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1S97
Gießener Anzeiger
Keneral-Anzeiger.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieße«.
Hratisöeikage: Gießener Ilamitienötätter. )
Alle Annoncen-Burcaux bei In« und Au-lande- »chmi» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Die Gießener N«»rtte«0tä11er werden dem Anzeiger »Schnttlich dreimal deigelrgt.
Der
Hteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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. . * Sraaffntt e. M., 8. April. Innerhalb der letzten Pnö <n dew GerichtSgesängniß ,anf dem Klapper- fdD drei verwegene Ausbrüche versucht worden. Zu- nächst brachen sieben UntersuchungSgefangene ein Loch in die Decke ihrer gemeinsamen Zelle und gelangten auf den Bor- Platz zum Bodenraum. Von da wollten sie sich an einer aus Bert- und Handtüchern geknüpften Leine auf die Straße herablassend da aber der durch das Geräusch aufmerksam gemachte Nachtaufseher herbeikam, so krochen die Flüchtlinge in ihre Zelle zurück. Acht Tage später riffeo vier Gefangene in einer Zelle des ersten Stockwerks den Fußboden auf und stiegen in das Erdgeschoß hinab, wo mau sie schließ« lich im Wohnzimmer deS Gefängnißinspectors entdeckte. In der folgenden Nacht versuchten drei Gefangene wieder den Weg durch die Decke über das Dach. Das alte morsche HauS, daS theilweise schon das goldene Jubiläum seiner amtlich festgestellteu Baufälligkeit feiern könnte (bereits im Jahre 1846 wurde der ältere Theil als reif für den Abbruch bezeichnet) bieter eben nicht mehr die genügende Sicherheit.
* Kriegsmarine. Der am 30. März auf der Actieu- gesellschaft „Weser- in Bremen stattgehabte Stapellauf des Kreuzers „Victoria Luise" ist ein vom schtffsbautech- »ischen Gesichtspunkt aus bemerkeuSwertheS Eretgntß. Der Kreuzer „Victoria Luise" ist nächst dem bekannten „Great Tastern" das größte Schiff, welches jemals quer zu Waffer gelaffen wurde. Der Great Eaftern blieb seiner Zett im Schlamme stecken. Der Stapellauf des Kreuzers „Victoria Louise" ist wie bekannt ohne Zwischenfall glücklich von statten gegangen.
* Handelsmarine. Wir verzeichnen im Nachstehenden ein überaus bemerkeuSwertheS Urtheil über die deutsche Handelsmarine, welches geeignet ist, die außerordentlich hohe Bedeutung zu kennzeichnen, die man in englischen Kreisen dem Anwachsen unserer Rhederei zumißt. Der hervorragendste englische Rheder der Gegenwart, Mr. JSmay, Präsident der White «Star Linie, äußerte am 31. März auf einem öffeut- Uchen Banquet in einer Rede über die Emwicklung der Schiff« fahrt: „Selbst die gegenwärtige hohe Geschwindigkeit der Oceandampfer kann noch erhöht werden. Wenn dem so ist, io wird es auf jeden Fall während der Spanne Zeit, die uns vom 19. Jahrhundert noch bleibt, von einem Dampfer «rzielt werden, „made in germany* (nämlich von dem Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große" des „Norddeutschen Lloyd). „Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß der Norddeutsche Lloyddawpfer „Friedrich der Große", der soeben von einer Reise nach unserer eigenen Colovie
Australien zulückgcketrt ist, das größte Schiff ist, daS jemals diese Linie pasfirte, während sür dieselbe Gesellschaft zwei große Dampfer für die New York Linie ihrer Vollendung ent- gegengehen, von denen eines jedenfalls größer als die „Lucanta" und „Campania" sein wird, ja eS wird behauptet, daß beide unseren schnellsten Dampfern an Schnelligkeit gleich, wenn nicht überlegen sein werden. Nun m. H., ich muß sagen, daß dem Kaiser und der deutschen Regierung und dem deutschen Volke alles Lob gebührt, daß sie die Wichtigkeit ihrer Handelsflotte einsehen und anerkennen und derselben ihre Unterstützung leihen." — Wir Deutsche dürfen auf daS von einer ersten englischen Autorität gefällte Urtheil stolz sein.
* Großartig! In der letzten Versammlung der Wiener Fleischselchergenoffenschast theilte der Vorsteher mit, daß die Genoffenschaft aufgefordert worden sei, sich an der bevor« stehenden I u b i l ä u m S«A u S ft e l l u n g zu betheiligen. Um diese Theilnahme des AnlaffcS würdig, gleichzeitig aber auch ehrenvoll für daS Gewerbe der Wiener Fleischselcher zu ge« stallen, schlage die Vorstehung vor, einen Triumphbogen auS Schinken, Zungen und Rindszungen zu errichten. (Stürmische Heiterkeit und lebhafter Beifall.) DaS gesammte Material wüffe jedoch ausschließlich Wiener „Provenienz" sein. Man gedenke etwa 3000 Stück der gedachten Leckerbissen zu dem Baue zu verwenden, und der Redner sei überzeugt, daß die Wiener Selcher diese Zahl leicht aufbringen und mit ihren Produkten Ehre etnlegen werden. (Beifall.) Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
tiierotur und Annft.
— Die Weltstellung des DeutschthumS von Fritz Bley erschien soeben als Einleitungsschrift zu dem Lteferungswerke „Der Sampf umS Derrtschthsm*, herauSgegeben vom Alldeutschen Verband. Verlag von I. F. Lehmann, München. Der Verfasser gibt ein erschütterndes Bild unserer deutschen Geschichte seit dem Vertrage von Mersen bis auf unsere Tage.
Muster-Anstalt für Leidende wurde
Wvvri.Uk WUMlkN. «oßmann'S Natur-HeUarrstatt (Aerzte: Dr. med. Mtßmahl, Dr. med. Walser, Dr. med. Sophie Gomberg) WtlhelmShöhe bei Cassel öfters von hygienischen Zeitschriften bezeichnet. Das dürfte nicht zuviel gesagt sein. In außerordentlich bevorzugter Lage in dem klimatischen Luftkurort Wilhelms- Höhe, der durch seine Naturschönheiten weltbekannt ist, entspricht das Etablissement den höchsten hygienischen und sanitären Anforderungen und bietet dazu jeden Comfort. (Gebirgtzwasserlettung, elektrische Beleuchtung, Telephon-Anschluß, behagliche Gesellschaftszimmer, Lese- und Billardzimmer.) Der zwölf Morgen große Anstaltspark schließt unmittelbar am Habtchtswald und dem WtlhelmShöher Park an. Von den zahlreichen Balkons des Penstonshauscs bietet sich ein prächtiger Fernblick in das Fuldathal mit den eS umrahmenden
Gebirgsketten. Erfolgreich behandelt werden durch die physicaltsche- diäteltsche Heilmethode: Nervenkrankheiten, Asthma, Kedlkopf-, Luftröhren- und Bronchialkatarrb, Leber-, Nieren- und Blasenleiden, Fettsucht, Scrophulose, Zuckerkrankheit, Gicht, Rheumatismus, Blut- armuth, Frauenleiden (Thure Brandt-Massage). Für bescheidener« Ansprüche: Zweiganstalt «chwetzerhauS. Gesammt-WochenpreiS von 35 Mk. an. Zur Belehrung empfohlen: „Handbuch der Natur- Heilkunde" von Dr. med. Walser. Prospekte nebst belehrender Broschüre frei durch die Direktion. 303»
— Die Wormser Brauerschule, Direktion Lehmanu- Helbig, versendet soeben ihren Bericht über den Cursus 58, Winter- Curfus 1896/97. Wir entnehmen demselben folgende bemerkenS- werthe Daten: Gegründet wurde das Institut im Jahre 1865, all erste Pitoat-Fachfchule. Den letzten CursuS nahmen 30 Schüler mit, die sich aus fast allen Provinzen rekrutirten, von Ausländer» ist ein Herr aus Cepstadt (Afrika) besonders hervorzuheben. Seil dem 30jährigen Bestehen der Schule bildete dieselbe 2510 Bierbrauer, ohne die Hospitanten aus. DaS Lehrpersonal besteht aal acht Herrm, darunter Chemiker, Braumeister, Medtcioer rc. Auf den Lehrplan näher einzugehen, müssen wir uns Raummangel! halber versagen, die oben erwähnte Frequenz spricht am besten für die Anstalt, der wir im Jnteresie der Erziehung eines auch theoretisch geschulten Nachwuchses für die für Deutschland so wichtige B>a»- Jndustrte ein ferneres Gedeihen von Herzen wünschen. 299t
-Das Echo" brachte am 1. April a. c. folgenden Artikel, welcher für unsere Leser gewiß recht von Interesse sein dürste: [3344
Auf der sächsisch,thüringische« LaudeS- «ud Judustria- Ausstellung zu Leipzig wird in diesem Jahre auch die Firma Fritz Schulz jan. in Leipzig durch ihre Fabrikate: „Glanzstärke, Wäscheblau, Putzsetfe, Globus-Putz -Extrakt, Haarpomade, Ofenglanz, Möbelpomade, Fleckseife, Mentbolin rc. vertreten sein. Die Inhaber dieser Firma, die Herren Friedrich Adolph Schulz und Gustav Adolph Philipp, haben dieFtrma, welche trn Jahre 1878 gegründet wurde, auS kleinen Anfängen heraus zu ihrer j.tzigen Bedeutung gebracht, und mit Recht sind die Artikel dieser Firma infolge ihrer Güte und Preiswürdtgkett auf dcm Weltmärkte sehr begehrte. Die Jahresproduktion in den einzelnen Artikeln, ganz besonders in Glanzstärke, Putzseife und Globus-Putz Ertract, hat i» den letzten Jahren einen Umfang angenommen, wie er in der Entwickelung einer Fabrik einzig dasteht. Von Globus-Putz-Extrakt allein, überall bekannt durch seine Schutzmarke: „Globus im rothea Streifen", gehen monatlich Millionen von Doftn nach allen Länder» der Welt, und jeden Tag kommen Hunderte von Kisten nach den Bahnhöfen zum weiteren Versandt. Wenn schon jetzt in Globus- Putz Extrakt eine TagesproducÜon bis 150,000 Dosen ermöglicht ist, so ist beim Bau der neuen Fabrik eine Production bis zu 600,000 Dose» per Tag vorgesehen. Hauptabnehmer find, außer Deutschland, England, Holland, Oesterreich, Frankreich, Rußland, Vereinigte Staaten von Amerika, Brasilien, Afrika, Asien und Australien. Die Nachfrage nach den Artikeln der Firma Fritz Schulz jon., Leipzig, steigert sich fflft täglich, und die erhaltenen Auszeichnungen auf den beschickten Ausstellungen, sowie die säst täglich etnlaufenden Anerkennungen, die sich inzwischen zu einer stattlichen Menge angehäuft haben, beweisen am besten die Güte. So wurde in neuerer Zett wiederum durch 4 vereidete Chemiker, 3 deutsche und 1 englischen, festgestellt, daß Globus-Putz-Extract das beste Putzmittel der Gegenwart ist und unerreicht in seinen vorzüglichen Eigenschaften dasteht.
Feuilleton.
Angenommen.
Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
(Schluß.)
So war dieser Brief von ihm der letzte — welch ein Unterschied zwischen dem ersten und dem letzten! Der erste — ltebeglüheud, voll von Belheuerungen ewiger Liebe, unwandelbarer Treue, voll von Kosenamen und Schmeicheleien, — dieser weiter nichts al- ein leeres Blatt!
Sie öffnete fast mechanisch daS Couvert, sie nahm den Bogen heraus, um einen wehmüthtgen Blick darauf zu werfen, — aber plötzlich weiteten sich ihre Augen und in ihrem Innern jubelte eS,- dieser Bogen war nicht leer, — sie erkannte seine Handschrift, ach, kein Mensch auf der ganzen wetten Welt schrieb so schön wie er. Sie trocknete die Thränen auS ihren Augen, sie führte daS Schreiben an ihre Lippen und küßte seine Worte und daun las sie:
„Meine liebe, kleine Ellen!
Auch dieses Mal hätte ich Dir wie schon so oft in der letzten Zeit ein weißes Blatt geschickt, wenn nicht gestern stärker alS je die Erinnerung an Dich in mir wach geworden wäre, wenn nicht gestern die Sehnsucht nach Dir mich fast gelöbtet hätte. Wie daS kam, was dazu beitrug, gestern Dein Bild so vor meine Seele zu zaubern k
Wie Du, glaube ich, noch nicht weißt, bin ich Mitarbeiter einer hiesigen großen illuftrirteu Zeitschrift, für deren „Briefkasten" ich die täglich in ungezählter Menge einlaufenden medtcinischen Anfragen beantworte — nach bestem Wissen und Können, aber fast nie zur Zufriedenheit der Fragesteller. Ein zorniger Brief, den ich von einer gekränkten Mutter erhalten hatte, führte mich gestern Morgen auf die Rcdaction, ich wollte um meine Entlassung bitten
oder die Rrdoction bewegen, der Briefschreiberin daS Abonnement auf die Zeitschrift zu verbieten. Aber selbst bei schlechter Laune, fand ich meinen Freund, den Redacteur, in noch viel schlechterer. Er saß zwischen einem Berge von Manu'cripten und suchte und suchte nach irgend etwas, was er nicht fand. Eine ganze Weile sah ich seinem Treiben zu, — dann bat ich: „Geben Sie es auf, Sie finden es ja doch nicht — machen S e jetzt die Frühstückspause und lassen Sie uns drüben in der Weinstube den Aerger mit den Austern zusammen herunterschlucken."
Aber er wehrte eS ab. „Es geht nicht, lieber Freund," gab er zur Antwort, „ich suche ein Manuscript, deren Verfasser — natürlich eine „fit" — telegraphisch um Antwort gebeten hat, gleichsam alS wenn wir armen Redocteure weiter nichts zu thua hätten, als Manuskripte zu lesen."
Er suchte weiter und weiter und endlich hatte er die Arbeit gefunden. Er durchflog daS Begleitschreiben und reichte eS mir, während er sich selbst an das Mauuscript machte, mit den Worten: „Na, lesen Sie mal — so etwa- ist mir denn doch noch nicht vorgekommen."
Ich laS und war ich las, war unsere Geschichte: „Ein junges Mädchen hat sich mit ihrem Verlobten gezankt, fie hat mit ihm gewettet, daß sie im Stande sei, Geld zu verdienen, fie schriftstellert uud fleht den Redacreur an, die Arbeit zu behalten und ihr zu einem Gewinne der Wette zu verhelfen."
Bei jedem Wort deS Briefes wußte ich an Dich denken, derselbe Trotz, derselbe Eigensinn, aber auch dieselbe Lebe, dieselbe Treue und Anhänglichkeit sprach aus jedem Wort. Den Brief hättest Du geschrieben haben können und so interesfirte mich daS Schicksal der Schreiberin wie Dein eigenes.
„Run?" fragte ich gespannt meinen Freund, aU k daS Mauuscript bei Seite legte.
„Abgelehnt," gab er zur Antwort und setzte hinzu: „Unreif in Form und Gedanken, — tausendmal besser als tausend andere ErstlivgSarbetteu, aber doch noch nicht druckreif."
Da erfaßte mich mit der Briefschreiberin grenzenloses Mitleid: „Arme Braut — armer Verlobter," murmelte ich vor mich hin. Ich versuchte, meinen Freund durch Bitte» zu einer Annahme der Arbeit zu bewegen, daS Bitten wurde mir leicht, denn mir war, als bäte ich für Dich — aber alles war vergebens, immer erhielt ich die Antwort: „Abgelehnt."
Und immer mußte ich denken: „wie traurig, wie ■»- glücklich würde Ellen skiu, wenn auch fie vielleicht auf alle Anerbietungen stets ein „Abgelehnt" erhielt, wenn dieses eine Wort euch ihre Zukunft, ihr LebenSglück vernichten sollte I"
Drei Tage noch, dann ist die Frist, die Du Dir ge- steckt, abgelaufen, — warte den letzten Tag, der Dir viel- leicht eine bittere Enttäuschung gibt, nicht ab, — erkläre Dich nicht für besiegt, gib aber die Wette auf, laß fie un- entschteden bleiben, begnüge Dich mit der Hoffnung und de» Trost, daß es Dir vielleicht in den nächsten drei Tagen gelungen wäre, zu gewinnen.
Laß die Liebe fiegen über Deinen Trotz, und wenn Du mich noch liebst, wie ich Dich — grenzenlos und schrankenlos, so prüfe meinen Vorschlag.
Und Deine Antwort am mich sei „Abgelehnt" »der „Angeuowmen". DaS eine ist Leben, das andere ist der Tod. Wie wird die Antwort lauten?"
Sie zögerte nicht, fie prüfte sich und ihr Herz erst nicht — hatte eS doch nie aufgehört, für den Geliebten zu schlagen — mir zitternden Händen nahm fie et» Blatt Papier und schrieb daS eine Wort, das fie vergebens erhofft und ersteht hatte: „Angenommen."


