Nr. 289
Zweites Blatt. j ^DonnerStag den 9. December
1891
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Zur Lage in Italien.
Als wir vor einiger Zett das Vorgehen des Minister« Präsidenten di Rudini gegen die katholischen Gesellschaften in Italien besprachen, gaben wir unserer Ueberzeugung Ausdruck, daß im Laufe der Kammersitzungen das Ministerium reconftrutrt werden würde. Rudini hatte damals nut deshalb gegenüber den Clericalen strengere Saiten aufgezogen, um dem radicalen Zauardellt zu Gefallen zu sein und besten Unterstützung sich zu gewtnuru. ES ist noch in frischer Erinnerung, wie der Minister der öffentlichen Arbeiten Prinetti die Haltung deS CabtuetchefS de-avouirte nnb dem Cardinal Kerrera, gegen den sich die Rudint'scheu Verfügungen hauptsächlich richteten, einen Besuch abgestattet hat. Freilich wurde offiziell dieser Vorgang als ganz harmlos und unpolitisch hingestrllt, aber unterrichtete Kreise wußten doch, was fie davon zu halten hatten. Prinetti hat fich im Laufe seiner AmtSthätigkeit bereits eine achtenswerthe Stellung zu verschaffen gewußt, seine Energie und die Selbstständigkeit, mit der er auftritt, machen überall Eindruck. In letzter Zeit war er vielfach der Gegenstand lebhafter Angriffe tu der Preffe, weil er auf eigene Faust in Foggia der Bevölkerung große Verheißungen gemacht hatte, ohne fich vorher die Zustimmung seiner Mtniftercollegeu zu versichern. Allein die BewäfferungSanlagen, die er den Bewohnern Apuliens und und CalabrtenS versprochen ha», werden etwa eine Viertel Milliarde in Anspruch nehmen, die fich freilich auf 25 Jahre vertheilen würden. Man glaubt auf der einen Seite, er sei dem Minister mit seinen Versprechungen gar nicht sehr ernst gewesen, und er habe fich in der Voraussicht, daß Rudini ihn bei der Reconstruction des CabinetS fallen laffeu werde, nur einen guten Abgang sichern wollen- auf der andern Seite nimmt man an, Priuetti fei der prtucipiellen Zustimmung seiner Collegen ganz sicher gewesen. Einzelne Kreise «einen, daß Prinetti noch einmal eine größere Rolle im politischen Leben Italiens spielen werde.
Der Erste, welcher au- dem Tabinet Rudini ausscheidet, dürfte aber nicht Prinetti, sondern der Kriegsminister Pclloux sein. In der FreitagSfitzung der Deputirtenkammer wurde ein Antrag über die Altersgrenze der Offiziere eingebracht, vom KrtegSminister bekämpft, aber doch mit geringer Mehrheit angenommen. Pelloux ersuchte daun die Kammer, die weitere Berathuug de- betreffenden Gesetzentwurfs auSzu- fetzen, und es heißt, daß er feine Entlaffung einreicheu werde. Etwas Bestimmtes ist darüber noch nicht entschieden worden, aber immer mehr Anzeichen sprechen dafür, daß eine Mtutsterkrtfi« in Sicht ist, die aller Wahrscheinlichkeit damit enden wird, daß Rudini die Demisfion deS GesawmtcabinetS giebt und dann mit der Neubildung wieder beauftragt wird.
Dann dürste es sich auch entscheiden, ob der radicale Kammerpräsident Zauardellt sich bereit finden läßt, in da» Ministerinm einzutreten. Vor wenigen Wochen glaubte Rudini, nicht ohne die Unterstützung der Radtcalen regieren zu können, und wir haben schon oben gesehen, daß er den'
selben weitgehende Zugeständnisse zu machen nicht abgeneigt sei. Freilich würden dann die Gegensätze zwischen den Clericaleu und der Regierung fich wieder bedeutend zuspitzen, wa- den inneren Frieden Italiens ernstlich gefährden könnte.
Ein heikler Punkt in den italienischen Angelegenheiten waren von jeher die Finanzen. Die Steuern find sehr hoch, und man wird fich noch erinnern, wie erregt die öffentliche Meinung vor Kurzem war infolge der neuen Finanzpolitik der Regierung, welche eine höhere E nkommenstener verfügt und strengere Maßregeln bei der Eintreibung derselben ein- geführt hatte. Bet den damals stattgehabten Demonstrationen hatte es bekanntlich Todte und Verwundete gegeben. Minister Luzzetti hat jetzt eine im Allgemeinen sehr rosige Fivanz- darlegung gegeben, in der er ausführte, daß für mehrere Jahre das Gleichgewicht im Haushalte hergestellt fei, Steuer- Heraufsetzungen nicht vorgesehen und daß eine Reihe wirth- schaftlicher und socialer Reformen geplant seien. Vorsichtige Politiker verhalten fich diesen Verheißungen gegenüber sehr sceptisch und rathen an, erst die Dinge abzuwarten, ehe man in ein Jubellied einstimme. Jedenfalls werden schon die nächsten Tage eine Klärung der innerpolitischen Situation bringen.
In dem Augenblick, als wir unfern Artikel schließen wollten, lief die Meldung ein, daß das Cabinet Rudini nunmehr thatsächlich seine Demisfion gegeben habe, daß aber, wie wir schon oben sagten, der Marchese voraussichtlich wieder mit der CabiuetSbildung betraut werden dürfte. Um wieder eine Mehrheit in der Kammer zu erhalten, wird er neuerdings mit verschiedenen Parteien pactiren müssen, da keine einzige Gruppe im Parlament für fich allein ein neue- Cabinet bilden kann. (xx)
Cocoles uttb ProVinzielles.
Meßen, 8. December 1897.
•*H. Etadtheater. Am Montag Abend fand die Aufführung der bedeutendsten und sensationellsten Novität dieser Saison statt, nämlich deS Schauspiels „Trilby", daS zuerst in London gegeben und von da seinen Triumphzug durch den Continent machte. Es ist der Magnet, der nunmehr auch in Deutschland den Theaterdirectiockkn volle Häuser und große Kaffenerfolge schafft, mag eS auch bet un- in puncto der Moral bei Gemüthern mit begrenzter, um nicht zu sagen beschränkter Anschauung mit Entrüstung als verdammeuSwerth bezeichnet werden. Trilby ist übrigens kein Drück modernen Begriff», sondern eine Dramatifirung deS gleichnamigen Roman-, der tu New Dark 1897 erschienen und als solcher damals schon große- Aufsehen erregte und viel gelesen wurde, ja auch in mustergültiger deutscher Uebersetzung erschienen ist. Der Verfasser desselben ist Georg du Maurier, die Dramatifirung ist von P. M. Potter. Die Handlung, die nicht immer moti- virt und fich zudem noch auf eine unmögliche Voraussetzung aufbaut, ist folgende: Ein der niedrigsten Klaffe in Paris angehöriges schönes und herzensgutes Mädchen, Trilby, wird
Modell; als solches lernt fie ein junger englischer Maler kennen, der fich in fie verliebt und fie heirathen will Trilby entsagt jedoch dem Geliebten auf Zureden von deffen Mutter und fällt al- Beutestück dem Musiker Svengali in die Hände, einem dämonisch-herzlosen, geldgierigen Menschen, der entdeckte, daß Trilby zwar die herrlichsten Stimmmittel, jedoch keine Spur eines musikalischen Gehörs besitzt. Um letzteren Uebelstand zu beseitigen, wendet er die Hypnose an und bildet die in diesen Zustand versetzte Trilby zur Sängerin aus. De- in Aussicht stehenden Gewinne- wegen, der durch feilgebotene herrliche Stimme und berückende Schönheit sicher erzielt wird, heirathet Svengali nun die ihm willenlos Folgende und urternimmt sodann Kunstreisen mit ihr. Nach Verlauf einiger Jahre kommt er mit ihr wieder nach Paris zurück, dort führt der Zufall die sich Liebenden nach so langer gewaltsamer Trennung wieder zusammen. Die hypnotische Kraft verliert der Liebe gegenüber ihre Wirkung und wird durch den plötzlichen Tod SvengaltS aufgehoben. Wahre- Lebens- und Ltebe-glück scheint die Zukuust Trilby zu bringen, doch ein von ihr erschaute- Bild Svengali- mit dessen stechendem Blick versetzt fie in eine letzte Hypnose, aus der fie selbst die heiße Liebe ihre- William nicht mehr erwecken kann und stirbt. — Es ist ein recht aufregender Stoff der besonder- in der Wirkung des letzten Acte- schwache Nerven tüchtig anzugreifen vermag. Wenn auch einige Scenen voll ausgelassener Lustigkeit und überwältigender Komik find, wir erwähnen den „Hochzeit-ball" im Atelier und da- Auftreten Sr. Ehrwürden Reverend Thoma- BagotS, so überwiegt doch die Tragik in dieser hypnotischen Wundergrschichte und läßt das Ganze, wenn auch absurd, so doch tief erschütternd ab- schlteßen. Die Wiedergabe an unserer Bühne war zufriedenstellend. Frl. Würdig war die heikle Titelrolle übertragen- fie verstand er die hypnotisirte Trilby auf daS Natürlichste wiederzugeben- erhöht wurde der tiefe Eindruck ihrer Darbietung durch daS ausdrucksvolle Mienenspiel und die Sprache ihrer Augen, z. B. die Scene der wachend schlafenden Sängerin Trilby im dritten Act kam dadurch zu ergreifender Wirkung. Nur im ersten Act bot die Künstlerin wenig Befriedigendes, da- war kein junge-, sorglos übermüthiges, au-gelaffen-lustige- „Modell" mit heißem, französischem Blute, wie der Roman schildert, und daS fich seiner Sünden und Unmoralität unbewußt ist, sondern ein langweilig-sentimentale- deutsches Mädchen, daS wohlerzogen und tugendhaft weder zu einem Modell fich vergiebt, noch dazu taugt. Und ferner der alte Fehler der Sprache, wie verdarb diese-, waS das Spiel gut gemacht, da gefiel fich diese junge Trilby in den ersten Worten im Diskant zu sprechen, auf einmal wechselt die Stimme und man hört einen sonoren Alt, der zwar besser klingt, jedoch hierher nicht gehört und störend den Dialog beeinflußte. Die schwierige Rolle des Svengali fand in Herrn Liebscher in MaSke und Spiel einen guten Vertreter. Sind wir auch nicht mit der ganzen Leistung zufrieden, so war fie doch im dritten Act eine überaus vortreffliche, und der virtuosen Verkörperung des Dämonischen,
Feuilleton.
Die Mausefalle.
Novelle von Frida Storck.
(Schluß.)
Die schweigt noch immer, er fährt erregt fort:
„©tc wichen seither jeder Aussprache geschickt aus. Aber ehe ich Sie gehen lasse, müssen Sie erfahren, wie es einst um mich stand — und wie e« jetzt stcht. Damals lag ich rettungslos — und wie ich mir eiubildete, glückselig — in den Banden der berückend schönen Amerikanerin. Sinnlos lebte ich in den Tag hinein, gab mehr aus, als ich konnte und durfte, nur nm da- Glück ihrer faScinirendrn Nähe zu genießen. Ich mußte den Masken- ball besuchen, fie hatte mich gereizt durch eine spöttische Bemerkung über arme Schulmeister. So ließ ich mir den theuren Anzug machen und kam mit dem letzten Zehnmarkstück zum Feste. Ich gestehe, ein bodenloser Leichtsinn «einer- seit-, denn ich hatte noch alte Bären lo-zubiaden und wir hatten erst den Zehnten im Monat. Sie ahnte meine Finanzlage und trieb darum ihren Uebermuth so weit, meine ganze Baarschaft für diese Mausefalle zu fordern. Ich ver« siebter Thor zahlte- waS hätte ich nicht gethan, um fie zu gewinnen. Doch dann sah ich mit Groll und Schmerz, wie sie me'u Opfer gering achtete und mit Anderen kokettirte. Ich schleuderte das elende Ding in eine Saalecke, um es, ich gestehe auch diese Schwäche ein, später wie ein Unsinniger
zu suchen. Dann boten Sie mir da- Verlorene. Ihre liebe Stimme warnte mich, fie hatte einen so dringlichen, mitleidigen Klang. Gewiß, Ellis in ihrem herzlosen Ueber- muthe hatte geplaudert, den verliebten Thoren, der in ihrer Hand weiche- Wach- gewesen, verspottet. Da ich mich zu dieser heilsamen Erkenntniß durchgerungen, ergriff mich ein heiliger Zorn. Kein Wort und keinen Blick verschwendete ich nunmehr an mein so jäh von seinem Piedestal gestürztes Idol. Auf dieses Piedestal erhob ich zur selben Stunde ein anderes Bild, die Rumänin. Wie ich aber in fiebernder Hast nach ihr suchte, ich fand fie nicht. Plötzlich, im Park von Schwetzingen, drang die liebe Stimme an mein Ohr. WarS ein süßer Traum? Nein, leibhaftig saßen Sie im Schatten des Ecktempels der Moschee und ahnten nicht, wie ein versteckter Lauscher jedes Wort Ihre- Berichtes andächtig in fich aufnahm. DaS Weitere wissen Sie. Rur noch eins: Die Rumänin hatte ein freundliche- Interesse für den armen, verblendeten Armenier. Ist diese» Fünklein ächt weiblichen Mitgefühl» erloschen? Ich flehe Sie an, theverste Theo, — ich höre die Tante kommen — sagen Sie schnell, darf ich meinem Mütterchen schreiben: Dein großer, thörtchter Junge ist ein glückseliger Mann! Da» holde Mädchen, da» ihm den goldenen Talisman gab, das er mit aller Kraft liebt, will ihn auch lieb haben. Darf ich, geliebte- Mädchen?"
Da- anmuthige Mädchengeficht blieb noch immer ab- gewandt, aber auf die leicht bebendem Hände perlten klare Tropfen, Thränen eines still und heiß ersehnten, kau» erhofften Glückes.--
An diesem Abend ist es nicht» mit der Halmapartie. Der fließt Ludwig" kann fich nicht entschließen, steife Holzfiguren hin und her zu schieben, da ihm ein lieblich erglühte» Mädchen zur Seite ruht und mit glücklich leuchtenden Augen seinem Geflüster lauscht.
„®ut, daß eS Euch nicht gleich am ersten Tage einfiel, Euch zu verloben, dann hätte ich vermuthlich gar nicht- von Theo gehabt," schmollte Tante Rath gutlauntg.
An TheoS Reisegesährtin geht alsbald folgende Zuschrift ab:
^Gnädige Frau! In Demuth beuge ich mich Ihrer philosophischen GlückSzuverficht in Bezug auf unvorhergesehne Mißhrlligkciten! Erinnern Sie fich vielleicht noch meine- Berichte» eine» MaSkenfesteS? Der Armenier, dem ich seine Mausefalle zurückerstattete, hat, o NemefiS, mich arme» Mäuschen vermittelst diese- DrahtgehänseS gefangen und will mich zeitlebens nicht mehr freigeben. Es ist der Reisende, der un» in Schwetzingen nachltef. Sonst ist er ein lieber Kerl, heißt Ludwig Bauer und ist von beruf»wegen verpflichtet, ^höheren Buben" mathematische Probleme lösen zu helfen. Diese» die von Ihnen gewei»sagte „wichtige Meldung", deren fich hiermit bestens grüßend erledigt
Ihre dankbare Theo."
Darunter steht von kräftiger Männerhand: „Er leben die Rundreisehefte und deren schlaue Verfertiger!"


