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10.10.1897 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Sonntag »tu iO. October

1897

Der ♦itfenet >n|dger erscheint täglich, mit Llltnahmr be» Montag-.

Di« Gitßrnrr A«mikie« d kälter werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.

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Amtlicher Theil.

Gefu»deue Gegenstände: 1 Trauring, 1 Taschen« tach, 1 Lockenscheere, 1 Manschette, 1 Kopskiffeubezug und 1 Kriegsdenkmünze von 1870/71.

Gießen, den 9. October 1897. Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Deutsches Leich»

Die Frage einer Erhöhung der Strafmündig­keitsgrenze von 12 auf 14 Jahre ist von dem preußischen Kultusminister der wissenschaftlichen Deputation sür daS Medicinalwesen vorgelegt worden. ES scheint darnach, als »b der aus Grund langjähriger Erfahrungen von wiffenschaft- licher Seite wiederholt ausgestellten Behauptung, daß Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahre die volle Bedeutung von Strafthateu nicht zu erkennen vermögen, jetzt auch von der StaatSregierung eine gesteigerte Beachtung geschenkt wird.

WolffS telegraphisches Korrespondenz-Bureau.

Berlin, 8. Oktober. DerReichsanzeiger" veröffent- licht eine Bekanntmachung des FinanzministerS, wonach ver- suchSweise und unter Vorbehalt des Widerrufs die Zahlung der Civilpenfionen und Warte gelber innerhalb des deutschen Reiches bis zu dem Monatsbetrag von 400 Mk. i» Wege der PostanwetsaugSoerkehrS ohne MovatSquittung für die Fälle zugelaffen wird, wo die Empfänger und Bezugs­berechtigten identisch find. Die Zusendung geschieht nur auf schriftlichen Antrag der Berechtigten. DemReichs- auzeiger" zufolge hat der Kaiser der griechischen Kron- Prinzessin denLouisenorden mit der Jahreszahl 1814 and dem Rothen Kreuze verliehen.

Mülhausen i. E., 8. October. DaS Landgericht ver- urtheilte den Reichstagsabgeordneten Bueb wegen mehr- facher Beawtenbeleidigung, ferner wegen Uebertretung des ColportagegesetzeS, Verächtlichmachung staatlicher Einrichtungen und Beseitigung beschlagnahmter Gegenstände zu inSgeiammt 10 Monaten Gefängniß. Der Staatsanwalt hatte 1*/, Jahre und sofortige Verhaftung beantragt.

Wien, 8. October. Abgeordnetenhaus. DaS Haus begann die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Unterstützung aus Staatsmitteln anläßlich der Elementar- ereigniffe. Nachdem zwei Redner gesprochen, wurde die Sitzung auf eine Stunde unterbrochen wegen der Berathungeu des MißbilltgungSauSschuffeS für die Beschimpfung-angelegen, tzeit Jro-Gregortg.

Depeschen de» Bure«» ,$erolt.

Berlin, 8. October. Der Kaiser und die Kaiserin »ollen am Sonntag in Liebenthal bei HubertuSstock der Ein­weihung einer neuen Kirche beiwohnen. Nach der Feier will fich der Kaiser zur Jagd nach Liebenberg als Gast des Bot- fchafterS Grafen Eulenburg begeben.

Berlin, 8. October. DemReichsanzeiger" zufolge ist in Costa rica mit Rücksicht auf die bevorstehende Präsidenten- wähl für die Dauer von zwei Monaten der Belagerungs­zustand verhängt worden.

Berlin, 8. October. Fürst Bismarck hatte fich »egen des Witterungsumschlages eine größere Schonung auferlegt, indem er auf kurze Zeit daS Zimmer hütete. Am heutigen Tage hat er aber die gewohnten Ausfahrten wieder ausgenommen.

Berlin, 8. October. DerMilit. Lorr." zufolge wird eS in BundeSrathSkreise« nicht für auSgeschloffen betrachtet, daß Bayern in der Frage der Errichtung eines obersten Militärgerichts Hofes bei der Abstimmung im BundeS- rathe werde überstimmt werden.

Berlin, 8. October. Am 18. October findet zu Berlin reine Sitzung des AuSschvffeS des Ce u tr al verbände- deutscher Industrieller statt. Auf der Tagesordnung lieht außer Geschäftsaugelegenheiteu der Bericht über die am 22. und 23. September in Wiesbaden abgehaltene Sitzung 3er Commission für daS Unfall-VerficheruvgSgesetz, sowie die Vegeuwärtige Lage der handelspolitischen Beziehungen zum AuSlande.

Berlin, 8. October. Die Meldung einer Correspondenz, daß dem Reichstage eine Vorlage über Aufhebung des BerbinduugSv erbotS für politische Vereine Angehen wird, wird von derPost" für mehr als unwahr­scheinlich bezeichnet.

Berlin, 8. October. Wie dieNeue Berl. Corr." hört, legt die Regierung Werth darauf, den nach ihrer Ansicht für die Wehrkraft zur See und für den Schutz der Überseeischen Jutereffen erforderlichen Ausbau der Flotte auf eine längere Zeit festgelegte gesetzliche Grundlage zu stellen, damit die Flotte in ihrem inneren Ausbau Ruhe hat und die Re­gierung der Nothwendigkeit enthoben ist, jedes Jahr mit dem Reichstage zu feilschen. Von diesem Standpunkte aus habe daS StaatSmioisterium die Marine-Borlage behandelt und die preußischen Vertreter im BundeSrath in diesem Sinne instruirt. Die Vorlage enthält thatsächlich einen Jnftandhallungs- und Flotten-VermehrungSplau für die nächsten sieben Jahre, der einen Kostenaufwand von rund 410 Millionen beansprucht.

Berlin, 8. October. Wie dieBerl. Reuest. Nochr." hören, hat fich die englische Admiralität endgiltig entschlossen, in Dover einen KriegShafen anzulegev, nachdem der neue daselbst erbaute Handelshafen zur Zeit beinahe fertig­gestellt ist. Die Baukosten der KriegShafrnanlage würden auf gegen 71 Millionen Mark geschätzt. Die einleitenden Vor­arbeiten für den Bau des Hafens wie umfangreiche Der- meffungen haben bereits stattgefuudeu.

Hamburg. 8. October. In der heutigen DormitiagSsitzung deSsocialdemokratifchenParteitageS erstattete Abg. Liebknecht das Correferat zur Frage der Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen. Abg. Liebknecht ist ein ent­schiedener Gegner der Betheiliguvg an den Wahlen, weil daS Zustandekommen einer radikalen Majorität im preußi­schen Landtage zu schwierig fei und eine Junker-Majorität durch Schaffung autiliberaler Gesetze indirecr für die Soeial- demokratie agitire. Man könne nicht principiell bei den Land­tagswahlen für die Freifinnigeu, bei den ReichstagSwahleu gegen dieselben austreten. Siue BetheUiguog an den Land- tagSsahlen würde den Liberalen Gelegenheit zu eiuem Ein­bruch in die socialdemokratische Partei geben. An daS Referat schloß fich eine DiScuffion, zu welcher fich 60 Redner ge­meldet hoben. Man will versuchen, diese ganze Rednerliste heute noch zu erschöpfen. ES sprachen Vormittags für die Betheiligung: Oertel-Nürnberg, Stolle-Crimmitschau, Ulrich- Offenbach, Frau Zetkin-Stuttgart, AronS-Berlin, Schwarz- Frankfurt a. M., Hoch-Hanau, Peus-Brandenburg und Emmel- Saargrmünd- dagegen. Zubeil-Berltn, Börner-Berlin, Seidel- Berlin, Singer-Berlin. Schmidt-München will eS der Ent­scheidung der Preußen überlaffen, Meift-Köln den einzelnen Wahlkretseu, ob fie fich an den Landtagswahlen betheiligen wollen oder nicht. Beide Partei-Commerse am gestrigen Abend waren ungemein stark besucht.

Hamborg. 8. October. In der heutigen Nachmittags- fitzung des socialdemokratischeu Parteitags wurde die Debatte über die Betheiligung an den preußischen Land- tagSwahlen fortgesetzt. ES sprachen u. A. Bebel-Berlin, der die von ihm eingebrachte Resolution zu Gunsten der Be­theiligung an den Wahlen verthetdigte und begründete. Er wandte fich scharf gegen Liebknecht, deffen Stellungnahme er als inkonsequent bezeichnete. Er wies darauf hin, daß ge­rade der Umstand, daß er im Jahre 1893 in Köln gegen die Betheiligung gesprochen hatte, ihn jetzt veranlaßt habe, als Ausdruck seiner Sinnesänderung diese neue Resolution einzubringen. ES sprachen dann noch eine lange Reihe von Rednern, die fich zum Theil für, zum Theil gegen die Be­theiligung auSspracheu. Die Abstimmung über die Annahme oder Ablehnung der Bebel'schen Resolution wurde auf morgen früh vertagt, da wegen der vorgerückten Zeit schon viele Delegirte daS Versammlungslocal verlaffen hatten.

Hamburg, 8. October. Bei Cuxhaven wurde die dänische Barke Waterqueen von dem Dampfer Sparta überrannt. Der Capitän und drei Mann find ertrunken. Fünf Mann wurden gerettet und in Cuxhaven gelandet.

Wien, 8. October. Die abnorme eiskalte Witte­rung dauert an. Seit drei Tagen schneit es ununterbrochen. Gestern wurde bereit- ein Arbeiter auf dem Schmelzer Exerciei platze erfroren aufgefunden.

Fiume, 8. October. Die Bora wüthet unverändert fort. Der Dampfer Dillam mit 80 Paffagieren an Bord, welcher nach Ancona euSlaufen sollte, gerteth in große Gefahr und mußte in den Hafen zurückkehren.

Triest, 8. October. Bei Castelnuovo wurden zwei Männer und eine Frau erfroren anfgefundeo. Ans dem Monte Maggiore und in der Umgebung von Goerz herrscht starker Schoeesturm.

Kauea, 8. October. Infolge der hier cirkulireudeu Gerüchte, daß auf Betreiben Deutschlands demnächff eine größere türkische Truppenmacht die Insel besetzen werde, errichten die Insurgenten im Innern DertheidigungS- werke, sowie ans dem AkrotiriS-Plateau ein befestigte- Lager.

Sie beabsichtigen nach letzterem One die revolutionäre National-Versammlung einzuberufen. Zugleich wird von den Insurgenten eine Polizeitruppe eingerichtet, um Gewaltacte unbotmäßiger Insurgenten zu verhindern und die Sicherheit auf der ganzen Insel herzustellen.

Rtwyork, 8. October. Im Arsenal herrscht eine rege Thättgkeit. Der Marineminister fordert 1 >/, Millionen Dollar für Ausbesserung der Krieg-fahrzeuge.

Berlin, 9. October. Wie dasBerl. Tgbl." erfährt, ist die Eröffnung des Dortmund-EmS-CanalS vor dem Herbst 1898 nicht zu erwarten, da noch große Ar­beiten rückständig find.

Berlin, 9. October. Die Firma Borfig erklärt, daß fie niemals daran gedacht habe, diejenigen Former, welche während de- StrikeS treu zu ihr gehalten, nach Been­digung des Ausstandes zu entlasten. Bezüglich der gestrigen Verhandlungen über die EiuigungSvorschläge ist bis jetzt daS Resultat au- 18 Gießereien bekannt, in welchen am Montag 356 Former die Arbeit aufnehmen werden. 56 Former bleiben somit noch ohne Beschäftigung. AuS 8 Gießereien fehlt da- Resultat noch.

Petersburg, 9. October. Das Zarenpaar wird in Petersburg am 31. d. MtS. eiutreffen. Von der Reise nach Livadia hat dasselbe Abstand genommen. Am 3. Novem­ber findet die osficielle Einweihung der medicinischen Frauen- curse im Beisein des ZarenpaareS statt.

Athen, 9. October. Wegen der Streitigkeiten zwischen Matrosen deS deutschen KriegsschiffesKaiserin Augusta" und Bewohnern vorn PiräuS wollte der griechische Untersuchungsrichter auf derKaiserin Augusta" mehrere Matrosen und Offiziere vernehmen. Diese verweigerten die Aussage, da der Untersuchungsrichter auf deutschem Boden stehe. Kaiser Wilhelm, dem die Sache gemeldet wurde, hat jetzt dem griechischen Untersuchungsrichter das Vernehmung-- recht zuerkanut.

WB. Hamburg, 9. October. Der foeiald emo- erotische." Parteitag verwarf heute mit 160 gegen 50 Stimmen daS Verbot betreffs der Betheiligung an den preußischen LandtagSwahlen, genehmigte dagegen den Bebel'schen Antrag, wonach die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen überall da geboten sei, wo eS die Verhältnisse ermöglichen. Compromtffe und Bündnisse mit anderen Parteien dürfen nicht abgeschloffeu werden.

"WB. Madrid, 9. October. Die unverzügliche Ab­berufung WeylerS ist beschlosten. Die Ernennung deS Marschalls Blanco zum Gouverneur vou Cuba wird morgen unterzeichnet. Mit Blanco gehen mehrere Generale, dem Heraldo" zufolge auch 20,000 Mavn Verstärkungen.

Caroles rrnd provinzielles.

Gießen, den 9. October 1897.

Sroßh. Handelekammer Gießen. Vor der Anknüpfung von Geschäftsverbindungen mit einem in Stockh olm thätigeu Agenten wird gewarnt. Derselbe ist noch minderjährig, hat deutsche Firmen dadurch geschädigt, daß er Personen und Firmen, mit denen er anscheinend unter einer Decke steckt, als Referenzen aagibt und alsdann auf Grund der von diesen ertheilteu günstigen Auskünfte Bestellungen sür Per­sonen macht, welche zum Theil mit den AuSkunftgebeuden identisch find, und von denen ebensowenig wie von ihm selbst Zahlung zu erlangen ist. Jntereffeuteu können deffen Namen auf dem Bureau der Kammer erfahren.

OmnibuSfahrteu Echiffeubergerwald. Die Fahrten von und nach dem Schiffenbergerwald werden an Wochen­tagen mit dem heutigen Tage eingestellt- an Sonntagen und bei günstiger Witterung fahren dagegen die Sommerwagen diesen Monat noch und zwar halbstündlich von 3 Uhr an ab Marktplatz nach dem Wald und Abends von 5% Uhr an wieder zurück.

H. Stadttheater. Bon der Specieshistorische" Lust­spiele find gottlob nicht allzuviel zu verzeichnen, denn mit einem Fehler find fie durchweg chronisch behaftet, daß fie nie historisch genug sein können. Diese- Factum wurde gestern Abend auch bei der Aufführung vou NiemannsWie die Alten suugen!" bewiesen. Doch besitzt Niemann- Lustspiel auch viele Vorzüge und der Aufbau der Handln»- ist mit Geschick parallel HerschS LustspielAnnaliese" durch, geführt. Wenn der Verfaffer den Sohn de-alten Dessauer" die Tochter de- BiertelSmeisterS und nachherigen Bürger­meister- Herre lieben läßt, und die Fürstin Annaliese diese Offenbarung ihres Sohnes zu wohlgefälligem Ende, d. h. Beseitigung der dem liebenden Paare fich entgegenstelleoden