Ausgabe 
10.7.1897 Zweites Blatt
 
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Samstag de» 10 Juli

Zweites Blatt

Rv. 159

1897

Gießener Anzeig er

Keneral-Wnzeiger

ärnts» und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Hratisöeikage: Gießener Kamitienbtätter

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Feuilleton.

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»kicher zur Ermittelung der Wahrheit so entsetzliche Mittel

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\ Klietz, trifft den Tadel. A k4;rheit der BerüachtSi

1887

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Norm. 10 Uhr.

Die Gießener Wnmirienßtälter erten dem Anzeiger »Achentlich dreimal deigelegt.

rrad-Werke

Mannheim.

«rsoltert werden, wobei das Maß der Folterung ganz in die Mkür deS Richters gestellt war.

Unter den vielen noch vorhandenen Lriminal'Prozeßacteu dieser Art, die man durchgesehen hat, wurde nicht ein TodeS« artheil gefunden, das nicht auf Beweise hin gefällt worden ®ire, die durch Foltern erpreßt wurden, und man darf wohl «»nehmen, daß tue meisten dieser unglücklichen Menschen, so ®tit nicht freiwillige Geständnisse vorliegeu, heute frei« Aksprocheu worden wären. Wir führen hier in Nachfolgendem l»d iutereffante Fälle an, wo wirklich Unschuldige infolge »in Geständnissen durch Folter-Grspreffungen zum Tode ver« rnheilt worden find.

Die ledige Anna Elisabeth«: Hager au« St. Goar»«

der Neustadt eine Schluhfeier der Haushaltungsschule stattfindet.

Das Gesuch der Firma Hehligenstaedt & Co. um Erlaubniß zur Aufführung eines Erweiterungsbaues bei ihrer Fabrik wurde ausnahmsweise befürwortet.

Nachdem die Differenzen wegen deS EigeuthumS an dem Gäßchen auf dem Neuenweg (zwischen dem Mann» berger'schen und dem Klemmrath'schen Hause) gehoben, ist fragt. Gäßchen in daS Eigenthum der Stadt übergegangen. Auf Ersuchen mehrerer Anlieger wird beschloffen. daselbst GaS und Wasser etnzusühren. ES werden bewilligt 205 Mk. für die Waffer-, 25 Mk. für die Gasleitung, sowie ferner die Kosten für Einrichtung der Glühlichtdeleuchtung auf dem Candelaber am Eingang des Gäßchens.

Für Einführung der Wafferleitung in die Korn­blumengasse, welche ebenfalls in daS Eigenthum der Stadt üdergegangen ist, werden 135 Mk. bewilligt und für die Verlängerung der Gas- und Wafferleitung behufs An- schluffes deS Israelitischen Gemeindehauses in der Lonystraße 70 bezw. 82 Mk.

Eine Anzahl Anwohner des Schiffenberger WegS haben um Herstellung deffelben und Anlage erhöhter Trottoir-, deren Fehlen fich besonders bet ungünstigem Wetter fühlbar macht, nachgesucht. Mit Rückficht darauf, daß der Schiffen« berget Weg zu einem Theil durch den neuen Stadterweite- rungiplan aufgegeben wird, wird da- Gesuch in der bean­tragten Form abgelehnt- doch soll für Unterhaltung de» Fußpfades Sorge getragen werden.

Der Wirthschafr-plan der Stadtwaldnngen für 1898/99, nach welchem ein Erlös au- Holz im Betrage von 77 293 Mk. erwartet, nach den Ergebniffen des vorhergehenden Jahre- aber erheblich überschritten werden wird (der Mehrerlös im Jahre 1896/97 belief fich auf 15700 Mk., er wird im laufenden Jahre mit 16 300 Mk. angenommen) wird gutgeheißen, ebenso der Voranschlag im Betrage von 7812 Mk. für Herstellung von Waldwegen und 1267 Mk. für Unterhaltung solcher. Da» anfallende Eichen­stammholz soll wie bisher aufgeardeitet und im Wege schrift­lichen Angebotes zum Verkauf gestellt werden.

Die Versammlung erklärte fich damit einverstanden, daß zum Abschuß der der Landwirthschaft schädlichen Vögel, welcher bisher nur den Forstwarten oblag, auch die

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Geradezu schauerlich war die Un- khrrheit der BerdachtSgründe, welche eine Folterung ver­

blaßten- konnte doch schon ein Mensch bloß auf die Be- Huldigung eine» Angeklagten hin, daß er Mitschuldiger sei,

Der

|e«rr Anzeiger erscheint täglich, eto Ausnahme bei

Montags.

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Alle Annoncen-Bureaux deS Irr» und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Feldschützen ermächtigt werden sollen. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Philosophenwald gerichtet werden, woselbst sich, soweit derselbe aus dem Jagdgebiet auSgeschieden, die Raben zum Schaden der kleinen Vögel stark vermehrt haben.

Nach Schreiben de» Vorstandes des Oberhessischen GeschichtSvereinS beabfichtigt derselbe eine systematische Neuordnung seiner im alten Rathhause untergebrachten prä­historischen, römischen, germanischen und hesfischen Alterthümer unter sachverständiger Leitung vorzunehmen. Der Vorstand bittet, da diese Neuordnung erhebliche Kosten verursacht, um Uebernahme derselben oder eines Theils auf die Stadtkaffe. Die Versammlung beschloß mit Rückficht darauf, daß die Sammlungen in erster Linie für die Einwohnerschaft Gießens von Nutzen find, 400 Mk. zu den Kosten beizutragen.

Wie seit mehreren Jahren, so sollen auch diesmal Ferien bet der Stadtverordneten Versammlung anberaumt werden. Die Versammlung erklärte fich damit einverstanden, daß während des Monat- August die Sitzungen au-fallen.

Die Wirthschaft-concessionSgesuche von Löb Grünewald (HauS Kirchenplatz 5), W. M e y e r (Aquarium, Wallthorstraße 5), Ioh. Rinn (HauS des Kaufmännischen Vereins an der Nordanlagc) undHermannOtto (Deutscher Hof, Neuenweg 5) werden nicht beanstandet.

nach § 10 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der KreiS-Ausschrrtz während der Zeit vom $81. Juli bis 1. September Ferien hält.

Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unter­brochen.

Gießen, den 8. Juli 1897.

Der Kreis-Ausschuß des Kreises Gießen.

v. Gageru.

Aus der Zeit, da noch gefoltert wurde.

Nicht nur in den großen, sondern auch in den kleinen tmb kleinsten deutschen Staaten war vom 15. bis in daS 18. Jahrhundert ine Thätigkeit des peinlichen HalSgerichrS «roß. Mau kann fich einen Begriff von dieser Thätigkeit uachen, wenn man erfährt, daß in jener Zeit In St. Goar, btnal« die Haupt- und Residenzstadt von Heffen-Rhetnfel», j-teS Jahr zwei Personen nach oorhergegangener Folterung ^gerichtet wurden, trotzdem die Einwohnerzahl der ganzen N-dergrafschast Katzenelnbogen i« 14. und 15. Jahrhundert ur 12,000 und Ende deS 18. Jahrhundert- 20,000 Seelen »"rüg. Diese Hinrichtungen würden aber die Ziffer 2 wett kdcrstiegen haben, wenn nicht die Landesfürsten, welche ms Sch RheinfelS refidtrtcn, so viele Begnadigungen Hilten eirnreteu lassen

Man würde jedoch dem Schöffengericht, wie auch den Znristen-Facultäten in Gießen und Marburg, welche die misten TodeSurtheile fällten, ein Unrecht zufügen, wollte Ma fie darum tadeln, denn nicht sie, sondern da» Gesetz,

tafei# uni> b-st- der Gegenwart ^7*** meins»!--!

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Hausen sollte ihr außereheliches Kind ermordet haben und wurde deßhalb im Jahre 1679 durch daS peinliche Hals- geeicht in St. Goar zur Untersuchung gezogen. Obwohl die Angeklagte die Schuld in Abrede stellte und die Leiche be» Kindes nicht gefunden worden war, auch äußerndem allge­meinen Gerücht keine belastenden Beweise vorhanden waren, wurde fie doch von der Juristenfacultät zu Gießen zur Folterung verurthetlt:Daß peinlich Beklagte zur Er­forschung der Wahrheit und Beweisung ihrer Unschuld dem Scharfrichter zu übergeben, auch von demselben mit der Schärfe ziemlicher Weise anzugreifen sei- al» wir fie dann hiermit dazu condemntren. Bon Rechts toegen.**

Am 16. September 1679 wurde die Angeklagte vor das Schöffengericht zu St. Goar gestellt, wo in ihrer Gegen­wart der Meister von Nastätten, d. i. der Henker, feine In­strumente auf einem Tische ausbreitete. Sie wurde von dem Präsident, dem Amtmann Hermann Cappt von Retchenberg, ermahnt, den KtndeSmord in Güte zu bekennen und auf die von einer hohen, löblichen Universität Gießen eingekommenen Fragestücke" examinirt. Da sie jedoch nicht geständig war, nahm ihr der AmtSdiener die Hand- und Fußfesseln ab, der Henker schraubte die Instrumente an und macht sie zur Folterung fertig- dann wurde fie nochmal» ermahnt, Gott, den HerzenSkündtger, nicht länger durch Leugnen zu belei­digen und ihren Leib nicht durch die Tortur zerreißen zu laffen, sondern den Mord frischweg zuzugestehen, dann würde Gott sie in Gnaden wieder annehmen und daS weltliche Ge­richt ihr ein gnädige» Urtheil sprechen.

Darauf erwiderte die Angeklagte:\Sie sei des Lebens müde und wünsche, daß ihr bald ihr Recht werde- fie müßte fich in GotteS Willen ergeben und geschehen laffen, waS die Obrigkeit über fie beschließe. Wenn fie aber unter den Schmerzen der Tortur anders aussagen sollte, als fie bisher auSgesagt habe, und fie dadurch zur Mörderin ihre» eigenen Leibes würde, so wolle fie da» dem Gerichte anheimschreiben - wenn fie dagegen wüßte, daß fie fich nicht versündige, wenn fie mehr aussagte, al» wahr wäre, um von der Marter ab­zukommen, so wolle fie daS thun."

Hierauf wurde ihr geantwortet, daß fie nichts als die Wahrheit anSzusagen habe, mehr verlange man nicht von ihr-

Sitznng -er Stadtverordneten

am 8. Juli 1897.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Bei­geordneter Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren EmmeliuS, Faber, Flett, Habentcht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Hehligenstaedt, Homberger, Jughardt, stiller, Kirch, Löber, Petri, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, tzchmall, Dr. Thaer und Wallenfels.

Herr Oberbürgermeister Gnauth brachte eine Ein­ladung des Schulvorstande» zur Kenntniß der Versammlung, in zufolge am Freitag in dem ehemaligen Schulhause in

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 12 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Provinzialausschuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.

Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen.

Auf den Lauf der gesetzlichen Fristen sind dieselben ohne Einfluß.

Gießen, den 8. Juli 1897.

Der Provinzial-Ausschuß der Provinz Oberheffen. v. Gagern, Provinzial-Director.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.

gcrseft

W SlitaßeW ter Vorstand.

m Verabfolgen von quten Terlor besten» empsohla W. Rabenau.

K. Rau.

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| sollte fie unter der Tortur mehr sagen, als wahr fei, und 1 fie dadurch zur Mörderin an sich rfelbst werden, so verliere sie ihrer Seele Seligkeit, dies möchte fie wohl bedenken und die Wahrheit bekennen".

Da sie in Güte zu einem Bekenntniß nicht zu bewegen war, setzte fie der Scharfrichter auf den Stuhl, band ihr die Hände auf dem Rücken zusammen und zog die Fußschraubrn scharf an. Unter diesen Schmerzen wurde fie wieder examt- nirt, allein fie blieb auch jetzt bei der Aussage, daß fie keine Mörderin fei. Bei diesem ersten Grabe der Folterung ließ man es an diesem Tage bewenden, der Scharfrichter nahm die Schrauben weg und der AmtSdiener führte die An­geklagte ab.

Noch zweimal wurde daS arme Mädchen, tedeSmal in einem höheren Grade, gefoltert und dann gestand fie eine Lüge. In ihrer Verzweiflung sagte fie aus, fie habe ihr Kind in den Rhein geworfen, und fie wurde darauf hin zum Tode verurtheilt, den sie auch erlitten hätte, wenn nicht jetzt ihre Mutter dem Gericht angezeigt hätte, daß ihre Tochter daS Kmd zu entfernten Verwandten gebracht habe, weil dessen Vater gedroht habe, dasselbe umbringen zu wollen.

Die sofort angestellten Untersuchungen bestätigten die Angaben der Mutter. Landgraf Ernst beeilte fich, die arme Dulderin durch sofortige Verheirathung mit ihrem armen Liebhaber und eine reiche Aussteuer zu entschädigen- aber ihren gemarterten, zerrissenen Leib konnte er nicht wieder Herstellen und die au-gestandene Seelenangst und die Seelen­leiden konnte weder er, noch ein anderer Mensch vergüten.

Wer wird wohl nicht von einer solchen Mutterliebe er­griffen, welche die gräßlichsten Schmerzen erduldete, um ihr Kind, dessen Leben fie vom Vater bedroht wußte, zu retten ; die auch bereit war, um ihres Kinde» willen einen ebenso gräßlichen Tod zu erdulden, denn nach einem besetze Philipp» des Großwüthigen vom 25. Mai 1554 sollte fie al» Kindes­mörderin den folgenden Tod erleiden:Man lege fie lebendig in ein Grab und eine Dornhecke auf ihren Leib, beschütte fie mit Erde und schlage ihr einen eichenen Pfahl durch ihr Herz, zur Strafe und zum Abscheu männiglich.

(Schluß folgt.)

fomlff «n- provinzielle

E. Echzell, 8. Juli. Die Preise auf dem hiesigen Schweinemarkt find fich, gegen den Maimarkt, fast gleich­geblieben, d. h. man zahlte 35 bis 42 Mk. für das Paar 6 bis 7 Wochen alte Ferkel, die immer noch mehr gesucht find, als ältere Thiere. Die Rindviehpreise bleiben steigend, weil die treffliche Heuernte durch eine gleich gute Grummet­ernte abgelöft zu werden scheint, denn die Wiesen und der zweite deutsche Klee sehen vortrefflich an-.

4- Ober«Schmitten, 8. Juli. Heute Nachmittag um >/,2Uhr wurde ein dreijähriges Kind durch den von Schotten ab hier durchpasfirenden Zug an seiner Wohnung üb er­fahren und getödtet. Bekanntlich gehen auf der Strecke unserer Nebenbahn NiddaSchotten die Züge mitten durch eine Anzahl Dörfer, so daß es zu verwundern ist, wenn nicht häufiger als seither Menschen- und Thierleden in den Ortsstraßen Schaden genommen haben.

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