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Nr. 86
Der £Uftener Anzeiger erscheint täglich, ■rit Au-nahme de» Montags.
Die Gießener AamitienSkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt-
Sonntag den 11. April
Meßmer Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
Bierteljähriger AvonncmentsprelSr 2 Mark 20 Psg. mit vringerlohn. Dnrch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Nedaction, Expedition und Druckerei-:
-chntstraße Ar.I. Aerosprecher 51.
Anrts- und 2lnZeigeblntt fuv den Avers Gieszen.
Annah«e von Anzeigen zu der Nachmittags für de, r&rrtflüß/nPrt/tO. f&idfitntOY fiottfifrtHoY *“e Annancen-Bureaux de» In- nnd Auslandes nehm«
folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr. I ^2/L UL lz>Vt-llUyie ^TUUllLlt-ULUULLt-Le Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgeg«.
Anrtliehe». ThrU.
Bekanntmachung.
Der Bortrog des Cuiturtechnikerß Herrn Lu llmaun vo« Hießen über Drainage wird nicht Sonntag den 11. d. M., sondern Sonntag den 25. d. M., Nachmittag« 3 Uhr in Lauter gehalten werden.
Die Herren Bürgermeister von Lauter und der benach- barten Gemeinden werden ergebenst ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung htuzuwtrken.
Gießen, den 9. April 1897.
Der Direktor des laudwirthschaftlichen BezirkSvereiuS.
E. Jost, RegierungSrath i. P.
Gefunden: 1 vergoldetes Armband, 1 Brille, ein Tigarren-Etuis, 1 Regenschirm, 1 Sporen, 1 Paar Handschuhe, 1 Taschentuch, 1 Gummischuh, 1 Frauenrock und Taille, 1 Stück Band, 1 Paar Strümpfe, 1 Peitsche, eine Spannkette und 1 Taschenmesser.
Gießen, den 10. April 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
Politische Wochenschau.
Die Nachrichten über die Lage tu Kreta laufen noch immer so widersprechend ein, daß eS auch am Schlüsse dieser Woche kaum möglich ist, ein genaueres Bild der Lage geben zu können. Solche Leute, die die kretische Lage als Optimisten beurtheilev, sagen sich allerdings, daß die Dinge schlimmer stehen könnten, als sie in Wirklichkeit sind, daß z. B. anstatt der Auswechslung diplomatischer Noten ein offener Krieg an der thessalischen Grenze wüthen könnte, der im Stande wäre, die ganze Balkanhalbiusel in Mitleidenschaft zu ziehen- trotzdem berührt es sonderbar, daß noch immer von Seiten der Mächte ein definitiver Entschluß für die vlokade des griechischen Golfes nicht genommen ist. Anscheinend befürchtet man, daß solche eine sofortige Kriegserklärung von Seiten Griechenlands an die Türket zur Folge hätte. Die kürzlich in Athen wie in Konstantinopel überreichte Note der Mächte, welche ungefähr den Wortlaut hatte, daß, wenn einer der beiden Theile zu einem aogrisssweisen Handeln an der Grenze übergehe, der angretfeude Theil verantwortlich sei und ihm nicht gestattet werde, den geringsten Bortheil aus einem solchen Borgehen zu ziehen, wird als letzter diplomatischer Schritt in dieser Angelegenheit bezeichnet. Anscheinend hatte man fich indessen eine andere Wirkung von derselben versprochen, denn in Griechenland scheint man sich wenig darum zu kümmern, und ist, wie neuerdings gemeldet wird, die Einberufung der beiden letzten Jahrgänge der Reserve endgültig beschlossen, welche den gegenwärtigen Bestand des Heeres um 20,000 Mann vermehren soll. Zweifelt Griechenland immer noch an der Einigkeit der Mächte, oder will eS die Sache bis zum Aeußerstrn ankowmen lassen? Die Beantwortung hierauf steht jedenfalls in nicht zu weiter Ferne. (Nach soeben eingeiroffeuer telegraphischer Mittheilung soll ein sofortiger Bormarsch türkischer Truppen beordert sein, was der ganzen Lage nun ein sehr ernstes Aeußere giebt. Die Red.)
England und Transvaal. Nach den einlaufenden Gerüchten gewinnt man tu den politischen Kreisen mehr und mehr die Ueberzeugung, daß ein Krieg zwischen beiden genannten Staaten unausbleiblich erscheint und daß eS nur eine» sehr geringen Zwischenfalls bedarf, einen Ausbruch von Feindseligkeiten herbeizuführen. Schon seit Wochen gefällt es der englischen Presse, die geringste Handlung des Präfi- deuten Krüger zu rügen, sodaß man fast glauben könnte, daß der Urheber der südafrikanischen Unruhen nicht Cecil RhodeS, sondern der Präfideut selber wäre, wie auch die herauSfor- dernde Sprache Chamberlains im parlamentarischen Ausschuß für Südafrika fich nur insofern erklären läßt, daß der eng» ltschen Regierung an einem offenen Bruch mit der Regierung in Pretoria nicht« gelegen ist. Neueren Nachrichten zufolge sollen in England bereits die umfassendsten Maßregeln getroffen und ein Armeecorps von 37,000 Mann für Afrika in Ausficht genommen fein. Ein inzwischen fich ereigneter Zwischenfall, bei welchem es sich um den Lieutenant Eloff bandelte, der fich tu beleidigenden Ausdrücken gegen die Königin von England geäußert hatte, ein Fall, der übrigens in allen Kreisen sehr beklagt worden ist, ferner die eben in Lirculation fich befindlichen Gerüchte, nach welchen die Adle rtung der Delagoa-Bai au England als bevorstehend gelte, stud kein swegS darnach angethan, eine Annäherung der zwei
Staaten herbetzuführeu. Denn obgleich noch vielfach btmen- tirt, tritt doch die Nachricht lebhafter auf, daß England im Begriff stehe, mit Zustimmung Portugals die Delagoa-Bai au sich zu reiße«. Man braucht fich nur noch der lebhaften ZeituugSerörternngen zu erinnern, als e» letztes Jahr hieß, Deutschland stünde wegen der Cesfion der Delagoa-Bai mit der portugiesischen Regierung in Unterhandlung, wie auch ein Blick a«f die Karte genügt. Jeden zu überzeugen, von welch großer Wichtigkeit obige Nachricht für alle Staaten ist, welche Interesse« in Afrika zu vertreten haben.
Das russisch-französische Bündniß. Die Affaire Arton, die in voriger Woche noch die politischen kreise in Paris in Aufregung hielt, scheint für den Augenblick mehr in den Hintergrund getreten zu sein, und bespricht mau eben die neuerdings auftaucheudeu Gerüchte, denen zufolge die russische Botschast in Part» wegen des demnächsttgen Besuches des Zaren in Frankreich schon Schritte zur Unter- bringuug des hohen Gastes gethan hätte, ein Gerücht, das, beiläufig gesagt, noch der -Bestätigung bedarf. Die in den letzten Wochen vielfach zu lesenden Zeitungsartikel in der sran- zöfischen Presse waren wirklich nicht darnach, einen allzu- großeu Enthusiasmus für den Zaren bei der Pariser Bevölkerung hervorzurufen. Man hatte in Frankreich andere Hoffnungen auf die russische Waffenbrüderschaft gesetzt, man hatte vielleicht gehofft, daß Rußland seinem Verbündeten zur Wiedererlangung Elsaß-LothringenS behülslich sein werde, und daß Frankreich, nach der langen Jsolirung, in welcher es vordem gewesen, dank Rußlands wieder eine erste Machtstellung auf dem Weltplane einnehmen werde. In allen diesen Hypothesen scheinen fich die Franzosen gründlich geirrt zu haben, denn einerseits ist Rußland viel zu friedlich gesinnt, andererseits durch seine inneren wirthschaftlichen Verhältnisse viel zu viel absorbirt, um Frankreich zu Liebe sich in Kriegs- speculationeu zu stürzen. Der zweite Grund deS unzufriedenen und unbehaglichen Gefühls in Paris ist darin zu suchen, daß Rußland in der kretischen Angelegenheit mehr gemeinsames Spiel mit Deutschland gesührt hat und man eine Wieder- auflebung des damaligen Drei-Kaiserbündnisses besürchtet. Mittlerweile läßt die französische Regierung eS fich angelegen sein, zur Erweiterung ihrer Marine vorzugehen, und ist gemäß dem der Kammer überreichten Gesetzentwurf für Schiffsneubauten pro 1897 ein Extracredtt von ca. 8Vi Millionen Francs vorgesehen, welche zum Bau von 1 Panzer, 4 Kreuzern, 4 Contretorpedo- und 9 Torpedobooten bestimmt find. Da im Budget pro 1897 bereits 81 Millionen Francs für Schiffsneubauten auSgeworfen waren, ergibt dies ein Total von ca. 90 Millionen Francs. Diese Wahrnehmung muß jeden echten deutschen Patrioten schmerzlich berühren, wenn man an die kürzlich im deutschen Reichstage stattgehabten Erörterungen über die von Admiral Hollmann beantragte Vermehrung der deutschen Flotte denkt, die, wenn fie bewilligt worden wäre, Frankreich dennoch einen weiten Borsprung gelassen hätte.
Deutsche» Reich.
Homburg, 8. April. Im hiesigen Schlosse find einige Herren auS Berlin unter Führung des Hausmarschalls v. Lyncker etngetroffen, um für die Kaisermanöver die vollständige Instandsetzung deS Schlosses und der Fürstenquartiere zn verfügen. Eine militärische Commission bereist gegenwärtig unter Führung deS Landrarh Dr. v. Meister die Ortschaften der Umgegend, um festzustellen, wie viel Truppen in ihnen untergebracht werden- können. General der Jnfanter'e v. Wittich besichtigte heute Nachmittag mit einigen Offizieren vom Generalstab des 11. ArmeecorpS das Manövergelände.
Wolff» telegraphisches Lorrrsporrbe«t-ÄsrL>n.
Berli«, 9. April. Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet: Der Kaiser nahm heute einen längeren Vortrag des Reichskanzlers in dessen Amtswohnung entgegen.
Berlin, 9. April. Dem „Reichsanzeiger" zufolge tele- graphirte der Kaiser an Frau v. Stephan: „So ist denn die bange Besorgniß, daß Gott der Herr dem theuren Leben Ihres Gemahl» mitten in voller Schaffenskraft ein Ende fetzte, zur traurigen Gewißheit geworden. Was Sie und die Ihrigen in dem Verewigten verloren haben, empfinden Sie selbst am tiefsten. Zu Ihrem Tröste muß eS gereichen, daß mit Ihnen um den Entschlafenen Ihr Kaiser und König, das Vaterland und die ganze Welt trauern. Wie die Geschichte die Erinnerung seiner genialen Schöpfungen bewahren wird, so werden uns die hohen Verdienste, die er fich «« das Vaterland erworben hat, und die unent
wegte Treue, die er unter vier Königen und drei Kaiser» bis zum letzten Athemzuge berhätigte, allzeit unvergessen sei«. Möge Gott Ihnen und den Ihrigen die ganze Fülle seine» Trostes geben." Wilhelm I. R.
Der Reichskanzler telegraphirte: „Ich erhielt mit tiefer Betrübniß die Nachricht von dem Ableben Ihre» theuren, auch von mir so hochverehrten Gemahl». Wit Ihnen betrauert das Vaterland den Verlust eines seiner verdienstvollsten, genialen Männer, dem eS vergönnt war, in großer Zeit Großes zu leisten."
Berlin, 9. April. DaS Staatsministerin« trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorfitz deS Reichskanzler» Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 9. April. Das Justizministertalblatt veröffentlicht eine Versügung deS JustizminifterS an die Justizbehörden, wonach die gerichtlichen Termine derart anzuberaumen find, daß die Zeitverluste der geladenen Personen thunlichst eingeschränkt werden. Sobald fich ergibt, daß eine Sache wegen veränderter Umstände erst erheblich später, als angefetzt war, zur Verhandlung kommt, soll dies den Betheiligten eröffnet und fie auf eine spatere Stunde bestellt werden.
Köln, 9. April. Die „Kölnische Zeitung" meldet au» Kanea: Da gestern die Griechen bet Kissamo die Ausschiffung einiger Offiziere und Soldaten der Garnison Kissamo auf Booten mit englischer und österreichischer Flagge verhindern wollten, bombardirte daS österreichische Panzerschiff „Stefanie" die Linien der Griechen. Seit heute früh hört man starken Kanonendonner von K ssamo her, wo heute die Einschiffung der mohamedanischen Familien nach Kanen stattfiuden soll. Das österreichische Admiralschiff „Maria Theresia" ist heute Nacht vor Kissamo eingetroffen.
Wiesbaden, 9. April. Dem hiesigen „Tageblatt" zufolge ist heute Vormittag der kaiserlich russische StaatSrath Dr. Bunge im 95. Lebensjahre gestorben. Dem Verstorbenen find gelegentlich seine» Geburtstage» vor wenigen Wochen wegen seiner großen Verdienste nm das Dentschthu« in Livland und Esthland von dieser Seite große Ehrnngen erwiesen worden. — Die Beerdigung deS ReichStagSabgeord- neten Commerzienrath Koepp vollzog fich heute unter großer Betheiligung, besonder» der Vertreter der Industrie und Kausmannschast.
Straßburg, 9. April. Der frauzöfische Jesuitenpater Mary in Metz, der die Vorrede zu dem Werke „Le Jesuit a Metz* von Viauffon-Ponie in Nancy geschrieben hat, ein Werk, baß Ausfälle gegen die deutsche Armee und die deutsche Regierung enthält, ist aus Elsaß-Lothriogen aus gewiesen worden. Die Ausweisung ist nicht auf Grund des Jesuitengesetzes, sondern auf Grund der allgemeinen Ausweisung»- besugniß deS BezirkSpräfidenten erfolgt.
Loudon, 9 April. Reutermeldung. Ein Special-Corre- fpondent telegraphirt aus Elassona von heute Mittag: Nach hier eingetroffenen Nachrichten drangen Banden von griechischen Briganten bei Krania in der Nähe do« Grebina auf türkische» Gebiet. Sie wurden von den türkischen Truppen beschossen. DaS Gefecht dauert leit früh 5 Uhr. Edhem Pascha gibt Befehl, alle» vorzubereiteu. Ob sich griechische Soldaten unter den Brigantenbanden befinden, ist noch nicht bekannt.
Depeschen beß Bureau „Herold."
Berlin, 9. April. Die Kaiserin Friedrich beabsichtigt, wie ein Privat-Telegramm au» Detmold meldet, sich am 11. April nach Bonn und von dort nach ihrem Schloß in Cronberg im Staunuß zu begeben.
Berlin, 9. April. Bei den Hinterbliebenen de» verstorbenen StaatSsecretärs Stephan laufen fort- während von nah und fein, von Hoch und Niedrig, Ar« und Reich Beileidstelegramme ober Schreiben ein. Auch Berge von Kränzen und Blumen haben sich bereits im Trauerhause angesammelt und nehmen stündlich an Zahl zu. Unter Andern hat auch der König von Sachsen einen Kranz am Sarge niederlegen lassen, desgleichen die Prinzessin Louise von Preußen. Unter den Beileidstelegrammen befindet sich auch ein solches des Kaisers und des Reichskanzlers an Fra« v. Stephan. Die Trauerfeter für Stephan findet Sonntag Mittag 12'/, Uhr im Lichthofe des neuen Post-MnseumS, woselbst die Leiche morgen aufgebahrt wird, statt. Da» Kaiserpaar wird derselben beiwohnen und dem „Loc.-Anz." zufolge auch per Wagen am Trauerzuge zum Kirchhofe theil- nehmen. Seitens des Berliner Magistrats werden Oberbürgermeister Zelle und ein Stadtrath officiell beim Be- gräbniß fein. Seitens der Stadtverordneten-Berfammlung werden officiell der Stadtverordneten-Borsteher und zwei Stadtverordnete theiluehmen.


