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11.8.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 186

Mittwochden 11. August

Erstes Blatt

chratisbeitage: Gießener Kamitienötätter.

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Generat-Mnzeiger.

Zur Ermordung des Minister-Präsidenten Canovas.

Don Antonio LanovaS del Castillo, der spa- nlsche Ministerpräsident, ist am Sonntag durch Mörderhand , -fallen. Dieses Ereigniß ist berechtigt, nicht nur in Spanien selbst, sondern auch über besten Grenzen hinaus, großes Auf­sehen hervorzurufen. Ehe wir an die Aufgabe Herangehen, die Bedeutung der ruchlosen Thar einer Betrachtung zu unterziehen, wollen wir kurz die Daten auS dem Leben und Wirken CanovaS hier registriren. Geboren am 8. Fe­bruar 1828 in Malaga, hat er seit dem Jahre 1854 dem politischen Leben Spaniens angehört, in welchem er eine be­deutende Rolle spielte. Schon im Alter von 36 Jahren wurde er Minister deS Innern und war seit dem Jahre 1870 etwa fünf Mal Minister-Präsident, meistens abwechselnd mit dem liberalen Sagasta. Bet Beginn seiner politischen Laufbahn war Canovas ebenfalls liberal, häutete sich dann aber im Laufe der Zett, so daß er als Minister-Präsident streng conservattv wurde und reactionären Grundsätzen hul­digte. Neben seiner politischen Thätigkeit war er als Schrift­steller bekannt, sowohl durch größere historische Werke, als aach durch eine Reihe von Dichtungen. Ec war das Haupt der letzten bourbontschen Restaurationsbewegung, leitete die Erziehung Alfons XII. und bewies sich überhaupt als ein treuer Anhänger der Alfousisten. Zum letzten Male über­nahm er im Jahre 1895 die Regierung, welche er bis zu seinem Tode führte.

Begreiflich ist eS, daß die Blutthat ganz Spanien in eine Erregung versetzt hat, welche, wenn sie nicht bald in ruhige Bahnen gelenkt wird, äußerst verhängnißvoll werden kann. Man bedenke nur: Der König ein Kind unter der Vormundschaft seiner Mutter, daS Volk ist verarmt, die Re­publikaner stellen im Lande ein großes Contingent- die anarchistische Bewegung hat daselbst zahlreiche Anhänger ge­funden, und zwar solche der schlimmsten Sorte; die Parteien bekämpfen fich in erbittertster Weise, und zu diesen allen tritt noch der unglückliche Krieg auf Cuba, welcher den etwa noch vorhanden gewesenen Wohlstand vollständig dectmirt und durch seine lauge Dauer eine Verbitterung im Lande hrrvorgerufen hat, welche verschiedentlich bei der Absendung neuer Truppen nach der Antilleninsel zu Tage getreten ist. Wahrlich eine Summe des Unheils, welches durch die Er­mordung des leitenden Staatsmannes kaum noch hätte ver­größert werden können. Und doch ist dieses Eretgniß selbst von so großer Tragweite, es kann wenigstens zu so schlimmen Verwickelungen führen, daß das Maß des Unglücks, welches Spanien in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, thatfächlich jetzt übervoll ist, auch wenn man in Betracht zieht, daß LanovaS in nächster Zeit voraussichtlich die Regierung hätte abgeben müsien.

In Spanien find bekanntlich die beiden führenden Parteien die liberale und die coafervative. Canovas vertrat die Princtpien der letzteren, während als Vertreter der ersteren Sagasta oder der alte Marschall Martinez CampoS jeweilig aus Steuer der Regierung berufen wurden. Beide Parteien bekämpften sich mit unerhörter Bitterkeit: waren die Liberalen am Ruder, so wurden die Confervativen in jeder Beziehung vergewaltigt- hatten die letzteren die Regierung inne, so unterdrückten fie die Liberalen in ebenso erbarmungsloser Weise. Bei den Wahlen wurden auf beiden Seiten Fälschungen und Aewaltthaten verübt, die bei den letzten CorteSwahlen in so uugenirter Weise betrieben worden waren, daß selbst die an diese Dinge gewöhnten Spanier stutzig wurden und durch Proteste und offenen Widerstand daS Ausland auf die in jenem von der Natur so reich gesegneten Lande herrschenden heillosen Zustände aufmerksam machten. Schon vor einiger gelt erschien die Stellung Canovas erschüttert, als Sagasta zur Königin berufen wurde, aber er hatte fich behaupten können. Daß ein Shftemwechsel eintritt, ist nicht anzunehmen - nur werden die Confervativen in Verlegenheit sein, welchen Mann fie der Regierung als Cabinet-chef präsentiren sollen. Drr StaatSkarren ist so verfahren, daß nur ein ungewöhn- Ich energischer Manu Hülfe bringen kann.

Abgesehen davon, daß in Folge des Attentats Spanien wahrscheinlich mit den schärfsten AuSnahrne-Maßregeln bedacht werden wird, dürfte auch auf Cuba eine Wendung eintreten. Die Regierung wird versuchen, den Aufstand sobald als mög- ich zu beendigen, und da die Grausamkeiten deS Generals W-Yler nichts genützt haben, zu weniger barbarischen Mitteln greift« und die milderen Grundsätze Martinez CampoS wieder ju Ehren bringen. Damit geschähe wohl daS Richtige, denn ivahlgemerkt haben die Spanier fich selbst die Schuld an den Zuständen auf Cuba zuzuschreiben; ihre heillose Mißwirth- ichoft daselbst hat die Eingeborenen zur Verzweiflung getrieben.

Ein Mann also, aber ein ganzer Mann muß der Nachfolger Canovas werden, denn nirgends find die Berhält- nifie augenblicklich fauler als im Staate Spaaien. (xx)

tl«ttefte

Wolffs telegraphische- Correfpondenz-Bureau.

Berlin, 9. August. Die Abendblätter melden: Die öffentliche PreiSnotirungSsteile der Landwirth- fchaftskammer der preußischen Monarchie wurde nunmehr mit der Landwirthschastskammer für die Provinz Brandenburg unter dem Vorsitz deS Freiherrn v. Arnim ver­bunden. Die Bureaus befinden fich in Berlin, wohin alle PreiSnoiiruvgen der preußischen LaudwirihschaftSkammern ge­richtet und von dort verbreitet werden.

Berlin, 9. August. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser betraute den Botschafter Frhrn. v. Bülow mit der stellvertretungSweifen Wahrnehmung der Geschäfte deS StaatssecretärS des Auswärtigen Amtes und gleichzeitig während dieser Zeit mit der Stellvertretung des Reichs­kanzlers im Bereiche deS Auswärtigen Amtes.

Berlin, 9. August. Der hier tagende Ausschuß sür Einigung der deutschen Stenographie-Systeme Stolze, Neustolze, Schreh und Velten beschloß, das zeilen­lose System einzusühreu, daS an Einfachheit über die am Einigungswerke beseitigten Systeme wesentlich hinauSgeht.

Zürich, 9. August. Der erste internationale Mathematiker -Congreß wurde heute eröffnet. Ueber 200 Theilnehmer aus fast allen europäischen Staaten und Nordamerika find anwesend. Stark vertreten find Deutsch­land, Frankreich, Italien und Rußland. Als Congreß- präfident wurde gewählt Proseffor Geiser (Zürich). Die Verhandlungen sind streng wissenschaftlich. ES soll alle drei bis fünf Jahre künftig ein Congreß abgehalten werden- der nächste wird wahrscheinlich 1900 in Paris stattfinden. Der Schluß des CougreffeS erfolgt am Mittwoch.

Petersburg, 9. August. Die deutschen Seeleute wurden von den Bürgern sehr gastfreundlich ausgenommen. Außer dem gestrigen offiziellen Frühstück zu Ehren der deutschen Admirale und Offiziere im Kronstädter Marineelub in Gegenwart des Prinzen Heinrich wird demKronstadtSky Westmk" zufolge der Viceadmiral Tyrtow morgen für die deutschen Seeoffiziere auf dem KreuzerRossija" einen Em­pfang veranstalten, zu dem zahlreiche Familien aus Kronstadt und Petersburg geladen find. Die Besatzung des auf der Newa ankernden deutschen SchulschiffesCharlotte", ins- gesammt 190 Mann, war gestern Nachmittag zu einem Feste geladen, daS die Petersburger Gemeindebehörde zu Ehren der Seeleute veranstaltete. Die Gäste der Stadt wurden be- wirthet und unterhalten. ES gab Balalaikaspiele, russische Chorgesänge und Theatervorstellungen. Zwei Muftkcapellen spielten ununterbrochen. Dem Feste wohnten große Volks­mengen bei. Der deutsche Offizier, der bte Mannschaften führte, brachte einen Toast auf den Zareu und die Zarin auS, während Stadtrath Sokolow einen Trtokipruch auf das deutsche Kaiserpaar ausbrachte. Beide Trinksprüche wurden mit allgemeinem Jubel ausgenommen. In ihrer Begeisterung erbat fich die Volksmenge von dem deutschen Osfizier die Erlaubniß, ihn nach rusfischer Sitte auf den Händen tragen zu dürfen. Wie die Blätter melden, sollen den deutschen Seeoffizieren von der Petersburger Stadtverwaltung silberne Bowlen 2C. und den Matrosen schöne Cigarrettenbehälter dar­gereicht werden. Allgemein werden geschmackvolle Kokarden in russischen und deutschen Farben getragen. Eine Anzahl Radfahrvereine haben beschloffen, auS Anlaß des Besuches des deutschen Kaiserpaares ihre Fahrräder in russischen und deutschen Farben zu schmücken. Gestern wurden die auf der Rhede von Kronstadt liegenden deutschen Kriegsschiffe, wie auch daS SchulschiffCharlotte" von einer zahlreichen Menschenmenge besucht. Andererseits haben auch sehr viele Beurlaubungen von Mannschaften der deutschen Kriegsschiffe stattgefunden, die an Land von der Bevölkerung mit größter Freundlichkeit empfangen wurden. Vielfach sah man die deutschen Matrosen mit den russischen aufS Kameradschaft­lichste verkehren. Auch viele der deutschen Sprache mächtigen Civilprrsonen unterhielten fich mit den deutschen Seeleuten, deren schmucke-, strammes Auftreten überall anerkennend be­merkt wurde.

Petersburg, 9. August. Die heute zu Ehren Sr. Maj. des Deutschen Kaisers stattgehabte Parade im großen Lager von Krasnoje Szelo nahm bei äußerst günstiger Witterung einen glanzvollen Verlauf. Unter dem Commando deS Ober- commandirenden des Petersburger Militärbezirks, Groß­fürsten Wladimir, standen 72 Bataillone Infanterie, 43 Schwa­dronen, 1400 Kosaken und 42 Batterien, im Ganzen '

51 Generale, 1425 Offiziere und 32425 Mann in Front. Punkt 1072 Uhr trafen Ihre Majestäten an dem rechten Flügel der Infanterie-Aufstellung ein. Se. Maj. Kaiser Wilhelm trug die Uniform seines Petersburger Garde- Grenadier-Regiment-, während Kaiser Nikolaus die Feld­uniform des Garde Uianen-RegimentS Kaiserin Alexandra Feodorowna angelegt hatte. Beide Monarchen trugen den AndreaS-Orden. Den Vorbeimarsch eröffnete die prächtige Truppe der Aeibconvoi, sodann folgte daS GardecorpS. Der Czar hatte fich inzwischen an die Spitze der Garden gesetzt und sührte dieselben vor dem Deutschen Kaiser vorbei. Ihm folgte der Großfürst Wladimir und die anderen nicht in der Front stehenden Großfürsten. Und nun folgten Bataillone aus Bataillone und Regimenter auf Regimenter. AlS daS PrrobrafchenSkifche Leibgarderegiment in Sicht kam, sprengte Kaiser Nikolaus wiederum an die Spitze des Regiments, welches unter dem Commando deS Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch stand und führte dasselbe Sr. Maj. Kaiser Wilhelm vor, welcher im Augenblicke des VorbeidefilirenS dem Regiment in russischer Sprache zurief:Sdorrwo molodzy! d. h.Ich grüß' Euch, meine Braven!" DaS Regiment dankte mit dem üblichen militärischen Gegengruß. Noch während deS VorbeidefilirenS der Petersburger Junkerschule grüßte der Deutsche Kaiser den Czaren, setzte fich im Galopp an die Spitze seines Wlborg'fchen Infanterie-Regiments und führte es dem Kaiser Nikolaus vor.

Depeschen des Bureau .Herold."

Berlin, 9. August. Wie derReichsanzeiger" meldet, ist der StaatSsecretär deS Reichspostamtes, General v. Pod- bielSki, zum Bevollmächtigten zum BundeSrath ernannt worden.

Berlin, 9. August. DerLocal-Anzeiger" meldet aus Petersburg, daß die von der Stadtverwaltung beab- fichtigte große Festlichkeit im Rathhause zu Ehren deS Präfi- denten F aure auf Wunsch des Zaren unterbleibt, ebenso die Einladung an Faure nach Moskau. Auch dürfte das Geschenk für Faure nicht werthvoller ausfallen als die dem Kaiser Wilhelm von der Stadt Petersburg dargebrachte Aufmerk­samkeit.

Berlin, 9. August. DaS Berliner Central- Co mite zur Unterstützung der durch die WafferSnoth Ge­schädigten trat heute Mittag zu einer Sitzung zusammen. Es waren etwa 30 Mitglieder erschienen. Oberbürgermeister Zelle wurde zum Vorfitzenden gewählt. In der Haupt­stiftungskaffe sind bisher 51500 Mark eiagegangen, über deren alsbaldige Dertheilung an die Local CornilöS der Ausschuß sofort beschließen soll. Am Schluß der Sitzung wurde noch der Antrag von einigen Stadtverordneten eingebracht, die Beihilse der Stadt Berlin von 500000 Mark auf eine Million zu erhöhen.

Berlin, 9. August. Der Kriegsminister bringt unterm 6. August erneut den Unteroffizieren und Mannschaften der preußischen Armee die Bestimmungen wegen der Bethei- ligung an Vereins-Versammlungen usw., der Bethätigung revolutionärer oder socialistischer Gesinnungen, sowie wegen deS Haltens und Verbreitens revolutionärer oder socialistischer Schriften zur allgemeinen Kenntniß.

Frankfurt a. M., 9. August. DerFrankf. Ztg." wird auS Paris telegraphirt: In einer Weinkneipe des Quartier Grenelle fand in voriger Woche ein Conventikel fpanischer und französischer Anarchisten statt. Die Pariser Polizei erhielt davon Kunde und erfuhr auch, daß daielbst die Aeuße- rung gefallen fei, Canovas Tage find gezählt. Die Pariser Polizei machte nach Madrid Meldung, aber Canovas legte, trotzdem vor vier Jahren ein anarchistischer Anschlag gegen ihn unternommen worden war, bei welchem der Attentäter durch die von ihm geworfene Bombe verstümmelt wurde, der Aeußerung kein Gewicht bei und untersagte den polizeilichen Schutz seiner Person. Das Haupt der hiesigen spanischen Propagandisten hielt bei einem gestern im Pariser Theater der Republik abgehaltenen Feste, deffen Reinertrag den Familien der Opfer von Montjuich gewidmet war, eine Rede gegen die moderne Institution. In ähnlichem Sinne sprachen fich mehrere franzöfische Anarchisten auS. Die Polizei nahm heute mehrere Verhaftungen vor.

Köln, 9. August. Cardinal Erzbischof Dr. Krementz, deffen Leiden in Bad Wildungen gehoben wurde, erlitt dort einen leichten Schlaganfall, weshalb seine Rückreise nach Köln geboten war.

Leipzig, 9. August. DaS Reichsgericht verwarf die Revision LützowS gegen das Urtheil im Proceß Tausch vom 4. Juni.

Wien, 9. August. Die Blätter constatiren heute bei Besprechung der Petersburger Kaisertoaste, daß die