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10/10/1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 238

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Gießener Anzeiger erscheint täglich, rtt Lu-nahme bei Montags.

Die Gießener I»«mikteu V kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigclegt.

Zweites Blatt. Somilag de» w Ottobrr

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Vss Museum

des Oberhesfischeu GeschichtSvereiuS.

October 1897.

Am 15. Juni 1878 ward in Gießen der Oberhesfische Verein für Lokalgeschichte, der Vorläufer unseres Oberhessi- schen Geschichtsvereins, begründet. Noch in der constituiren- den Versammlung schlug Prof. Dr. Hoffmann die Anlage eine»Museums für prähistorische und antike Funde" vor. In der zweiten Sitzung des neuen Vereins, am 19. Juni 1878, wurde dieser Antrag zum Beschlüsse erhoben und der Antragsteller zum Konservator der antiken Funde ernannt. Die Opferwilligkeit verschiedener Verernsmitglieder, die ihre Privatsammlungen zur Verfügung stellten, der rege Sammel« eifer de» Konservators und seiner freiwilligen Helfer ermög« lichten e«, schon am 2. Februar 1879 ein in Anbetracht der kurzen Zeit immerhin stattliches Museum in den von der Stadtverwaltung Gießens eingeräumten Zimmern des Orts- gerichtes im alten Rathhause dem größeren Publikum zu eröffnen. Mit demselben Tage trat in Prof. Dr. Buchner ein Mann an die Spitze der jungen Gründung, der mit rastlosem Eifer und seltenem Geschicke der Sammlungen sich annahm.

Prähistorische Funde in der Umgegend Gießens, zahl­reiche Gräberöffnungen, wiederholte und glückliche Aus­grabungen am römisch-germanischen Grenzwalle, bescheidene Ankäufe, Schenkungen und Legate vermehrten die Schätze des Provinzialmuseums binnen Kurzem derart, daß das Zimmer im oberen Geschoffe des Ralhhauses nicht mehr ausreichte. Die Stadt stellte immer wieder weitere Räume zur Verfügung. Die verschiedenen Abtheilungen für Prähistorie, Römerzeit, Mittelalter, Gießener Lokalgeschichte konnten in besonderen Zimmern aufgestellt werden. Das langsame, aber stetige Anwachsen der Sammlungen zwang jedoch den Verein schon bald, sich nach einem Ersätze für die engen und niedrigen Zimmer des alten Rathhauses umzusehen. Es war ein glücklicher Gedanke, der das halbverfallene alte Landgrafen­schloß am Brand für ein künftiges Provinzialmuseum in Aussicht nahm. Bereitwillig ging die Staatsregierung auf den Vorschlag ein, das Gebäude unter der Bedingung einer baldigen Wiederherstellung der Stadt Gießen zu überweisen, und ließ sich sogar zu einem Zuschuffe zu den ziemlich hohen Baukosten bereit finden. Auch der Appell an die Opferwilltgkeit der Gießener Stadtverwaltung war nicht ver­gebens, und so steht es zu erwarten, daß in wenigen Jahren für unser Provinzialmuseum neue und würdige Unterkunfts­räume geschaffen find.

Eine der ersten Aufgaben, die sich der im Frühjahre des Jahres 1897 neugewählte Vereinsvorstand stellte, war die Ueberführung der Sammlungen in das neue Museums- gebäude derart vorzubereiten, daß er eine völlige Neu­ordnung der Bestände vornehmen ließ. Gießens Stadt« Verwaltung, bei der man nie vergebens anklopft, wenn es sich um Förderung der heimischen Geschichte handelt, bewilligte einen höheren Beitrag zu den Kosten der Neuordnung. Für die Katalogisirung und Aufstellung des mittelalterlichen und neuzeitlichen Theils der Sammlung, unter vorläufigem Aus- schluß der Gegenstände aus prädistorischer, römischer und frühgermanischer Zeit, wurde dann in Herrn Dr. Fr. Fuhse, Bibliothekar und Konservator am Germanischen National­museum zu Nürnberg, eine bewährte Kraft gewonnen. In weniger als vier Wochen hat Herr Dr. Fuhse mit größter Sorgfalt und ausgezeichneter Sachkunde die Schätze des Museums von Neuem untersucht, sie geordnet und, soweit es die unzureichenden Räume zulteßen, systematisch aufgestellt. Binnen Kurzem wird das während der Neuordnung geschloffene Museum dem Publikum wieder zugänglich gemacht werden, und Jeder wird dann Gelegenheit haben, sich durch Augen­schein von der geschmackvollen, übersichtlichen und lehrreichen Art der Aufstellung zu überzeugen, von der ihm jetzt ein flüchtiger Rundgang durch die Museumsräume einen unge­fähren Begriff geben möge.

Im ersten Stock sind ein größeres und ein kleineres Zimmer zu Museumszwecken verwendet worden. Beginnen wir unseren Rundgang in dem Hinteren, kleineren Raume. Er hat eine Umwandlung in eine Kapelle sich gefallen laffen müssen, wenn anders wir diese Bezeichnung bei der primi­tiven Art der Ausstattung und des Raumes an sich anwen­den dürfen. Indessen ist hier, wie bei den übrigen Museums- zemächern, zu berücksichtigen, daß es sich darum handelte, mit den geringsten Mitteln den Gegenständen ein für Jedermann übersichtliche und, wenn angängig, auch geschmackvolle Aus­stellung zu geben. Die Aufwendung einer bedeutenderen Summe wäre bet der Beschaffenheit der Rathhausräume

und besonders in Anbetracht des Umstandes, daß demnächst da» Museum in ein neues Heim übersiedeln wird, nicht rathsam gewesen. Wenden wir uns jetzt derKapelle" zu. Dort fallen sofort die beiden großen Tafelbilder an der Hinteren Schmalwand ins Auge, zwei Flügel eines Flügel- altares. Die Gemälde, die durch ihre köstliche Farbenfrische sich auszeichnen, stammen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahr­hunderts und gehören wahrscheinlich der Nürnberger Schule, der Werkstatt von Pleydenwurf-Wolgemut, zu. Der gleichen Zeit entstammt auch der den Gemälden gegenüber oben an­gebrachte bemalte Leinwandstreifen. Der Tradition nach soll er als Altarverzterung gedient haben. Wahrscheinlicher ist, daß er die Rückwand eines Chorgestühls bekleidete, ein sogen. Dorsale war. Ebenfalls zweifelhaft ist die Angabe, daß das Stück aus einer Wimpfener Kirche stamme. In den Figuren rechts und links find die Stifter, rechts der Mann mit den Söhnen, links die Frau mit den Töchtern zu erkennen. Schon das Fehlen des Helmes auf oder neben dem Stifter­wappen läßt darauf schließen, daß wir es nicht mit einer ritterbürtigen, sondern mit einer bürgerlichen Familie zu thun haben. Das Wappen des Mannes findet sich denn auch als das einer Patrizierfamilie Weiß oder Weyß in Limburg. Das der Frau führen mehrere Familien, es kann also zu­nächst der Nachforschung nach der Herkunft desDorsale" nicht dienen. Wahrscheinlich wird es au» Limburg (an der Lahn?) stammen, aber erst eine archivalische Untersuchung dort könnte eventuell sicheren Aufschluß geben. Sehr zu bedauern ist, daß dieses seltene, höchst interessante Stück durch spätere Uebermalung seinen ursprünglichen Charakter zum Theil eingebüßt hat. Eine, dem jetzigen Ausdrucke der Gesichter nach zu schließen, wohl moderne Hand hat die alten Umrisse, von denen die Farbe theilweise abgesprungen war, kräftig nachgezogen, ist dabei aber leider ziemlich selbständig vorgegangen und, wie der Augenschein lehrt, nicht immer genau den alten Linien gefolgt. Ebenfalls dem 15. Jahr­hundert gehören die meisten der Heiligenfiguren an. Nur zwei davon, eine Maria und ein Johannes, entstammen dem 17. Jahrhundert. Von der ursprünglichen Wirkung dieser einst bemalten Figuren kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man die beiden Heiligen unmittelbar rechts und links vom Flügelaltare betrachtet, die noch in ihrer ganzen Farben­pracht erhalten sind.

Das große Zimmer neben derKapelle" hat die Haupt­aufgabe, den Charakter einer alten oberhessifchen Bauern­stube wiederzugeben. Raummangel zwang, auch eine große Reihe anderer Gegenstände hier unterzubringen, während andererseits das bisher vorhandene Material noch längst nicht ausreichend ist, die Hauptaufgabe zu lösen. Im Hinter­gründe links erblicken wir eine Bauernbettstelle aus dem vorigen Jahrhundert und davor eine Truhe aus der gleichen Zeit. Wer stiftet uns die neben das Bett gehörige Bauern­wiege? Spinnrad und Holzschemel, eineKietze" und eine über das Bett gehängte gewaltige Ledertasche (Büchsenranzen), wie sie die Bauern bei ihren Einkäufen in der Stadt be­nutzten, suchen das Bild zu vervollkommnen. Im oberen Thetle des Zimmers gehört ein vorzüglich erhaltener Tisch den Bauernmöbeln zu. Er ist ausziehbar und birgt in sei­nem Innern einen umfangreichen Vorrathsraum. Die kleineren Truhen sind Zunfttruhen, in denen die Handwerker­innungen ihre Acten und Cimelien aufbewahrten. Diesem Gebiete gehören auch an die Fahne, die nach der Kapelle zu aufgehängt ist, mehrere andere Gegenstände und eine Messinglaterne, links neben der Kapellenthür, die auf einer Zunftfahne getragen wurde. Diese Laterne entstammt der­selben Zeit Anfang dieses Jahrhunderts und derselben Werkstätte, wie der messingene Fidibushalter, der auf der Kommode neben dem Ofen steht. Der Eisenständer (nd. Stooftche, Stöftche) vor diesem wurde mit Holzkohlen gefüllt und diente zum Warmhalten von Speisen und Getränken. Reben ihm sehen wir ein Gestell mit Zinngeräthen. Die einzelnen Stücke entstammen zum größten Theile dem vorigen und diesem Jahrhundert, und sie dienten kirchlichen wie pro­fanen Zwecken. Kannen und Krüge, Teller und Schüsseln in den verschiedensten Größen und meist reizenden Formen begegnen uns, vor Allem aber richten wir unser Augenmerk auf einen Teller, der aufs Reichste mit Reliefs geschmückt ist (in der Mitte die Auferstehung, auf dem Rande die Wappen der sieben Kurfürsten) und aus der Werkstätte des bekannten Nürnberger Zinngießers Caspar Endterlein (f 1633) stammt. Auf dem langen Regale an der Schmalwand sind Erzeugnisse der Keramik untergebracht. Links, den Fenstern zu, sehen wir eine Collection Siegburger Steinguts. Leider befindet sich keines der großen, reich verzierten Stücke dieses Fabrik­ortes, keineSchnelle" darunter, wohl aber mehrere kleinere, durch die geschmackvolle Form ausgezeichnete Becher, die man

früher für holländisches Fabrikat hielt, und die in Holland unter dem Namen Jakobakannetjes bekannt sind. Die hell­grauen Krüge rechts mit blauen Ornamenten sind Nassauer Fabrikate. In der Mitte die bekannten Marburger Thon- waaren. In den Vitrinen unter den keramischen Gegen­ständen sind Kostümstücke ausgelegt worden. Hingewiesen sei endlich noch auf eine Collection von älteren Lampen, Leuchtern, Lichtputzscheeren und Feuerzeugen, die auf der Schmalseite im Hintergründe des Zimmers aufgestellt wurden, und auf eine Schabbeslampe neben der Kapellenthür.

Im zweiten Stock treten wir zunächst in den Corridor, der wenig Licht hat und daher auch nur einige größere Gegenstände aufnehmen konnte. Feuerlöschgeräthe, Wind­fahnen, zwei Fußschellen aus dem alten Gießener Arresthause, endlich drei sogen. Kleiekotzer gelangten hier zur Ausstellung. Letztere bieten durch ihre grotesken Formen ein ganz beson­deres Interesse. Sie erfüllten lediglich den Zweck, der Oeffnung, aus der im Mühlenbetriebe bei der Mehlbereitung die Kleie entfällt, ein humorvolles Aeußeres zu verleihen. Heute trifft man nur noch sehr selten dergleichen Masken in älteren Mühlen an.

Der Corridor führt in ein kleineres Zimmer, dessen Wände mit den Bildern der Gießener Rathsschöffen aus dem 17., 18. und dem Anfänge des 19. Jahrhunderts behängt sind. Diese Bilder würden, hätten größere Raum­verhältnisse zu Gebote gestanden, mit allen übrigen auf Stadt Gießen bezüglichen Gegenständen zusammen ausgestellt fein, so aber mußten sie mit der kleinen, aber schönen Sammlung von Ofenkacheln aus dem 16. und 17. Jahrhundert in einem Raume untergebracht werden. Eine Anzahl dieser Kacheln aus dem Beginne des 17. Jahrhunderts stammen von ein und demselben Meister, dessen Signatur TR auf einem Exemplare sich findet. Hoffentlich gelingt es, das Monogramm dieses tüchtigen Hafners zu lösen. Unter dem Fenster bemerken wir den Abguß eines Grabsteines aus dem 16. Jahrhundert, daneben eine charaktervolle Jugendbüste v. Ritgens, modellirt von Dickorv.

Durchschreiten wir das Zimmer mit römisch-germanischen Alterthümern, das später beschrieben wird, so gelangen wir in einen Raum, der als das Gebiet für alle auf Gießen und die Gießener Universität bezüglichen Gegenstände gedacht war. Indessen zwanaen auch hier wieder die beengten Raumverhältnisse, andere Dinge mit unterzubringen und manches interessante, ausstellenswerthe Stück vorläufig bei Seite zu lassen. Die Wand nach dem römisch-germanischen Zimmer zu ist behängt mit Ansichten von Gießen und Umgebung, und zwar sind die ältesten Prospekte neben dem Fenster placirt worden. Außerdem wurden die Porträt» von zwei Bürgermeistern, mehreren Syndici» und das des um das Museum hochverdienten Professor» Buchner hier unter­gebracht. Links von der Thüre zum römisch-germanischen Zimmer steht die Münzsammlung, die besonders hessische Münzen und auf Gießen und Gießener Persönlichkeiten be­zügliche Medaillen zur Ausstellung bringt. In den Vitrinen rechts sehen wir Gießener Ansichten, ein Verzeichniß der Lebens Mittelpreise von 1833, eine Reihe von Flugschriften und Zeitungen aus dem Jahre 1848 rc. Ein kleinerStraf­zettel" belehrt uns, daß ein Musketier der Gießener Bürger­wehr des Jahres 1848 für zwei versäumte Exerziertage drei Kreuzer Strafe an seinen Korporal zu zahlen hatte. Diesen Vitrinen gegenüber befindet sich eine noch sehr erweiterungsfähige Universitäts-Abtheilung. Eine Samm­lung von optischen Instrumenten und Goldwaagen, eine höchst bemerkenswerthe Schnupftabaksreibe rc. nehmen den kleinen Raum zwischen der Univerfitäts-Abth ilung und de« für die Erzeugnisse der Glasindustrie und Keramik bestimmten Schranke ein. Neben diesem gelangen eine Reihe von Schmiede und Schlosserarbeiten zur Ausstellung. Hinzn- roeifen ist noch auf die Gegenstände zwischen den Fenstern: ein schmiedeiserner Löwe aus dem 16. Jahrhundert, der früher den Giebel des Gießener Rathhaufcs zierte, ein Gießener Nachtwächterhorn, eine Nachtwächterhellebarde und ein Hirtenhorn.

Dem letzten Raume legen wir den stolzen Namen Waffenfaal" bei. Eine gewaltige Trophäe deckt den größten Theil der Corridorwand. Sie fetzt sich in der Ha^»t- fache zusammen aus Fahnen, Kopfbedeckungen und Waffen der Gießener Bürgerwehr von 1848 und aus Erinnerungs­stücken an den Krieg 1870/71. Rechts bemerken wir Uniform- theile und Waffen des Generals Hoffmann. bewm Seiten der Trophäe sind ältere, meist dem 17. Jahrhundert angehörende Schwerter, Spontons, Hellebarden, Hufeisen, Sporen und Pulverhörner angebracht. Neben der Thüre zum Gießener Zimmer rechts finden wir in einem Kasten mittelalterliche Sporen, Pfeilspitzen von den verschie-