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6.8.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 182

Der Kießeuer Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Mnmikienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlcgt.

Erftcs Blatt

Freitag den 6. August

1897

6)idiener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

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! ^Hratisönsage: Gießener Aamitienökatterl

Intimes aus Rußland.

Nur noch wenige Tage, und Kaiser Wilhelm steigt M Peterhof an» Land, begrüßt von dem Zaren NicvlauS und den Großen de» russischen Reiches. Der absolute Herrscher und der conftttutionelle Monarch reichen sich die Hände, einig in dem Bestreben, ihre Völker zu beglücken nicht durch die Erweiterung der Grenzen ihrer Länder, sondern durch die Segnungen, welche ein fortdauernder Friede im Gefolge hat. Mehr al» 2J/2 Jahre sitzt Nicolau» II. auf dem russischen Kaiserthron, und noch immer erscheint er uns al» ein unbe­schriebene» Blatt, stet» kühl, abwartend und noch mehr zurück« haltend, al» jeder andere Machthaber dieser Erde zu sein pflegt. Er ist kein Mann rascher Entschlüße, kein energischer, durchdringender Character, sondern eine friusühlige, sangui­nische Natur, welche zwar von starken Eindrücken leicht ober­flächlich bewegt werden kann, aber doch schließlich indifferent und passiv bleibt. Da- hat man noch im letzten Jahre während de» Besuches in Frankreich beobachten können, wo der Zar thatsächlich einmal auS sich herausgiug und einen wärmeren Ton anschluq; aber wer da glaubte, daß er sich zu irgend einer impulsiven Acußerung hinretßen lassen werde, hatte sich sehr getäuscht, dafür gab insbesondere seine Er­widerung auf den Toast de» Präsidenten Faure einen Beleg, indem er einfach bei den markantesten Stellen sich den Wort­laut deS Faure'schen Trinkspruches anetguete. Bekannt ist ja auch, daß der Zar in allen seinen Kundgebungen den Fran­zosen noch niemals den Willen gethan har, das Wörtchen § Alliance" für da» zwischen Rußland und Frankreich be­stehende Verhältniß zu gebrauchen.

Im Großen und Ganzen ist Nicolau» II. der strikte Gegensatz Kaiser Wilhelms: dieser temperamentvoll und von einer überraschenden Initiative, jener indifferent und lethar­gisch. Deshalb sind Rußlands Fortschritte im Innern keine wesentlichen seit der Thronbesteigung des jetzigen Zaren; von Reformen systematischer Natur konnte freilich auch noch nicht die Rede sem, da der Augenblick für eine innere Reform­politik Angesicht- der hervorragenden Betheiligung Rußlands an nahezu allen schwebenden Weltfragen erst später eintreten kann. BiS jetzt find abendländische Cultur und Fortschritt auf weiten Strecken des russischen Reiche» noch unbekannte Dinge,

und in stummer, stupider Ergebenhett trägt der größte Tyetl i der Bevölkerung sein schweres L00S. Die Rechtspflege läßt I auch heute noch viel zu wünschen übrig, Bedrückung und Ent­würdigung der unteren Volkskassen sind so sehr eingebürgert, daß ein anderer, besserer Zustand überhaupt nicht gekannt wird.

Ein großer Reformator, ein energischer, temperament­voller, von idealen Zielen beseelter Zar hätte hier eine Riesenarbeit vor sich, die, wenn sie gelänge, als Frucht die Erlösung vieler Millionen Menschen auS Knechtung und Er­niedrigung ergeben würde. Noch in frischer Erinnerung ist die Katastrophe auf dem ChodinSkyfelde, wo anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten Tausende von Menschen ihr Leben lassen mußten, weil die Massen ihre Gier nach materiellem Genuß nicht zu zügeln vermochten, und jene Massen gaben ein Bild von dem Character deS großen TheileS deS rus­sischen Volkes.

Wer wird einmal der Reformator sein? Die ganze Menschheit schreitet auf dem Wege zur Cultur vorwärts, soll allein daS russische Volk Zurückbleiben? Nimmt doch das Zarenreich im Concert der Großmächte eine der ersten Stellen ein, gibt eS doch in vielen internationalen Fragen den Ausschlag, und wird seine Freundschaft und Waffen­brüderschaft doch allenthalben gesucht und begehrt! Mau muß gestehen, die russische Diplomatik hat in den letzten Jahrzehnten ganz ungeahnte Erfolge aufzuweiseu, besonder» im Osten Asiens. Langsam, aber ungemein sicher dehnt sich der Einfluß Rußland» weiter auS, und immer näher kommt der Augenblick, wo e» im Osten des anderen Welttheiles mit Englands Interessen colltdiren wird. Auf diesem Wege war der vor einiger Zeit mit China abgeschlossene Vertrag wegen deS Baues der rufsisch-mandsLurischen Eisenbahn wieder ein Meisterwerk der Petersburger Diplomaten und ein neuer Stein zu dem G:bLudr, welcher Rußland errichtet als Boll­werk gegen die Ausdehnung der englischen Machtsphäre. Und als die indischen Unterthanen Englands hungerten, wer sandte ihnen zuerst Nahrungsmittel? Rußland war; aber Niemand wird behaupten können, daß eS allein aus Menschen­liebe so gehandelt hat. ES war vielmehr kluge Berechnung, um die Engländer in Indien zu discreditiren.

Wenn in diesen Tagen durch die Zusammenkunft der Herrscher Rußlands und Deutschlands Bande gefestigt werden,

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Au-landeS nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegne

die das Berhältniß beider Reiche zu einem guten gestalten, so muß man immer bedenken, daß auf russischer Seite die Verständigung niemals eine Sache des Gesühls werden kann, daß sie vielmehr stets nur auf Erwägungen kühler Ver- standeSarbeit beruhen kann. Doch auch daS genügt uni, wenn nur daS große Ziel, die Verstärkung der Frieden»- auSsichten, erreicht wird. (xx)

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Wolff» telegraphisches Correfpondmz-Bureau.

verli«. 4. August. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge begibt sich Finanzmtnister v. Miquel morgen für zwei bi» drei Wochen nach Wiesbaden zur Kur. Der gestern Abend abgeretste Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe begibt sich demselben Blatte zufolge zunächst nach Schloß Werki und dann nach Petersburg, wo er am 6. August einzutreffen gedenkc.

Berlin, 4. August. DiePost" meldet: Bei den beiden hiesigen Bäcker-Innungen fanden gestern Abend zu« ersten Male Mehlmärkte statt.

Berlin, 4. August. DerRetchSauzeiger" veröffentlicht die Ernennung deS StaatkministerS v. Köller zum Ober- präfidenteu von Schleswig-Holstein.

Berlin, 4. August. Nach einer Mittheilung der könig­lichen Sternwarte ist es dem hiesigen Kothodenstrahlforscher Professor Goldstein gelungen, sehr wesentliche, characte- ristische Kometen-Erscheinungen, wie LichtauSstrahluugen am Kometenkopfe, und die daraus hervorgehenden Schweif­entwickelungen experimentell mit Hilfe von Kothodenstrahlen nachzubilden und dadurch auch einige in den letzten Jahren nachgewiesene Besonderheiten dieser ErschetnungSgruppe er­klärbar zu machen.' Durch experimentelle Nachbildungen wesentlicher Züge der Kometenerscheinungen sei eS wahr­scheinlich gemacht, daß weitreichende Kothodenstrahlwirkungen der Sonne vorhanden find, die auf den Flächen anderer Weltkörper secundäre Strahlungswirkungen auslösen und diese dann durch ihre Abstoßungswtrkungen beeinflussen. Auch für die Lösung zahlreicher anderer Probleme wird die» sehr bedeutsam sein, so für die Wirkungen der Sonne auf die electrischen, magnetischen Erderscheinungen, wie Polarlichter,

Fsnilleton.

W«s lhut MSN )«r Sommerzeit in unserer UniverMsflaüt?

Ein Ferienbummler schreibt demDarmst. Tägl. An­zeiger" :

Ebenso gut hätte ich an den Kopf dieser zwanglosen Skizze auch die Frage stellen können: waS thut der Fremde in unserer UniverfitätSstadt? Mit letzterer meine ich natürlich unser liebes, hügelumkränztes Gießen, daS durch die Lahn auch in den heißesten Julitagen allabendlich eine so wohl- Ihuende Abkühlung empfängt, daß der Gast, der vielleicht an Darmstädter oder Wiesbadener Trmperaturverhältniffe gewöhnt ist, sich an einem Luftkurort in Gebirgsgegend zu befinden glaubt. Da hab' ich nun gleich einen großen Vorzug von Gießen erwähnt. Aber von der Luft leb: man bekanntlich nicht allein. WaS giebts sonst dort noch Erfrischendes und Anziehend-»? Ich toH mich vor allem vor Uebertreibungen hüten, damit es Lesern meiner kleinen Plauderet nicht etwa So geht wie vor einigen Jahren mir, da ich einen kleinen ÄuSflug nach dem freundlichen Wimpfen unternahm, wo Mir ohne Zweifel recht gut gefallen haben würde, hätte mir der tückische Zufall nicht gerade vorher eine enrhusiast sche Beschreibung des SiädtchenS in die Hand gespielt, in welcher der Verfasser wörtlich sagte:Ich habe am Mittelmeer ge­standen, ich habe die Schöaheiten der italienischen Landschaft auf mich wirken lassen, die Erhabenheit der egypttschen Pyramiden bewundert und doch habe ich nirgends einen so tiefen Eindruck von einer Landschaft empfangen, als ihn mir der Sonnenuntergang verschaffce, den ich in Wimpfen genoß". Unter dem Einfluß dieser Schilderung stand ich nun, al» ich mit eigenen Augen sehen kam und nicht» weniger als hingerissen war von den zwar lieblichen, aber immerhin monotonen Retzen de» bescheidenen BadeöctchenS. Eine ähn­liche DeStllusionirung möchte ich vermeiden. Daher strenge tuet der Wahrheit geblieben und getrost ausgesprochen, was Dießen nicht hat und voraussichtlich noch lange nicht haben wird: rdle monumentale Bauten. Die UniversitätLudoviciana, dieNeuen Kliniken", die neue evangelische Kirche an der Südanlage (die alte befindet sich ebem tm Umbau, und au der katholischen wird auch g-putzt), daS neue Postgebäude in

der Schulstraße prasentiren sich ja recht würdig, werden aber die Beschauer nicht gerade anlocken.

Ich verlange nun gewiß nicht, daß man etwa in die LudwtgSstraße oder auf den Seltersberg ein Gebäude wie da» Leipziger ReichSgrrichtSgebäude oder den Münchener Justizpalast Plazirte, aber eine Aufbesserung wünschte ich der verkehrsreichen Lahnstadt allerdings, und daS wäre ein respectabler, nobler Bahnhof, wie er sich für einen Knotenpunkt schickt, von welchem die Züge nach allen Wind­richtungen brausen, denn vorläufig ist das Bahnhofs« gebäude, Perron und Wartesäle in so veraltetem Zustande, daß Gießen in dieser Beziehung nur noch mit der Hafen- und Hansastadt Hamburg und der LuxuSstadt Wiesbaden wetteifern kann. Schade freilich, daß sich die Parallele nicht weiter durchführen läßt!

Die engen Straßen oder vielmehr Gäßchen im Herzen von Gießen lassen sich auch nicht ableugnen. Wollten es auch die Augen, die Stiefel thäten e» nicht; sie sind oft so viel eindrucksfähiger! Ich bin überzeugt, daß tch, falls ich meinen Wohnort nach Gießen verlegen würde, die eventuellen Er­sparnisse der Miethe beim Schuhmacher anzulegen hätte, und wenn ich täglich ein paar Mal in der Richtung vom Asterweg bis zum Markt lustwandelte, denn hier ist baß Pflaster am schönsten, die Straßenweite am engsten. Da» mag wohl auch der Grund sein, weshalb die Damen und Herren vom Rade nicht mehr tm Innern der Stadt verkehren dürfen, andern­falls hätte man zu dem Auskunftsmittel greifen müssen, baß bereits im Kopf eines begeisterten Sportsman gereift war: eS fei doch so unendlich viel moderner und der künftigen Fortbewegungstechnik Rechnung tragend, wenn man die Klingel nicht den Radfahrern, sondern den Fußgängern in die Hand gäbe, denn binnen Kurzem würden diese sich doch in der Minorität befinden.

Jo, Gießen ist in den letzten Jahren SportSstadt ge- worden. Ich will gar nicht reden von den großen Lawn- Tennis- und Football-Plätzen, die in der Nähe vonLiebigS- Höhe" und in Privat-Gärten angelegt sind, sondern nur von einem Etablissement, daS verkündet, daß Gießen, welches der Genfer Karl Vogt noch vor einigen Jahren in verspäteter CommerS-Laune einStudentendorf" benamste, mit Groß- stadtalluren cocettirt, das ist die am Fuß; dec , Textor schen Hardt" (beliebter Ausflugsort) errichtete Rennbahn, die

ganz eigenthümlich, extra für Radfahrer construtrt ist und in ihren amphitheatralisch aufsteigenden Sitzreihen, wenn auch nicht grade das Publikum in denKranichen de» JbhkuS", so doch immerhin eine ansehnliche Menschenmenge zu fassen vermag. Der Besitzer derHardt" hat den neuen Weg, der zu seinem Local führt, durch electrischen Scheinwerfer auch für solche Zeiten gangbar machen lassen, wo Luna streikt.

Für den Verkehr ist überhaupt Manches in Gießen ge- than worden. Dahin muß man in erster Linie auch die Omnibusse" rechnen, die regelmäßig zu allen Zügen von der Grünberger- und Marburgerftraße auS verkehren und für Gießen thatsächlich mehr leisten, als eS, infolge der An­lage der Stadt, eine electrtfche oder Pferdebahn, die dort nur den Character einerRing Bahn" annehwen könnte, zu thun vermöchte. Die Fahrt kostet 10 Pfennige. Während der Sommerzeit hat die Gesellschaft sogar noch offene Wagen eingestellt, nach dem Muster der Frankfurter Tramways. ES ist übrigens unmöglich, mit seinem Begleiter, Freund oder Verwandten bei diesen Fahrten über das Gießener Straßenpflaster ein Geipräch zu führen. Mag uns das Herz gegen Den, der uns von der Bahn abholt oder zu ihr hin begleitet, noch so voll sein, wir sind genöthigt, ihm mit stumpffinnigen Lächeln gegenüber zu sitzen, falls wir von unseren Sprachwerkzeugen nicht einen Gebrauch machen wollen, als gälte e», sich Gehör zu verschaffen in stürmischen Versammlungen.

Seit einigen Jahren hat Gießen auch seine Markt­halle und diese ist nicht nur practisch, sondern auch archt- teclontsch schön: unverfälschter romanischer Rundbogensttl oder, wie Professor Löhr jetzt will, daß wir sagen: fränki­scher Stil. In demselben Gebäude befindet sich auch die permanente Gemälde-Ausstellung. Denn Gießen zählt zu seinen jüngsten Errungenschaften auch die Existenz eines sich erfreulich entwickelndenKunstveretns", und was die Hauptsache: daS Publikum der gebildeten Kreise hat den regelmäßigen Besuch dieser GemäldeAusstellungen, denen ein schöner langer Saal mit gutem Licht eingeräumt ist, in sein Belehrungs- unb Vergnügungs-Programm pünkt­lichst ausgenommen.

Mit der Stadt Gießen, den Straßen und den Hauser« wäre man ja wohl in einigen Minuten fertig, obwohl auch hierbei nicht vergessen werden darf, daß da» Bild durch