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11/04/1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 86 Zweites Blatt.

Sonntag den 11. April

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Die Gießener Aamitienötäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Kteßener Anzeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme de- Montags.

1S9?

DierteljLhriger Abonncmcutspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. ,

Redaction, Expedition und Druckerei^

-chukstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

Anrts- und 2luzeigeblutt für den Urm Gieszen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Dorm. 10 Uhr.

chratisöeikage: Gießener Aamitienötätter.

Alle Amroucen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Tbeil.

Gießen, am 20. März 1897.

Betr.: Frühjahrs-Controlverfammlungen.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gieße«

Mk Mt Grstzh. vürgermeiftereie» M «rette».

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weife zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.

|v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Frühjahrs-Coutrolversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde­amt Gießen gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots (Anzug: Dienst-Anzug: Helm, Waffenrock, Achselstücke, Feldbinde, zutreffenden­falls Kartusche, lange Hosen oder Stiefel beliebig).

2) Reservisten, sowie zur Dispofilion der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen.

8) Wehrleute I. Aufgebots, die vom 1. October 1884 ab eingestellt worden.

4) ErsatzReservisten, geübte und nicht geübte.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Lontrolpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gießen

in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burk­hardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchel­heim, Klein-Linden, Oppenrod und zwar:

am 12. April 1897.

1 Appell Vormittags 8 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.

Sämmtliche Reservisten der Infanterie, der Jahrgänge 1889, 1890 und 1891.

2. Appell Vormittags 11 Uhr:

Sämmtliche Reservisten der Jahrgänge 1892, 1893, 1894, 1895 und 1896, sowie zur Disposition der Truppeu- theile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften der Infanterie.

3. Appell Nachmittags 2 Uhr:

Wehrleute I. Aufgebots der Infanterie.

Am 13. April 1897.

1. Appell Vormittags 8 Ubr:

Reservisten sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften und die Wehr- leute I. Aufgebots aller übrigen Waffen und zwar: der Garde, Jäger, Cavallerie-, Feld- und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahu-

und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts- und Veterinärpersonal, Büchsenmacher, Oeconomie- Handwerker, und Marine-Mannschaften.

2. Appell Vormittags 11 Uhr:

Sämmtliche Ersatzreservisten.

3. Appell Nachmittags 2 Uhr:

für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

Reservisten und Wehrleute I. Aufgebots sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden ent­lassenen Mannschaften aller Waffen und Ersatz-Reservisten.

B. Zir Lollar

am 14. April 1897,

neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Clim­bach, Daubriugen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

1. Appell Vormittags 8 Uhr 45 Minuten: Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots

Reservisten, sowie zur Dispofitton der Truppentheile und der Ersah - Behörden entlassene Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten. Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen.

3. Appell Nachmittags 1 Uhr. Sämmtliche Ersatz-Reservisten.

C. Zu Grünberg

am 20. April 1897, am Bahnhof

für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Gells­hausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neu­mühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegel­hütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhards- Hain, Reiskirchen, Mddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickarts- hain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.

1. Appell Vormittags 9 Uhr 15 Minuten.

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, Reservisten, sowie zur Dis- pofitiou der Truppentheile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 11 Uhr.

Sämmtliche Wchrleute I. Aufgebots aller Waffen und Ersatz-Reservisten.

v. Zu Hungen am 21. April 1897, am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Betten­hausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Ronnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

1. Appell Vormittags 9 Uhr 30 Minuten.

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, Reservisten, sowie zur Dis- pofitton der Truppentheile und der Ersatz-Behörden ent­lassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 11 Uhr.

Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen und sämmtliche Ersatz-Reservisten.

E. Zu Lich

am 21. April 1897,

am Bahnhof für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf- Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Meder.Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

1. Appell Nachmittags 3 Uhr.

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, Reservisten, sowie zur Dis­position der Truppentheile und der Ersatz-Behörden ent­lassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Nachmittags 4 Uhr 80 Minuten.

Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen und sämmtliche Ersatz-Reservisten.

Befteiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor do» Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptmeldeamt) einzu­reichen und müssen durch die Bürgermeisterei bezw. bei Beamten durch die vorgesetzte Behörde beglaubigt sei«, werden aber nur im dringendsten Nothfalle genehmigt.

Diejenigen Mannschaften, bei denen Fnßmessungeu noch nicht vorgenommen wurden, haben überhaupt keine Aussicht auf Befreiung.

Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher wegzulegen.

Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müssm zur Stelle sein.

Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganz« Controltages bis einschließlich Mtternacht unter de« Militärgesetz.

Gießen, den 16. März 1897.

Großherzogliches Bezirks-Commando.

Für den dienstl. abw. Bez.-Commandeur Morneweg

Hauptmann z. D. und Bezirks Offizier.

Ferriüeton.

Heimkehr.

Von A. Fromm.

(Rachdruck verboten.)

SS ist Palmsonntag, ein klarer, lauer Frühlingstag, llber im Nordosten von Deutschland ist die Natur nur eben rrwacht; noch kann man überall die Weidenkätzchen pflücken, die an diesem Tage die Palmen bedeuten.

Vor der Tdür seines Hauses fitzt der Gerbermrifter Hausmann, ein rüstiger Siebziger mit einem Hagern, finsteren Erficht. Drinnen im Wohnzimmer waltet seine Frau, an iinem Tisch in der Ecke ist ein Mädchen von etliche« zwanzig jähren beschäftigt, die sogenannten Palmen in Gläsern zu irdae«.

®enn er doch erst nach dem Fest nach Hause käme, ilnna," flüstert die alte Frau, scheu mit einem Blick nach dcm Fenster, unter welchem ihr Mann fitzt.Er," dessen ilnkunst so wenig enwünscht scheint, ist der einzige Sohn der Hausmanns, und er kommt aus dem Zuchthaus, wo er eine »ehrjährige Strafe verbüßt hat. Als ein tüchtiger, gut- serztger, aber etwas leichtsinniger Mensch war er aus dem rlierlichen Hause gegangen, er war in schlechte Gesellschaft -lud durch diese in Geldverlegenheiten gerathen, die er dem {beugen Vater, nachdem er einmal von ihm abgewiesrn war, nicht mehr gestehen mochte,- und daS Ende war ein schweres drrgehen an seine- Brotherrn Gut, die Entdeckung und die »kehrende Strafe.

ES war ein furchtbarer Schlag gewesen für die Eltern urb für das Mädchen, daS mit ihm in einem Hause ans­

gewachsen war. Der Vater hatte fich zuerst aufgerichtet- aber er war noch starrer und finsterer geworden als bisher. Die Mutter hatte heimlich viele Thräuen vergossen, fie fürchtete sich vor ihrem Manne. Anna hatte weder gezürnt noch geweint, sie war nur ernst und still geworden. Sie und der Vetter hatten einander von Herzen lieb gehabt, und die Eltern hatten eS gern zugelaffen, daß fie fich verlobten, denn Anna war ein liebes, fleißiges und dabei ein vermögendes Mädchen. DaS war nun «ach der Meinung der Alten natürlich vorbei. y@ei froh, daß vor Deiner Verheirathung geschehen ist/ hatte der Onkel gesagt, und die Tante hatte traurig dazu genickt. DaS junge Mädchen hatte geschwiegen, und somit war die Sache wohl abgethau. Nur Eine war da, die bis an ihr Ende mit unverbrüchlicher Treue und unerschütterlichem Glauben anihrem Jungen" hing, daS war die Großmutter. Aber Niemand achtete ans daS, waS die alte Fran dachte und sagte, wenigstens die beiden Alten nicht; fie trugen ihre Schande, der eine ingrimmig, die andere kummervoll, und vermieden es selbst, untereinander davon zu sprechen.

Wenn er nur jetzt noch nicht käme!" seufzte die alte Frau noch einmal in dem Augenblick, wo der Gegenstand ihrer Sorge eben um die Straßenecke bog. Wie er den Vater auf der Bank fitzen sah, blieb er stehen, strich sich ein paar Mal über baß kurzgeschorene Haar, murmelte etwas und ging dann mit raschen Schritten weiter, bis er vor dem Alten stand.

Guten Tag, Vater".

Der Alte sah rasch auf, und mit eine» festen, düstern Blick auf den Sohn. .Komm herein", sagte er kurz; ist nicht nvthig, daß die ganze Straße Zeuge unsere Schande ist."

Georgs, schrie die Mutter aus, als die beiden ms Zimmer traten, und Anna wandte fich rasch um, aber keine von ihnen trat ihm einen Schritt entgegen.

Ja, der Georg," sagte der Sohn mit gedämpfter Stimme. Will die Mutter mir die Hand geben ? oder bin ich ihr nicht mehr gut genug dazu

Run strrckre die alte Frau ihm mit einem verlegen«, Blick die Hand entgegen; auch Anna machte eine Bewegung, aber er schien nicht zu bemerken.

Setz' Dich," sagte der Vater rauh.Die Anna wird Dir etwas zu essen bringen. Daran und an einer Schlafe stelle soll Dir nicht fehlen, so lange Du hier bist, sonst"

Sonst habt Ihr natürlich nichts sür mich," sprach der Sohn, der seitwärts am Tische saß und auf den Boden blickte.

WaS haft Du denn sonst noch erwartet?"

Nichts. Ich weiß, daß ich nichts ungeschehen machen kann, und daß Du an Versprechungen nicht glaubst. Aber da ich erst in acht Tagen bei dem Meister eintreten kann, der mich angenommen hat, dachte ich, ich wollte erst einmal zu Hause vorsprechen. Habt keine Furcht, ich bleibe nicht lange. Ich habe auch nur gedacht--Wo ist denn dir

Großmutter ?"

Die haben wir vor vierzehn Tagen begrabe«."

Begraben? ! Die Großmutter? Der junge Mann fuhr von seinem Stuhle auf, er war leichenblaß und schwankte. Die Großmutter!" ES lag etwas Kindliches in dem Ton, mit dem er außrief, und wie ein Kind drückte er die Hände vor die Augen und weinte.Nun wollte ich doch, ich wäre nicht gekommen," sagte er endlich.