marschiren sehen, und fich so einen Begriff von der großen Truppevansavnnlung machen. Der Thatsache, daß auf dem Paradefeld nichts Genießbares als Wasser zu haben war, hatten die meisten der Paradebesucher Rechnung getragen, fast alle waren wohl versehen mit Eß- und Trinkbarem, viele vatten Packele, Kisten, Taschen u. s. w. in solchen Dimensionen bei fich, als gelte eS einen Abstecher nach dem Nordpol zu unternehmen. Fliegende Wirthschaften waren hier und da an den Straßen etablirt, so daß wieder Mancher seinen in der Haft vergeffenen oder ergänzungSbedürstig gewordenen Vorrath noch vervollständigen konnte. Ueberhaupt trat hier, wie immer bet großen Menschenansammlungen, der Drang Einzelner nach Verdienst hervor. Besonder- zahlreich machten fich auf dem ganzen Wege die Verkäufer von Medaillen, Fest- zeitungen und Postkarten bemerkbar, der Umsatz in Postkarten muß ein großer gewesen sein, denn überall, wo ficy Gelegenheit zum Ntederlaffen bot, wurde geschrieben. Ein Wirth in Nieder Elchbach hatte seinen Saal, sowie die Wirth- schaftSräume ausschließlich zur Aufbewahrung von Fahrrädern eingerichtet, der Mann scheint ein riesiges Geschäft gemacht zu haben, denn jede- der nach Hunderten zählenden BtcycleS brachte ihm ein Standgeld von 50 Pfg. Auch die berühmte ParadeganS*) war laut Anschlag in einem Hause za Nieder-Eschbach zu sehen und Mancher opferte einen Nickel, nm die alte GanS, die, anscheinend sehr angegriffen von dem Empfang so vieler Besuche, dieselben etwas heiser anschuatterte. Doch weiter wälzte fich der Menschenstrom, deffen Richtung nunmehr die Landstraße verließ und über Felder, theilweise durch Gärten seinen Weg nahm, bis hinter der berühmten Kaiser-Pappel die Höhe erklommen war, auf welcher daS große militärische Schauspiel vor fich gehen sollte. Rechts vom Eingang zur Tribüne, die 6000 Sitz- anb eben so viele Stehplätze bot, war den Wagen ein etwa ein Quadratkilometer großes Feld angewiesen, die Zahl der Chaisen und sonstigen Fuhrwerke mochte die 1000 wohl überschreiten. Es waren die umfaffendsten Stcherheit-maßregeln getroffen, trotzdem kam eS vor, daß hier und da ein Gefährte durchging und einige Verwirrung hervorrief. Daß bereits unter- wegs ab und zu eine Achse brach oder eine Deichsel tu Stücke ging, ist bei dem Durcheinander nicht zu verwundern gewesen, derartige Chaisen-WrackS wurden einfach seitwärts geschoben. Ebenso pünktlich fast wie die Truppen gelaugten auch die Zuschauer auf dem Peradefelde an, harrend der Dinge, die fich da abspieleu sollten. Der Ruf: „Der Kaiser kommt!" verbreitete fich wiederholt über das Feld, es gab Hurrahgeschrei und Tücherschweukeu, aber die Ovationen brachen sofort ab, als man gewahr wurde, daß der Gesehene nicht der Kaiser war. Punkt 10 Uhr endlich trafen die Aller- höchsten und Höchsten Herrschaften auf dem Paradefelde ein. Der Kaiser trug GeneralSuntform mit den Abzeichen des 116. Jnf.-RegtS., der König von Italien hatte die Uniform de- 13. Husaren-Regtments angelegt. Der König von Sachsen, der König von Württemberg, der Großherzog von Heffen, Prinz Albrecht von Preußen, der Herzog von Cambridge, sowie die übrigen Fürstlichkeiten wohnten der Parade zu Pferde bei. Gleichfalls zu Pferde waren die Kaiserin in der Uniform der Pasewalker Küraffiere mit dem Dreispitz, sowie die Großherzogin von Heffen in der Uniform ihre- 117. Inf.- RegtS. mit Helm und Haarbusch erschienen. Die Kaiserin Friedrich und die Königin von Italien kamen in sechsspännigen Wagen an. DaS Wetter hatte sich inzwischen aufgeklärt, zeitweise lag heller Sonnenschein über dem Paradefelde. Das ArmeecorpS, das durch eine besondere Cavallertedtvtfion verstärkt worden war, hatte in zwei Treffen (siehe nebenstehende Skizze) mit der Front gegen Nieder-Eschbach, Rücken gegen Nieder-Erlenbach, Aufstellung genommen. Die Truppen waren im Paradeanzug mit weißen Hosen, die grauen Mäntel um die Tournister (neuer Art) gelegt, auSgerückt. Die Parade wurde vom General der Infanterie, General-Adjutanten des Kaisers und commandirenden General des 11. ArmeecorpS, v. Wittich, commandirt. Im ersten, drei Kilometer langen Treffen standen die Fußtruppen. Dahinter dehnte fich mit ca. 300 Meter Tiefenabstand daS zweite Treffen aus, be- stehend aus der Cavallerte, Feldartillerie und dem Train. ES wurde von dem Generalmajor Frhrn. v. Btffing com- mandirt. Die Infanterie, Jäger und Pioniere hatten daS Seitengewehr aufgepflauzt. Punkt 10 Uhr ließ der com- maudirendr General die Truppen präfentiren und sprengte nach dem rechten Flügel, wo der Kaiser erschien, dem er den Frontrapport überreichte, während sämmtliche Mufikcorps den Praseutirmarsch bliesen, mit Begleitung der Spielleute. Der Kaiser war mit seinen fürstlichen Gästen bis hinter Ober- Eschbach gefahren, wo die Pferde bestiegen wurden. E« war eine glänzende Cavalcade, die sich auf den rechten Flügel der Truppenaufstellung zu bewegte: Boran zwei Flügeladjutanten vom Dienst, dann der Kaiser allein, dahinter sein vornehmster Gast, der König von Italien mit den Königen von Sachsen und von Württemberg, die Kaiserin mit der Großherzogin
BDn der Großherzog von Heffen, der Prinz Regent von Braunschweig, der Herzog von Cambridge und die übrigen fürstlichen Gäste des Kaisers, sowie die dazu besonders befohlenen höheren Offiziere. In einem L la vaumont bespannten Wagen folgten die Königin von Italien, in helllila Costüm, während die an ihrer Seite fitzende Kaiserin Friedrich wie stets in Trauer gekleidet war. »eiter befanden fich in dem glänzenden Zuge die sremdherr- lichen Offiziere und die Leibgendarmerie des Kaisers nebst der Leibgarde der Kaiserin. Beim Abre.ten der Fronten wurde brigadeweise präsentirr und von den MufikcorpS die Rationalhymne gespielt. DaS zweite Treffen wurde vom linken Flügel aus abgeritten. Inzwischen hatten fich die Fußtruppen zum Parademarsch formirt, der mit der Front gegen Harheim stattfand. Der Kaiser ritt vom rechten Flügel des zweiten Treffens direct auf die Tribüne los, vor der er
•) Diese GanS soll bekanntlich im Jahre 1883 die Parade mitgemacht haben, indem sie hinter dem 116. Regiment ber- marschirte.
Reitende
Fußtruppm Truppen
Jnf.-Reg. 87
88
Ulanen 6
86
81
166
Husaren 14
167
83
95
32
23
94
115
116
168
117
118
Train 11
25
Fuß-Art. 3
Pion. 11
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Jäger 11 |
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tch aufstellte und wo fich bereits der größere Theil der Suite eingefunden hatte. Den Parademarsch eröffnete der commandirende General, der, nachdem er mit gesenktem Degen vorbetgeritten war, fich an die Sette des Kaisers be- gab. Die Fußtruppm marschirten zuerst in Compagniefront vorbei, die Compagnieen mit dem verkürzten Abstand. Der Anmarsch und das Tempo waren ziemlich flott und die Ab- tände zwischen den einzelnen Compagnien und Bataillonen wurden gut festgehalten. Die Richtung kann fast durchweg als gut bezeichnet werden, geringe Schwankungen auf dem linken Flügel kamen vor, aber selten. Namentlich ist hervorzuheben, daß kein Stutzen am Paradepunkt statt- and. Auch die Linie der schließenden Unteroffiziere war gut gerichtet und hielt die vorgeschriebenen Abstände ein. Als dar 115. Jnf.-Regt. nahte, setzte fich der Großherzog an die Spitze und führte es dem Kaiser vor. Dasselbe that hierauf unter lautem Jubel der Zuschauer der Kaiser, der hessische Uniform angelegt hatte, mit seinem 116. Jnf.-Regt. und die Großherzogin mit dem 117. (Leib-) Regiment. DaS 3. Fußartillerie-Regiment kam mit umgehängtem Gewehr und angefaßtem Riemen vorbei, was ganz an die österreichische Art der „Defilirung" erinnert. Den Vorbeimarsch der Cavallerie eröffnete General von Btssing, woraus sich König Humbert, ebenfalls jubelnd begrüßt, an die Spitze seines 13. Husaren-RegimentS setzte, deffen Uniform er trug, und eS im Schritt an dem Kaiser vorbeiführte. Die übrigen Regimenter führten den ersten Vorbeimarsch in E-cadronS- tont im Trabe aus, der auch mit geringen Ausnahmen als gelungen bezeichnet werden muß, wenn man die Schwierig- I eit in Betracht zieht. Beim 6. Ulanen-Regiment verursachten einige „Durchgänger" etwas Unordnung, während unsere hesfi- chen Dragoner Regimenter, besonders aber das badische Dragoner-Regiment Nr. 21 prächtig vorbeikamen. Es folgte die Artillerie in Batterie-, der Train in Compagniefront. Der Großherzog von Hessen führte auch hier sein Dragoner- und sein Artillerie-Regiment vorbei. Der zweite Vorbeimarsch sand sür die Fußtruppen in RegimentScoloone, sür die berittenen Truppen im Galopp statt, ein unvergleichlich schönes
Schauspiel. — Nach 1 Uhr war die Parade, die man mir Recht als die größte je gehaltene Heerschau bezeichnen kann, zu Ende und der Kaiser reichte dem commandirenden General die Hand, ihm vermuthlich seine Anerkennung für die guten Leistungen des Corps auSsprecheud. Dasselbe schienen auch die Könige von Sachsen und von Württemberg zu thuu. — Nach beendigter Parade ritt der Kaiser, zur Seite den König von Italien, voran die Leibgarde, durch die zwischen dem Paradefeld und Ober-Eschbach Spalier bildende Krieger Vereine hindurch, und führte dann die auS einer Compagnie des 80. Regiments mit der Musik des 116. Inf. Regiments bestehende Fahnen-Compagnie und die aus einer EScadron der 13r Husaren mit der Musik dieses Regiments gebildete Standarteu-EScadron nach Homburg. Die Kaiserin bestieg, nachdem sie unter Voranritt ihrer Leibgarde daS Paradefeld verlassen, den Wagen, um fich in Begleitung der Großherzogin von Heffen, der Königin von Italien, der Kaiserin Friedrich ebenfalls nach Homburg zu begeben. Die Herrschaften wurden überall von dem in dichten Schaaren spalier- bildenden Publikum lebhaft begrüßt. Die Orte, durch welche der Kaiser die Fahnen-Compagnie und Standarten EScadron geführt, besonder-Ober-Eschbach, waren prachtvoll geschmückt. Am lebhaftesten ging es natürlich in Homburg her, daS fich in selten schönem Schmuck präsentirte. Um 3 Uhr fand daselbst Concert deS Kur-OrchesterS, um 7x/4 Uhr Parade- Diner im Kurhause, Concert zweier Militär-Capellen, Vortrag der Gesangvereine, Illumination und Feuerwerk statt. — DaS 11. Armee CorpS kann auch stolz auf den Verlauf der Parade sein. ES hat gezeigt, daß eS unter der Leitung eines bewährten und erfahrenen Generals eine tüchtige, stramme Truppe und ein vollwichtiger Theil deS deutschen Heeres ist.
Die diesjährige Kaiferparade bei Homburg ist, was die Anzahl der in der Front stehenden Truppen betrifft, wohl die größte der seit Bestand des deutschen Heeres abgehaltenen. Nicht nur, daß daS 11. ArmeecorpS der Zahl der Regimenter nächst dem 12. (sachs.) ArmeecorpS daS stärkste ist, e» wurden außerdem diesmal zur Kaiserparade Truppen heran gezogen, die anderen ArmeecorpS angehören. ES wird unsere Leser iuteresfiren, in der nachstehenden Ueberficht der tu Parade gestandenen Truppen gleichzeitig daS Alter der Truppeuformattoneu und deren Garmsousorte verzeichnet zu finden. ES sei vorau-geschickt, daß unser 1. Großh. Hess. Leibgarde-Regiment Nr. 115 daS älteste Infanterie-Regiment innerhalb des ArmeecorpS ist. Wir lasieu diese Ueberficht hier in der Reihenfolge, in der die Truppen vor Gr. Majestät in Parade standen, folgen:
1. Naff. Infanterie-Regiment Nr. 87. Errichtet 1866. Garnison: Mainz.
2. Naff. Infanterie-Regiment Nr. 88. Errichtet 1866. Garnison: Mainz.
1. Heff. Infanterie-Regiment Nr. 81. Errichtet 1866. Garnison: Frankfurt a. M.
Füsilier-Regiment v. GerSdorff (Heff.) Nr. 80. Erricht tet 1866. Garnisonen: 1. u. 2. Bat. Wiesbaden, 3. Bar. Homburg v. d. H.
Jufanterie-Regimrut Nr. 166. Errichtet 1897. Garnison : Hanau.
Jnsauterie-Regiment Nr. 167. Errichtet 1897. Garnison : Caffel.
Jnsauterie-Regiment v. Wittich (3. Heff.) Nr. 83. Garnisonen : 1. u. 2. Bat. Caffel, 3. Bat. Arolsen.
6. Thüriug. Infanterie-Regiment Nr. 95. Errichtet 1814. Garnisonen: 1. Bat. Gotha, 2. Bat. Hildburghausen, 3. Bat. Loburg.
2. Thür. Infanterie - Regiment (Graf v. Bose) Nr. 32. Errichtet 1815. Garnison: Meiningen.
6. Thür. Infanterie-Regiment (Inh. Großherzog v. Sachsen) Nr. 94. Errichtet 1814. Garnisonen: 1. Bat. Weimar, 2. Bat. Eisenach, 3. Bat. Jena.
1. Großh. Hess. Infanterie-Regiment (Leibgarde Regiment) Nr. 115. Errichtet 1621. Garnison: Darmstadt Jnsauterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.)
Nr. 116. Errichtet 1813. Garnison: G ehen.
5. Großh. Heff. Infanterie-Regiment Nr. 168. Erricht, t 1897. Garnisonen: 1. Bat. Butzbach, 2. Bat. Offenbach.
3. Großh Heff. Infanterie-Regiment (Leib-Rrgt.) Nr. 117. Errichtet 1697. Garnison: Mainz.
4. Großh. Heff. Jnfanterir-Reg'ment (Prinz Earl) Nr. 118. Errichtet 1791. Garnison: Worms.
Hessisches Jäger-Bataillon Nr. 11. Errichtet 1866. Gar nison: Marburg.
Fuß-Art.-Regiment General-Feldzeugmeister (Brandenburg.) Nr. 3. Errichtet 1864. Garnison: Mainz.
Hessisches Pionier-Bataillon Nr. 11. Errichtet 1866. Garnison: Mainz.
Unterosfizierschule Biebrich. Errichtet 1867.
1. Heff. Husaren - Regiment Nr. 13. Errichtet 1813. Garnisonen: 1., 2. und 5. EScadron Frankfurt, 3. und 4. EScadron Mainz.
Thür. Ulanen-Regiment Nr. 6. Errichtet 1816. Garnison: Hanau.
Dragoner-Regiment Frhr. v. Manteuffel (Rhein.) Nr. 5. Errichtet 1860. Garnison: Hofgeismar.
Husarer-Regiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Hom- bürg (2. Hess.) Nr. 14. Errichtet 1813. Grruison: Cassel.
Westfäl. Dragoner-Regiment Nr. 7. Errichtet 1860. Garnison: Saarbrücken.
2. Bad. Dragoner - Regiment Nr. 21. Errichtet 1850. Garnisonen: 1., 2., 3. und 5. EScadron Bruchsal, 4. EScadron Schwetzingen.
1. Großh. Hess. Dragoner Leibgarde Dragoner )Regiment Nr. 23. Errichtet 1790. Garnison: Darmstadt.
2. Großh. Hess. Dragoner (Leibdragoner )Regiment Nr. 24. Errichtet 1860. Garnison: Darmstadt.
Hess. Feld-Artillerie - Regiment Nr. 11. Errichtet 1866.


