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^tefentr Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme bei Montags.
Die Gießener ^^*irie*6tälftr werben bem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt
Samstag den 11. December
1807
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
vierteljährigE >6oHMemfntspr<Ut 3 Mark SO Psg. mA vringerlohn. Durch die Post bezog«, 2 Mark 50 Pf^
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Amts» und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Kratisö-ic-ge: Ki-ßm-r gtamitimSKto. ^7,"'^--..»»-^---^
Amtliche» Tyeil.
Nr. 52 des Reichs-Gesetzblatts, aurgegeben den 6. d. M-, enthält:
(Nr. 2434.) Verordnung, betreffend die Ausführung der am 9. September 1886 zu Bern abgeschloffenen lieber einfunft wegen Bildung eines internationalen Verbandes zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst. Vom 29. November 1897.
Gießen, am 9 December 1897.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Deutschland und Frankreich.
Siner der eifrigsten Förderer des sranco-raffi chea Bünd- niffeS war unzweiftlhaft der Vertreter de» Zaren in Parts Baron v. Mohrenheim. Er galt als die Seele der Be- strebungen, welche Rußland und Frankreich einander in die Arme führen wollten und daneben natürlich auch den Deutschenhaß cultivirten. Deshalb war Herr v. Mohrenhrim auch bei der Zarin Mutter wohlgelitten und erfreute sich ihrer ganz besonderen Protection. Zu Zeiten Alexanders III. war er persona gratiseima und sonnte sich in der Gunst feines Monarchen. Kaiser NicolauS II. denkt tu vieler Hinsicht anders als fein Vater, er sieht die Dinge viel odjrcnver an und ist nicht in solchen Vorurtheilen befangen als jener. Ec hat freilich daS franco-russische Büudntß verkünrigt, aber noch heute weiß man nicht, was von dieser Allianz zu halten ist. Jedenfalls liebt aber der Zar eS nicht, daß dieser Bund von den Franzosen benutzt wird, eine provocirende Haltung .gegenüber anderen Mächten einzunehmen, da eS anscheinend auch sein Bestreben ist, möglichst mit aller Welt in Frieden zu leben. Hieraus ist vielleicht der Entschluß gefaßt worden, den Baron Mohreuheim, an drffen Fersen sich die Revanchepolitiker an der @dne zu heften liebten, von Paris abzu» berufen und ihn durch einen politisch weniger gebundenen Mann zu ersetzen.
Mit diesem Vorgänge könnte Deutschland ganz zufrieden »ein, da er die Aussicht giebt, daß unsere Beziehungen zu Frankreich dadurch nur gewinnen können. Jnteresstrt find wir an jenem Botschafterwechsel aber auch noch iusofern, als nunmehr Graf Münster, der deutsche Vertreter in der Seine- stadt, Doyen deS diplomatischen Corp» wird und al» solcher in die Lage kommt, Functionen wahrzunehmen, welche nur dem Gesandten einer besonders intim besreundeten Macht gern übertragen werden. Man macht jetzt darauf aufmerkjam, daß tu einem ähnlichen Falle der französische Botschafter in Berlin abberufen worden sei und daß nunmehr auch Gras Münster Part» verlaffen müffe. Dies giebt Anlaß zu der Erwägung über die Nothwrndigkeit einer solchen Maßregel.
Nach landläufiger Anficht gelten Frankreich und Deutschland al» „Erbfeinde", d. h. daS jetzige Geschlecht hat den Haß von den Vätern übernommen, der sich auf künftige Generationen forterben wird. Nun ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, ob denn dieser Zustand ewig anhalten soll, ob nicht einmal ein Zeitpunkt eintrttt, in welch:« die Feindschaft aushört und entweder Gleichgiltigkeit oder Freund- schäft an ihre Stelle tritt. Wir haben schon in früheren Artikeln vachgewtesen, daß tu den letzten Jahren Anzeichen zu constatirru find, welche eine erhebliche Brfferung der Be- ziehungen zwischen beiden Ländern erkennen lassen. Wenn «S auch tu den meisten Fällen nicht immer Urberzeugung ge- wesen ist, sondern auf die politische Klugheit und die Er- kenntniß zurückzuführen war, daß der Frankfurter Friede als eine Thatsache auzusrhen ist, die nie mehr auS der Welt ge- schafft werden kann, so hat Frankreich doch schon verschiedene Male gezeigt, daß eS nicht mebr so schroff widerstrebt, wenn «S gilt, Sette an Seite mit Deutschland zu marschtren. Auch in Frankreich ist jene Frage ventilirt worden, und ein dortiges Preßorgan hatte vor einiger Zeit an etwa 200 hervor- ragende Franzosen verschiedenster sozialer und politischer Stellung Ansragen ergehen lasten, welche darauf hinausltefen, die Ansichten über da» Verhaltniß Frankreichs zu Deutsch- land kennen zu lernen. Es waren vier Fragen, die da ge- stellt wurden: 1) Ob eine Beschwichtigung der Gemüther bezüglich de» Frankfurter Friedens eingetreteu sei. 2) Ob man jetzt weniger an Elsaß Lothringen denke. 8) Ob man den Zeitpunkt voraussehe, in welchem der Krieg von 1870/71 nur noch al» ein historische» Ereigniß angesehen werde. 4) Ob ein plötzlich zwischen beiden Ländern auSbrechender Krieg in Frankreich günstig ausgenommen werden würde. Etwa 150 Antworten gingen ein, und e» ist sehr bezeichnend, baß die weitaus meisten tu versöhnlichem Tone gehalten Waren und daß selbst diejenigen Personen, denen daS Prestige
Frankreich» Über Alle» geht, sich gemäßigt auSdrückeu und dem Deutschthum Eouceifionen zu wachen bereit find. In allen Antworten war keine einzige Anspielung auf eine etwa wünschenSwerthe Weltherrschaft Frankreich» vorhanden, vtel- m<hr war vielfach der Besorgniß Ausdruck gegeben, daß im Falle einer völligen bedingungslosen Aussöhnung mit Deutschland da» Franzosenthum noch mehr von seinem Einflüsse an un» werde abtreten wüsten. Auch in Frankreich scheinen Bernunstgründe und Motive allgemeiner Menschlichkeit vorzuherrschen, welche die Heraufbeschwörung blutiger Ereigntste unbedingt verwerfen und eine Verständigung anstreben im Jntereffe von Cultur und Sivilisation. Die Aussichten, daß noch einmal gute Beziehungen zwischen uns und unserem „Erbsetnde" hergestellt werden können, sind also nicht gering, und da» ist im Jntereffe deS VölkerfrtedenS nur freudig zu begrüßen. (xx)
Versuche* Seichs-aK
Sitzung vom Donnerstag den 9. December 1897.
Am BundeSrathSttsche: Staatssecretär v. Bülow, StaatSsecretär Ttrpitz, Staatssecretär Graf PosadowSky, Staatssecretär Frhr. von Thielmann.
Tagesordnung: Fortsetzung der 1. Lesung des Flottengesetzes.
Abg. Hammacher (nl.) erklärt, seine politischen Freunde hätten einmüthig beschlossen, sich auf den Boden der Vortage zu stellen. Sie seien mit der Regierung überzeugt, daß die Flotte in ihrem jetzigen Umfange nicht ausreichend sei, um die ihr gestellten Aufgaben zu erfüllen. Seine, Redners, Partei verkenne die finanziellen Bedenken nicht, aber da« nationale Empfinden laste sie leichter über diese Bedenken htnwegsehen. Redner wendet sich hierauf lebhaft gegen die neulichen Ausführungen deS Abg. Schönlank und des Abg. Richter und widerspricht deS Weiteren namentlich den etatsrechtltchen Einwänden der Linken. Angesichts der wtrtbschaft- lichen und politischen Bedeutung dieser Vorlage würde er, Redner, und sicherlich auch seine Freunde, nicht Anstand nehmen, nöthtgen- falls auch in die Auferlegung neuer Steuern zu willigen. Zu Gunsten so vitaler Interessen werde und müsse da» deutsche Volk auch hierzu bereit sein. (Beifall.)
Abg. Galler (südd. 23p.) lehnt im Namen seiner Partei die Vorlage ab. Redner giebt ausführlich die Gründe an, welche seine Partei dazu veranlaßten, die Vorlage zu verwerfen. Dieselbe würde ein weiterer Schritt sein zu einem MartnedespottsmuS.
Abg. Zimmermann (Antts) wünscht wohlwollende Prüfung des Gesetzes. Alles, was zum Küstenschutz gefordert werde und nöthtg sei, würden seine Freunde bewilligen. Aber sie behielten auch die wirthschastliche Seite der Vorlage im Auge. Und in diesem Punkte hätten sie wohl Bedenken gegen dieselbe. Sie seien der Meinung, es würden durch die Vorlage noch Millionäre gezüchtet. Es sei zu empfehlen, den verbündeten Regierungen gewtste Garantien abzuverlangen. Den Vorschlägen des Abg. Lieber stimme er zu. Betonen wolle er aber noch, daß keinesfalls andere Steuern erhoben werden dürften, als solche, welche nur die leistungsfähigsten Schultern treffen. Redner spricht am Schlüsse seiner Ausführungen die Hoffnung aus, daß jedenfalls eine Mehrheit seiner Freunde einer durch die Commission geläuterten Vorlage werde zusttmmen können.
Abg. Hilpert (bayerischer Bauernbündler) erklärt sich RamenS seiner engeren Freunde gegen die Vorlage. Besondere Bedenken hege er gegen die Bindung des Reichstages. Auch in finanzieller Hinsicht beständen schwere Bedenken, so lange nicht in der Commission bezügliche Garantien gegeben würden. Seine definitive Stellungnahme behalte er fich für die Commission vor.
Abg. Molkenbuhr (Soc.) führt aus, daß fich der „Ehrbare Kaufmann" in Hamburg keineswegs mit Rücksicht auf die Interessen deS Handels zu einer Empfehlung der Vorlage bewogen geseh n habe. Die Resolution d eseS Vereins fei nur im Interesse der Rhederei beschlossen worden. Wenn ferner der Schutz der Deutschen im Auslande so sehr betont werde, so wolle er nur daran erinnern, daß et selber einmal in Altona wegen der Marotte eines Staatsanwalts unschuldig in Haft genommen worden sei, und da sei kein Kreuzer vor Altona erschienen. (Heiterkeit.) Wolle man -eine große Flotte haben, so thätens doch nicht allein die Schiffe; es gehölten doch auch seemännische Leute dazu. Und schon jetzt mache die Deckung dieses Bedarfes Schwierigkeiten. Redner hä t sodann noch dem Grafen PosadowSky vor, daß in der Thal die soctalpolittsche Reform infolge deS Widerstandes des Großcapttals ins Stocken gerathm sei. Seine Freunde hätten jedenfalls für solche Vorlagm kein Geld, der Handel sei genug geschätzt.
Abg. Graf Stolberg (cons.) behauptet, die Stimmung sei tm Volke in den letzten Monaten eine entschieden flottensreundlichere geworden. Man habe sich sogar gewundert, daß die Forderungen so maßvolle seien. Er empfehle, da die Vorlage im directm Jntereffe der Landwirlhschaft liege, Annahme derselben in der Fassung, wie fiC ^Damit wird die Debatte geschloffen. — Die Vorlage wird der Budgetcommission überwiesen.
ES folgt die Berathung der Interpellation Bassermann: Welche Maßregeln gedenken die Regierungen zu ergreifen, um den auf Monopolifirung deS deutschen PetroleumbandelS gerichteten Bestrebungen der (Rockefeller'schen) Standard Oil Company ent- gegenzulreten. „ ,
Abg. Bassermann (nat.-lib.) begründet die Interpellation.
Staalssecretär Graf PosadowSky führt auS, auf der einen Seite stehe ein mächtiger Producent, «Hf der anderen daS deutsche Volk. ES frage sich nun, ob die Gesetzgebung in der Lage sei, einzuschreiten gegenüber solchen für die Consumenten nachthelligen Ver- tragr schlaffen. Es stehe fest, daß fich seit 1890 die Preise andauernd zu Gunsten der Consumenten ermäßigt haben. Auch jetzt seien sie so niedrig, wie nur je. UebrtgmS habe der Vertreter der Gesellschaft bereits Auftrag gegeben, daß keine weiteren Verträge dieser
Art abgeschloffen werden. Auch werde er sich alle Mühe geben, um die Mannheim Bremer Gesellschaft zu einem Verzicht zu bewegen. Erwünscht wäre es, so bemerkte Redner des Weiteren, wenn da» russische Petroleum in Deutschland weitere Verbreitung finde. Bi» jetzt scheine man in Rußland auf den deutschen Markt nicht solche« Werth zu legen. Redner zählt nunmehr eine Reihe von Mittel« auf, die anzuwenden seien und rücksichtslos angewendet werde« würden, wenn die Standard Oil Company rücksichtslos vorgehe« sollte. Zu wünschen sei aber doch jedensallS vor Allem, daß die russische Petroleumindustrie fich angelegen sein laste, in Deutschland mit dem amerikanischen Product in wirksamere Concurrenz zu treten. Was geschehen könne, um diese zu erleichtern, werde unter allen Umständen geschehen.
Auf Vorschlag deS Abg. Barth (frs.Vg.) wird die Besprechmig der Interpellation aus morgen Mittag 1 Uhr vertagt. Außerdem steht auf der morgigen Tagesordnung die erste Lesung deS Etats.
Schluß 5*/< Uhr._____________________________________________
Deutsche» Reich.
Berlin, 9. December. Die FractionSliste deS Reichstags ist auSgegeben worden. Die Eonservativerr zählen 57, die Freiconservattven 25, die Antisemiten 12, da» Eentrum 101, die Polen 20, die Nationalliberalen 49, die freisinnige Volk-Partei 28, die freisinnige Vereinigung 12, die süddeutsche BolkSpartei 12, die Socialdemokraten 48 Mitglieder/ bei keiner Fractiou find 31. Ein Mandat, 5. Pfalz, ist erledigt.
Dresden, 9. December. Der frühere Director deS »gu Sächsischen statistischen Bureau», Geh. RegierungSrath Prof. Böhmert, ist tm vierte» sächsischen ReichStagSwahlkreise (Dresden rech'S der Elbe) von zahlreichen politisch unparteiischen Wählern al» ReichStogScandidat aufgestellt worden.
Wolff» telegraphische» Correfpondmz-Bnre«
Prag, 9. December. Kaiser Franz Josef spendete 1500 Gulden für die bet den jüngsten Straßenunruhen i« Prag verwundeten Unteroffiziere und Mannschaften.
Prag, 9. December. Da» CorpScommando hat de« Staatsanwalt die Anzeige erstattet, daß am 1. d. Mt». eine Patrouille de» 7. Dragouer-Regiments au» dem Fenster eine» Hause» am Altstädter Ring mit siedendem Wasser begaffen wurde.
Prag, 9. December. In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurden 64 Personen verhaftet, darunter 24 wegen Diebstahl» und 5 wegen verdacht» der Plünderung- wegen de» Verdachts, einige Fensterscheiben im Allgemeinen Krankenhause etngeschlagen zu haben, wurde ein 17 jähriger Tapezierlehrlmg verhaftet und dem Strafgericht eivgeliefert.
Pari», 9. December. Der Senat nahm heute ohne Debatte den Gesetzentwurf an, durch welchen da» o« 29. October d. I. zwischen den Staaten der lateinischen Münzunion getroffene Abkommen betreffend die Vermehrung der silbernen Scheidemünzen genehmigt wird.
Depeschen de» Bure« ^Herold."
Berlin. 9. December. Die Ueberfiedelung des kaiserlichen Hoflager» vom Neuen Palais nach Berlin wird nach den bisherigen DiSpofittoneu zwischen dem 10. und 12. Juwar erfolgen.
Berlin, 9. December. Die Reichstags Eommtsfion für len Gesetzentwurf betreffs der freiwilligen Gericht»- barkeit hat heute die beiden ersten Paragraphen ohne wesentliche Aenderungen angenommen.
Berlin, 9. December. Im Reichstage haben dir Abgeordneten v. Plötz und Gras Earwer mit Unterstützung vieler Conservativeu, sowie einiger anderer Abgeordneten folgenden Antrag eingebracht: ,®er Reichstag wolle be- schließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen: 1) einen angemessenen Zoll auf Saccharin durch einen noch in dieser Session vorzulegenden Gesetzentwurf über die Abänderung des Zolltarifs zu beschließen und dem Reichstage vorzulegen, 2) eine Fabrikatsteuer für den im Zolllande prodncirteu Saccharin baldmöglichst einzusühren.
Berlin, 9. December. Am Mittwoch Abend ist von Spandau der erste Eiseubahnzug mit Geschützen und Munition für die Expedition nach Ostasien abgefahren. Al» Marivefreiwtllige haben fich bei den Truppentheilen, an die Anfragen ergangen sind, überaus zahlreiche Mannschaften gemeldet, so daß nur ein ganz geringer BruchtheU davon berücksichtigt werden konnte.
Berlin, 9. December. Die »Rordd. Allge«. Z'g." bezeichnet die Meldung der „Times" aus Konstantinopel, daß die Ott »man-Bank nicht in der Lage sei, der Pforte den von ihr gewünschten Vorschuß auf die Kriegsentschädigung ohne Genehmigung durch die Botschafter ber Großmächte zu zahlen, al» unrichtig, da die Großmächte diese Geueh-


