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14.2.1897 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 14. Februar

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Kenerat-Mnzeiger.

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Die Gießener A«Mttte«5tL1ter werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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KUßener Anzeiger erscheint täglich, »tt Ausnahme bei Montags

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Annahme von Anzeigen zu ber Nachmittag- für bei folgenden Tag erfdjeinenben Nummer bi- vorm. 10 Uhr.

Hralisöeitage: Gießener Aamilienötätter.

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Gießen, den 13. Februar 1897.

Ueber nationalen SocialiSmvs sprach gestern Abend inStein- Garten" vor einer überaus zahlreich besuchten Versammlung, zu der sich auch viele Frauen eingefunden hatten, Herr Pfarrer Naumann auS Frankfurt a. M. Redner erläuterte eingehend die Grundgedanken des Themas und wies auf die bisherigen Gegensätze hin, daß man einerseits, wenn man national denke, vom Socialen, und andrerseits, wenn man social denke, vom Nationalen nichts wissen wollte- es liege aber die Nothwendigkeit vor, daß die sociale Arbeiter­bewegung national sein müßte. Herr Pfarrer Naumann er­läuterte eingehend die Umstände, die zu dieser Nothwendig- keit führen müssen und legte auch dar, daß anderseits die Regierung fich auf diejenigen Kreise stützen müsse, die mit dem socialen Gedanken ins Leben getreten, und wies dem­gemäß die Vorwürfe zurück, die sowohl von dcr Regierung wie von den Socialdemokraten gegen die Nationalsocialen erhoben würden. Nicht immer sei der SoctaltSmuS tnter- national gewesen, so habe z. B. Lassalle einen stark natio­nalen Zug bethätigt- aber auch auf der Regierungsseite habe es anders auSgesehen, Beweis dafür sei die Verschiedenartigkeit der kaiserlichen Erlasse von 1881 und 1890. Redner ver­breitete fich des Weiteren über das, was man als Bis- marck'sche Tradition bezeichnet, betonend, daß man BiSmarck nach dem brurtheilen müfie, was er in den 60 Jahren ge- than, er habe manche für unvereinbar gehaltene Gegensätze vereinigt- weiter führte er auS, daß man sich irre, wenn man annehme, das Kaiserthum sei ohne allgemeines Wahlrecht un­denkbar- ferner legte er die Gründe dar, welche eS der Krone unmöglich machten, mit der Arbeiterschaft gemeinsame Sache zu machen, weil letztere da aufhöre mttzuthun, wo eS sich um die Stärkung deS Vaterlandes handle, während gerade in der Stärkung des Vaterlandes die erste sociale Aufgabe liege. Den republikanischen Gedanken des Socia- lismuS darlegend, betont Redner, daß die Socialdemoktatte nicht stark genug sei, ihn zu verwirklichen, sie könnte nicht einmal eine Beschneidung deS Wahlrechts verhindern, eine Aenderung unserer Verfasiung würde den Rückfall in Klein- staaterei bedeuten, Reich und Kaiser müßten als Thatsachc dargestellt werden, mit der man rechnen müsse, man habe dies leider bei Verfolgung der socialisti chen Princtpten n'cht gethan. H-rr Pfarrer Naumann ging hierauf auf den Be­griff deS Wortesinternational" ein- er glaube nicht, daß aus der internationalen Bewegung, wie sie die Arbeiterschaft '

ergriffen, etwas herauskomme, einerlei auf welchem Gebiete, aber unrecht sei der internationale Gedanke deshalb nicht. Der lebendige SocialiSmuS solle mit arbeiten am Bestehenden, er solle aufhören, eine radicale Oppositionspartei zu sein gegen den Staat, nicht aber gegen die alten Parteien. Der BegriffStaatserhaltung" könnte mit der Zeit ein anderer, und gerade die deutschen Arbeiter berufen werden, den Staat zu halten, wenn eS fich beispielsweise um Be­schränkung deS allgemeinen Wahlrechts oder darum handle, unsere nationalen wirlhschaftlichen Interessen zu schützen. DaS deutsche Kaiserthum müsse den Staat halten, die alten Parteien könnten eS nicht, und eS werde Frieden zwischen dem Reichs« und Staatsgedanken und dem SoctaltSmuS geben. Er habe die Zuversicht, daß der nationale SoctalismuS wachsen werde, er lade deshalb Alle zur Mitarbeit ein. Rauschender Beifall lohnte den Redner für seine Ausführ­ungen. Nach einer Pause von 10 Minuten erhielt Herr Redacteur Scheidemann daS Wort. Er betonte, daß ein nationaler SoctalismuS nicht denkbar sei, denn das, was der SocialiSmuS am eifrigsten bekämpfe, das Capital, sei auch international- er trat aber der Auffassung mit Entschieden­heit entgegen, daß die Socialdemokratie vaterlandslos sei. Der Gedankengang Naumanns vertrage fich nicht mit dem SocialiSmuS, derselbe könne nur demokratisch sein. National könne man im Hinblick auf die heutigen Zustände nicht werden. Herr Krumm bestätigte an der Hand statistischen Materials die Darlegungen SchetdemannS, daß der CapitaliSmuS mehr Menschenopfer fordere, als Pest und Cholera, er rechtfertigte die Abwehr der Gefahr des Capt- tals durch die Socialdemokratie und constatirt, daß die So­cialdemokraten genau fo ihr Vaterland liebten, wie die An­hänger anderer Parteien- er berührte die steigenden Anforder­ungen für Heer und Marine, fie als culturfeindlich bezeich­nend; er verficherte Herrn Pfarrer Naumann, daß die Soc aldemokratie, wenn fie alle Arbeiter in sich vereinigt, auch Erfolge erzielt, und bestreitet schließlich, daß die Social« demokratie reltgtonSfetndltch sei, ihr Standpunkt rechtfertige fich aus dem Ve>halten der kirchlichen Blätter. Herr Prof. Frank erklärte, die Bewegungen deS SocialiSmuS mit In­teresse versolgt zu haben, sein Interesse daran aber sei ver­loren gegangen, als die Socialdemokratie anfing, alles, was uns heilig, in den Staub zu ziehen- er constatirt wei­ter, daß eine Besserung unserer socialen Verhältnisse nöthig sei, nur die Wege dahin seien verschieden- er empfiehlt den Anhängern der herrschenden Parteien, mehr Fühlung mit den Arbeitern zu nehmen, den Arbeitern aber empfiehlt

er, nicht utopistisch zu sein, sondern an die Sache heranzu« treten, wie sie sich historisch entwickelt- er habe im Gegensatz zu Scheidemann die Ueberzeugung, daß Naumann nicht zu den Soclalbemokraten übergehe, die Soctaldemokraten kämen vielmehr zu Naumann. Herr Krumm trat den Aus­führungen des Herrn Prof. Frank entgegen und empfahl den anderen Parteien, aufzuhören in der Art und Weise, wie sie die socialdemokratische Partei behandelten, dann werde eS anders werden. Herr vr. Fuhr sprach sich anerkennend über den Vortrag des Herrn Pfarrer Naumann aus, er müsse aber erklären, daß er fich von Naumann unterscheide in dem von diesem eingehaltenen Tempo- andererseits könne er nicht umhin, die Kampfmittel Naumann- für verhängniß- voll zu halten, denn dieselben bestärkten die Socialdemokratie in ihrer Auffassung von dem Gegensatz zwischen Besitz und Arbeit. Arbeit ohne Besitz werde eS kaum geben, ebenso Besitz ohne Arbeit. Auch er ist der Ansicht, daß der Socia- ltSmus nur international sein könne. Wenn man auf nationalem Boden stehen wolle, solle man nicht Unfrieden säen- die neue Partei des Herrn Naumann solle fich

angelegen sein lassen, Vertrauen zu den besitzenden

Klassen zu haben- er hoffe, daß Alle auS der Versamm­lung mit htnauerragen das Bestreben zum Ausgleich der Gegensätze, zur Anbahnung gegenseitigen Vertrauens uno zum Zusammenwirken- er wünsche auch, daß die alten Parteien mehr fich den socialen Aufgaben widmen und constatire, daß die nationalltberale Partei sich der sozialpolitischen, wirth- schafil'chen und Agrarfrage angenommen. Herr Lenz, welcher anscheinend beabsichtigte, die Berechtigung der national- socialen Partei durch Erörterung verschiedener wichtigen Fragen darzulegen, erzielte nicht den gewünschten Erfolg. Herr Prof. Krüger bezeichnete die Worte deS Herrn Naumann als eine große Parole, die keine alte Partei aufzuwetsen habe, schon das Wortnational-sozial" gefalle ihm- aber es genüge ihm nicht, daß man das Königthum für eine That- sache halte, demselben müßten doch andere Gefühle entgegen­gebracht werden, wenn man auf Mitwirkung des Köatglharns an der sozialen Frage rechnen wolle- er forderte die Arbeiter auf, Zutrauen zu haben, fie möchten beweisen, daß auch sie Jntertsse für Andere hätten. Persönlich bemerkte Herr Krumm, daß er überzeugt fei, daß seine Partei mit Allem einverstanden sei, was Schetdemann und er gesagt. Das Schlußwort erhielt Herr Pfarrer Naumann.gGr nahm, auf die Einzelheiten eingehend, da- durch, was die Vorredner für und wider feine Partei und deren Bestrebungen gesagt, legte besonders den Standpunkt zu der von Herrn Pcof.

Feuilleton.

Gochendrresc aus der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 11. Februar.

Vom WohlthätigkeitS Bazar. Großherzogliches Hoftheater.

Scköne Festtage, die der HumanitätSfinn eines für daS Wohlergehen seiner Unterthanen eifrig besorgten jugendlichen FÜrstenpaareS bereitet, liegen hinter uns. In der That, der erste Bazar, der durch die rege Initiative unserer erhabenen LandeSmutter entstanden ist, darf mit Recht von sich be­haupten, daß ein in jeder Hinsicht gelungenereS derartiges Fest in Darmstadt noch nicht gefeiert worden ist. Was die festliche Stimmung besonders erhöhte, war neben der glänzenden Ausstattung des ganzen Arrangement- und der stilvollen Durchführung aller einzelnen Nummern deS reichhaltigen Programms, an der fich Angehörige aller Stände der Residenz betheiligten, namentlich der überaus leutselige Verkehr, mit dem unser erlauchtes GroßherzogltcheS Paar alle Die­jenigen, welche fich um die gute Sache verdient gemacht hatten, wahrend der ganzen Dauer der Veranstaltung beehrte.

Der erste Theil der Feier spielte sich ab in den Prunkräumen deS alten Palais am Luisenplatz, die sonst zur Abhaltung der HofbLlle dienen, diesmal jedoch durch die Güte Sr. König!. Hoheit de- Großherzogs zur freien Verfügung gestellt worden waren. Der Platz vor dem Portale war durch eine mit Fahnen und Tannengrün geschmückte Ehren­pforte geziert, die dem Eingang schon ein würdiges Gepräge verlieh. Das prächtige Treppenhaus zeigte dann ebenfalls reichen Schmuck mit lebenden Pflanzen, die den Großherzog­lichen Gewächshäusern entnommen waren- Garde-Unterofsiziere in malerischer, althessischer Uniform hielten hier Wacht und zeigten dem Publikum den Weg, der nun zuerst nach der Budefür nützliche Gegenstände" führt, wo alle möglichen netten Kleinigkeiten zum Verkaufe von liebens­würdigen Händen angeboten wurden. >Eine sehr schöne Er«

innerung werden bann die im sogenanntenkleinen Saal" von Professor Hermann Müller eigen- für die Gelegenheit entworfenen und von Frau Oberbürgermeister Mornrweg offerirten Postkarten für alle Diejenigen bilden, die so glücklich waren, eine zu erhalten. Eine sehr schöne Jvee, die vielen Anklang gefunden hat, zeigte der neben der Postbude befindliche Stand: Zahlreiche junge Mäkchen in kleidsamer oberhessischer Tracht, oberhesstsche Töpserwaaren fetlhaltend. Auch die Laube, in der daS sogenanntegoldene Buch" auflag, in das die Besucher fich einzeichneten zum dauernden Andenken für die hohe Ver­anstalterin de- Festes, bildete eine originelle Bereicherung des Programm-. Eine sehr schöne Scene war die Ein- zeichnung der kleinen Prinzeß Elisabeth, der die Gouvernante da- Händchen führte, in daS obengenannte Buch. Natürlich fehlen Blumen- und Condltoret- stände, Bier-, Wein- und Eßwaaren-BuffetS nicht. DieKunstbude" war reich beschickt durch namhafte Künstler, nicht nur aus Darmstadt und dem Hesseniande, sondern auch aus weiter Ferne waren Gaben angekommen- auch eine Papierbude, eine Bude für Parfümerien, Toilettegegenstände, Cigarren und Cigaretten war vorhanden. Ein besonderer AttractionSpunkt für die Damen war das geschmackvoll eingerichtete holländische Theezelt, in dem reizende Holländerinnen den dampfenden Trank credenzten.

Imgroßen Saal" war die Hauptsehenswürdigkeit die russische Bude", in der meist Sachen, die Geschenke Jh^er Majestät der Kaiserin Alexandra und Ihrer König!. Hoheit der Großfürstin Sergius waren, zum Verkauf kamen. Auch Ihre König!. Hoheit die Groß- h erzog in hatten für diesen Stand eigenhändige Arbeiten angefertigt. Als Verkäuferinnen fungtrten hier Damen tn russischen Costümen, theil- als Bojarinnen und theilS als russische Bäuerinnen gekleidet. Auch die japanische Bude mit ihren japanischen Verkäuferinnen wurde zahlreich besucht und bot einen hübschen Anblick. Eine

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humoristische Bühne, auf der stü dlich Vorstell­ungen gegeben wurden, hatte stetsausverkaufte Häuser" zu verzeichnen. Außerordcnrltch gemüthlich ging eS tn der herrlich eingerichteten altdeutschen Weinstube und in der bayerischen Bierstube her, tn denen von schöner Damenhand mancher Tropfen gespendet ward. Erwähnen wir noch, daß auch eine viel besuchte Tombola aufgestellt war, bei der beispielsweise Se. Königl. Hoheit der G- herzog zur großen Freude der Umstehenden eine zum Braten hergerichtete GanS gewann, und daß fortwährend von sich abiöitnöen Mtlitärcapellcn muflcirt wurde, so haben wir dem Leser in großen Zögen ein Bild von dem Gebo­tenen gezeichnet, daS indessen auf absolute Vollständigkeit tonen Anspruch machen kann. Geradezu unmöglich tft es aber, ein auch nur annähernd getreue- Bild von dem Leben und Treiben zu geben, baß auf dem Jahrmarkt herrschte, dazu tst die Feder zu schwach, das mutzte man selbst mit angesehen und erlebt haben. Diele Taulende haben den Bazar besucht und dort Freude und Anregung tn Fülle ge­funden und dabei ihr Schetfl-tu zur Linderung der Roth ihrer Mitmenschen beigetragen und so wird der finanzielle Erfolg nicht hinter dem künstlerischen zurückstehen, der Dank dem hervorragenden Bemühen unsere- hohen Herrscherpaares ein so ausgezeichneter gewesen tst.

Auch die Aufführung im Großh. Hoftheater ward von einem zahlreichen Publikum besucht und fand nach dem Ihren Lesern bereits mitgetheilten Programm einen glanzvollen Abschluß, nicht ohne daß die Träger der Haupt­rollen von den Allerhöchsten Herrschaften in besonderer Weise geehrt wurden.

Der Sub scriptionSball im Städtischen Saal­bau vereinigte g stern Abend nochmals die Angehöcigen der Gesellschaft der Stadt zu einem brillanten Feste, das durch die Anwesenheit Ihrer König!. Hoheiten de- Großherzogs und der Großherzogin zum hervorragendsten tn der ganzen Saison wurde.