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Nr. 263
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de»
Montags.
Die Gießener yemlfitnOfdifer werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelcgt.
Erstes Blatt Dienstag den 9 November
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Gießener Anzeig er
Kmerat-Mnzeiger.
Vierteljährig« Aöonnemenispreis t 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Anrts- und Auzeigeblutt fiit den Titels Gieren.
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Amtlicher Tbeil.
Bekanntmachung.
betreffend: die Maul- und Klauenseuche.
In Ltndheim, Enzheim, Altenstadt, Langen» b ergheim, Nieder-Mockstadt und Usenborn, Kreis Büdingen, ist die Maul» und Klauenseuche ansgebrocheu und deshalb Gemarkung-» bezw. Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, den 5. November 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. (Sagern.
Bekanntmachung. ~~~
Am 6. November wird bei den Posthülfstellen in Obbornhofen und Wohnbach eine Telegraphrnanstalt zu Fernsprechbetrieb, mit welcher eine Unfallmeldeftelle der» bunden ist, eröffnet werden.
Darmstadt, den 3. November 1897.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector.
Maier.
Deutsches Resch»
Berlin, 6. November. Der „Post" zufolge bestätigt ti sich, daß der Kreuzer „Gefion" nach Haiti geht. Allerdings seien die Verhandlungen wegen Zahlung einer Entschädigung an LüderS oder seine Familie bei den Behörden in Port au Prioce auf Widerstand gestoßen und daS Auswärtige Amt hege auch den Wunsch, ein Kriegsschiff zur Unterstützung seiner Forderungen dorthin zu senden. DaS Ober Commaudo der Marine scheint aber nicht in der Lage zu sein, den Wünschen der Auswärtigen Amtes zu entsprechen.
Berlin, 6. November. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge find dem BundeSrath die Entwürfe eines Gesetzes betreffend Aenderung drS GerichlSverfaffungSgesetzeS und der Strafprozeßordnung sowie eines Gesetzes betreffend Aenderung der Cioilprozeßordnung zur Beschlußfaffung zugegangen.
Berlin, 6. November. Der wirthschaftliche Betrath zur Vorbereitung der Handelsverträge wird nach einer Sorrespoudenz bald einberufen werden. Von dem ihm vorzulegenden Material soll ein großer Theil schon fertig sein.
Berlin, 6. November. Wie mehrere Blätter melden, wird die Einweihung der evangelischen Kirche in Jerusalem, der voraussichtlich daS Katserpaar beiwohnen wird, aller Wahrscheinlichkeit nach erst am 31. October nächsten JahreS, am 29. Gedenktage der Grundsteinlegung durch den damaligen
Feuilleton.
Frankfurter Bries.
(Originalbertcht für den „Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)
Die Nöderstein'sche Kollektivausstellung bei Schneider.
Dr. M. Schon lange haben wir um die Mittagsstunden nicht so viele Gäste bei Schneider getroffen wie seit dem 2. November. ES ist ein fortwährendes Kommen und ein fl6et die flüchtige Viertelstunde hinausgehendes Verweilen. Die meisten Besuche gelten den ausgestellten Arbeiten der O. Rödersteiu. SS ist eine Seltenheit, daß wir von dieser in ihrer Art einzigen Künstlerin nun auch einmal in Frankfurt eine CollectivauSstellung bekommen haben. Der Ruf der Röderstein har sich durch den Pariser „Talon" gebildet, er ruht auf einer breiten, soliden Basis- die Gunst der Verhältnisse hat ihn nicht gegeben und kein Modegeschmack und keine Modertchtung kann ihn je erschüttern, denn wenn wir vor diese Gemälde, PortraitS und Zeichnungen hintreten, so überkommt unS daS Gefühl, wieder einmal einer großen, starken in sich ruhenden Künstlerpersönlichkeit gegenüberzustehen. Ach, eS wird solch ein Mißbrauch mit dem Worte „groß" getrieben! Aus purer Liebenswürdigkeit und HerzenShöfltchkeit kommt selbst der gewissenhafte Kritiker so und so oft in die Lage, etwas als „groß" zu benamsen, waS doch nur ein ganz nettes Talentchen ist. Das ist schlimm, sehr schlimm, auch für den Kritiker, denn am Ende verlernt er selbst die Fähigkeit, Abstände und scharfe Grenzen zu ziehen. Da ist es denn wahrhaftig ein Glück, daß ab und zu eine solche Erscheinung wie die Frankfurter Rö derstein auftaucht, die unS wieder den rechten Maßstab, die richtige Einschätzung an die Hand gibt! WaS ist daS für eine Kunst, die unS aus ihren Bildern anfieht? Die eines innerlichen, durch und durch wahrhaftigen Menschen und aus dieser seiner
Kronprinzen, stattfinden. Bis zum nächsten Frühjahr, wo die Feier stattfinden sollte, wird sich schwerlich das neue Pfarrhaus und die Schule fertig stellen lassen.
Hamburg, 6. November. Die „Hamburgische Börsenhalle" meldet: „Wie unS telegraphisch berichtet wird, wurde der englische Dampfer „Esperanza" (früher „Toward") von einem elbabwärtS gehenden Dampfer in der Mitte angefahren und ist sofort gesunken.
Hamburg, 6. November. Nach einer weiteren Meldung erhielt der von dem Hamburger Dampfer „Sperber" angerannte Dampfer „Esperanza" ein Loch von 3 Meter Breite und 6 Meter Höhe und wurde alsdann an Land gesetzt. Die Ladung, die aus Wolle und Wein bestand, ist vollständig verdorben. DaS Fahrwasser ist frei.
Straßburg i. 6., 6. November. Bei den heutigen Wahlen zum LandeSauSschusse wurden die 22 bisherigen Ab- geordneten, welche wiederum als Candidaten aufgestellt waren, wiedergewählt. Dazu wurde an Stelle des an den Rechnungshof nach Potsdam berufenen Abgeordneten Dr. Elemm im Kreise Hagenau der Gutsbesitzer Batiston und für den verstorbenen Stadtrath Klein in Zabern der ReichStagSabgeord- nete Dr. Höffel gewählt.
ArrsUrud.
Wien, 6. November. Im Budget-Ausschuß haben heute Nachmittag die Berathungeu über das Ausgleichs- Provisorium begonnen. Die Opposition setzte auch im Budget-Ausschuß die Obstruktion fort, indem sie Abänderungen und Ergänzungen beantragte und eine namentliche Abstimmung durchsetzte. Dieser ObstructionSverfahren soll fortgesetzt werden.
Belletri, 6. November. Heute früh um 8 Uhr wurde hier ein leichtes, wellenförmiges Erdbeben verspürt, welcher zwei Sekunden andauerte.
Loudon, 6. November. Nach dem HaudelSauSweis für den Monat Oktober zeigt die Einfuhr eine Abnahme von 625000 Lstr., die Ausfuhr eine solche von über 1375000 Lstr. Die Einfuhr hat in den letzten zehn Monaten um nahezu 13 Millionen Pfund Sterling zugenommen, die Ausfuhr um über 6 Millionen Pfund Sterling abgenommen.
London, 6. November. Dem „Standard und Diggers News" wird aus Johannesburg gemeldet, der VolkSraad habe den Ausführenden Rath beauftragt, eine Verordnung auszuarbeiten, durch welche die Einstellung eingeborener Arbeiter durch die Minen erleichtert würde. Wie eS heißt, soll dieses Resultat des Besuches LeydS in Lourentzv MarqueS für die Minen von größerem Werthe fein, als die Aufhebung der Dhnamit-Concesfion.
Nerrefte
Wolff» telegraphische» Korrefpondenr-Bure«.
Darmstadt, 7. November. Staatssekretär Eoutreadmiral Tirpitz wurde heute vom Großherzog empfangen und nimmt au der Großherzoglichen Tafel Theil.
Karlsbad, 7. November. Heute früh 5 Uhr wurden hier zwei Erdstöße, ein stärkerer und ein schwächerer, verspürt. Außer einer Abweichung der Magnetnadel wurde keine Veränderung bemerkt.
Petersburg, 7. November. Die „Nowoje Wremja" meldet aus Nishny Nowgorod: Gestern wurde auf den ProcureurSgehilfen Nikiforow ein Attentat verübt. Der Angreifer, welcher eine Maske trug, schoß auf Nikiforow, traf aber nur dessen Mütze und entfloh sodann. ES handelt sich anscheinend um einen privaten Racheakt.
Depeschen bei Bure« „Herold."
Wien, 7. November. Wie das „Vaterland" von Seiten eines Reffortministers erfährt, hält die Regierung ihre Stellung für sehr fest und denkt nicht daran, zu demisfionireu.
Wien, 7. November. Bon unterrichteter Seite wird erwartet, daß Oesterreich Ungarn eine Vermehrung der Laudtruppeu auf Kreta nicht vornehmen und auch die in den dortigen Gewässern befindliche Flotte eher verringern als verstärken werde.
Rio de Janeiro, 7. November. Bei der Verhaftung bei Attentäters, welcher den Präsidenten zu erschießen versucht hatte, wurde der Oberst Moraes, welcher seinen Bruder verteidigte, schwer verletzt. In der Kammer be- schimpften ein Offizier und fieben radikale Abgeordneten den Präsidenten, indem sie ihm zum Vorwurf machten, daß er die Ermordung des Kriegsminister» nicht verhindert hatte.
Berlin, 8.November. Der Kaiser hat gestern Abend seine Reise nach Schlesien angetreteu.
Danzig, 8. November. Nach einer Mittheilung de» Haudelsminister» an die hiesigen Berusteinfabrikanten und Drechsler hat die Firma Stautien u. Becker sich ver- pflichtet, jedem Einzelnen das uöthigeQuantum Bernstein zur Fabrikation zu liefern, wogegen die Bernstein-Jntereffenten sich zu verpflichten haben, ihrerseits kein Material au die JmitarionSfabriken zu verkaufen. Im Falle der Zuwiderhandlung gegen diese Abmachung würde die Regierung der Firma Stamien u. Becker nicht entgegentreteu, wenn sie den betreffenden Contraheuren keinen Bernstein mehr liefern würde.
Wie«, 8. November. In der Nacht zum Sonntag kam es in drm„Caf« Marschall" zu einem Rencontre zwischen
Natur ist auch seine Technik hervorgegangen. Der Geist ist eS, der sich hier den Körper gebaut hat. Man kommt gar nicht dazu, zu fragen: was ist das für eine Schule, für eine Richtung — man sagt sich: daS ist mehr, da» ist eine Persönlichkeit und dazu eine solche, die den Muth und die Energie der Pietät besessen hat. DaS ist etwas Außerordentliches in unserer Zeit.
Unsere Künstler tasten zwischen extravaganter LoS- gebundenheit von jeder Tradition und engster, bis in» Archatfiren fallende Schulfeffel in fieberhafter Unruhe hin und her. Den Arbeiten der Röderstein fühlt mau es nach, daß fie sich mit dem Geist, nicht nur mit der Handschrift der Großen zu erfüllen suchte, bevor fie ihr eigenes Sehen und Empfinden in Stift und Pinsel drängte. Holbein und die Namen der älteren italienischen Meister find es, die Einem unwillkürlich auf die Lippen treten, wenn man fich in die „Piet ä" der Röderstein vertieft.
Wie oft ist nicht gerade dieses Thema in den letzten Jahren von unseren Jüngsten behandelt worden! Vielleicht nimmt daS Stuck'sche Gemälde unter ihnen den ersten Rang ein, aber die schlichte Größe der Rödersteiu'schen „Pietä" steckt doch nicht darin. Dieser in fich hineingezogene Schmerz im Antlitz der Gottesmutter — den trifft man sobald nicht wieder an. Die Röderstein'sche Kunst hat nichts, waS sofort überwältigt oder gar besticht. Man muß ihren Wirkungen nachgehen, sie drängen sich unS nicht auf und deshalb gleitet sie auch an so und so Vielen machtlos, eindruckslos ab. Denn was ist es, waS die Maffe zwingt? Entweder aus- getüftelte Grazie, womöglich mit einem Stich iuS Pikante oder eine ins Titanenhafte geneckte bizarre Kraft, vor der man sich vielleicht anfänglich entsetzt, die schließlich aber doch ein ge- wtffeS Stimulans aukübt. Alles daS fällt bei den Sachen der Röderstein fort. Der Barbar und der Laie können von ihnen wenig empfangen. Zwar hält der bekannte Name der Künstlerin jede frivole Bemerkung in Schranken, aber ich
zweifle sehr, daß alle die Damen und Herren, die fich heute bei Schneider ein Stelldichein gaben, ein inneres Verhältniß zu dieser Kunst hohen Stils gefaßt haben. Die allerliebste ConservatoriumSschülerin, die fich da von ihrem Verehrer, der so etwas wie den künftigen Tenor marktrt, begleiten läßt, ob fie wohl den Wunsch hegt, dereinst mit ihrem Bräutigam so gemalt zu werden, wie diese „Verlobten" der Röderstein, die fich einerseits in den scharfen Umrisse so wirklich prSsentireu und doch andererseits fich so traumhaft, so ganz unterirdisch von der weichen Hügellandschaft, die ein Strom durchfließt, abheben? Ich glaube e» kauwl ES ist ja viel zu wenig Pose darin. Oder die stattliche Commercienräthin, die zu der Rödersteiu-AuSstellung fährt, wie fie fich zur Opernpremivre tu ihre Loge begibt, wird fie ein Verständniß entfalten für jener zauberhaft innige Bild „Mädchen mit der Blume", da» weder von modernem Raffinement noch romantischer Süßlichkeit etwas an fich hat, aber nur allein in der Hand und in der Art, wie diese die Blume hält, eine Seelengeschichte erzählt? Ich zweifle daran. Aber daS ist ja ganz gleichgiltig, wie weit daS Verständniß der Beschauer geht! Daß wir eine Künstlerin haben, die mit solchen tiefen, seelenvollen Augen in die Welt schaut, wie die Röderstein, da» ist daS Schöne und Erhebende. Wenn wir lange vor diesen Köpfen gestanden, in welchen uns die Malerin doch etwas mehr zu geben sucht, als die bewußte Portrai'ähnlichkeit (hat sie doch z. B. in dem weit unter Lebensgröße gehaltenen Bilduiß ihrer Freundin, der Dr. Elisabeth Winterhalter — bei Durchschnittsmalern wirkt dies Format häufig spielerisch — eine Characterstudie ersten Ranges aufgestellt), so fühlen wir, daß daS eine Kunst ist, die fich zu keinerlei Concrfftorren erniedrigt, die jedoch an das Beste unseres inneren Menschen appellirt und deshalb auch wunderbar nachhaltig und erhebend in ihrer Wirkung ist.


