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7.11.1897 Erstes Blatt
 
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-Nr. 262 Erstes Blatt

Sonntag den 7 November

1897

Der

^U|ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de« MontagS.

Die Gießener Alamislen b kälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kemrak-Mnzeiger.

Biertelsahriger Avonnemeutspreis» 2 Mark 20 Psg. eit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

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Anrts- unb Anzergeblutt für den Ureis Gieren.

chratisßeitage: chießener Kamikienökätter.

Annahme von Anzetgen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Alle Aunoncen-Bureaux deS In» und Auslandes neh«« Anzeigen für denGießener Lnzeiger- entgehn.

Anrtiicher Theil.

Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 goldener Ring, 1 Brille, 1 silberner Deckel einer Taschenuhr, 1 Taschen« messer, 1 Spazierstock, 1 Glacehandschuh, 1 Kinderkragev, 1 Schürze, 1 wollene Mütze, 1 Futtereimer und 1 Sack mit Häcksel.

Zugelaufen: 1 Hahn.

Gießen, den 6. November 1897. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

lieber allen Wipfeln ist Ruy, qegläitti sind die Wogen, welche sich an unserem polittschen Himmel ausgethürmt hatten und vor denen der Reichskanzler zurückwetchen wollte. Sanftes, liebliches Friedensgeläute ertönt, verichwunden sind die Sorgen .und froher Hoffnung voll dürfen wir tu bte Zukunft blicken, wenn wir die mit offiziösen oder doch wenigstens haldosfiztöien Anstrich versehenen Blätter lesen. Wir wollen natürlich nicht hestteiteo, daß eine große Klärung in der innerdeutschen Politik eingetreten ist, daß der Reichskanzler Fürst Hohen­lohe seinen Rücktritt vertagt hat und daß die Militärstraf« Hrozeßresorm nun wirklich dem Reichstage zugehen wird. Aber ernste Zweifel können wir doch nicht unterdrücken, ob Hch denn nun auch wirklich Alles so glatt gestaltet, wie es jitzt den Anschein hat. Ab und zu sickert schon etwas auS oem Inhalte der künftigen Militärstrasprozeßreform in die Oeff ntliwkeit. Darnach soll das NlchtbestätigungSrecht de» obersten Kriegsherrn aufgehoben werden und die gefällten Llrtheile also wirklich definitiver Natur sein, ferner wird die O-ffeutllchkeit deS Verfahrens zugestanden, aber eS sollen Ausnahmen von dieser Regel in größerem Umfange eintreten können, al» dies im L Vilstrafprvzetz zulässig ist. Daß diese Fälle im Voraus genau präztfirt werden müßten, soll nicht die Oeffentlichkeit deS Verfahren» illusorisch sein, braucht kaum betont zu werden. Die neueste Wendung in dieser Angelegen» heit soll übrigens dem Einflüsse deS Großherzogö von Baden zuzuschreiben sein, welcher bekanntlich in letzter Woche den Besuch des Fürsten Hohenlohe empfing. Daß der letztere alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um die maßgebenden Stellen zur Durchführung einer zeitgemäßen Reform zu be­wegen, finden wir begreiflich und begrüßen es mit Genug« ihuung, daß der Kanzler nun endlich in die Lage versetzt werden soll, sein dem Reichstage gegebenes Versprechen ein- zulösen. DaS muß aber voll und ganz geschehen, sonst be­ginnen die Schwierigkeiten, die eben im BundeSrathe behoben worden find, in der Volksvertretung von Neuem. Darin be« stehen auch die Besorgnifie, denen wir oben Ausdruck gegeben haben, und wir wünschen nur, daß wir die Lage etwas zu pesfimistisch beurtheilt haben. An strittigen Punkten wird es ja so wie so nicht fehlen; die wird die Marinevorlage allein schon bringen, bei deren Brrathungen die Geister wohl heftig aufeinanderplatzen werden.

Im Uebrigen herrscht tatsächlich auf dem Gebiete un« ferer inneren Politik eine gewifie Ruhe, die wohl erst mit dem Beginn der ParlarnentSseision unterbrochen werden dürfte. Noch ist der Termin für die Einberufung deS Reichstages nicht bekannt, waS wohl darauf zurückzuführen ist, daß die Vorbereitungen für die Regierungsvorlagen sowie die Etats« uufstellung noch nicht vollständig beendet find, und ja auch erklärlich ist, da verschiedene Reichsämter in der letzten Zeit -neue Chefs erhalten haben.

Wir waren nahe daran, in einen bösen Krieg verwickelt zu werden mit der Negerrepublik Haiti, doch Gott sei Dank hat die Regierung diese» Staate» von dem Rechte de» Klügeren Gebrauch gemacht und nachgegeben. Diese Gelegen­heit hat wieder einmal gezeigt, daß eS doch von großem Werthe für die Reichsangehörigen in allen Ländern ist, unter dem Schutze de» mächtigen deutschen Reiches zu stehen und jederzeit die kräftige Hand seiner Vertreter zur Verfügung zu haben.

In England scheint sich immer mehr die Ansicht Bahn zu brechen, daß mit dem jetzigen veralteten Soldatenanwcrb« ungSshstem nicht mehr weit zu kommen ist. In jüngster Zeit hat sich der Obercommaudtrende Der britischen Armee, General Wolseley, entschieden für die Einführung der allgemeinen Wehr­pflicht in England ausgesprochen. Freilich wird noch lange Zeit vergehen, ehe diese Ansicht so weit verbreitet, daß Aus­sicht auf eine Verwirklichung vorhanden ist. Sonst liegen an» dem Vereinigten Königreiche keine Nachrichten von Wichtig­keit vor.

Jenseits des Atlantischen OceanS im freien Amerika Zab es in letzter Woche ein heißes Ringen um den Newyorker

Bürgermeiftetposten, weichen die Demottuicu schließlich er­kämpft haben. Ban Dyk nimmt nun die Lordmayorstelle der westlichen Metropole ein, nachdem der Candidat, welcher am meisten Aussicht dazu hatte, Sir Henry George, kurz vor der Wahl verstorben war. Die Velhanoiungen zwischen den Bereinigten Staaten und Spanien dauern noch fort. Der neue Geueralgouverneur Marschall Blanco ist auf Cuba ein­getroffen, und wird sich nun bald zeigen, ob das mildere Regiment, welches die liberale Madrider Regierung jetzt auf der Insel einführt, irgend welchen Einfluß auf die Haltung der Insurgenten auSüben wird.

In Frankreich wird die parlamentarische Session voraussichtlich etwa» bewegter werden, seitdem die DreyfuS- Aagelegenheit wieder aufgefrischt worden ist- letztere ist so leicht nicht todtzuschweigen, so viele Mühe sich auch die Regie­rungsblätter geben mögen.

Unsere Zweifel an der Richtigkeit der Meldung, daß bi» letzten Mittwoch die FriedenSvcrhandlungen beendet sein sollten, waren wohl berechtigt, denn bis heute stehen die Dinge im Orient noch auf demselben Fleck. Auch die Kreiafrage ist noch ungelöst, wenngleich verlautet, daß sämmtliche Groß- Mächte die Candidatur deS luxemburgischen Obersten Schäffer für den Gouverneurposten von Kreta gutgeheißen haben.

Am Donnerstag haben im ö st erre ichis chen Ab- geordnetenhause die Berathungen wieder begonnen. Auch diese Sitzung zeichnete sich durch arge Scandalscenen aus, die dem Ansehen deS Hauses gewaltigen Abbruch zu thun im Stande find. Die gewaltigen Anstrengungen der Oppofition waren vergeblich gewesen, Graf Badeni dürfte triumphiren. Die erste Lesung des AuSgleichSprovisoriumS wurde beendet und darauf die Sitzung auf Montag vertagt. (xx)

Wolff» telegraphische» (fcorrefponbenpieurum.

Berlin, 5. November. Virchows Befinden hat sich schnell gebessert. Er hat heute bereit» Colleg gelesen- er wurde mit stürmischen Ovationen empfangen. Er sprach seinen herzlichsten Dank für die Huldigung au» und fügte dann hinzu, er befände sich zwar noch in einem kümmerlichen Zustand, aber er hätte doch an dem Tage nicht fehlen wollen, an dem einst die erste Periode seine» akademischen Leben» begonnen habe. Die officielle akademische Feier soll erst morgen stattfinden.

Berlin, 5. November. Zu der Meldung derKöln. VolkSztg." bett, die Ermordung zweier Missionare in Schantung bemerkt dieNordd. Allgem. Ztg.", an maßgebender Stelle sei hierüber noch keine Nachricht ein­gelaufen.

Paris, 5. November. Vertreter der Colonialgruppe der Kammer und der hervorragendsten Colonialvereine überreichten dem HaadelSminister ein Gesuch, es möge im Jahre 1900 eine besondere, möglichst großartige Colo nial-Ansstellnng veranlaßt werden. Al» Colonial-AuSstellungSplatz wird der Park von St. Cloud projectirt.

Madrid, 5. November. Hier verlautet, die Regierung habe beschloffen, gegen General Weyler das Kriegsgesetz in Anwendung zu bringen, wenn er bei seiner Ankunft in Spanien die angeblich von ihm bei seiner Abreise von Havana getanen Ausdrücke aufrecht erhält.

Depesche« bt» Bure««Herold/

Darmstadt, 5. November. StaatSsecrttär Coutreadmiral Tirpitz wird derDarmst.Ztg." zufolge am Sonntag vom Großherzog empfangen werden.

Berlin, 5. November. DaS Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorfitz de» Fürsten Hohenlohe in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zu­sammen.

Berlin, 5. November. Wie au« BreSlau gemeldet wird, verhandelte heute die dortige Strafkammer gegen die Unterzeichner des sogenannten Professoren-AufrusS für die strikenden Hamburger Hafenarbeiter wegen Veran­staltung einer öffentlichen Collecte ohne Erlaubniß deS Ober- Präsidenten, nachdem der AmtSanwalt gegen da» freisprechende Urtheil des Schöffengerichts Berufung eingelegt hatte. Die Strafkammer verwarf die Berufung und erkannte gleichfalls auf Freisprechung.

Berlin, 5. November. Wie dieNationalzeitung" er- fährt, hat sich das Plenum des BundeSrathS mit zwei Punkten beschäftigt. Der erste Punkt bezog sich auf den Etat, der andere auf die geschäftliche Behandlung der Mitt- tärftrafprozeß«Ordnung. Heber die Einberufung de» Reichs- tage» wird sich der BundeSrath, wie dieNat. Ztg." weiter hört, in der nächsten Woche offiziell schlüssig machen. Gegen«

wartig bezeichnet man den 30. November al» den Tag der Einberufung.

Berlin, 5. November. An Stelle de« Obersten Schwartz- toppen ist Major Freiherr von Süßkind, Bataillon»- Commandeur im 4. Garderegiment, al» Militärattache nach Pari« commandirt worden.

Berlin, 5. November. DaS DiSciplinarverfahren gegen den Crimmalcommiffar von Tausch wird eifrigst fortgeführt. Täglich findea jetzt Ladungen neuer Zeugen statt. Bisher sind nur Beamten vernommen worden.

Berlin, 5. November. DerNordd. Allg. Ztg." wird aus Wien telegraphirt, Oberst Schäffer wurde gestern vom Grafen GolnchowSkh empfangen. Nach einer Audienz de» Ministers beim Kaiser ist Schäffer nach Frankfurt a. M. abgereist, von wo er nach Luxemburg zurückkehrt, um dort feine officielle Wahl zum provisorischen Gouverneur von Kreta abzuwarten. Ec hofft, Anfang December nach Kreta abzu­reifen, wenn kein Zwischenfall eintritt. DerPost" zufolge befindet sich Deutschland betreffs der Candidatur Schäffer» in Uebereinfttmmung mit den übrigen Großmächten.

Berlin, 5. November. Der englische Metallarbeiterstrike dürfte in Kürze zu StrikeS in Deutschland führen. Englische Firmen haben einen Theil von Arbeiten an deutsche Firmen gewiesen. Deutsche Arbeiter wollen jedoch die An­fertigung derselben verweigern. Der erste Fall in Berlin betrifft die Firma L. Löwe in Martinikenfelde. Die dort beschäftigten Modell- und Fabriktischler beschloffen, bei der Holzarbeiter Organisation anzufragen, ob sie die englischen Modelle arbeiten sollen. Wie ein Berichterstatter meldet, dürfte die Antwort verneinend ausfallen.

Berlin, ö. November. Die von mehreren Zeitungen gestern gebrachte Mittheilung, im ReichStagShanse fei gestern -die vom ReichS-Eiseubahnamte au» Anlaß der zahlreichen Un­fälle einberufene Eifenbahnconferenz eröffnet worden, beruht, tote dieNordd. Allg. Ztg." hört, auf einer Ver­wechselung. Die gestrige Conferenz, die im ReichStagShanse abgehalten wurde, habe sich mit eisenbahn militärischen An­gelegenheiten beschäftigt, wogegen die andere Conferenz, in der eine Reihe von Maßregeln zur Erhöhung der Sicherheit deS Eisenbahnbetriebes erörtert werden soll, erst in den letzten Tagen dieses Monat» stattfinden werde.

floht, 5. November. DerKöln. VolkS-Ztg." zufolge hielt der Abgeordnete Lieber in der gestrigen Sitzung de» katholischen Bürgerverein» zu Aachen einen Vortrag, in welchem er auch Über bte Conferenz, die er bet dem Reichs­kanzler Fürsten Hohenlohe hatte, referirte. Lieber sagte, hätte sich nicht um Finanzfragen gehandelt, sondern um die Aufhebung be» JesuitengesetzeS. Die bezüglichen Ausfichten feien zur Zeit hoffnungslos. Selbst bie Aufhebung be» JnternirungS-Paragraphen bürfte baß Centrum nicht erwarten. Die Partei werbe jedoch Den Antrag in ber nächsten Session wiederholen. Sodann betonte Lieber, indem er auf die all­gemeine Lage überging, daß besonders baß Vertrauen zu ben Abgeorbneten nothwrndig sei unb gab seinem Bebauern Aus- bruck, baß immer Angriffe auß bem eigenen Lager kämen.

Frankfurt tu M., 5. November. DerFrkf. Zig.- wird au» Straßburg gemelbet: In ber Garnison Mörchingen finb zwei Rekruten am Typhus erkrankt. Der eine babon ist bereits gestorben.

Zadern, 5. November. DemZaberner Anzeiger" zu­folge stürzte bei einem UebungSritt da» Pferd deS Corn- manbeuxS des Infanterieregiments Nr. 99, Tecklenburg. Der Commandeur erlitt schwere Verletzungen.

Wien, 5. November. Im Abgeordnetenhaus» wurde die erste Lesung deS AuSgleichSprovisoriumS unter fürchterlicher Anstrengung deS ganzen Hause» unb nach roiebet- holten hanbgreiflichen Zusammenstößen zwischen ber Oppo­sition uub der Majorität heute Vormittag zu Enbe geführt. Die Sitzung würbe baranf geschloffen unb bie nächste Sitzung auf Montag anberaumt.

Wien, 5. November. Sämmtliche Blätter bezeichnen ben Verlauf ber letzten Sitzung de» AbgeorbuetenhauseS al» ein Chao» von Scanbalscenen. Die Rebe Lueger» be­zeichnet bieNeue Freie Presse" al» ben Versuch, bet äußeren Linken eine Brücke zu schlagen, anf ber bie Christlich- ©ocialen in baß Lager ber Regierungspartei hinüberkommen können.

Naab, 5. November. Hier wüthet ein große» Schaden­feuer. Bel den Rettungsarbeiten find acht Feuerwehrleute unb zwei Solbaten um» Leben gekommen.

London, 5. November. Nach einer Melbung be» Pariser Korrespondenten berTime»* finb Frankreich, Rußland und England bereit, die Bürgschaft für die griechische KriegSentschadigungSanleihe zu übernehmen.

London, 5. November.Daily News" meldet au»