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Erstes Blatt Freitag den 11. Ium______________________
Gießener Anzeiger
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Der Hauptvoranschlag über die Staats-Einnahmen und -Ausgaben
für die Fiuanzperiode 1897—1900. veranschlagt die ordentlichen Einnahmen auf 37,378,159 Mk. pro Jahr oder rund 10,025,000 Mk. mehr al« im vorigen Hauptvoranschlag. Die ordentlichen Ausgaben find auf 37,316,441 Mk. veranschlagt, weisen aUo eine Steigerung von rund 9,484,000 Mk. gegen den 1894—97r Hauptvoranschlag auf, woran das ZinSerforderniß für die Staatsschuld mit 6,201,000 Mk. brtheiligt ist, wo« von die Verzinsung deS durch Erwerbung der LudwigSbahn veranlaßten AnlehenS allein ca. 5,868,000 Mk. beansprucht. Die Einnahmen mit den Ausgaben verglichen bleibt ein Ein« nahmrüberschuß von rund 62,000 Mk. pro Jahr.
Bet den ordentlichen Einnahmen find die Erträgniffe aus Familieneigenthnm des Großherzoglichen Hauses um 66,000 Mk. höher vorgesehen. Bet den Erträgnissen au» Staatsdomänen find dte Betriebsüberschüsse der Eisenbahnen auf rund 9.891,000 Mk. oder 8,737,000 Mk. mehr als bisher veranschlagt. Die Reineinnahme an» unseren Eisenbahnen ist pro Jahr der neuen Ftnanzperiode auf 2,195,000 Mk. veranschlagt, wahrend vordem dte Staats« kaffe statt einer Reineinnahme noch einen Zuschuß von 120,000 Mk. zu den StaatSeisenbahnbetrteben zu leisten hatte. JnSgesammt schließen dte Domänen (incl. Eisenbahn« erträgniffe) mit 14,872,000 Mk. oder einem PluS von 8,764,000 Mk. ab. Die inneren tndirecten Auflagen find um 431,000 Mk. höher als früher mit 2,826,400 Mk. veranschlagt, wobei dte Einnahmen aus Stempel« und Ge- rtcht-gebühren um 339,000 Mk., aus Brückengeld um 32,000 Mk., aus Erbschaftssteuer um 31,000 Mk., au» Hundesteuer um 25,000 Mk. höher vorgesehen find. Dte Reichssteuern find pro Jahr mit rund 8,000,000 Mk. ein« gestellt. An directen Steuern find pro Jahr 10,360,000 Mk. — gegen bisher 660,000 Mk. mehr — vorgesehen.
Bei den ordentlichen Ausgaben find enthalten 7.934,000 Mk. zur Verzinsung und Tilgung der (z. Z. rund 214,000,000 Mk. betragenden) Staatsschuld, für Bedürfniffe deS Großh. Hauses 1,331,000 Mk., Pro Vivzialdirectionen und KretSämter 380,000 Mk., Kosten der Landstände 53,900 Mk., für die evangel. Kirche 240,000 Mk., für die katholische Kirche 137,800 Mk. re. re. Der Star der Penfionen mußte um 60,000 Mk. erhöht werden, die GenSoarmerte erfordert einen höheren Zuschuß von 14.000 Mk. — Bei der Lan d eSurrtver sit ät mit 291,800 Mk. Ein« nähme und 966,600 Mk. Ausgabe ist der Zuschußbidars auf 675,000 Mk. gestiegen- bei der Technischen Hochschule mit 191,800 Mk. Einnahme und 439,800 Mk. Ausgabe ist ein Zuschuß von 248,000 Mk. erforderlich. Bei Gymnasien, Realgymnafien und Realschulen ist der Zuschußbedarf auf 563,000 Mk. gestiegen. Für Lehrerinnen-, Lehrer- und pädagogische Seminaren find 132,000 Mk., für Lehrer« Präparandenanftalten 26,900 Mk., für KreiS-Schultnspecroren 69,840 Mk. und für Volksschulen überhaupt 1,401,000 Mk. vorgesehen. Die hohe Mehrsordernng bei den Volksschulen mit 400,000 Mk. gründet sich auf daS mit dem 1. v. M. in Kraft getretene neue GehaltSgesetz der Volksschullehrer. Zur Abhaltung von Jnstruct ouScursen für HandarbeitS« Uhrerinnen find sodann bet diesem Capitel 1200 Mk. neu eingestellt worden. — Für Kosten der LandeS-Jrren- anstallen find 302,000 Mk vorgesehen. — Für Land« wtrtbfchaft und Förderung der Bod enmeltoration find 557,000 Mk., oder rund 260.000 Mk. wehr, pro Jahr vorgesehen. U. a. find für die Förderung der Viehzucht 179,000 Mk., für dte Wein- und Obstbauschule in Oppenheim 33,400 Mk., für daS Landgestüt 127,000 Mk. vor« gesehen.
Im außerordentlichen Etat werden gefordert: 45,000 Mk. für Aufstellung eines Gener alcultur« planes für den Vogelsberg und für Errichtung einer Wtefenbaufchule, 31,500 Mk. für Regultrung von Bächen, und 90,000 Mk. als erste Rate einer auf 180,000 Mk. frstgestellten Nachtragsforderung zu den bereits bewilligten Kosten,btr Melioration des Riedes. — Der StaotSbeitrag für dte Centralstelle für die Ge- werbe, den LandeSgewerbeverein und dte chemische PrüfungS- und AuSkunftsstation ist um 10,000 Mk höher vorgesehen, der für dte LandeSbaugewerkschule, die Fachschulen, Kunstgewerbe- und erwetrerten Handwerkrrschulen um 26,000 Mk. erhöht eingestellt- bet letzkiren bleibt zu bemerken, daß für Alzey und Michelstadt die Errichtung von erweiterten Handwerkerschulen ins Auge gefaßt ist. — Der Bedarf unter Wittwen- und WatsenversorgungS-Anstalten ist jetzt auf 381,000 Mk. gestiegen. Das Kunststraßen
wesen erfordert einen Zuschuß von 1,193,000 Mk. oder 87,000 Mk. mehr al» bisher.
Der Etat des Ministeriums der Justiz beziffert fich auf 2,805,000 Mk. oder 70,000 Mk. mehr als bisher, wobei u. A. zwei neue Amtsrichterstellen, fieben neue HtlfS- gertchtSschreiberstellen und für Aufbesserung der Vergütung der Schretbgehtlsen bei den Amtsgerichten 31,000 Mk. vorgesehen find. Bet den Ausgaben für daS Ministerium der Finanzen werden u. A. gefordert: Für Ober- etnnehmereien 67,800 Mk, für Forftverwaltung und Forst« schütz 1,781,000 Mk., Verwaltungskosten der directen Steuern und indirecten Auflagen 1,154,800 Mk., für Centralbauwesen 55,800 Mk., für Hofbauwesen 82,700 Mk. An Matri- kularb et trägen, welche Heffen an doS Reich zu leisten hat, find für die nächste Budgetperiode 8,000,000 Mk. eingestellt, 1.020,000 Mk. mehr al» In 1894—97. Zu ersterer Summe find noch au» außerordentlichenMittrln 3,000.000 Mk. Reserve vorgesehen. An außerordentlichen Einnahmen find für die nächste Fioanzperiode 12,064,000 Mk. eingestellt, denen außerordentl. Ausgaben im Anschlag von 9,653,000 Mk. gegenüberstehen. Zur Bestreitung der außerordentlichen Ausgaben ist die Aufnahme eines StaatSanlehenS im Be trage von 4 060,000 Mk. vorgesehen, zu Lasten der lieber« schliffe der Hauptstaatskaffe bleiben darnach 4,786,000 Mk. zu verrechnen.
Unter den außerordentlichen Ausgaben find u. A. vorgesehen: 1,265,000 Mk für Erweiterung der Frauenabrheilung am LandeShoSpital Hofheim, 320,000 Mk. für Einführung 6er electrischen Beleuchtung das., 97,000 Mk. für Neubau einefl KreiSamtSgebändeS zu Dieburg, 60,500 Mk. für Erweiterung der UaiversttätS«Bibliothek zu Gießen, 294 000 Mk. für Neubau einer Entbindungsanstalt zu Mainz, 50.000 Mk. weiterer SiaatSzuschuß zu den WiederherstellungS- kosten der Friedberger Stadtkirche, 75,000 M. 2. Rate des StaatSzuschnffeS zur Restauration des Kurfürstlichen Schlosses zu Mainz, 75,000 Mk. desgl. 3. Rate wegen des Domes zu WsrmS, 115,000 Mk. für Neubau eines Amtsgerichts« gebäudeS zu Bensheim, 101,000 Mk. deSgl. eines solchen zu Fürth t. Odenw., 90,000 Mk. deSgl. zu Grünberg, 156,000 Mk. desgl. zu Alzey, 80.000 Mk. für Neubau eines Dienst« und Wohngebäudes für den Steuercommiffär und den DistrictSeinnehmer zu Alsfeld, 67,000 Mk. desgl. für den Steuercommiffär und den DistrictSeinnehmer zu Lauterbach, 35,000 Mk. desgl. für den Steuercommiffär zu Nidda, 44,000 Mk. desgl. für den Steuercommiffär zu Ober-Ingelheim, 146,000 Mk. für Vergrößerung des Lokomotivschuppens und Erweiterung der GeleiSanlage im Main- Neckar-Bahnhof zu Darmstadt, 600,000 Mk. für allrnfallfige ErgäazungSanlogen und außerordentliche Vermehrung der Betriebsmittel bei den in die Gemeinschaft mit Preußen eiv- getoorfenen Bahnen uab 338,000 Mk. für Flußbauten
Dem Vorgesagten sei noch hinzugefügt, daß angesichts des nahezu 9J/a Millionen Mark aufs Jahr der Finanz- Pertode betragenden Steigerung des ordentlichen Ausgabe- bedarfs eine Erhöhung der directen Steuer nur durch die günstigen Ergebniffe der Verstaatlichung der Hess. LudwigSbahn und des Staatsvertrags Über die hessisch preußische Eisenbahngemeiaschaft vermieden worden ist. Die nunmehrige Reineinnahme auS Staatsbahnen von vor« anschläglich 2,195,800 Mk. pro Jahr bedeutet auch nach Abzug deS bislang von der Heff. LudwigSbahn gezahlten SiaaiSsteuerbetrageS von 215,000 Mk. noch eine Besserung unserer Budgetverhältnisse um rund 2 100 000 Mk. pro Jahr. Darmst. Tgl. Auz.
Wolff» telegraphisches Correfpondenz-Bureau.
Berlin, 9. Juni. Der Congreß für innere Me- dicin ist heute mit einer von Dr. Moritz Schmidt- Frankfurt a. M. verlesenen Begrüßungsrede des ProfefforS Leyden eröffnet worden. Der Congreß wählte zu Ehrenpräsidenten Herzog Karl Theodor in Bayern, Cultusminister Dr. Bosse, Generalstabsarzt Dr. (Soler und Ministerialdtrector Althoff. Hieraus ging der Congrcß zu der wissenschaftliche« Tagesordnung über, deren erstes Thema: „Chronischer Gelenkrheumatismus" bildete.
Kiel, 9. Juni. Hier tagt von heute bis zum 11. d. M. die Deutsche Zoologische Gesellschaft. In der heutigen Sitzung berichtete der Planktonforscher Professor Brandt-Kiel über die Fauna der Ostsee, insbesondere der Kieler Bucht. Ferner werden Vorträge halten Professor Chun-BreSlau, Professor Hensen Kiel u. A.
Wien, 9. Juni. Der Professor für Thierzncht an der Hochschule für Bodenkultur, Dr. Martin WilckenS, ein 1
Hamburger, hat fich wegen unheilbaren Leiden» erschossen. WilckenS war 64 Jahre alt.
Bern, 9. Juni. Der Nationalrath hat den Gesetzentwurf über die Neuorganisation der Landwehr-Infanterie einstimmig angenommen. Am Freitag beginnt die Berathung der Kranken- und Unfallversicherungs-Vorlage.
Pari», 9. Juni. Bei dem heutigen Degenduell zwischen de Montesquieu und de Regnier wurde ersterer am Vorderarm leicht verletzt.
Bonbon, 9. Juni. Der internationale Berg- arbeiter-Congreß nahm gestern einen Antrag an, wonach der AchtstundenarbeitStag auch für Männerarbeit über Tage Geltung haben soll.
Athen, 9. Juni. Die Exkaiserin Eugenik ist hier eingetroffen. _____________
Depeschen deS Bureau „Herold."
Berlin, 9. Juni. Die mufikalische Soiree, welche da» Kaiserpaar am 11. Juni im Marmorpalais veranstaltet, gilt dem Andenken an den 11. Juni 1829, an welchem Tage Kaiser Wilhelm I. sich mit der Prinzessin Augusta von Weimar vermählte.
Berlin, 9. Juni. Wie der „Post" aus Flensburg gemeldet wird, trifft die Kaiserin am 20. d. M. zu sechs- tägigem Besuch auf Schloß Glücksburg ein.
Berlin, 9. Juni. Von verschiedenen Seiten wird berichtet, daß die Frage wegen Erhöhung und Regelung des Diensteinkommens der Geistlichen nun, nachdem der Landtag die Erhöhung der Beamtengehälter genehmigt hat, bestimmt in Form eines KirchengefetzeS an die vierte und ordentliche Generalsynode im nächsten Herbst gelangen werde. Die Verhandlungen zwischen dem evangelischen Oberkirchenrath und dem Finanzministerium feie« darüber schon eingeleitet worden.
Berlin, 9. Juni. Heute tritt der Congreß für innere Medicin zu feiner 15. Tagung zusammen. Die Verhandlungen werden bis Samstag dauern.
Leipzig, 9. Juui. Gestern Nachmittag fand die erste öffentliche Sitzung de- 5. allgemeinen deutschen Journalisten- und Schriftstellertages statt. Nach der Constituirung berichtete Professor Dr. Böcker- Frankfurt a. M. über Wesen, Zweck und bisherige Thätigkeit de» Verbandes deutscher Journalisten- und Schriftsteller-Vereine. ES folgte ein Referat des Herrn Prager-München über die Thätigkeit der Penfionsanstalt deutscher Journalisten« und Schriftsteller und schließlich ein Referat des Directors Levy - Frankfurt a. M. über das Unterstützungswesen für reisende Berufsgenoffen. Sämmtliche Vorträge wurden mit großem Beifall aufgenommen. An diese erste öffentliche Sitzung reihte sich Nachmittags 3*/, Uhr eine allgemeine Besichtigung der sächsisch-thür-ngischen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung. Um 6 Uhr vereinigten ftch die Theilnchmer im Thüringer Dörfchen zu einem Festtrunk. Abends fanden in den Theatern Festvvrstellungen statt.
Leipzig, 9. Juni. In der heutigen zweiten öffentlichen Sitzung des deutschen Journalisten« und Schrift- ftellei tageS sprach zuerst Chefredakteur Dahm» «Berlin über die Strafvollziehung bei Preßvergehen. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, eine Petition an den Reichstag und an die Abgeordnetenkammern der Bundesstaaten abzusenden und eine besondere Strafvollziehung bei Strafen, die aus Preßvergehen refultiren, zu verlangen. Hieraus sprach Redacteur Pilz«Leipzig über den BerichtungSzwang. ES soll dahin gewirkt werden, daß der § 11 deS Preßgesetze» insofern eine Aenderung erfährt, als ein Redacteur künftig zur Aufnahme von Berichtigungen nicht verpflichtet sein soll, wenn sich diese Berichtigung als den Tbatsachen widersprechend erweist. RechtSanwalt Löwenthal-Frankfurt a. M. refe- rirte sodann über den Zeugnißzwang in Preß-Angelegenheite« und verlangte Aushebung dieses Zwange».
Wie«, 9. Juni. Der Strike der Tramway- Bediensteten ist beendet. Die Gesellschaft bewilligte alle Forderungen der Strikenden.
Innsbruck, 9. Juni. Auf einer steilen Straße oberhalb des Dorfes Zirl stürzte ein Radfahrer sammt seiner Maschine ab und blieb auf der Stelle tobt.
Budapest. 9. Juni. In der heutigen Abgeordnetenhaus- Sitzung brachte der Abg. Fast eine Interpellation ein, i« welcher der Minister des Innern diingend aufgefordert wird, sofort zu verfügen, daß in den Orpheen sowie Singspielhallea Aufführungen von Theaterstücken in deutscher Sprache nicht mehr stattfinden dürfen, und daß die Polizei- Beamten, welche solche Vorstellungen gestatten, streng z» bestrafen seien.


