Nr. 286 Zweites Blatt. Sonntag de« 5 December
1897
Der
Kietzen er Z«,eiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
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Meßmer Anzeiger
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2lints- und Zlnzeigeblatt für den Kreis Gietzen.
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chratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.
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Das Gietzener Volksbad.
II.
tote unsere» Lesern bekannt, ist die gesammte Anlage unseres Bades, das in seiner Einfachheit und Ueberfichtlichkeit als eine wahre Musteranstalt bezeichnet werden muß, das gemeinsame Werk der Architekten Stein 4 Meyer und der Firma H. Schasfstaedt, die Maurerarbeiten find und werden au-gesührt von Herrn Maurermeister Ab er manu, unter Leitung seine- tüchtigen Parlier» Schneider- auch die übrigen Arbeiten find, soweit möglich, an hiefige Bau- Handwerker vergeben- die gesammte Installation besorgt die Firma H. Schasfstaedt, und so können wir gewiß sein, daß jeder der an dem Bau Betheiligteu eS fich zur Ehre machen wird, tu jeder Richtung Vorzügliches zu leisten, damit die Anstalt, die von Fremden zahlreich besucht werde» wird, gleichzeitig von der Tüchtigkeit des Gießener Bauhandwerks ehrendes Zrngntß ablege.
WaS kostet nun dieser ganze Bau und die betriebsfertige Herstellung des Bade»? Auch hierüber einige Mit- theilungen:
Der ca. 2400 Quadratmeter große Bauplatz, ausreichend groß, um noch ein besonderes Schwimmbaffiu für Dame» avzubauen, kostet Die Herstellung der Zugangs- und Zufuhrwege, Ueberbrückang des SchoorgrabenS, die Einfriedigung des AnwefrnS, gärtnerische Anlage
Koste» der betriebsfertige» Herstellung des Baue»
vollständtge Installation des Bades 32500 B
Mobiliar und Wäsche 4000 ,
das find im Ganzen 180700 Ml.
Wenn das obere Stockwerk vollständig mit römisch- irischen Bäder» re., wie im früheren Artikel beschriebe», auS- geführt werde« soll, so komme» zu dieser Bausumme hinzu »och weitere 6000 Mk.: 3800 Mk. Baukosten» 2200 Mk. für Installation.
Diese» 180- bis 190000 Mk. Baucapital stehen gegenüber 120000 Mk. Actiencapttal, sodaß eine Hypothek von 60- bis 70000 Mk. ausgenommen werden müßte, falls es nicht gelingt, auch für diesen Betrag noch Actiencapttal zu beschaffen. Und wir haben daS Vertrauen zu der Opfer- Willigkeit, zu dem Gemeinfinn unserer Mitbürger, daß eS den Bemühungen des Vorstandes der Aktiengesellschaft und der Herren, die fich demselben hierbei bereitwillig zur Verfügung gestellt haben, gelingen wird, den größten Theil deS Fehl
betrags noch durch Aetteu zu decken. Gibt eS doch noch eine ganz beträchtliche Anzahl wohlhabender und sehr wohlhabender Bürger, die überhaupt noch keine Aktien haben, ihr Scherflei« zu dem Bade »och nicht betgesteuert haben. Mag unter den- selben fich auch der Eine oder Andere befinden, der sich tu eine Gegnerschaft zu dem Unternehmen hinrtngereder hat oder hat htuetnreben lasten, und angeblich auS Prioe'p nickt» gibt. Er ist unbekehrbar, denn er ist in Wirklichkeit der Sklave feines Eigennutzes, er hat keinen Gemeinfinn und ist fich der socialen Pstichteu nicht bewußt, die Reichthum und Wohl habeuhett im Zeitalter der socialen Reform auferlege». Seine Kinder, die fich einst in den klaren Wellen des Bades tummeln, werden nicht verstehen könne», daß ihre Eltern dieser Anstalt ihre Unterstützung verweigert haben, fie werden fich ihrer eigenen Eltern schämen. Solcher Mitbürger haben wir aber, wir find deffen gewiß, nur wenige. Wer sollte denn auch nicht freudig an dem Ausbau, der Verschönerung einer solchen Anstalt Mitwirken wollen, die für ganze Generationen, für Jung und Alt, Ar» und Reich, Gesunde und Kranke eine Stätte sein soll, die Gesundheit zu stählen, Körper und Geist frisch und rüstig zu machen und zu erhalten für die Arbeit des Berufs, de» Lebens. Jeder, der kann, steuere bei, verewige feinen Namm durch feine Betheiliguvg an der Errichtung de» Baue», Kinder und KtudeSkiuder werden eS ihm Dank wiffen. Da» Capital geht ja nicht verloren, eS wird ja im Laufe der Jahre von der Stadt zurückgezahlt werden.
Je mehr Actiencapttal beigesteuert wird, um so größer wird die Zahl der Freuude der BadeS, der persönlich Jmer- esfirteu, um so größer wird der Besuch des Bades werden und um so schneller wird fich daffelbe revtiren. Um so eher wird eS daun aber auch möglich werden, die Preise der Bäder herabzusetzen, um so mehr Freibäder werden an unbemittelte Kranke derabsolgt werden können, und hieran sei vor Alle» gedacht.
Rach einem Beschlüsse deS Vorstandes und AuffichtSratheS find vorläufig die Preise für die einzelnen Bäder festgesetzt wie folgt:
I. Schwimmbad:
1. Für Erwachsene: ». Jahreskarte 20.— Mk.
b. Sommerkarte
(1. April bis 30. Sept.) 14.— , e. Wtuterkarte
(l.Oct. bis 1. April) 10.— ,
d. Eiuzelbad —.80 ,
e. Zehn Karte« 2.50 „
26000 Mk.
7 400 , 110800 -
2. Für Schüler:
a. Jahreskarte
10.— Mk.
b. Sommerkarte
7.- ,
c. Winter karte
6— ,
d. E oz-lbad
—.20 ,
e, Z ho Karten
1.60 „
3. Jeden SamStaq von 5 bis 9 Uhr Nachmittags kostet daS einzelne Schwimmbad nur 10 Pfg. für Männer, desgleichen Mittwochs von 5 bis 9 Uhr für Frauen.
4. Wenn mehrere zu einer Familie gehörige Personen Jahres- oder Halbjahres Karten nehmen, so ermäßigt fich deren Preis um 25pCt.
II. Wannenbäder:
1. Erste Klaffe: Etnzelkarte —.80 Mk.
Zehn Karten 7.— ,
2. Zweite Klaffe: Etnzelkarte —.50 n
Zehn Karten 4.— „
HL Dampfbad mit Massage und Touche:
Etnzelkarte 1 20 Mk.
Zehn Karten 10.— „
IV. Römisch-irische» (Heißluft ) Bad mit Maffage und Tauche: Wie Bub LU.
V. Dampfbad «nb Heißluftbad mit Maffage «ud Douche: Etnzelkarte 1.50 Mk.
Zehn Karten 15 — ,
VI. Maffage «ud Douche allein: Etnzelkarte —.90 Mk.
Zeh« Karten 7.50 „
Die Bäder II bi» VI werden abgegeben: mit Nachlaß von 50pEt. au Minderbegüterte auf ärztliche Verordnung^ mit Nachlaß von 3 3>/,pEt. bet Abnahme von mindesten» 50 Karten an Krankenkassen, SanitätSvereiue und dergleichen Vereine.
VII. Brausebad mit Handtuch und Seife: 10 Pfg.
* Bielbedürftig. „Lieber Mann, und dann brauche ich noch ein Waschschaff, eine Badewanne, und zwei Waschbecken." — „Aber, mein Engel, das ist ja die reinste Marine- Vorlage!"
• Sin Hochgenuß. Rosa (zum frisch geadelten Gatten): ^Moritz, waS schreibst Du jetzt den ganzen Tag Briefes — »Nu, ist eS nicht 5 Hochgenuß, mit -von" unterzeichnen zu können!"
Fettilleton.
Die Lllngevlchwindsuchl ist heilbar.
Eine Unterredung mit Geheimerath v. Leyden.
(AuS der „Heilstätten-Correspondenr".)
Man sollte »einen, daß über die Heilbarkeit der Lungenschwindsucht Zweifel nicht mehr beständen. Die Gelehrten aller Länder bemühen fich seit Jahren, die ebenso nieder- ziehende wie gefährliche Vorstellung zu bekämpfen, daß mau dieser verheerenden Krankheit machtlos gegenüberständc. Die Heilerfolge in den Privat Heilanstalten und den in immer größerer Zahl entstehenden BolkSheilstätten bestätigen ständig von Neuem, daß man fich in diesem Punkte keiner Täuschung hingebe. Auf Grund sorgfältig geprüfter, wedtctualstatisttscher Nachweise hat vor zwei Jahren daS kaiserliche Gesundheitsamt tu einer Denkschrift die Berhältniffe betreffs der Heilbarkeit der Tuberkulose und ihrer auSfichtSvollen Bekämpfung klargelegr.
Trotz alledem liest man in dem amtlichen Bericht über die Sitzung der Berliner Stadtverordoeteu-Verfammlung vom 4. November d. I. (S. 330), wie in dem Ausschußprotokoll die Anficht vertreten werden konnte, ,daß von wirklichen Heilungen nach Alle», was darüber bekannt geworden sei, wohl kaum die Rede sein könne". Der Neubau einer Heil- stätte sür Lnogenkcanke wurde von der Versammlung ab- gelehnt. •
Da» vorkommniß ist nicht unbedenklich. Der Nicht- eingewethte köunte die Stelle, an welcher derartige Auf- faffungen daS Feld behaupten konnten, hinsichtlich der Bear- thetlung medteinischer Anschauungen für autoritativ genug halten, und so wäre eS nicht auSgeschloffeu, daß zum Schaden der erfolgreich eingeleitrte» GchwindsuchtSbekämpfuug neue Zweifel angeregt würden.
Die Redaction der „Heilstätten-Correspoodeoz" hat deß- halb einen der ersten und aurrkaoutesteu Sachverstäudtgen
auf diese» Gebiete, den Geheimen Medicinalrath Proseffor Dr. v. Lehden-Berlin, um seine Meinung befragen laffeu.
Der um die Heilstättensache besonders verdiente Gelehrte, der vor Kurzem auf dem internationalen medtcinischen Eongreß in Moskau unter allgemeinem Beifall über die Nothwendigkett der Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke sprach, und deffen Ansichten, wie in einer ausgezeichnete« DiScusfion der SeettouSfitzung für innere Medictu ersichtlich war, mit denjenigen aller übrigen Autoritäten im Einklang stehen, äußerte fich etwa wie folgt:
,T)ie Lungenschwindsucht ist heilbar, und Anstalten, welche nach der hygieuisch-diätetischen Behandlungsmethode geleitet,werden, sind al» Heilstätte« für Lungenkranke auzuseheu. DaS find unumstößliche Wahrheiten, find Grundsätze, auf welche man unbedenklich die für SchwindsuchtSbekämpfnog erforderlichen Maßregeln aufbauen kann. Zum Beweis erinnere ich an die Thatsache, daß am Seeirtisch so oft geheilte oder in Heilung begriffene tuberkulöse Prozeffe sich vorfinden bei Personen, die mitten in anscheinender Gesundheit stehend, von einem UuglückSsall betroffen wurden oder an irgend einer anderen Krankheit gestorben sind- an die wiffenschaft- liche Beobachtung, daß man überhaupt etwa in jeder dritten bis vierten Leiche geheilte Prozeffe der in Rede stehende« Art Nachweisen kann. WaS klinische Beobachtungen betrifft, so wird jeder einigermaßen erfahrene Arzt Fälle gesehen haben, die als unzweifelhafte Heilungen von Lungenschwindsucht angesprochen werde« müffen. Heutzutage, wo die Diagnose durch die Untersuchung de» AuswnrfS auf Tuberkel- bacilleu vollkommen gefichert ist, können dergleichen Beobachtungen auf etwaige Fehler in der Diagnostik nicht zurückgeführt werden.
Für diese Fälle der privaten Praxis läßt fich uvn freilich keine Statistik erbringen - darauf gestützte Beweise müffen wir den AustaltSberichtev erfahrener und angesehener Letter von Lungenheilstätten entnehmen. Ich verweise in dieser Hinsicht n. A' auf Dettweiler io Falkeustein und Körniger in
Lippspringe, von denen der erstere über 72, der letztere über 192 Fälle von geheilter Lungenschwindsucht berichtet, die während längerer Jahre ta ständiger Beobachtung fich al» definitiv geheilt erwiesen.
Auch in der letzten Veröffentlichung der Königliche« Akademie der Medicin in Belgien macht der Generalsecretär deS CongreffeS für Tuberkulose in Paris, Dr. LouiSrHenrtz Petit, Mtttheiluug über Fälle langjähriger Heilung von Tuberkulose, bei denen daS spätere Wiederaustreten durch Influenza veranlaßt wurde. Ich verweise außerdem auf die Erfahrungen in den länger bestehenden DolkShetlstätteo, i« deren Berichten sich immer wieder bestätigt findet, daß ei« erheblicher Proeentsatz von Lungenschwindsüchttgeu geheilt oder wesentlich gebeffert wird und fich bet nachträglicher Untersuchung als in diesem Zustande geblieben erweist. Wie sollten alle diese erfahrenen Aerzte fich derart täuschen, daß man ihnen mit Recht entgegeohalten könnte, von einer Heilung der Lungenschwindsucht könne nicht die Rede sein! Ihre Berichte beruhen auf genauer Kenntniß der Krankheit und ihre- Verlaufs und gewissenhafter, zum Theil sehr langer Beobachtung ihrer Patienten.
Al» treffenden Beweis sür die uachhalttge Heilung der Lungenschwindsucht führe ich ferner die Erfahrungen unter der Arbeiterschaft der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen an. Da» etwa 5000 Arbeiter beschäftigende Werk besitzt neben anderen mustergültigen Wohlfahrts-Einrichtungen seit 1892 eine gut eingerichtete Heilstätte für Lungenkranke. Trotz der wenig günstigen Auslese, nach welcher manch ungeeigneter Fall der Anstalt überwiesen wurde, standen drei bi» vier Jahre «ach der Entlassung noch 24pEt. der Behandelten in Arbeit und Verdienst.
Also nochmal»: Ao der Heilbarkeit der Schwindsucht ist nicht zu zweifeln, und eß wird g elingeo, diese Krankheit wesentlich eiozuschräokeu, wen« wir auf dem Wege der Heilstättenfürsorge Unbeirrt fortschreiten.
Sie fragen, wie e» kommt, daß trotzdem gegeotheilige Anfichten Bestand behalten können. Mir ist da» au» der Brr-


