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Nr. 287
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•M«er A«jki-er erscheint täglich, »it Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener y«wtrienl fälfrr werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal teigelegt.
Viertes Blatt. pj Dienstag den 7. December
1897
Gießener Anzeig er
Kenerak-Anzeiger.
Viertelsährig« Avounemeutspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
-chutSraßeAr.r. Fernsprecher bP
Amts- rmd Anzergei-lcitt für den TLveis Gieren.
| Hratisöeitage: Hießener Aamilienötätter.
Alle Aunonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeige« für b« „Gießener ««zeiget entzge^».
Anrtliche» Theil.
Gießen, den 4. December 1897.
Betr.: Die Aufnahme von Waisenkindern tu den hessischen Staatsverband und die hessische Landes-Waisen- Anstalt.
Da» Srotzherzogliche Kreisamt Gießen M Mt GrsBH. BBrgrrmeMeretsn Des ftwiW.
Ntchthesfische Waisen, welche in einer hessischen Gemeinde den Unterstützung-Wohnsitz besitzen, können nach vorgängiger Aufnahme tu deu hessischen StaatSverband au den Wohlthateu der Landes Waiseu-Anstalt theilnehmeu.
Die Leistungen der Anstalt treten aber nicht, wie in SüchlerS Handbuch 3. Auflage 2. Band Sette 670 An* * merkung 1 angegeben, mtt dem Datum der Aufnahmeurkunde etu, sondern erst die Behändigung der Aufnahmeurkunde an den berufenen Vertreter deS betreffenden Watseoktude- begründet die damit verbundenen Rechte.
v. Gageru.
Gießen, den 4. December 1897. Betr.: Ausführung deS KrankenverficherungSgesetzeS. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «m die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises.
Das Ihnen kürzlich zugegangene Amtsblatt Nr. 7 über die Behandlung der Versicherungsbeiträge am Jahresschluß und bet Krankheitsfällen wollen Sie auch den Rechnern der Vemeiodekraukenverficheruug zur Keoutniß mittheilen.
v. Gageru.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. December. Ueber den heutigen Stand der deutsch - chinesischen Angelegenheit schreibt die „Post" anscheinend osfictöS: Ju den letzten Tagen schwirren wieder zahlreiche Gerüchte über die Kiao-Tschau-Angelegeuheit »«her, die von ausländischen Correspoodenten meist mit der Absicht in die Presse laocirt find, die Stellung Deutschlands in der öffentlichen Meinung zu dt-ereditiren. Neuerdings heißt e- sogar, daß Rußland Widerspruch gegen da- Borgeheu »usere- Reiche- in der Besetzung der Bat erhoben habe. Alle diese Nachrichten entbehren jeder tatsächlichen Unterlage.
Zunächst geht die diplomatische Arbeit Deutschlands in dieser Angelegenheit rüstig fort. Gänzlich falsch und verkehrt würde e- sein, wenn namentlich die deutsche Presse, wie eö in letzter Zeit öfter» geschehen, die Arbeiten durch den Abdruck ander Luft gegriffener Meldungen stören wollte. Vorläufig liegt weder zu optimistischen noch pessimistischen Erwartungen ein Anlaß vor. Jedeusall- ist angesichts der von der Reichs« regierung ergriffenen Maßregeln nicht daran zu devken, als werde sich Deutschland mit einem sogenannten faulen Frieden begnügen. Bisher wird uvgethetlt an der Erwartung festgehalten, daß eS der deutschen Diplomatie gelingen werde, durch Verhandlungen mit den im Osten von Asien iuteresfirten Mächten die betreffende Angelegenheit ohne jeden störenden Zwischenfall ruhig zu Ende zu führen.
Berlin, 4. December. Die „Post" schreibt, daß die tu ausländtscheu Blättern enthalten gewesene Mittheiluog, Deutschlaujd beabsichtige Haiti zu anectiren, auf Unwahrheit beruhe. Weiter schreibt baß anscheinend osficiöS iusptrtrte Blatt, über die Absichten der deutschen Regierung sei den anderen Großmächten volle Klarheit gegeben worden. Die von Haiti zu verlangende Entschädigung dürfe an Umfang nur den Kosten der maritimen Expedition Deutschlands gleich* kommeu. Sollte die Regierung Haitis dem deutschen Verlangen trotzen, so würden scharse Maßregeln auf dem Fuße folgen und zwar in der Weise, daß zunächst die Küsten und bei weiterer Renitenz die Stadt mit den Regierung-gebäuden beschoffen wird. Anscheinend ist aber begründete Hoffnung auf schnelle Unterwerfung Haiti- unter deu Willen Deutschland- vor Anwendung der stärksten Mittel vorhanden.
Berlin, 4. December. Die Sentrum-fraction des Reich-tages nahm in einer gestern abgehaltenen Sitzung Stellung zu der Marineforderung. Ja der mehr einen informatorischen Charakter tragenden Debatte trat sehr stark die Neigung hervor, der Vorlage namentlich in Bezug auf die Festlegung der finanziellen Forderung für sieben Jahre erheblichen Widerspruch entgegenzusetzen. Namentlich wurde von süddeutscher Seite gefordert, die Fractiou auf Opposition festzulegeu. Es wurde jedoch diesem Vorschläge eatgegen- getreten und die Politik der freien Hand empfohlen. Man beschloß, sich nicht zu binden, sondern die Angelegenheit von Fall zu Fall zu erledigen.
Berlin, 4. December. Zur Verstärkung der Lau- duvgs-Abtheiluug deSKreuzerge schwader- werden demnächst ein Bataillon Marineinfanterie und eine Compagnie
Matlvseuartillerie nach Ostasien abgeheu. Da- Bataillon Marineinfanterie wird, wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, zu vier Compagnien formtet und erhält eine Stärke von 23 Offizieren, Aerzten und Zahlmeistern und 1200 Unteroffizieren und Mannschaften. Die Compagnie Matrosen- artillerie wird 4 Offiziere und Aerzte und 200 Uvterosfiziere und Mannschaften stark sein. Dem Transport wird eine Anzahl Pferde, Geschütze und Maschinengewehre beigegebeu werden.
Berlin, 4. December. Der „Märkischen Volkszeitung" zufolge ist der Pfarrer Neuber definitiv zum fürstbischöf- liehen Delegaten für Berlin, Brandenburg und Pommern zugleich zum Propst au der Berliner St. HedwtgSktrche ernannt worden.
Berlin, 4. December. Der „Germania" zufolge wird der Abgeordnete Dr. Lieber bei der ersten Berathuug der Martnevorlage den Standpunkt des CentrumS zu derselben darlegen. Die Vorlage wird zweifelsohne der Budgetcommission zur Vorberathuog überwiesen. Wenigsten- wird da- Centrum einen Antrag auf commiffarische Berathung der Martnevorlage stellen.
Berltn, 4. December. Heute Mittag fand im Locale deS Berliner Schriftstellerclubs eine allgemeine Ber * sammlung der Zeitungsbesitzer statt, um gegen die Erhöhung des deutschen PostzettungStartfeS Protest zu erheben. Eine Anzahl Verleger au- Berlin und anderen Städten des deutschen Reiches hatten sich eingefundeu. In der DiScusfion wurde allgemein die Ansicht auSgedrückt, daß die unparteiische Lectüre dem Volke nicht verteuert werden dürfe, da sonst sowohl die Verleger wie auch die Postbehörde deu Schaden haben würden. Die GeschäftScommission deutscher Zettungsverleger wurde deshalb amoristtrt, für die Aufrechterhaltung de- jetzt bestehenden PostzeitungStarif» einzutreteu. Man will jedoch einige Ergänzungen etwa im Sinne eine- MinimalposttartfeS zulaffen. Es soll eine Denkschrift dem UnterstaatSsecretär im Reichspostamt, dem Minister de- Innern und anderen Behörden überreicht werden. Etwa 1700 Zeitung-Verleger werden in diesem Sinne ihre Unterschrift geben.
Frankfurt a. M., 4. December. Der „Franks. Ztg." wird aus Mühlhausen i. Thür, telegraphtrt: Der freisinnige Wahlverein hat einstimmig den Realghmnafial-Ober- lehrer Eickhoff zu Remscheid al- Reich-tag-candtdateu aufgestellt.
Feuilleton.
Die Mausefalle.
Novelle von Frida Storck.
(1. Fortsetzung.)
Wie in Fieberschauern lauschte sie, die Augen geschloffen. Sin Rauschen geht durch die Zweige, sie will da- Schreck« liche nicht seheu, sie ist wie hypnotisier. Dann fällt es leicht »nd kühl auf ihre Hand. Sie schaut auf, ein Straußletu von Anemonen und Vergißmeinnicht ist eS.
Also kein Traum der schwülen MtttagSgluth, fie hält Sichtbare- in den bebenden Fingern. Ihr scheuer Blick streift ringsum, die Stetucoloffe liegen in ihrer starren, tobten Rohe. Dennoch beschleicht fie unfaßbares Grauen, fie flieht dem Apollotewpel zu. Da- unvermeidliche: „Ist das schön!" tönt ihr entgegen, „Sie hätten mitkommeu sollen!"
Erst am Bahnhof — der Schnellzug ist schon gemeldet — vermißt Theo ihren Kragen.
„Wo ließen Sie ihn liegen? Können Sie sich besinnen?" forschte die alte Dame.
„In der Moschee hatte ich ihn noch," beharrte Theo. „Weiter weiß ich nicht."
„Gewiß haben Sie ihn verloren, als Sie die Blumen suchten." •
„Nein, nein!"
Sie kann sich nicht überwinden, von der geheimutßvolleu Spende zu berichten.
Da biegt eine hohe Gestalt um die Ecke, der Fremde aus dem Vorhof der Moschee. Auf seine« Arme liegt der verlorene Kragen. Mit lächelndem Gruß tritt er auf die Damen zu.
„Ich bin so glücklich, Ihnen die- zurückzngebeu. Ich sah den Mantel bei dem gnädigen Fräulein, da Sie ander Moschee traten und fand ihn später auf einer Bank beim Apollotempel."
ES bleibt kaum Zeit, einen Dank zu stammeln, da braust der Zug heran. Theo sieht den Fremden dann, nochmals grüßend, zurücktreten, er fährt also nicht mit.
„Nun sagen Sie, lieber Fräulein, haben Sie nicht Glück gehabt? Sogar deu verlorenen Mantel bringt man rechtzeitig zurück. Sie find ein zweiter PolhkrateS, daS Glück verfolgt Sie," plaudert die Reisegefährtin, behaglich in die Polster geschmiegt.
«Glück?*
Theo ist es eben durchaus nicht so zu Muthe. Wären nicht die Vergißmeinnicht, die fie sorglich am Busen gebettet, fie wähnte, eS sei alles ein toller Trau«. Und in diese« Traum ist nur eins klar: das Bild de- Fremden von Schwetzingen.
• *
Natürlich ist Taute nicht am Bahnhof in Karlsruhe. Sie hätte doch depeschiren sollen, denkt Theo besorgt.
Die Reisegesährtiu verabschiedete fich fast herzlich. Sie gab Theo sogar ihre Schweizer Adreffe. „Fall- Sie mir in den nächsten Wochen etwa- Wichtiges zu melden hätten, liebes Fräulein I-
Anf dem Bahnhofsplatze nimmt fie eine Droschke.
Amaltenstrahe Rr. . . Der Wagen hält. Eine Stiege hoch. Als ob e- bei der verblüffenden Gleichförmigkeit dieser schlichten Häuserreihe mehr gäbe.
Run steht fie vor der geschloffenen Gla-thüre. Nie» mand zu Hause. Wie fatal. Tante erwartete fie offenbar nicht mehr.
Durch da- Holzgeländer sieht mau aus die zum Boden« raume sührende Treppe. DaS wäre ja ein Leichte-, da hinauf- -uturnen. Sie hat wenig Lust, auf der Treppe zu anti- chambrireu. Sie erinnert fich ihrer vorzüglichen Roten im Turnen, eigentlich immer die Glanznummer ihre- Zeugnisse-, die vou deu Ihrigen nie nach Gebühr gewürdigt wurde. In Summa, da hinüberzuklimmen, ist eine Kleinigkeit.
Handtasche und Kragen fliegen hinüber, der Schirm läßt fich durchstecken. Dann steigte fie an dem Geländer hinauf und fitzt mit einem ficheren Schwung auf der oberen Hand
habe. Noch ein Ruck und fie steht oben auf der inneren Treppe. Nur ein bischen warm ist ihr geworden. Gesehen hat eS Gottlob Niemand,
Alle Thüreu find verschlossen, nur eine gibt dem Drucke nach. Seltsam! DaS steht aus wie ein Herrenzimmer. Ueber dem Schlafsopha hängen Pistolen, bunte Bänder und durchlochte Cereviskäppchen. Nachdenklich zaudert fie, aber fie hat ja TantenS Namen draußen auf dem Mesfingfchilde gelesen. Sicher, diese Dekoration ist eine Remintscenz au» deS verstorbenen Onkels Studienzeit. Taute har da» Zimmer pietätvoll so gelassen. Auf dem Schreibtisch liegen sogar die Schretbuteufilten, al» seien fie noch eben gebraucht.
Da- Mädchen setzt fich auf den Armstuhl und sieht fich die Sache genau an. Eigentlich ist e» bewundern-werth, daß Taute die Collection hübscher Künstlerinnen großmüthig sanctionirte. Sollte, der gute Onkel noch in seinen alten Tagen solch ein Verehrer der leichtbeschwingten Muse gewesen fein ?
„Da- würde ich bei meinem Manne nie dulden, — niemal»!"
Ihre Stimme hallt heu^durch den leeren Raum. Dann muß sie selbst, ob ihrer Eifersucht auf einen noch unbekannten Gegenstand, lachen. Ihre Augen forschen weiter und haften daun ungläubig, zweifelnd auf dem erhöhten Aufsatz. Dort steht da- Bild einer sauftblickenden Matrone und dicht daneben — eine Mausefalle. Wunderlicher Schmuck für eine» Schreibtisch! Narrt fie ein Trugbild? Durch die Drahtstäbchen schimmert eS bunt und goldig, die zerfetzte Hülse eine- Knallbonbons. Sie faßt an den Kopf und beißt fich in den kleinen Finger. Sie fühlt den Schmerz, also ist fie bei klaren Ginnen.
Wie viel Zeit über dem erfolglosen Grübeln verstrich, weiß sie nicht. Draußen wird eia Schlüssel gedreht und die Flurthür zugeschlagen. Endlich die Taute oder doch die Magd.
Sie will hinauseilen, da fliegt die Thür schon anf, — der Fremde vou Schwetzingen steht auf der Schwelle.
(Fortsetzung folgt.)


