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10/07/1897 Erstes Blatt
 
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$le|etttr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den ßfVt-H-dr Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« t

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ^UUlUIXllVlUU^l« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegM.

Wolff» telegraphische» Correspondmz-Bureau.

Elberfeld, 8. Juli. Am 14. d. Mrs. werden, wie die Elberfelder Zeitung" meldet, Se. König!. Hoheit Prinz Friedrich Leopold sowie die Minister Dr. v. Miquel anb Thielen hier eintreffen, um der Einweihung der Müngstener Rtesenbrücke beizuwohnen.

Neustrelitz, 8. Juli. Der Oberhofmeister v. Bülow ist heute gestorben.

München, 8. Juli. Der preußische Gesandte Graf von MontS hat sich heute Vormittag 11 Uhr auf Ein- ladung Ihrer Majestät der Kaiserin nach Tegernsee begeben.

Nom, 8. Juli. DerOffervatore Romano" veröffent­licht einen Brief deS apostolischen Delegaten in Konstantinopel an den Papst, worin ersterer dem Papst für fein Mitgefühl für die Christen im Orient, Katholiken sowohl wie Nichtkatholiken, dankt und den Entschluß auSspricht, er werde fortfahren, fich diesen Gefühlen anzuschließen.

Pari», 8. Juli. DemGauloiS" zufolge beabsichtigt der Zar, um feine Dankbarkeit für den ihm in Frankreich bereiteten Empfang feterlichst zu bezeugen, Faure zum Oberstinhaber eines der schönsten russischen Regimenter zu ernennen.

Göteborg, 8. Juli. Der Kaiser nahm gestern den ganzen Vormittag Vorträge an Bord derHohenzollern" entgegen, die noch auf der hiesigen Rhede liegt.

Petersburg, 8. Juli. Heute wurde ein Gesetz vollzogen, durch welches für die Anlage von besonderen Admira- litätSbassinS und zum Bau von Hellings für Kriegs­schiffe im Hafen von Reval 530000 Rubel bewilligt «erden.

Petersburg, 8. Juli. Heute fand das Stiftungsfest des Wiborg'schen Infanterie-Regiments statt, deffen Chef Kaiser Wilhelm ist. Dem Festgottesdienst wohnten der deutsche Botschafter und die MilttärattachvS bei. Die Parade wurde in der prachtvoll decorirten Reitbahn der Gardeartillerie abgehalten, wo neben der Büste deS Zaren auch die dem Wiborg'schen Regiment von den Ersten Ulanen geschenkte Broncebüste deS Kaisers Wilhelm aufgestellt war. Bet dem Frühstück toastete General Rehbinder auf beide Kaiser, worauf Fürst Radoltn die Grüße und Glückwünsche deS RegimentSchefS übermittelte und auf das Regiment trank.

Depeschen de» Bureau .Herold."

Berlin, 8. Juli. DerReichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß deS Ministers für medicinale Angelegenheiten an die Regierungspräsidenten, worin hinsichtlich der Auf­bewahrung und Abgabe deSneuen Tuberkulin Koch" Anordnungen bekannt gegeben werden, auf deren Befolgung bei den Apotheken-Revifioneu geachtet werden soll.

Berlin, 8. Juli. Der bisherige LegationSsecrrtär bet der kaiserlichen Gesandtschaft im Haag, LegationSrath v. Schlözer, ist derNordd. Allg. Ztg." zufolge an die Stelle des zum Mtnisterrefidenren in Luxemburg bestimmten Grafen Henkel von Donnersmark al» erster Secretär an die Botschaft zu Konstantinopel versetzt.

Berlin, 8. Juli. Den von der Preffe in letzter Zett verbreiteten Gerüchten gegenüber kann dieNordd. Allgem. Zig." feststellen, daß gegen den wegen schwerer Erkrankung auf Grund eines ärztlichen Atteste» beurlaubten Crimtnal- Lommiffar von Tausch nach seiner Entlaffung aus der gerichtlichen Untersuchungshaft die DiSciplioar-Untersuchung nngeleitet worden ist.

Berlin, 8. Juli. Nach den neuesten Meldungen befindet sich der DampferSpree" im Schlepptau des Dampfers Maine" auf dem Wege nach QueenStown.

Berlin, 8. Juli. DieBerl. Polit. Nachr." theilen mit, daß die preußische Regierung in naher Zeit die end- ziltige Regelung des Wahlrechts für Staat und Ge­meinde in die Hand nehmen wolle. Der Zeitpunkt sei zekommen, wo die Erhebungen über die Wirkung der Steuer­reform auf das Wahlrecht abgeschloffen seien. Wahrscheinlich werde schon der nächste Landtag sich mit einem entsprechenden ÄesetzeS-Borschlage zu beschäftigen haben.

Berlin, 8. Juli. Die Ernennung de» Botschafter» v. Thielmann in Washington zum StaatSsecretär deS ArichSschatzamt» ist zwar noch nicht erfolgt, sie scheint aber ierNattonalzeitung" zufolge keinem Zweifel mehr zu iurterliegen.

Berlin, 8. Juli. DiePost" bezeichnet" die an die Nachricht von der angeblichen Berufung de» Abg. Gamp in ein höheres Reichsamt geknüpfte Behauptung, daß Herr Vomp wettergehende Beschränkungen der Börse fordere und rnlschieden für die Verstaatlichung der Reichsbank und für

die Doppelwährung eintrete, als falsch. Herrn Gamp gingen bereits manche Bestimmungen des Börsengesetzes namentlich in Betreff der Productenbörse zu weit. Er habe auch kürzlich Gelegenheit genommen, fich ganz entschieden gegen die Um­wandlung der Reichsbank in eine Retchsanstalt zu erklären und er nehme in der Währungsfrage keine extreme Stellung ein.

Berlin, 8. Juli. Za der Behauptung einzelner Blätter, die Berufung des badischen StaatSministerS Buchenberger an die Spitze des RetchSschatzamts sei an Meinungs-Ver­schiedenheiten wegen der Reichsfinanzreform gescheitert, schreibt dieNordd. Allg. Ztg.", die Ablehnung des Herrn Buchen­berger sei lediglich auS Gründen erfolgt, die in seinen per­sönlichen Verhältnissen liegen. WaS aber die principielle Seite der Sache betreffe, habe die sehr wahrscheinlich ge­wordene Berufung des Freiherrn v. Thielmann dieselbe handelspolitische Signatur, wie die des Herrn Buchenberger.

Köln, 8. Juli. DieKöln. Ztg." meldet aus Kon­stantinopel, die Türkei habe allmählich recht bedeutende Truppenmassen auf und hinter dem Kriegsschauplätze -usammen- gezogen. Die orientalischen Bahnen beförderten vom 24. Feb­ruar bis 15. Juni 158 000 Maon und 33,000 Pferde.

München, 8. Juli. DieMünch. Reuest. Nachr." wissen zu melden, daß Fürst Hohenlohe bet seiner jüngsten An­wesenheit in München politischen Persönlichkeiten gegenüber wiederholt seinem Entschlüsse Ausdruck gegeben har, die Ge­schäfte so lange weiterzuführen, als ihm dies seine Kräfte gestatten. Die Klärung der politischen Lage, soweit sie in dem Personenwechsel im Reich und in Preußen zum Ausdruck komme, dürfte dem Reichskanzler, der sich nach wie vor des größten Vertrauens fettens des Kaisers erfreue, eher Beran- lassung geben, der Leitung der Geschäfte, getreu feiner poli­tischen Vergangenheit, mehr Nachdruck zu verleihen.

Wien, 8. Juli. DemNeuen Wiener Tagebl." zufolge werden die Bestrebungen der Türkei entgegen dem Willen der Großmächte und ihrer eigenen Zusage, Thessalien nicht zu räumen, unter keinen Umständen Erfolg haben. Infolge eines russischen Vorschlages haben sämmtliche Großmächte neuerdings ihre Botschafter instruirt.

Prag, 8.Juli. In Leitomichl fanden anläßlich einer Hußfeter große Ruhestörungen statt. Die Behörde verbot einen Fackelzug, weßhalb die Menge die Straßen lärmend und aufrührerische Lieder singend durchzog. Die GenSdarmerte verhaftete 30 Personen, darunter auch einen städtischen Poltzeibeamten.

Pari», 8. Juli. DaSJournal" meldet au» Peters­burg, man sei dort sehr überrascht, daß Präsident Faure die Dauer seines Aufenthalts in Rußland nur auf drei Tage festgesetzt habe. Man bemerkt, daß der Zar in Frankreich länger gewesen sei und hofft, den Präsidenten bewegen zu können, auch länger in Rußland zu verweilen, damit er Moskau besuchen könne. DerSoletl" meldet aus Peters­burg, der Präsident werde bei seiner Ankunft vom 1. Garde- Regiment empfangen werden, dessen Commandeur Prinz LouiS Napoleon sei.

London, 8. Juli. DieTimes" erfahren aus Athen, die Türkei habe bereits die Ernte in Thessalien begonnen und große Getreidemassen nach Elassona trän»- portirt.

Madrid, 8. Juli. Die auS China kommenden Pro­dukte find wegen Ausbruchs der Beulenpest einer Quaran­täne unterworfen worden.

Newyork, 8. Juli. DerNewyork Herald" bringt das Gerücht von dem bevorstehenden Rücktritt Mac Kinleys. Letzterer fei über die wirthschaftliche Lage Amerikas sehr ungehalten.

Konstantinopel, 8. Juli. Hier circulirt baß Gerücht, Rußland sei entschlossen, bei weiterer Hartnäckigkeit deS Sultans die Schwarze Meer-Flotte in die Dardanellen ein­laufen zu lassen.

Berlin, 9. Juli. Der Plan der Errichtung einer Kleinbahn zur Erschließung unserer südwrst-afrikantschen Colonien wird jetzt, wie dieBerl. Pol. Nachr." mittheilen, zwischen den betheiligten Ressort» erörtert. Wegen einer in den letzten Tagen mehrfach verbreiteten Mittheilung, daß eine Convertirung der 3i/,proc. Consol» vor­bereitet werde, wird officiöS versichert, daß in RegierungS- kretsen über einen solchen Plan noch nicht da» Geringste be­kannt sei.

Suhl, 9. Juli. Bet der Ausschachtung eine» BassinS im benachbarten Schmiedefeld wurden drei Arbeiter verschüttet. Zwei davon find tobt, dem dritten wurden beide Beine gebrochen.

Cocates unb provinzieller.

Gießen, den 9. Juli 1897.

* Knnstverein. Wie im Jnseratentheil ersichtlich, bleibt die Gemälde-Ausstellung im ThurmhauS am Brand von Donnerstag den 15. d. M. ab auf einige Wochen ge­schlossen. Wir wollen deshalb nicht unterlassen, unsere Kunst­freunde nochmals auf die gegenwärtige reichhaltige Aus­stellung aufmerksam zu machen, umsomehr als morgen der letzte Sonntag ist, an welchem die Ausstellung geöffnet fein wird.

Ueber die wirlhfchaftlichen Verhältnisse äußert fich der Bericht der Großh. Handelskammer Gießen u. A. wie folgt: Mit Befriedigung constatiren wir, daß auch unser Geschäftsbezirk nicht ohne Antheil an der BerkehrSsteigerung blieb, die fich im Berichtsjahre (1896) auf weiten Gebieten des wirth- schaftlichen Lebens vollzogen hat. In hervorragender Weise hatten fich dieses Aufschwungs die Montan- und Eisenindustrie, die Maschinen-Fabrikation, sowie die Fabrikation von Bau­materialien zu erfreuen, welche Betriebszweige kaum im Staude waren, den Anforderungen des Bedarfs zu genügen und des­halb zur Vermehrung ihrer ProductionSmittel übergehen mußten. Andere hier ansässige Industrien sollen ebenfalls gut beschäftigt gewesen sein, doch trat dies nicht so erkennbar hervor. Dagegen lagen die Verhältnisse in der für unseren Bezirk so hochwichtigen Cigarrenindustrie weniger günstig. Machte fich auf diesem Gebiete auch während der ersten Jahreshälfte eine rege Geschäftsthätigkeit bemerkbar, so erlitt dieselbe doch bald nachher eine Abschwächung, die, stetig zu­nehmend, mit einer drückenden GeschäftSstille in den letzten Monaten abschloß. Auf welchen Ursachen dieser Rückschlag beruht, dürfte zunächst mit Sicherheit nicht sestzustellen fein. Wie auS den Einzelberichten der Detailhändler hervorgeht, haben letztere eine Besserung ihrer Geschäftslage nicht zu verzeichnen. Neben dem stetigen Anwachsen der auf dem gleichen Boden stehenden Concurrenzgeschäfte find eS dte Con- sumvereine, sowie die Versandt- und Filial-Geschäfte, welche erheblich dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb der Detailliften zu erschweren. So beklagenswerth dies für die Betheiligten auch ist, so schwierig dürfte e» doch sein, hier Abhilfe zu schaffen. Für eine gleichmäßige Besteuerung der Consum- vereine und der offenen Handelsgeschäfte find wir stets ein- getreten, ebenso haben wir die Leitung derartiger Vereine durch Beamte und Offiziere nicht gutheißen können, weil wir darin eine Begünstigung dieser Vereine zum Nachtheile der Detailliften erblickten. Bestrebungen aber, welche darauf ab- zielen, die Thätigkeit der Versandtgeschäfte durch gesetzgeberische Maßnahmen lahm zu legen, würden unsere Unterstützung nicht finden, denn wir halten eine gedeihliche Entwickelung de» Handels nur bei voller Bewegungsfreiheit möglich. Unter Berückfichttgung vorerwähnter mißlicher Umstände möge unß gestattet fein wie dies auch im letzten Jahresbericht geschehen darauf hinzuweisen, wie dringend geboten e» erscheint, daß den hiesigen Geschäftsinhabern für ihr Be­mühen, allen berechtigten Ansprüchen zu begegnen, in erhöhtem Maße Anerkennung und Unterstützung auch auS denjenigen Kreisen der Bevölkerung zu Theil werde, die seither mit Vor­liebe von Auswärts kauften. Der in unserem letzten Bericht ausgesprochene Wunsch der baldigen Gewährung des für die deutsche Industrie so wichtigen RohstofftartfS scheint der Er­füllung entgegen zu gehen. Zunächst hat der Kgl. Prenß. Landes-Eisenbahnrath in seiner December-Sitzung die Er­mäßigung der Frachten auf Brennstoffe befürwortet, die Ent­scheidung über ihre Ausdehnung auf Erze aber zur noch­maligen Erwägung gestellt, weil zu befürchten sei, daß hier­durch eine Verschiebung der bestehenden Wettbewerbsverhält- nisse, sehr zum Nachthetl einzelner Hochofendistricte, statt­finden würde. Die Kammer kam während deS Jahres öfter in die Lage, gegen Bestrebungen anzukämpfen, die schwere Schädigungen weiter Geschäftskreise involvirten. So war e» u. A. die Margarine-Fabrikation, deren Entwickelung man durch erschwerende Bestimmungen beim Verkauf zu hemmen suchte, ohne Rücksicht darauf, daß ihr Product-breiteu Schichte« der Bevölkerung zum unentbehrlichen Nahrungsmittel ge­worden ist. Ebenso glaubte man den Verkehr mit Handels­dünger, Kraftfuttermitteln und Saatgut auf eine Weise ein- engen zu sollen, die in schroffem Gegensatz zum seither ge­übten Geschäftsgebrauch stand und welche für Producenten wie Consumenten gleich schädlich wirken mußte. Auch gegen die Reform der Börsenordnung, welche trotz des Widerspruchs der größeren Börsenplätze inS Leben getreten ist, find wir vorstellig geworden. Der deutsche Handelsstand war stet» bereit, zur Beseitigung ihn berührender schädlicher Aus­wüchse die Hand zu bieten, konnte aber nicht ohne berechtigte Erregung ein Gesetz in Wirksamkeit treten sehen, welche» ihn