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14.1.1897 Erstes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

»lints- »ind AnZeigeblatt für bett TCreis- ^«efjett.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den i folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

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Äolffl telegr«yhischer Lorreiponderq-Bsreru

Berlin, 10. Januar. Die Versammlung Delegirter Don fast allen preußischen Handelskammern trat Htstern und heute hier zusammen, um über die durch die neue Gesetzgebung und ihre Einsührung für den Getreide« und Pcoductenhandel geschaffene Lage zu berathen. ES wurde uach eingehender Diskussion über die wichtigsten Punkte mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität beschloffen:

1) Die Gründung einer Organisation für den deutschen Ge­treide« und Productenhandel mit dem Sitze in Berlin -

2) seitens der betheiligten Vereinigungen keinerlei Ermittelungen zv veranstalten und weder bittet noch indireet Preise zu bei« öffentlichen. Die Statuten borgedachter Organisation be­stimmen als ihren Zweck, in erster Reihe die Wahrung der Ehre und des Ansehens ihrer Mitglieder und ferner die För­derung der wikthschaftltchen Jntereffen derselben.

Berlin, 11. Januar. Eine durchgreifende Aendernng stehl derPost" zufolge in den Abzeichen (Achselklappen, Ausschlägen und Paspeln) der einzelnen Truppentheile bevor. Er handelt fich hier berwuthlich um durch die RegimentS- dersetzungen aus einem ArmeeeorpS in das andere nöthig gewordene Veränderuugen.

Frankfurt a. M., 11. Januar. Der hiesige italienische Gmeralconsul Otto bou Neufbille, Senior des Bank­hauses D. und I. de Neufbille, ist heute gestorben.

Hamburg, 11. Januar. Der Verein der Hamburger Asseeurateure beröffentlicht folgende Bekanntmachung: Nachdem die durch den Slrike heroorgerufenen anormalen Behältnisse, welche Verzögerungen in der Entgegennahme der Gitter bon den QuaiS zur Folge halten, als beseitigt an zusthen find, sehen die Mitglieder des Vereins fich beranlaßt, bk früher gemachten Zugeständnisse hinfichtlich der Ausdehnung des RlficoS wieder zurückzunehmen. Nunmehr tritt für die Begrenzung wieder die durch die Policenbedingungen fest- gestellte Frist eia.

Hamburg, 11. Januar. Heute fanden hier zehn Der. sammlungeu der Strtkenden statt. In der Versammlung bet Schauerleute ermahnte Döhrmg, nicht einzeln bom Strike zurückzutreten. Sollte der Slrike mit der Niederlage der Arbeiter enden, dann müßten alle borher erklären: geht nicht mehr. Von den Arbeitgebern, die den Arbeitern ebenso schlossen wie diese gegenüberstehen, sei nichts zu erhoffen. ES sei jedoch nicht ausgeschlossen, daß der Arbeilgeberberband m 15. d. M seine Haltung ändere- dann laufe der Termin ab, bis zu dem sein Beschluß aufrecht zu erhalten sei

Lübeck, 11. Januar. Der DampferTrabe", dessen Ausbleiben bon Kiel große Besorgniß erregte, ist gestern Nachmittag 2 Uhr nach fast dreitägiger Fahrt hier ein« getroffen.

Zürich, 11. Januar. Der frühere Candtvar v. Wächter ist aus der Irrenanstalt als geistig normal in das Gefängmß zurückgebracht worden und wird demnächst wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit bot Gericht gestellt werden. ___ ^ Rheinfelden (Schweiz), 11. Januar. Unter den ita­lienischen Arbeitern, die bei dem Bau des RheineanalS be­schäftigt find, entdeckte die badische Polizei ein Complott zur Ermordung zweier Angestellten. ES wurden mehrere Verhaftungen borgenommen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 11. Januar. Da« Kaiserpaar berließ heute Nachmittag 3 Uhr mit den kaiserlichen Kindern daS neue Palais und fuhr mittelst Sonderzuges nach Berlin, um während des Winters im hiesigen Königlichen Schlöffe Wohnung zu nehmen.

Berlin, 11. Januar. Dem BundeSrath ist, wie die Post" bernimmt, ein Nachtragsantrag Preußens zu den Ausführungsbestimmungen zum Börsengesetz bom Januar borigen JahreS zugegangen.

Berlin, 11. Januar. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist bon seiner Erkältung soweit wiederhergestellt, daß er heute bereits auSgehen konnte. Am 21. d. Mts. wird der Reichskanzler daS Präsidium und zahlreiche Mit« glieder des Reichstages zum Diner bei sich berfammelu.

Berlin, 11. Januar. Die Commission zur Unter­suchung der erforderlichen A end erun gen in der Organi­sation der Criminal-Polizei wird noch in dieser Woche unter dem Vorsitz des Polizeipräsidenten b. Windheim ihre Beratungen aufnehmen. An diesen Verhandlungen werden die beiden ersten Staatsanwälte der Landgerichte Berlin I und II theilnehmen.

Berlin, 11. Januar. Im Abgeordnetenhause wurde heute das Lehrerbesoldungsgesetz in zweiter Lesung berathen. Zu § 2 (Grundgehalt für Lehrer mindestens 900, für Lehrerinnen mindestens 700 Mk.), dessen unoerändertr Annahme die Commission beantragt, beantragen die Abgeord­neten Seiffarth und Getiossm die Erhöhung dieses Mindest­satzes auf 1000 bezvo. 800 Mk. lieber diesen Antrag entspinnt sich eine längere Debatte, in deren Verlauf der CultuSminister erklärt, daß daS Geletz scheitern würde, wenn der Antrag Seiffarth Annahme finde. Schließlich wird der Antrag ab­gelehnt. Es bleibt daher gemäß dem Commissionsbeschluffe bei der RegierungSfasjung.

Köln, 11. Januar. Aus Anlaß einer den Fall Brüsewitz erwähnenden Rede während einer Sitzung der Kölner Carnebal-Gesellschaft beibot der Gouverneur sämmt« lichrn Offizieren den Besuch der beiden großen Gesellschaften. DaS Verbot ist schon deshalb bon weittragender Bedeutung für den Carneoal, weil zur Bespannung sämmtlicher Wagen

bet dem großen MontagSzuge bislang Miluärpferde bereit« willigst zur Verfügung gestellt wurden.

Weißenfels, 11. Januar. In den hiesigen Schuh- und Schäftefabriken wurde heute Vormittag 11 Uhr sämmt« lichen Arbeitern gekündigt. Durch diese Maßregel werden ca. 3000 Arbeiter betroffen. Die Gewerkbereinler beschloffen, die Kündigungszeit inne zu halten, während die Soeialdemokraten die Arbeit sofort niederlegen wollen.

Wie», 11. Januar. Infolge bon Nebel und Nieder­schlägen sind die Telephon drahte überall geriffen. Der Telephonberkehr Oesterreichs im Jnlande, sowie nach dem AuSlande, auch mit Berlin, ist gestört.

Graz, 11. Januar. Einer Blättermeldung aus Bad Robitsch zufolge ist dort der Typhus ausgebrochen.

»rüffel, 11. Januar. Der frühere KriegSminister General Brassine hat die Präsidentschaft der Pa­triotenliga der Ex-Offiziere Belgiens, welche den Zweck berfolgt, die persönliche Dienstpflicht einzuführen, angenommen.

Pari», 11. Januar. DasJournal" meldet aus Rom, daß Italien dem Neguö Menelik als Entschädigung für den Unterhalt der italienischen Gefangenen fünf Millionen Lire zahlen werde.

Pari?, 11. Januar. Ein Telegramm aus Montebideo bestätigt, daß Dr. Glanarelli den Mikroben des gelben Fiebers und ein Heilserum zur Bekämpfung der Krankheit entdeckt hat.

London, 11. Januar. Einer Depesche aus Bombay zufolge tritt die Pest daselbst von Taz zu Tag heftiger auf.

London, 11. Januar. Die Königin Victoria spendete 500 Pfund Sterling für die Hungerleidenden in Indien.

London, 11. Januar. Einer Meldung derTimes" zufolge wird im nächsten Frühjahre eine neue russische Expedition nach Abessynien abgehen.

Konstantinopel, 11. Januar. Die Pforte bestreitet die Gerüchte bon den angeblich statigesundenen MassacreS in Trapezunt. Auch bei den Botschaften find keine der« artigen Meldungen eingetroffen.

Berlin, 11. Januar. DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge haben die Verhandlungen der deutsch-russischen Conferenz zu einer Verständigung geführt. Die Delegirten sind jetzt damit beschäftigt, daS Resultat ihrer Berathungen festzustellen und schriftlich niederzulegen.

Berlin, 12. Januar. Zur Abänderung der Bäckerei-Verordnung soll, wie derVorwärts" aus wohl informirten Kreisen erfährt, im preußischen Staats- Ministerium keine Neigung borhanden sein.

Berlin, 12. Januar. Die Commission für Ar« beiterstatistik erledigte in ihrer gestrigen Sitzung die

Feuilleton.

Eine Spazierfahrt nach Norwegen Reiseerlebnisse von Joseph Kahn, Ranstadt (Oberhessen).

(2. Fortsetzung.)

Den Nachmittag berbrachten wir auf den Straßen. Die schönsten, mit Asphalt gepflasterten heißen Vesterbropassage ino Droning Louises Bro, während Kjobmansgade und Ostergade (Kaufmannsstraße und Ostftraße) Geschäftsstraßen finö mtt prachtvollen Läden und worin bedeutender Verkehr Urscht. Die beiden letzteren Straßen münden in Kong'S Nytorh ein, ein großer, öffentlicher Platz im Mittelpunkte der Siadt. Dort steht da« prächtige königliche Theater, deffen F-ade mit den Denkmälern der Dichter Oehlenschläger und § Iberg geschmückt ist. Nicht weit davon, nur wenige Schritte und wir befinden uns auf dem Gemüse« und Blumen- mrlt. Ein Hauptartikel, der ganz massenhaft zum Verkauf msgestellt war, ist die Erdbeere Ich besuchte später mehr« miß Keller, in denen man nur Erdbeeren mit Rahm (Jordbör ®ed Flöde) kaufen konnte, und habe mir mehr wie eine Portion schmecken lasten. Die dänische Erdbeere ist von einem sehr zarten Geschmack und Aroma. Ein anderes National- gericht ist rothe Grütze mit Rahm (Rödgröd med Flöde), bo8 bei warmem Wetter recht erfrischend wirkt, obwohl eS gerate keine Delikatesse ist. Mittags labten wir uns an belschiedenen Fischgerichten, die hier schon einen bedeutenden Rchrungszweig bilden. Am Nachmittag besuchten wir Schloß Rosenberg, daS eines der schönsten im Lande ist. Hier sahen vir Portrails, Möbel, Kleidungsstücke und Schmucksachen, dir den verstorbenen Königen und anderen Mitgliedern der harschenden Familien angehört haben. Die Träger derselben i gehören alle der nordischen Geschichte an und bildet dieser

Ort gewiflermaßen ein Pantheon dafür. Abends war baß Losungswort:Zum Tivoli". Dort allgemeines Rendezvous in dem großartig angelegten Tingel-Tangel. Hier findet man alle möglichen Genüsse, schöne Promenaden, gute Con- certe, Theatervorstellungen, einen Irrgarten, Circuö, Caroustel, Rutschbahn, mehrere Restaurationen und Wirthschaften. Die eleginte Welt, der Bürgersmann und bir Arbeiter, sie ver­bringen alle ihre Abende im Tivoli. Es bildet daS Eldorado der Kopenhagener und der Fremden. In dieser Stadt ge­wesen zu sein, ohne dem Tivoli einen Besuch geschenkt zu haben, ist eben so verächtlich, als in der ewigen Roma sich aufgehalten zu haben und baß Oberhaupt der Kirche nicht geblickt zu haben. Hunderte von blonden Männern und Frauen wandeln auf und ab, und bleiben auch die singenden Laute der nordischen Sprache für uns im großen Ganzen unvcrfländlich, so leiten uns doch verschiedene internationale untrügliche Anzeichen zu der Vermuthung, daß viel Süßholz geraspelt wird. Unter ander n Vergnügungen muß ich be« sonders den natürlichen Irrgarten erwähnen. Mehrere von uns glaubten sich schon zu ewigem trostlosen Herumirren ver- urtheilt, als unsere Hilferufe vom Führer gehört wurden, der unS bann wieder glücklich aufwickelte.

Ich lag schon lange und träum e vom Gotte Thor und allen möglichen Sagengcstalten, als mir auf einmal vor- kam, als ob mich eine Hand betaste. Ich fuhr erschrocken auf und sah Dr Zirmann vor mir stehen.Sie find ge­sund unb können weiterschlafen," sprach er mit schwrrer Zunge, darauf wankte er auf ein anderes Be:t zu, wo er dieselbe Ansprache hielt. Endlich fand er ein leereß, daß natürlicherweise sein eigenes war. Daß nahm er denn auch sofort in Besitz d. h., er fiel so zu sagen darauf hin und begann sofort ein für seine Nachbarn nicht sehr angenehmes Schnarckconcert. Der Trick des DoctorS wurde am nächsten

Morgen ziemlich scharf kiiiifirt, während der mit einem coloffalen Kater belastete Sohn Aesculapß meinte, ein Arzt habe zu jeder Zeit daß Privilegium, fich nach dem Gesuud- heitßzustande seiner Mitreisenden zu erkundigen. Schneider meinte, der Irrgarten könnte eine vorübergehende Verwirrung hervorgerufen haben, während höchstwahrscheinlich zu viel Gcnuß des schwedischen Punsches der Urheber der Kata­strophe war.

Der zweite Morgen begann unter bedeutender Auf­regung. Der erste Offizier erzählte uns, daß der ruffifche Kaiser, der inzwischen verstorbene Alexander III., der seinen Schwiegervater so gern und oft besuchte, heute in aller Frühe abreisen würde, nachdem die Festlichkeiten zu Ehren der goldenen Hochzeit des dänischen Königspaares vorüber waren. Die Neugierde, den Beherrscher aller Kosaken einmal zu Gesicht zu bekommen, trieb uns deßhalb frühe auf die Beine unb nach einer halbstündigen Wanderung sahen wir baß kaiserliche Schiff vor unß liegen. Jedem, der nicht wußte, daß es einem Potentaten angehörte, mußte das luxuriöse Aeußere desielben sofort auffallen. Wie daß alles schimmerte unb glänzte! Die Matrosen waren alle in blendendem weißen Flanell gekleidet und liefen barfuß auf dem Verdeck auf und ab. Auf einmal näherte sich ein kleiner eleganter Dampfer. Darauf befand fich die kaiserliche Familie. Der Zar selbst saß und unterhielt fich mit dem Herzog von Edin« bürg, während die Zarin zu einer älteren Dame eifrig sprach. Der Kaiser, rote auch die anderen Herren waren in Civil gekleidet. Der Beherrscher der Rcußen schien in angenehmer Stimmung zu s in, denn er lächelte beständig. Einer der umstehenden Herren meinte, bas thue er bloß in Dänemark.

(Fortsetzung folgt.)