Ausgabe 
9.10.1897 Zweites Blatt
 
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Lekanntmachung, betreffend die Ausführung des Reichsgesetze» über die Kranken­versicherung der Arbeiter.

Nachdem im Großherzogthom in diesem Jahre eine Revision der nach § 8 deS rubr. Gesetzes festgesetzten ort»- üblichen Tagelöhne gewöhnlicher Tagearbeiter stattgefunden hat, bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß für den Kreis Gießen eine Aenderung in den im Jahre 1892 getroffenen Festsetzungen nicht eingetreten ist. Dieselben find: 1. für die Stabt Gießen, die Gemeinden Garbenteich, Großen-Linden, Grüningen, Hausen, Heuchelheim, Klein Linden, Lang-Gön», Leihgestern, Lollar, Watzenborn mit Steinberg für erwachsene männliche Arbeiter 1 Mk. 80 Pfg., für erwachsene weibliche Arbeiter 1 Mk. 10 Pfg., für jugendliche männliche Arbeiter W Pfg., für jugendliche weibliche Arbeiter 80 Pfg.,- 2. für die übrigen Gemeinden deS Kreises für erwachsene männliche Arbeiter 1 Mk. 60 Pfg., für erwachsene weibliche Arbeiter 1 Mk., für jugendliche männliche Arbeiter 80 Pfg., für jugendliche weibliche Arbeiter 70 Pfg.

Die hier feftgestellten Löhne bilden den Maßstab, nach welchem bei der Gemeindekrankenverficherung (§ 4 deS Ges.) daS Krankengeld (§ 6) und die Versicherungsbeiträge (§ 9), und bei den eingeschriebenen und sonstigen Hilf-kaffen ohne veitrittSzwang (§ 75), wenn deren Mitglieder von der Ver­pflichtung zum Beitritt zur Gemeindekrankenverficherung oder einer anderen nach Maßgabe des Gesetzes errichteten Kranken­kasse, mit Ausnahme der Knappschaft-kaffen, entbunden werden sollen, daS Krankengeld zu berechnen ist, sowie den Maßstab zur veurtheilung der Versicherung-Pflicht von Personen bei der Invalidität-' und AlterSverficherung (§ 4 deS Ges. vom 22. Juni 1889), der Erwerbsunfähigkeit von Personen (§ 9) und zur Berechnung der Lohnklaffen (nach § 21 pos. 5 deS Ges. vom 22. Juni 1889) und find noch in anderen minder wichtigen Fällen von Bedeutung.

Gießen, den 6. October 1897.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich»

Zehnte General-Versammlung deS Evan­gelischen Bundes zur Wahrung der deusch- protestantischen Interessen in Trrf.eld. Der Vormittag des 5. October wurde durch Berathuugen deS Gesammtvorstandes auSgesüllt. Nachmittags 5 Uhr fand ein Festgottesdienst in der Friedenskirche statt. Pfarrer Starck (krefeld) hielt die Liturgie und Psarrer Schöttler (Barmen) z>ie Festpredigt im Anschluß an Ephes. 6, 10 ff. Für die

erste off milche Äbendversammluug war der große Saal der Stadthalle gewählt worden, aber dieser erwie- sich mit seinen Galerien als viel zu klein für den gewaltigen Andrang und die Zuhörer standen dicht gedrängt bis auf den Vorplatz hinaus. Die erste Begrüßungsansprache hielt Pfarrer Schütz (Lrefeld), der den Vorsitz führte. Er schilderte die Gefahren, die der Steg des JesuitiSmuS in der katholischen Kirche für die Evangelischen heraufbeschworen hat und gab der Hoffnung Ausdruck, daß da» kommende Jahrhundert eine rel'giöse Wiedergeburt bringen werde, wie unS das zu Ende gehende die politische Einigung gebracht hat. von lebhaftem Beifall begrüßt nahm sodann Pfarrer Hackenberg (Hottenbach) daS Wort, um als Borfitzender des Rheinischen Hauptvereins den Evangelischen Bund in den Rheinlanden zu begrüßen. E- werde behauptet, die Evangelischen hätten kein Heimathrecht hier. Wie der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschland- Grenze ist, so ist da» Rheinland kein römischer Kirchenstaat, sondern eine Provinz im Mutterlande der Reformation. Unsere katholischen Mitbrüder würden am bittersten davon betroffen werden, wenn ihnen protestantisches Geistesleben, protestantische Gewerbethätigkeit und Intelligenz entzogen würden. Einst wird kommen der Tag, wo unseres Luthers Traum fich erfüllt, daß seine lieben Deutschen alle miteinander den Herrn anbeten im Geist und in der Wahrheit. Dann mag man dem Evangelischen Bund sein Grab schaufeln, aber man wird ihm einen Gedenkstein setzen müssen. Rach einem Gesänge deS Evangelischen Kirchenchors überbrachte Pfarrer Terlinden (Duisburg) die Grüße des Gustav-Adolf Verein», der Schulter an Schulter kämpfen wolle mit dem Evangelischen Bund. Auf diese verschiedenen Begrüßungen dankte mit warmen Worten der vorfitzende der EentralvorstandeS, Graf von Wintzingerode-Bodenstein und gab seiner Befriedigung über den schönen Verlauf deS Festes Ausdruck. Den zweiten Thetl eröffnete nach einem Musikstück eine Ansprache des Vorsitzenden der Thüringischen Mtsfionscooferenz, Pfarrer Kurze (BoruShatu). Er sprach über die Bedrohung der evangelischen Heidenmisfion durch die päpstliche Propuganda und schilderte namentlich die Zustände auf Madagaskar. Angesichts der Thatsache, daß die katholische Mission eine grundsätzlich feindliche Stellung zu der evangelischen einuimmt, hat die jüngste Bremer MtsfionSconferenz beschlossen, künftighin in keiner Weise mehr feste, der katholischen Kirche zusteheode Gebiete aozuerkeuueu und beansprucht jetzt für sich dasselbe Recht wie die Katholiken, überall mit ihrer Arbeit einzusetzeu, auch wenn in der betreffenden Gegend Katholiken schon thätig sein sollten. ES folgten zwei GesangSvorträge des Kirchen- chorS, darunter das Zwtuglilied, das wiederholt werden mußte. Als letzter Redner sprach Pfarrer Fikenscher aus Fürth in Bayern. Anknüpfend an den Besuch deS Kaisers in Nürnberg feierte er den deutsch protestantischen Geist, der ein Baud geschlungen habe zwischen Süd und Nord. Deutsch und protestantisch find zwei Worte, die der Mensch nicht scheiden

All« »buienccn-Surtauf deS In- und AuSlandrS nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgeg«.

kann. Auch der Evangelische Bund bildet ein Lebensband zwischen Süd und Nord. Er hat Raum sür Alle, denn er will in keiner Weise die Ueberzeugung irgend eines seiner Mitglieder antasten oder ihnen irgend eine theologische An­schauung aufdrängen. So sammelt der Bund die Männer, die für das deutsch-protestantische Wesen in unserem Volke einstehen. Denen, die in erster Linie sociale Reformen ver­langen, rufen wir zu: Reform ist gut und nothwendig, aber Reformation ist größer.

Am 6. Oktober fand im großen Saale der Stadthalle eine öffentliche Versammlung statt unter dem Vorsitz deS Grafen Witzingerode-Bodenstein mit Gesang, Schriftverlesung und Gebet. In seiner Eröffnungsrede wies der Vorfitzende darauf hin, daß der Bund nach Mitgliedern und Mitteln auch im abgelaufenrn Jahre Fortschritte gemacht habe, daß dagegen ein Blick auf die allgemeine kirchliche Lage trotz mancher erfreulicher Einzelheiten ein anderes Urtheil nahe zu legen scheine. Zu den regelmäßig wiederkehrenden Be­obachtungen gehöre die gesteigerte Lebhaftigkeit der Angriffe der ultramontanen Preffe. Ihm persönlich habe diese Presse daS geflügelte Wort in den Mund gelegt, daß die Jagd auf daS Schwarzwild mindestens so nothwendig scheine, wie die Jagd auf daS Rothwild. Er habe diesen Vergleich nie ge­macht, aber er habe gesagt, daß die Gefahr, die dem Vater­lande von Seiten des UltramontauiSmuS droht, grvßir zu schätzen sei, als die der Socialdemokratie, und diesen Satz halte er aufrecht. Er habe nicht von den Katholiken als den Bek-nnern des katholischen Glaubens geredet, sondern vom UltramontauiSmuS gesprochen. WaS aber die angebliche Duldsamkeit auf jener Seite bedeute, daS zeige die EanifiuS- Euchclica de» Papste». In ihr stehe zu lesen, daß im Zeit­alter der Reformation die Neuerungssucht und Ungebuuden- h-it der Lehre die Schädigung des Glaubens und Ver­wilderung der Sitten nach fich gezogen, daß Luther die Fahne der Aufruhrs erhoben habe. Die Euchclica preise den EanifiuS auch wegen feiner Verdienste um Wissenschaft und Unterricht. Als Blüthe der Wissenschaft werde der mächtige Bau der Scholastik gepriesen. Die Wissenschaft sei für Rom nur da­zu da, die Macht der römischen Kirche d. h. der Papstes zu stärken. Lasse man dem Papste feinen EanifiuS, wir wollen uns au Melanchthon hallen, den die Protestanten in diesem Jahre gefeiert haben. Auch der große Kaiser habe die Ge­fahr gesehen, die unS von jenseits der Berge droht. Möge unser Volk und mögen auch die Machthaber deS Staates die wahre Natur diese» Kampfes erkennen.

Nun folgte eine lange Reihe von Begrüßungen- vom Oberbürgermeister Küper Namens der Stadt Lrrfeld, von dem Gemetndeältesten SchelleckeS Namens der evangelischen Gemeinde und von Consiftorialrath Hempel (Toblenz). Letzterer überbrachte die Grüße des evangelischen OberkirchenrathS, der die Bestrebungen des Bundes mit warmer Theilnahme verfolge, und des Covfistorium» der Rheinprovinz, welche»

folgenden Tag erscheinenden Nrnmner bis Bonn. laut," | Gratisbeilage: Gießener Iamitienölätter. »»^11ErmXkXCTajJJHJKJWPei » ' H 1 ............

Feuilleton.

frankfurter Dries.

(Originalbertcht für den .Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)

Schneider» Kunstfalon. Lucia t» Opernhanfe. Rosegger» dramatische» Debüt.

Dr. M Während der Sommermonate war eS recht still im Kunstsalon am Roßmarkt. Jetzt kehr-n allgemach Kit Leute zurück, welche vielleicht während der Reisesaison chre ästhetischen Bedürfnisse auf den beiden Ausstellungen zu München oder Dre-deo befriedigt haben, und mit ihnen stellt fich für die Inhaber bewährter Kunstsalous auch wieder der Muth ein, vom bewährten Alten wie vom berechtigten Neuen vorzuführen, waS irgend im Stande ist, entweder liebe, gewohnte Eindrücke zu befestigen oder neue fördernde Ideen zu geben.

In den CollectivauSstellungeu bei Schneider treffen wir h«mer eine Menge von Werken, welche den verschiedensten Geschmacksrichtungen eutgegeokommen, oder besser gesagt, in welche verschiedene Augen fich zu finden wissen, ohne daß d-och bei solchen Prtncipten ein bunt zusammengewürfeltes Programm, eine wahllose Gruppirung herauSkäme. Im Gegevthetl wir empfangen stets den Eindruck, daß die Auslese bei aller Rücksicht auf günstige Sontrastwirkung doch immer nur das qualitativ Ebenbürtige zusammenfügt. Professor H. Eorrodi (Rom) ist den Besuchern deS Echnetder'schen Kunstsalons kein Fremder. Er wird nnS Niemals über Erwarten überraschen aber auch niemals eaittäuschen. Seine fein gepinselten, meisten» in rothbläu- i

licht» Abend- oder Morgenlicht getauchten südlichen Land« schäften haben ihren bestimmten Reiz. Ob er naß nun eine Lagune von Venedig", einen Blick aufKonstantinopel vom goldenen Horn auS", diePyramiden von Gizeh" oder die blaue Grotte bei Kapri" vorführt, allemal erleben wir durch den garbentraum de» Künstlers eine Menge schöner, warmer, landschaftlicher Eindrücke und find ihm daher für seine Bermittlergabe aufrichtig dankbar.

ES läßt fich nicht leugnen, daß neben dem effektvollen Eolorit der Corrodi'schen Bilder und Bildchen die Max Dörner'schen (München) Landschaften mit ihren kalten, stumpfen Tönen beim großen Publikum keinen ganz leichten Stand haben. Da» Gleiche möchte man auch von den Ar­beiten A. v. SchrötterS (München) sagen, der fich in seinen einfachen Motiven (Pferdekauf Pferd im Freien rc.) an dem Weimarer Brendel ein Vorbild genommen zu haben scheint.

Die ausgestellten PortraitS bieten Anziehungskraft für den ästhetischen Feinschmecker. Wenn ich sage, daß ein HavS v. Bülow" in der Auffaffnng Meister Lenbach» da ist d. h. in einer Auffassung, welche Temperament wie Eharacter zu verschmelzen sucht, daß ferner ein in­teressanter weiblicher Kopf von Fritz August v. Kaulbach diese» Maler» großen Ruf als Senner vornehmer Frauen- schöuheiten rechtfertigt, und, wenn ich hinzusetze, daß ihm in Eng. v. Rüge, der bei Schneider einenBodenstedt" und etliche mit raffinirter Technik gearbeitete weibliche PortraitS auSsteheu hat, so etwas wie ein Eoncurrent erstanden so genügt da» den Wissenden.

von DonizettiS Mufik hört man In den letzten Wochen wieder häufiger, denn anläßlich der 100jährigen

Geburtstagsfeier de» italienischen Maestro haben fis die meisten Opernbühnen zur Etnstudtrung eines feiner Werke berufen gefühlt. Alle die Fortschritte, welche man in den letzten zwanzig Jahren im musikalischrn Drama über die ita­lienische GesangSbühne hinaus gethan hat, hindern nicht, daß dar Ohr noch immer in Entzücken schwelgt, wenn von einer süßen Arie DonizettiS oder BelliniS, diesen Meistern de» bei oanto, getroffen wird. Und so lange fich Sängerinnen finden, welche die Mühe nicht scheuen, fich in langwierigen Studien die GrsangStechnik anzuetgnen, welche Partien wie Lucia" undNorma" erfordern, werden fich auch die ge­nannten Opern anf dem Repertoire erhalten.

Jo Frankfurt war e» diesmal ein Gast, die norwegische Sängerin Frau Alma de Rode-Fohström, welche der Lucia"-Rolle Glanz und Leben verleihen sollte. Die Stimme der Dame ist keine große, ihre Eoloratur nicht eigentlich virtuos Im höchsten Sinne, auch hat ihr Vortrag und Spiel nicht ganz den hinreißenden Schwung der Sigoorina Predvsti, aber dafür wohnt ihren Tönen ein eigener bezanbernder Schmelz inne, umfließt ihre ganze Erscheinung der Hauch lieblichster Anmmh. DaS Frankfurter Publikum zeigte fich dem Gast gegenüber sehr liebenswürdig und ehrte ihn bei jeder Gelegenheit durch Applaus und Hervorrufe. Sin an»- gezeichneterSdgardo" war Herr Pichler, der seine« Helden nicht nur mit dem gewöhnlichen Tenorfeuer, sonder« mit echter Leidenschaft ausznstatten vermochte und bi» zmn Schluß der Oper bekanntlich scheidet die Titelheldin noch vor dem Ende au» der Handlung an» die Theilnahme der Hörer wachzuhalten wußte.

All die liebenswürdigen Eigenschaften, welche Peter Ro fegger als gefühlvoller Humorist und launiger Erzähler