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8.8.1897 Erstes Blatt
 
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Somüag den 8. August

Erstes Blatt

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Kießener Anzeiger

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Kietzener Anzeiger erscheint täglich, tnit Ausnahme de- Montags.

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Auskunft ertheat der wil ul Bremen 16 dessen Agenten.

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| chraiisöeitage: Hießener Jamilienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Ubr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«.

Anrtlich»^ Tb eil.

Bekanntmachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß «der Großh. Krei-veterinärarzt Profeffor Dr. Winckler zu Gießen vom 10. August bis 10. September d. I. beurlaubt und mit seiner Vertretung der Großh. Kreisveterinärarzt Neunhöffer zu Grlinberg beauftragt worden ist.

Gießen, den 6. August 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Politische Wochenschau.

Die politische Welt steht jetzt unter dem Eindruck der Reise deS deutschen Kaiserpaares nach Petersburg. Wenn auch der Besuch in erster Linie als eine Erwiderung der Zarenvtfite im vorigen Jahre aufgefaßt werden kann, so ent­behrt er doch nicht jeder wettergehenden Bedeutung. In diesem Sinne wird die Reise denn auch von den meisten deutschen Blättern und denen des Auslandes nicht zum Mindesten auch Rußlands gewürdigt. Freilich gehen die Hoffnungen und Erwartungen Vieler doch zu weit, die da annehmen, aus dem Umstand, daß Präsident Faure kurz nach dem deutschen Kaiser ebenfalls in Petersburg eintrifft, könne auf einen engeren Zusammenschluß Deutschlands, Rußlands und Frankreichs gedeutet werden, wozu Zar Nikolaus die Vermittlerrolle übernehme. DaS ist unserer Ansicht nach nicht richtig, da Rußland gar kein Interesse an einer An­näherung der beiden Länder hat, sich vielmehr bet der jetzigen Situation ganz gut steht und von beiden Setten seine Vor- thetle zieht. Ebenso befinden fich Diejenigen im Jrrthum, welche von der Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Petersburg eine Beschleunigung der türkisch griechischen Friedensverhand­lungen erwarten. Auf die Pforte können selbst die mäch­tigsten Monarchen nicht einwirken, was ja besonders daraus erhellt, daß die bezüglichen Telegramme des Zaren an den Sultan ohne Eindruck geblieben sind/ mehr als anderswo wird von den türkischen Diplomaten nach dem Grundsätze gehandelt:Gut Ding will Weile haben." Was wir von dem Besuche Kaiser Wilhelms in Petersburg erwarten, ist die Bekräftigung der von beiden Monarchen abgegebenen Versicherung, ihr Alles etnzusetzen, um den Völkern die Seg­nungen eines dauernden Friedens zu Theil werden zu lassen. Und das allein schon macht uns die Begegnung überaus werthvoll.

Die schon früher angekündigte Ernennung des Ministers v. Köller zum Oberpräsidenten der Provinz Schleswig-Hol­stein ist im Laufe der letzten Woche amtlich publictrt worden. Damit haben alle Muthmaßungen und Combinationen über die Besetzung dieses Postens ihren Abschluß gefunden. Herr v. Köller findet ein reiches Arbeitsfeld vor, und es wird fich bald zeigen, ob fich die Hoffnungen und Befürchtungen, welche von der einen und anderen Sette an seine künftige Tätig­keit geknüpft worden find, bewahrheiten werden. Ehe nicht Beweise für die Früchte seiner Wirksamkeit vorliegen, thut man gut, sich jeden Urthetls zu enthalten.

Noch immer dauert die Erörterung über die Kündigung des deutsch-englischen Handelsvertrages in der Presie fort, aber im Allgemeinen macht sich doch schon eine beruhigtere Auffassung der Sachlage bemerkbar, da man sich sagt, daß eine neue Regelung der beiderseitigen Handelsbeziehungen ebenso sehr im Interesse Englands, wie in dem unserigen liegt.

Wann wird man wohl einmal schreiben können, daß die griechisch.türkischen Schwierigkeiten beigelegt sind! Die Ver- Handlungen kommen nicht vom Fleck, die Botschafter sitzen noch immer und berathen, und sie müssen eine Engelsgeduld entwickeln, sonst hätten sie sicher schon den Muth verloren. Jetzt wird der Sultan gar übermüthig, indem er eine Flotten- demonstratton vor Kreta plant! Freilich ist seine Absicht au dem Widerstand der Mächte, deren Flotten das türkische Ge­schwader wenn man einige baufällige Schiffe mit diesem Namen bezeichnen darf binnen wenigen Augenblicken in den Grund geschaffen hätten, gescheitert, aber man erkennt wieder, weffen man sich von den Türken versehen darf. Und dabei beginnen die Verhältniffe tu Konstantinopel wieder un­sicher zu werden- man spricht von bevorstehenden Armenier- Aufständen und Conspirattooen der Jungtürken. Der Sultan soll tu seinem eigenen Harem nicht mehr sicher sein, wo­durch die Verhaftung zahlreicher OdaliSken bewiesen wird.

Den Beleidigten spielt augenblicklich Griechenland, welches sich die von Deutschland vorgeschlagene Ftnanzcon- Irole nicht gefallen lassen will. Der König spricht von Ab­dankung, wenn die Großmächte die Finanzcoutrole über

Griechenland beschließen, das Volk von einer Fortsetzung deS Krieges. Aber man darf wohl annehmen, daß fich Alle be­ruhigen und unter den offenen Augen Europas schließlich ganz mollig fühlen.

Die Franzosen haben im Laufe dieser Woche eine Freude erlebt, die ihnen wohl zu gönnen ist. Der canadische Premierminister hat auf einem ihm zu Ehreu gegebenen Bankett seinem Schmerze über die LoStrennuug Elsaß-Loth- ringens Ausdruck gegeben. Sonst ist aus der französischen Republik nichts Besonderes zu melden; Präsident Faure be­reist die Provinzen und nimmt überall die besten Wünsche für seine Petersburger Reise entgegen.

Der belgische Arbeiterausstand iu dem mäch­tigen Kohlenbecken der Bortnage ist beendet- er hat eine Niederlage der Arbeiter zur Folge gehabt und Noth und Elend gezeitigt. Aber auch die Bergwerksverwaltungen find schwer geschädigt worden, da die Abnehmer fich inzwischen andere Quellen gesucht haben. Viele Millionen National­vermögen sind verloren gegangen, die durch ein Entgegen­kommen bezw. Nachgeben auf beiden Seiten hätten gespart werden können.

Auch in Spanien wird jetzt vielfach gestrikt und der dortigen Regierung zu all der Sorge, welche ihr Cuba macht, noch mehr Schwierigkeiten bereitet. Fast scheint eS so, als werde der Aufstand auf derPerle der Antillen" von Neuem beginnen, denn es kommen jetzt immer häufigere Meldungen von Zusammenstößen zwischen den spanischen Truppen und den Insurgenten. Wie lange wird Spanten diesen Zustand noch aurhalten können? Nicht nur seine Finanzen leiden ungeheuer, auch sein Ansehen im Rathe der Völker wird stark beeinträchtigt. (xx)

Steuerte NsHsSchssM»

Wolffs telegraphisches Eorrefpondenz-Bureau.

Berlin, 6. August. DiePoft" erfährt bezüglich der Maulthierbahn in Deutsch-Südwestafrika, daß zur Förderung der Angelegenheit 2 Offiziere und 25 Unteroffiziere der Etsenbahnbrigade nach dort gehen werden. Offiziere und Mannschaften haben fich freiwillig dazu gemeldet und find auf sechs Monate beurlaubt. Das Baumaterial ist bereits verladen und geht am 10. August auf besonderen Dampfern von Hamburg ab.

Berlin, 6. August. Verlagsbuchhändler Aug. Kla f t n g osu. ist gestern, 88 Jahre alt, zu Bielefeld gestorben.

Wien, 6. August. Der Kaiser setzte heute früh die gestern bet Nußdorf begonnene Besichtigung des Ueber- schwemmungSgebietS bet Kaiser-EberSdorf fort, wo er die durch das Hochwasser angerichteten Verheerungen ein­gehend tu Augenschein nahm und sodann nebst dem General­adjutanten Grafen Paar, dem Mtnisterpräfidenten Grafen Badeni, dem Statthalter von Ntederösteretch Grafen KtelmanSegg und dem Oberbürgermeister Dr. Lueger in einem Kahne über die überflutheten Wiesen nach Albern übersetzte, wo er gleich­falls längere Zeit verweilte.

Budapest, 6. August. Hier ist die Donau noch immer im Stet gen begriffen, jedoch droht für die Stadt keine Gefahr. In der Umgebung find mehrere Orte überschwemmt. Der höchste Wasserftaud wird hier erst für Sonntag erwartet.

Paris, 6. August. (HavaS.) Die Pforte möchte bis zur vollständigen Bezahlung der Kriegsentschädigung den Penetos besetzt halten. Die Mächte geben die Besetzung nur bis zur Bezahlung des ersten Drittels zu und verlangen als Vorbedingung die Unterzeichnung der Friedenspräliminarien.

Thermiguou, 6. August. Heute Vormittag wohnte Prä­sident Faure den Manövern am Arc Flusse bei und gab sodann den Generalen ein Frühstück im Fort Esseillon. Hierbei brachte der Präsident einen Trinkspruch aus, in welchem er die hervorragend stramme Haltung der Truppen lobte, denen Frankreich vertrauensvoll die Bewachung seiner GebtrgS- grenzen übergeben habe.

Thermignon, 6. August. Präsident Faure empfing die italienischen Offiziere, die im Auftrage deS Königs Humbert zur Begrüßung des Präfidenten eingetroffen waren. Der Präsident überreichte dem General di San Martino das Commandeurkrenz der Ehrenlegion und gab zu Ehren der Abordnung ein Diner.

Petersburg, 6. August. Allenthalben find die eifrigsten Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Katserpaares im Gange, insbesondere in den prachtvollen Gärten zu Peter Hof riesige Beleuchtungsfronten errichtet worden, deren Mittelpunkt der deutsche Reichsadler mit den Initialen des deutschen Kaiserpaares bildet. In Petersburg sind alle Hotels überfüllt, so daß die Fremden schon Privat- quartiere aufsuchen müffen. Die festlichen Veranstaltungen,

die für die deutschen Marinemannschaften vorbereitet find, versprechen besonders glänzend zu werden. Ueber das Programm während des Besuches des deutschen Kaiser- paareS wird ergänzend mitgetheilt: Am Montag den 9. August findet nach der Rückkehr aus dem Lager von KraSnoje Sselo in Peterhof ein Famtltendiner bei dem rus­sischen Kaiserpaare statt und am Abend wird daS Souper auf der Zartzyn« Insel eingenommen. Am folgenden Tage erfolgt abermals eine Fahrt nach KraSnoje Sselo. Am Mittwoch besucht das russische Kaiserpaar das deutsche Ge­schwader und nimmt auf einem deutschen Kriegsschiffe daS Dejeuner ein. Hierauf gehen die deutschen Schiffe in See.

Petersburg, 6. August. General-Admiral Großfürst Alexis besichtigte gestern die auf der Kronstadter Rhede zum Empfang des deutschen Geschwaders etngetroffeneu russischen Panzerschiffe. Der Truppen - Obercommandant Großfürst Wladimir wohnte gestern im Lager von KraSnoje- Selo dem Exercteren des Wiborg'schen Jnfanterie-RegimentS bei, deffen Chef der deutsche Kaiser ist. Der Großfürst sprach hierbei die Ueberzeugung aus, das Regiment werde fich ebenso brav wie heute auch bei der Besichtigung durch seinen erlauchten Chef zeigen.

Petersburg, 6. August. Den bekannt gegebenen Dis­positionen zufolge werden die russischen und deutschen Kriegsschiffe auf der Rhede von Kronstadt zwischen dem Fort Alexander und dem Fort Paul Aufstellung nehmen. 10 deutsche und 8 russische Kriegsschiffe werden zwei Linien bilden. Ein Salondampfer mit den Mitgliedern der hiesigen deutschen Colonte an Bord wird dem deutschen Kaiserpaare zur festlichen Begrüßung entgegenfahreo. Zur Ausschmückung der Straßen Petersburgs für den Besuch des deutschen Katserpaares am 8. August werden außer den Arkaden vor dem Gebäude der Duma noch 4 andere Arkaden errichtet.

Petersburg, 6. August. Reichskanzler Fürst zu Hohen- lohe traf heute Mittag mit Gefolge auf dem Warschauer Bahnhofe ein und wurde von dem Botschafter Fürsten Radolin und den übrigen Herren der deutschen Botschaft begrüßt und sodann nach dem WmterpalaiS geleitet. Za Ehren deS Reichskanzlers giebt Graf Murawjew heute ein Dejeuner, an dem Fürst Radolin, der Secretär der deutschen Botschaft v. Tschirschky, der österreichische Botschafter Fürst Liechten­stein, Finanzmintster Witte und der bayerische Gesandte Freiherr v. Gaffer theilnehmen.

Konstantinopel, 6. August. Heute ist eine Abtheilung Taucher nach Bolo abgegangen, um die von den Griechen versenkten Kanonen und Kriegsmaterial zu heben.

Depesche» deS BureauHerold.*

Berlin, 6. August. Die UachtHohenzollern" mit dem Kaiser paar an Bord pasfirte gestern Mittag 12 Uhr Stolpmünde und Abends 11 Uhr Memel.

Berlin, 6. August. Der Kaiser hat der Erbprinzesfin von Sachsen-Meiningen aus seiner Prtvatschatulle 5000 Mk. überwiesen für die Sammlung deS Vaterländischen Frauen- Verein- zum Besten der Hochwaffer-Geschädigten.

Berlin, 6. August. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt an der Spitze ihrer heutigen Nummer: Der Besuch unsereSKaiserpaareS inPeterhof findet die deutsch- rusfischen Beziehungen auf der gleichen Höhe ungetrübter Freundschaftlichkeit, wie dies bei der Anwesenheit der kaiser­lich rusfischen Majestäten in BreSlau im verflossenen Herbste bekundet worden ist. In der Zwischenzeit hat die Politik der beiden großen Reiche den Weg genommen, der für ihre gemeinsamen Interessen in der Aufrechterhaltung des Frieden- und der Gerechtigkeit in Europa vorgezeichnet ist. DaS gute Berhältnlß Deutschlands zu Rußland beruht in erster Linie auf den persönlichen Beziehungen ihrer Herrscherfamtlien. Die Herzlichkeit der Gesinnung zu unserem Kaiserhause ist eine Bürgschaft für die Zukunft. Was wir unter de» Symbol treuer Monarchen Freundschaft pflegen und erhalten wollen, ist die gute Nachbarschaft zwischen zwei starken Völkern, die gelernt haben, friedlich ihren Culturaufgaben zu leben.

Berlin, 6. August. Der StaatSsecretär de- Reichs- Postamts, Po dbielski, hat fich einem Vertreter der Presse gegenüber über seine Stellung zu den gewünschten und ge­planten Reformen seines Ressorts geäußert. Er betonte vor Allem, daß er alle Reformen von Grund aus vollständig planmäßig durchzuführen gedenke, daß er daher alle Versuche zurückweisen müsse, ihn zur sofortigen Besei­tigung einzelner Mißstände zu drängen, selbst wenn er die Berechtigung der Klagen auch anerkennen müsse. Ins­besondere gedenke Podbielski das laufende Jahr der Reform des Postportos zu widmen und im nächsten Jahre an die Reform des Postzeitungstarifs und deS Telephonwefen» zu