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Mr. 287 Erstes Blatt
Dienstag den 7. December
1897
Der $te|ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag».
Die Gießener A-^mitteuölälter «erden dem Anzeiger »üchentlich dreimal beigrlegt.
Gießener Anzeiger
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Der türkisch-griechische Friede.
Noch vor Kurzem haben wir unserem Zweifel Ausdruck gegeben, daß der Frieder soertrag zwischrn der Türket und Griechenland so bald beendet sein werde. Denn zu oft find wir durch die Nachricht enttäuscht worden, daß eS mit dem so oft angekündigten Abschluß der Friedentverhandluagen wieder einmal nichts war. Nun endlich liegt die Meldung vor, daß der Vertrag, durch welchen definitiv der Kriegszustand zwischen den beiden oben genannten Staaten beseitigt wird, unterzeichnet worden ist. Beinahe acht Monate find verflossen, daß die Türket durch die vielfachen, lange genug gleichmüthig ertragenen Feindseligkeiten Griechenland» ge- zwangen wurde, diesem den Krieg zu erklären. Nur wenige Wochen dauerte der Feldzug, der in den ersten Tagen sich günstig für die Griechen gestaltete; aber bald drehte fich daS Blatt, und die Türken wurden auf der ganzen Linie Sieger. ES ist noch in frischer Erinnerung, wie unrühmlich der Krieg für die Hellenen verlief, wie fie schließlich froh sein mußten, als die Großmächte ihre guten Dienste andoten und einen Waffenstillstand herbrisühren halfen. Fast fieben Monate haben die Verhandlungen in Konstantinopel gedauert, bi» rin annehmbarer FriedenSvertrag zu Stande kommen konnte. Die Forderungen des Sultan» gingen zuerst sehr weit,- er wollte daS von den türkischen Truppen besetzte Thessalien behalten und auch eine sehr hohe Kriegsentschädigung in An- sprach nehmen. Aber immer «ehr wußten die Großmächte von diesen Forderungen abzuhandeln, bis die Pforte schließ- lich einwilligte, fich mit einer strategischen Regulirung der theffalischen Grenze und einer geringen KriegSkosten-Ent- schädigung zu begnügen. Gestraft ist Griechenland p so wie so genug; der noch vorhanden gewesene Wohlstand ist völlig unterdrückt, sein Nattonalgesühl ist empfindlich gedemüthigt und eS wird fich hoffentlich hüten, so bald wieder Leben und Eigenthum seiner Bürger leichtfinnig auf Spiel zu setzen.
Lange hat es gedauert, bi» die Pforte fich herbeiließ, in die von den Botschaftern vorgeschlagenen FriedeuSbeding- ungen zu willigen. Bet dieser Gelegenheit hat fich so recht wieder die Tactik der türkischen Diplomatie gezeigt, welche der Politik der Verschleppung huldigt und in dieser Beziehung wirklich Große« leistet. Oft genug waren die Verhandlungen -dem völligen Abbruch nahe, und die Griechen harten alle Ursache, immer verzweifelter zu werden. Aber schließlich trug da» vereinigte Europa den Steg davon, und Griechenland kann heute aufathmen und sich nun mit allem Eifer der Aufgabe widmen, die inneren Verhältnisse des Landes zu con* foltdiren. Seine Finanzen waren bekanntlich von jeher schlecht j fie haben durch die Ausgaben, welche der Krieg ver- ursacht hat, einen weiteren empfindlichen Stoß erhalten. Deshalb mußte es fich der Finanzcourrolle der Mächte füge», so schwer die» dem Dünkel der Hellenen auch wurde; denn nur unter dieser Bedingung liehen die Großmächte der Nation ihre guten Dienste. Es ist j-tzt gar nicht so unmöglich, daß bet befferer Finavzwtrthschaft Griechenland mit der Zett ein- mal aus dem Sumpfe herauskommt, in welchem es jetzt fitzt. Darum kann die Ftnauzcontrolle nur als ein Heil für Griechenland angesehen werden und als ein Wittel, feinen Eredtt im AuSlaude, den eS völlig etngebüßt hatte, wieder zu heben.
DaS erste Werk ist also jetzt von den Großmächten vollendet,- nun gilt eS, die mit der griechischen so eng ver- knüpfte kreteofische Frage zu einem guten Ende zu führen. Die Zett drängt, die Berhältniffe auf Kreta bedürfen einer schnellen Lösung, aber auch wieder der ganzen Kunst der europäischen Diplomatie. Möge fich diese auch in der Kreta- frage bewähren! (xx)
Deutscher Seich.
verliu, 4. Decrmber. In Rücksicht auf die Bedrohung der deutschen Petroleumconsumenten und des deutschen Petroleumhandels durch die nord- amerikanische Staodard-Oelcompanh hat der Abg. Baffermanu mit Unterstützung der natioualltbe- ralen Fraction deS Reichstag» sollende Interpellation eiagebracht: „Welche Maßnahmen gedenken die verbündeten Regierungen zu ergreifen, um den auf Monopolisirung de» deutschen Petroleumhaudels gerichteten Bestrebungen der Staodard-Oel-Eompany entgegen zu treten?" Die Standard- Oel-Company beherrscht den ganzen Handel. Sie ist eben dabei, Cou.raete mit den Händlern abzuschließen, welche zunächst bis zum Jahre 190b laufen, unter der Bedingung, daß fie den Verkaufspreis festsetzt und so die freien Händler zu Agenten auf Prov sion machen kann. Die Abficht gehr dahin, vom Jahre 1905 auch diese Agenten au-zuschaltev, Berkaufsbureau» eiuzurtchten und so unter Beisriteschiebung der
bisherigen selbständigen Existenzen die Preisbildung völlig in j >te Hand zu nehmen. Die Gesammteinfubr an Petroleum betrug im Jahre 1896 in Summa 853,642 Tonneu. AuS Oesterreich-Ungarn kamen davon 21,579, aus Rußland 43,122, au» den Bereinigten Staaten 787,629 Tonnen. Die Bertheueruug von 1 Mk. auf den Hectoliter deS amerikanischen Petroleums aber würde schon den deutschen Steuer- zahleru 8—10 Mill. Mk. kosten. DaS sagt zur Genüge, was das deutsche Volk von den Absichten deS amerikanischen Petroleumringes zu erwarten hat.
Ausland.
Krakau, 4. Decrmber. Dem Grafen Badeni wurden hier bet seiner Durchreise Seitens der Studenten große Ovationen dargebracht. Die Studenten sandten Sympathie- telegramme nach Prag, sowie eia beleidigendes Telegramm an den Senat der Prager deutschen Universität und au Profeffor Mommsen.
Wolff» telegraphische» CorrespondMj-Burra«.
Potsdam, 5. December. Der Kaiser empfing heute Mittag da» Prästoium deS Reichstages.
Rom, 5. December. Der König empfing heute Nach* mittag um 2i/i Uhr den deutschen Botschafter Fretherrn Saurma v. d. Je lisch in feierlicher Audienz zur Entgegen- nähme des Beglaubigungsschreiben».
Depeschen de» Bureau ^Hrrold."
verliu, 5. December. Der „Vorwärts" schreibt in der Sache Normaun-Schumann: Bebel war gestern vor die Staatsanwaltschaft geladen, nm in der Aoklage gegen Nor- mann-Schumann wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch seinen Artikel im „Memorial D plomatiqae" al» Zeuge ver- nommen zu werden. Ferner wurde Bebel mitgerheilk, daß der Oberstaatsanwalt die von Normann-Schumann wider ihn eingeretchte Deuunciation wegen Meineid al» unbegründet zurückgewiesen habe.
verliu, 5. December. Gestern wurden in der Verlagsbuchhandlung von Hermann Walther hterselbft die Bestände der Broschüre de» zur Zeit auf Ehrenbreitstein eine FestungS- haft verbüßenden früheren RUtmeisters Frhrn. v. Eh rHardt beschlagnahmt. Die Broschüre, betitelt „Ehre und Spirt- ti»mu» vor Gericht", soll fortgesetzte Beleidigungen de» Offizierehrenratqe» tu Düffeldorf durch den Borwurf der Parteilichkeit und Rechtsbeugung enthalten.
London, 5. December. „Standard" meldet aus Newyork, Rußland mach; tu San Francisko große Waffen- und Munitionsetnkäufe. Reisende aus Wladiwostok er- zählen, eS herrsche in den dortigen Garnisonen eine rührige Thät'gkeit.
Konstantinopel, 5. December. Der definitive Frieden»- vertrag zwischen Griechenland und der Türkei ist gestern unterzeichnet worden.
Wie»,6. December. Dte Couferenz des Minister- Präsidenten von Gautsch mit den Obmännern aller Parteien wurde auch gestern fortgesetzt. Gautsch machte Namens der Regierung allen Parteien bestimmte Vorschläge Zwecks Lösung der streitigen Frage. Die Club» werden in den nächsten Tagen zu den Propofitioneu Gautsch» Stellung nehmen.
Ein Besuch der Darmstädter öffentlichen Lese- und Bücherhalle.
Unter dieser Ueberschrtft veröffentlicht Gebhard Zerniu im „Darmst. Tgl. Anz." einen Artikel, dem wir daS Nach- stehende in der Voraussetzung entnehmen, daß er Manches enthält, was den Freunden und Förderern eine» für Gießen geplanten ähnlichen Instituts von Jntereffe ist. In dem Artikel heißt eS: Am 6. März 1897 wurde die öffentliche Lese- und Bücherhalle zu Darmstadt — Loutsenstraße 20 — eröffnet. SS find im Ganzen drei kleine, aber freundliche Zimmer zu gleicher Erde deS Hauses eingerichtet. Der Be- such steht jedem Herrn, jeder Dame, jedem erwachsenen Knaben und Mädchen frei und zwar zu folgendrn Tagesstunden: iu der Woche Abends von 6 bis 9y2 Uhr, an Sonn- und Fest- tagen Vormittags von 11 bis 1 Uhr und Abends von 5 bis 91/, Uhr. Ein weißes Schild an der EintrittSthür enthält folgende drei Anweisungen: „Nicht anklopfeu!" — »Leise eintretenl" — „Nicht rauchen!"
Wir folgen diesen Vorschriften und treten zunächst iu ' ein kletne», eiufensterigeS Zimmer, welches neben dem zweiten,
durch zwei Fenster beleuchteten nach der Straße hinaus liegt, während ein drittes den Blick nach hinten hinaus gewährt und vornehmlich für die Aufbewahrung der „Bücherhalle" (welchen Namen man für den der „Btbl'othek" gewählt hat) dient. Alle Räume find behaglich erwärmt und durch GaS entsprechend beleuchtet- eS herrscht darin eine friedliche Ruhe, und man hört fast nur das Blättern beim Umwendeu der Lefendeu.
In den zwei Lesezimmern find im Ganzen fünf Tische vorhanden, au denen etwa 35 einfache Rohrstühle stehen. Au den Wänden hängen zwar keine Bilder, wohl aber einzelne Landkarten, und stehen offene Bücherstände. Allerdings erscheint der ganze Raum etwas beschränkt, doch soll eine eigentliche Ueberfüllung bisher nur selten vorgekommen sein. Die Aufficht führt ein angestellter Bibliothekar, welcher gewiß alle Hände voll zu thun hat, um die verschiedenen Wünsche der Lesenden zu befriedigen.
WÜS nun die practische Bedeutung der ganzen Einrich- tung betrifft, so kann mit Genugthuung hervorgehobev werden, daß der Besuch ein im Allgemeinen höchst befriedigender genannt werden muß, sowohl nach Zahl wie Eigenschaft der Lesenden. Still und geräuichloS treten die Kommenden ein, suchen fich in Ruhe ein geeignetes Plätzchen und fangen au zu lesen, nachdem fie daS ihnen zusagende Blatt oder Buch erhalten oder gefunden haben. Natürlich schwankt dir Zahl der Besucher sehr, da fie vom Wetter sehr beeinflußt wtrd,- wahrend deS Monats October 1897 betrug ihre tägliche Durchschnittszahl 42 Köpfe. Sie bleiben oft mehrere Stunden hinter einander, auch gibt eß schon verschiedene „Stamm- gäste", welche täglich wiederkehrev, um bestimmte Blätter mit Muße lesen zu können.
Jeder Besucher scheint mit fich völlig darüber im Klaren zu fern, daß die Einrichtung der öffentlichen Lesehalle zum Wohle des großen Publikums und Wohlwollen für daß Garze getroffen ist und richtet auch danach sein Benehmen ein. Streitigkeiten hat es noch niemals gegeben, es herrscht Ruhe und Stille, Frieden und Verträglichkeit- lärmende oder gar betrunkene Personen sollen fich noch niemals in diesen Räumen gezeigt haben, würden auch selbstverständlich nicht geduldet werden. (Eine Vorschrift füitz die Besucher häugt an der Wand und ist für Jedermann lesbar.)
Die Auswahl deS Lesestoffes ist schon j<tzt recht de- deutend. ES find im Ganzen etwa 70 Zeitschriften und Zeitungen vorhanden, darunter 30 politische Tagesblätter (die Darmstädter sämmtlich al» Geschenke der hiefigen ver- lagS-Expedtttonen) u»d 20 Blinter mehr unterhaltenden In- Halts. Letztere find mehrfach die mit Abbildungen versehenen deutschen Wochenblätter, welche tu sehr practisch eingerichteten, eben so hübschen wie haltbaren Leinwand-Umhüllungen aufbewahrt werden und vorzugsweise bet den Lesern jeden Standes beliebt find.
Aber auch an Büchern und Werken fehlt eS nicht, ihre Anzahl hat jetzt bereits die Ziffer 3000 erreicht und stellt fich in einfachen, aber practischen Einbänden vor. Die Bücher find meisten» Geschenke von wohlwollenden Männern unserer Stadt, und werden auf diese Weise fortwährend in wohl- feilster Weise vermehrt. Daß hierbei die Auswahl eine nur zufällige sein kann, liegt auf der Hand, jedoch bürgt die Aufmerksamkeit der Verwaltung dafür, daß kein Buch mit ungeeignetem Inhalt der Bücherhalle etnverleibt wird. Siu gedruckte» Bücherverzeichniß besteht vorläufig noch nicht.
Man wird überrascht durch die Wahrnehmung, daß sebst manche größere und theuere Bücher und Sammelwerke vertreten sind. So trifft man hier den großen Andree'scheu Handatla», die Conversattons-Lex con» von Brockhau» und Meyer, wenngleich nicht tu den neusten Auflagen, französische Handwörterbücher nebst einem kleinen englischen, GeschichtS- werke von Heffen usw. Bevorzugt von den Lesern werde« Unterhaltungsschriften, dann Btlderwerke und Lexiea, auch einzelne Novellenbücher werden gern verlangt, namentlich bei den Anforderungen von Büchern, die nach Hause verliehe« werden und deren Zahl recht bedeutend sein soll.
Natürlich fehlt aber noch gar Manches, um die Lesehalle den Character einer allgemeinen BolkSbibliothek au- nehmen zu lassen. So klagte der Herr Bibliothekar uu» unter Andetem darüber, daß er nur über sehr geringe Geld- mtttel zur Vervollständigung der Sammlung verfüge, weshalb die Aufgabe seiner Anstalt noch nicht iu gewünschte« Grade erfüllt werden könne. Es find noch so große Lücken in den Bücherbeständen vorhanden, daß bei dem starken Zudrange von Lesern jeden Alters und Geschlechts auch nicht entfernt die gestellten Anforderungen befriedigt werden können. Dabei wird der Grundsatz befolgt, jedem Leser auch daS für ihn paffende Buch iu die Hand zu geben, und so die Bücher- halle zu einer wahren Volksbildung»anstalt zu erheben,


