und Jertz in Kastel a. Rh. — Zu Poftagenten angenommen sind: der Landwirth Klug in Gräfenhausen, der Lehrer Faust in ErbesbüdeShetm, der Bürgermeister Schäfer II. in Er- felden, der Landwirth Georg Müller IX. in Habitzheim, der Kaufmann Hofmeyer in Hühnlein, der Konrad Sei-
Feuilleton.
Dir erste Ueberwinterung im hohen Norden im Winter 1596|97.
Von Alexander Bauer.
(Schluß.)
Aus Stämmen, welche wahrscheinlich die Meeresströmungen aus Sibirien hierhergesührt hatten, bauten sie fich ein HanS, daffelbe Holz benutzten fie als Brennmaterial. Baren fanden fich in Masse ein und viele wurden erlegt, daS Fletsch aß man aber merkwürdigerweise nicht, vermuth- lich, weil man eS für ungenießbar hielt. Infolgedessen blieb man auf die einseitige Nahrung des Sch'ffrS angewiesen, so daß bald genug der Skorbut auSbrach und Opfer forderte. Am 2. October war das HauS fertig, vom 12. ab schlief man darin. „Auf dem Dache des Hauses ward ein Schornstein angebracht, im Innern eine holländische Wanduhr auf- gehangen- längs der Wände standen die Betten und in der Mitte eine Tonne als Badebasfin." Bald brach die Polar- nacht herein, die Kälte war entsetzlich, der Schneefall außer- ordentlich. DaS ganze HauS wurde verschüttet, wollten fie ins Freie, wußten fie sich erst einen Gang graben. Nacht für Nacht trampelten Bären und Füchse auf dem Dache h-rum, versuchend, die Planken abzuheben, um ins Innere zu kommen. Schließlich krochen fie sogar in den Schornstein, wo viele geschossen wurden. In Schlingen fing man zahlreiche Blaufüchse, deren Fell zu Pelzen verwendet und deren Fleisch gegessen wurde. Der Frost war so groß, daß zweimal Wände und Fußboden 2 Finger dick mit MS belegt ivaren. Der Wein mußte allemal erst aufgethaut werden. Schreckliche Stürme wütheten.
Einmal heizte man, um mehr Wärme zu erhalten, mit Steinkohlen und schloß alle Ocffmmgen, um fie recht lange zu erhalten. Die Folge war, daß alle von Schwindel und veangstiguugen ergriffen wurden. Einer der Matrosen, welcher den HauSeingang öffnete, um der Luft Zutritt zu gestalten, fiel augenblicklich befinnuugSloS zu Boden, kam aber später infolge der Bemühungen seiner Kameraden wieder j jir fich. Endlich erreichte die Kälte einen so hohen Grad, laß den Unglücklichen die Schuhe an die Füße froren und I
fert in NiederkainSbach, der Beigeordnete Jourdan VI. in Walldorf und der Gastwtrth Eller II. tu Wonsheim.— ES treten in den Ruhestand: der Postsecretär Brie gl eb in Mainz und der Ober-Telegraphenasfistent Harting in Darmstadt. — Gestorben ist: der Postagent Brehm in Rheindürkheim.
-n- Gettenau, 12. April. Im vorigen Sommer wurde bei der Grundentnahme auS dem „Büdrtch" sür die neue Bahn Friedberg—Nidda der Fuß einer römischen Vase au» terra sigiUata auSgegraben. Auf dem äußeren Boden dieses VasenrefteS standen die Buchstaben EUCABPF. Diese Inschrift wurde übersetzt mit Eucarpius fecit, d. h. EucarpiuS hieß der Töpfermeister, der diese Base angefertigt hatte. Mau sammelt die Namen dieser Töpfermeister. Einsender hat nun von befreundeter Seite die Nachricht erhalten, daß man vor 55 Jahren, also int Jahre 1842, in Rheinhessen römische Gefäße fand, die den Stempel Eucarpius führen. Meister Eucarpiu» scheint ein fleißiger, geschickter Herr gewesen zu sein, dessen Arbeiten in Rheinhessen und Oberheffen vor 1800 Jahren nicht selten waren. Da die Sache für AlterthumSfreunde und Archäologen von Interesse ist, wollen wir nicht vevsaumen, fie hier mitzutheileu.
□ Bon dem Bogettberg, 12. April. Wie alljährlich um diese Zett, so findet auch gegenwärtig wieder ein sehr lebhafter Handel mit Kartoffeln statt, die zum größten Theil aus der Wetterau bezogen werden, sei eS durch hiesige ober dortige Fuhrleute. Dieser Ankauf von frischen Setz- kartoffeln hat von Jahr zu Jahr zugenommen, weil die Erfahrung gelehrt, daß der Wechsel in Saatkartoffeln für unsere Gegenden zur Erzielung guter Erträge eine Bedingung ist. Die Preise für Kartoffeln find billiger als im vorigen Frühjahre- während damals der Doppelcentner mit sechs Mark bezahlt wurde, kostet er jetzt nur fünf, ja auf dem letzten Grünberger Fruchtmarkte war er schon zu 4.50 Mk. erhältlich. DaS läßt auf reiche Kartoffelvorräthe in der Wetterau schließen. Dabet zeigen die Knollen ein vollendetes Wachsthum und vortreffliche Qualität. Da eine kräftige Kartoffel, die zum Zweck der Anpflanzung doch ftetS in Scheiben zerschnitten wird, viel besser Sträucher und demgemäß auch Knollen zu erzeugen im Stande ist, al» eine kleinere, schwächere, so ist
harr wie Horn wurden, die Kleider fich mit Schichten von Reif und Eis bedeckten. Dessen ungeachtet feierten fie daS Fest der heiligen drei Könige in fröhlicher Stimmung. Aus zwei Pfund Mehl und Oel backten fie ein paar kleme Kuchen, dazu gab eS etwas Zwieback und Wein. „Da kam es uns vor," heißt eS in dem ergreifenden Bericht Gerrit de Teers, „als wären wir in der Heiwath und mitten unter Angehörigen und Freunden- auch haben wir uns dabei so erquickt und gestärkt, daß keiner hätte lustiger fein können, wenn er von dem glänzendsten Bankett gekommen wäre. Durch Loose bestimmten wir einen König und unser Oberkanonier wurde König von Nowaja Semlja.
Während der Periode von September bis Ende Januar erlagen zwei der Matrosen dem Skorbut, von dem fast alle ergriffen waren. Alle fühlten fich äußerst schwach, so daß sie selbst beim Herbeitragen des Holzes mehrmals auSruheu mußten. Endlich erblickten fie wieder eisfreies Meer vor sich, aber erst am 13. Juni 1597 konnten sie daran denken, in den beiden Schaluppen — daS Schiff mußten fie im Stiche lassen — in See zu stechen. Vorher setzte BarentS ein Schriftstück mit einem kurzen Berichte über die Reise und ihre Ueberwinterung auf, steckte es in ein Flintenfutteral und hing eS cm Kamin auf, damit „wenn Jemand nach uns durch Zufall hierherkam, er erfuhr, was uns begegnet war". Wenige Tage nach Antritt der mühseligen Fahrt starb wieder ein Mann und gleich darauf auch Wilhelm BarentS selbst, der berühmte Pilot, zur großen Betrübniß der nun völlig verlassenen Verirrten.
WaS diese auf der verhängnißvollen Fahrt litten, läßt fich kaum fchildern. Bald fror daS Meer zu, bald ward es wieder eisfrei, so daß fie ihre Boote immer wieder von Neuem aus Eisfelder hinaufziehen und flott machen mußten. Unendliche Freude herrschte, als fie auf der Insel Croix 60 Eier der Bergente entdeckten. „Sie wußten nur nicht gleich, wie diese fortzuschaffen feien. Da zog einer der Leute die Hosen auS, band fie unten zu und in diese steckte man die Eier - der sonderbare Behälter wurde an einem Spieße nach der Landungsstelle getragen." Ein andermal fanden fie bei Gelegenheit einer Landung einige Exemplare der Cochlearia (Löffelkraut)- sofort verzehrten sie dieses kräftige Mittel gegen den Skorbut und fühlten sich wesentlich
folgerichtig auch die Qualität der Saatkartoffeln in daS ®* wicht fallend. Aus der reichlichen Sortenwahl, die auf de» Markte erscheinen, gibt man in hiefiger Gegend den Vorzug den Frührosen, gelben Rosen, Weltwunder, Magnum Bonum und blauen Riesen, letzteren allerdings nur in Hinficht al» Viehfutter. Mit dem Stecken der Frühkartoffeln hat man noch nicht beginnen können, da das Land noch zu viel Feuchtigkeit befitzt.
§ Mainz, 12. April. Das „Mainzer Journal" wendet sich heute in einem Artikel unter der Ueberfchrift: „Herr Bismarck" gegen die „Hamb. Nachr.", welche dem Bischof von Mainz einen Artikel unter der Ueberfchrift: „Herr Haffner" gewidmet und ihm anläßlich des Sitzenbleibens bei einem Trinkspruch auf den Fürsten Bismarck den Borwurf unerhörter provocatorischer Tactlofigkeit gemacht haben. DaS „Mainzer Journal" sagt u. A.: Ein Staatsmann, unter dem ein Kampf gegen die katholische Kirche und ihre Angehörigen geführt wurde, in welchem an Verleumdungen und Gehässigkeiten nicht- mehr übrig blieb, wa» ihnen hätte erspart werden können, kann unmöglich auf die Sympathie dieser Bolkskreise zählen. Wenn man nun gar eine solche noch einem Kirchenfürsten zumuthet, so ist daS schon der Gipfel einer naiven Arroganz. Der Herr Bischof konnte nicht anders handeln, als er gehandelt hat.
△ Mainz, 12. April. Der Zustand des feit einiger Zeit yeftig erkrankten Landtagsabgeordneten, Schriftsteller Philipp Wasserburg, hat sich derart verschlimmert, daß an ein Auskommen nicht wehr zu denken ist und dessen Auflösung stündlich erwartet wird. Da der Kranke jede Nahrung verweigert, wird demselben von den Aerzten auf künstlichem Weg Nahrung beigebracht. Dem populären Manne wird bet seinem schweren Leiden die weitgehendste Theilnahme entgegengebracht und zwar nicht nur von seinen Parteigenossen, sondern aus allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung. — Die hiesige Eisenbahndirection hat bewirkt, daß auch auf den in den Bezirk Mainz übergegangenen Strecken der vormaligen Hessischen LudwtgSbahn vom 1. Mat die billigeren Taxen der preußischen Staatsbahnen sür Arbeiter-Fahrkarten eingesührt werden. — Die hiesige Polizei hat gestern einen Schwindler verhaftet, der sich für den Kammersänger Götze auSgab und unter dem Vorgeben, fe n Reisegeld sei
I besser. Durch einen Nebel wurden die Boote vorübergehend getrennt, auch gingen ihnen schließlich die Lebensrnittel aus. Hungernd, leidend und völlig entkräftet, erreichten fie endlich Kola, wo fie zu ihrer freudigen Ueberrafchung ihren früheren Gefährten Cornelius R'jp mit feinem Fahrzeug antrafen. Dieser nahm fie mit nach der Heimath und am 1. November trafen sie in Amsterdam ein. Die zwölf Zurückkehrenden, die man schon lange für tobt gehalten, trugen beim Einzüge dieselbe Kleidung wie in Nowaja-Sewlja und Mützen von weißem Fuchs. Ihre Abenteuer erregten gewaltiges Aufsehen, vielfach stießen fie sogar auf Zweifel und Kopf- schütteln. Erst 274 Jahre später sollte sich die Wahrheit des de Veer'fchen Berichts voll erweisen. Im Jahre 1871 (am 7. September) wurde zum ersten Male die Stelle wieder besucht, wo Barents überwintert hatte. Der norwegische Capitän Elling Karlsen war eS, der hier nicht nur da» HauS genau so, wie die Schiffbrüchigen eS beschrieben, wtederfaud, sondern auch noch in so gutem Zustande, als sei e» erst am Tage vorher errichtet worden. Alles fand fich, wie Verne in seiner „Geschichte der Reisen und Entdeckungen" erzählt, genau in dem Zustande, wie die Unglücklichen es einst verlassen. Nur Thtere hatten inzwischen den Ort besucht.
Große Tonnen und Haufen von Walroß- und Bärenknochen umgaben daS HauS, im Innern entsprach alle» der merk- würdigen Zeichnung de BeerS. Die Betten standen an den Wänden, die Uhr hing noch da, einige Flinten, Bücher, Decken, Instrumente, HauSgeräthe, Stiefel, Leuchter, Patronen u. f. w. Die niederländische Regierung erwarb die Barents- scheu Reliquien und brachte fie im Marinemuseum in Haag unter, wo auch ein genau der VeerS'schen Zeichnung ent- sprechende», vorn offenes Hau» errichtet wurde, in dem jeder Gegenstand denselben Platz erhielt wie in Nowaja-Semlja. Wir haben in diesem Hause nebst Inhalt wohl eine» der kostbarsten und zugleich schönsten Denkmale der ForschnngS- geschichte vor uns, um so werthvoller, als es gerade von der ersten Ueberwinterung in den arktischen Meeren Zeugniß. gibt. Niemand vermag sich der Rührung beim Anblick dieser Gegenstände zu erwehren. Unter Anderem erblickt man die Flöte des unglücklichen BarentS und die Schuhe des armen Matrosen, der auf be* fernen EiStnsel fein Grab fand.


