Ausgabe 
5.12.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 286 Drittes Blatt. Sonntaa den K. December

1897

Der

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Die neue Militärstrasproeetzordnung. ii.

Wie dringend uothwrndig eine Reform auf dem Gebiete unsere- MilitärstrasproceffeS war, läßt sich daran- entnehmen, daß die jetzt geltende Verfassung unserer Militärstrafgerichte in ihren Gruudzügen auf den Kriegsartikeln beruht, welche König Gustav Adolf von Schweden im Jahre 1621 auS- gearbeitet halte, wozu ihm al- Vorbilder die Satzungen der deutschen Landsknechte bildeten und das deutsche Ritter- und Rcuterrecht. Der Große Kursürst führte diese schwedische Krieg-gertchtsorduung später für da- brandenburgische Heer ein. Im Jahre 1712 wurde daun eine dieselben Grund­züge enthaltende KrtegSgertchtSordnung erlaffen, welche für kleinere militärische Vergehen die sogen, außerordentlichen Kriegsgerichte, an- welchen die jetzigen Standgerichte wurden, etnführte. Zu jener Zeit wurde auch da- Bestätigungsrecht der militärischen Befehlshaber und in den schwersten Fällen da-jenige de- obersten Kriegsherrn geschaffen. Iw Laufe der Zett ist vielfach versucht worden, Veränderungen und Der- beffrrungeu auf dem Gebiete der Militärjuftiz durchzusühren; viel ist aber nicht erreicht worden. Einen zeitgemäßen Vor­schlag wachte im Jahre 1831 der bekannte Generalauditeur Fricctu- dahingehend, nur die militärischen Vergehen den K iegSgertchten, gemeine Verbrechen der HeereSaugehörtgeu aber den Etvilgerichten zu unterstellen, öffentliche, mündliche Verhandlung bet freier Vertheidigerwahl und Zulassung der Revision etvzuführeo sowie das BestätiguogSrecht etnzuschräakeu. Dieser Entwurf fand aber utcht die Billigung deS König-, und e- kam dann zur Einführung der im Jahre 1845 er- laffeneu Milttärstrafproceßordnung, welche noch heute in Gültigkeit ist.

Mtt diesen Ausführungen wollten wir nur darlegen, daß es im Allgemeinen nicht sehr schwierig war, zeitgemäße Ber- brfferungen einzuleitev, daß die jetzt geltenden Bestimmungen auS einer Periode stammen, die weit hinter uu- liegt. In unserem gestrigen Artikel haben wir die Bortheile hervor­gehoben, welche der neue Entwurf gegenüber dem alten Ge­setze darbtetet, und wir erkennen auch heute noch an, daß da» Bestreben der Regierung, die herkömmlichen militärischen

Vorurtheile nut den Forderungen der Neuzeit zu verbinden, nur gelobt werden kano. Aber doch enthält die Vorlage Manche», wa» auf Widerstand stoßen und im Reichstage zu einer lebhaften Debatte führen dürfte. Noch haben nicht alle Parteien Stellung gegenüber dem Entwürfe genommen, aber nach dem, wa» bi» jetzt verlautet, wird die Regierung sich noch etwa» entgegenkommender zeigen müssen, wenn sie auf die Zustimmung de» Reichstag» rechnen will. Da ist vor allen Dingen da- Ueberwiegen der Nichtjuristeo, de» militärischen Element», in den künftigen Kriegsgerichten, was vielen An­stoß erregt. Soll doch sogar im ReichSmilitärgericht die Zahl der stimmberechtigten militärischen Mitglieder um eins größer sein al» diejenigen der Juristen. Die Berufung auf die be­sonderen Eigenschaften der deutsch»» Offiziere kann nicht die Bedenken beseitigen, daß bei der Wällung von RechtSsprücheu die Fachleute, die zu diesem Berufe besonder» vorgebildeteu Juristen, da» entscheidende Wort haben müssen, wenigsten» wenn e» sich um gemeine Vergehen und Verbrechen handelt.

Auch da» gar nicht «ehr in unsere heutige Zeit paffende System der »Gericht-Herren" hätte au» dem Entwürfe fort- gelaffeu werden können, da dieselben ersten- ganz überflüssig find und zweiten» die Geschäftsführung nur erschweren und weitläufig machen. Wenn mau auch noch sehr die Gründe der Regierung für diese Institution fich zu eigen machen möchte, so kann «an die ernstesten Bedenken nicht zurück­drängen, daß man alle Maßnahmen bi» zum Beginn der öffentlichen Verhandlung in da» Belieben de» Gerichtsherrn stellen will. Die vielfach nicht befriedigende Zusammensetzung der Gerichte haben wir vorhin schon erwähnt- die in den Mot veu zum Entwurf enthaltene Angabe, daß au» Gründen der Sparsamkeit so und nicht ander- verfahren werden soll, kann hier utcht maßgebend sein, umsomehr al» an anderer Stelle unsere Finanzlage nicht glänzend genug geschildert werden kau«. Im Weiteren wird auch die Bertheidigung al- unzulänglich geordnet bezeichnet. Vor dem Standgerichte kennt man solche überhaupt nicht, und vor dem Kriegsgerichte soll der Beschuldigte erst daun eine- Vertheidiger» sich be­dienen dürfen, wenn die Anklage erhoben worden ist. Auch dürfen Recht-auwälte nur bei bürgerlichen Verbrechen und

Vergehen, sonst nur dem Militärstaude angehörige Personen als Vertheidiger zugelaffen werden.

Tine Erweiterung der Militärgerichtsbarkeit tritt da­durch ein, daß die dem Beurlaubtenstaude angehörigen Offi­ziere, auch wenn sie nicht zum Dienst eingrzogen find, wegen Zweikampfs, Herausforderung dazu ufw. den Militärgerichten unterworfen werden sollen. Diese Bestimmung dürfte im Reichstage noch viel Anfechtung erfahren, wie denn überhaupt auf beiden Seiten viel Entgegenkommen gezeigt werden muß, wenn die Reform wirklich zu Stande kommen soll.

(xx)

. CocäUs «»H proohtjieUes»

Gießen, den 4. December 1897.

Neue Eiseubahitfahrpreise 7 In der Sitzung des BezirkseiseobahnrathS zu Frankfurt a.M. wurde von dem Vertreter der Etseubahuverwalrung darauf htngewiesen, baß eine ausgiebige Reform der Perfonentarife für die nächste Zett für ganz Preußen in Ausficht genommen sei. Nähere AuSkunst über die Grundzüge dieser Reform zu geben, erklärte fich der Vertreter außer Staude.

Wichtig für Geschäftsinhaber. In amerikanischen Blättern stand einmal folgende lehrreiche Geschichte: »(Stn Mann machte mit einem Kaufmann folgende Wette: Ich zahle 100 Dollars, wenn Sre im Stande find, alle» Geld, wa- eiukommt, für Annouctreu auszugeben. Der Kaufmann hielt die Wette mtt Lachen. Bald aber sah er ein, daß er falsch gewertet. Je mehr Geld er nämlich auSgab, desto mehr nahm er ein und je größer und zahlreicher seine Aunoncen.warrn, desto größer und zahlreicher war der Zudravg zu seinem Geschäft, und je massenhafter er seine Annoncen verbreitete, desto massenhafter erschienen neue und immer neue Kunden. Und so überzeugte der Kaufmann fich von der richtigen Anficht seine» Bekannten. Er zahlte gern und freudig die 100 Dollars und gab ihm noch 100 Dollar» aus Dank­barkeit dazu. Seit der Zeit annoncirt der Kaufmann nach wie vor eifrig und macht ein brillantes Geschäft." Wa» für Amerika gilt, gilt auch für Deutschland. Kein vernünftiger

Feuilleton.

Die Mausefalle.

Novelle von Frida Storck.

(Nachdruck verboten.)

Da hilft schon gar nix, Sie müsse in Frtedrichsfeld halt ««steige! Achselzuckend dreht der Schaffner da- Rundreise- Heft u« und knipst sein »gesehen" in den Schein »Darmstadt- Schwetzingen".

»Aber da- kann ja nicht sein, ich fahre ja direct nach Karlsruhe," versetzt da» blonde Mägdlein im hellfarbigen Reiseklrid und dito Hütchen, einen angsterfüllten Blick auf den Mann werfend.

»Glaub schon, daß Sie deß gewollt habbe. Da hätten'» halt über Heidelberg fahre müsse, nachher waren'- in drei Stund' in Karlsruhe." Die Thür klappt zu.

Theodore Schwarz, genannt Theo, finkt muthlo- in die Kiffen zurück. Eine nette Geschichte da«. Natürlich kommt Taute nicht ein zweite- Mal, fie abzuholeu. Und fie war erst einmal, als Baby, in Karlsruhe, kennt sich dort also nicht au». Sie möchte weinen, wenn fie fich nicht ihrer achtzehn Jahre erinnerte.

Da steht fie nun auf dem öden Bahnsteig. Der Schnell­zug braust unbarmherzig schnell von dannen. O, dieser Esel, der ihr solch eine Route in das Rundreisehest vorschrieb!

Der Statton-beawte, deffen Hauptleistung auf diesem verlorenen Posten im An- und Ausziehen de» sorglich ge­schonten Dieustrocke» besteht, strebt schon seinem Stillleben i« Bureau zu. Theo vertritt ihm entschloffen den Weg.

»Wann kann ich nach Schwetzingen fahren?"

»Schwetzingen? In einer Stund'". Er strebt weiter.

»Bitte! Habe ich dort dirrcten Anschluß nach Karlsruhe?" »Ja, wollte Sie den« nach Karlsruhe? Da hätte Sie ja ebr gar «icht aussteige brauche!"

»Da» ist» ja eben, mein Schein lautet über Schwetzingen." Sie ist geradezu wütheud.

Der Mann pfeift verständntßtnnig durch die Zähne. »Schau, schau, Sie habbe So ein verflixt Heftel! Da wolle al» d' Leut die Mark spare, un nachher fitzen'» dann vier Stund' auf deue vahohöf rum."

»vier Stunden, da» wird doch nicht wahr fein?"

»Urlauben» «al, hier ein Stund', in Schwetztuge drei, «acht vier."

»Dieses einfältige Schwetzingen! Mein Leben hab ich do» Nest noch nicht nennen hören." Die Thränen kommen ihr nun doch.

»So? desch iS aber'« Beleidigung. Schwetzinge, deß isch ja deß berühmscht Spargellaud!" schmunzelt der Beamte gut- müthtg.

»Mir gilt» gleich, wo die Spargel Herkommen", grollt fie.

»Warum grämen Sie fich so, liebe» Fräulein? Auf Reisen nimmt man jede» Mißgeschick al- GiückSfall, sonst hat man ja keinen Genuß vom Reisen."

Theo wendet sich, und gewahrt erst jetzt die Sprecherin, eine disttuguirt auSseheude, alte Dame, die fich auf der Bank vor dem Hause uiedergelaffen hat. Ihre klugen Augen lächeln wohlwollend. Diese Art Retsephtlosophte ist Theo in ihrer achtzehnjährigen Praxi» noch nicht vorgekommeo, aber fie imponirt ihr.

»Welcher Glücksfall ließe fich au» dreistündigem Warten in Schwetzingen herausklügeln?" fragt fie dennoch ungläubig. »Ich finde e» tödtlich langweilig."

»Ja, kennen Sie denn Schwetzingen?"

»Nein, trage auch keine Sehnsucht nach der Bekannt­schaft, zumal wenn es ein Abklatsch der FrtedrichSfelder Herr­lichkeit ist."

Aber Schwetzingen ist eine kleine Berühmtheit".

Ich weiß, die dicksten Spargel", spottet Theo verächtlich.

»Nicht doch, Sie kleine voreilige, Schwetzingen- Herr- ltcher Schlohpark, die Wafferwerke, machen e- berühmt. Und dann im Park zu Schwetzingen nahm Kronprinz Friedrich Abschied von seiner Schwester, al» er Auuo ficbzig z« den Truppen nach Speyer gtug."

»Ah, da- wußt ich nicht!"

»Sehen Sie, der Aussteller Ihre» RuudreifehefteS wollte Ihnen Schwetzingen» Herrlichkeiten erschließen. Ich wählte auf «einer Tour DresdenBasel direct diese Nebenbahn, um Schwetzingen zu sehen. Segnen Sie den kluge« Manu, der Schicksal für Sie spielte."

Halb war Theo» Zorn schon verraucht. Sie erwog nur noch, soll ich Taute telegraphieren: »Komme Abendzug", oder nicht.

Ach Taute wird schon daheim sein, «ud ich nehme eben einen Wagen entschied sie daun.--

Merkwürdig, wie liebenswürdige Sorglosigkeit ansteckend wirkt. Als die beiden Damen in Schwetzingen den Zug ver» lassen, strahlt Theo- jugendfrische» Gefichtchev In eitel Froh­

sinn. Sie hat ihrer Gönnerin die Hälfte ihrer duftenden Maiblumen an die Reisetasche gebunden, und fie plaudern mitsammen wie alte Bekannte.

Ein Bube wird als Führer geworben.

Eigentlich unnöthig, denkt Theo, denn die breite un­gemein saubere Straße mündet direct auf das Schloß. Dann beginnt alsogleich da- Entzücken der alten Dame über die kraftvollen, prächtigen Baumgruppeu, die saftstrotzendeo Rasen­flächen und die au- künstlerischen Marmorgruppev aussteigenden im Sonnenlicht zerstiebenden Wasserstrahlen.

»Ist da- schön!" Diese drei Worte, iuhaltschwer, er­tönen bei jeder Wegebiegung, bei jeder au- dunklem Laub aufleuchtenden Statue. Theo muß fich wundern, ob der un­ermüdlichen Genußfähigkeit der filberhaarigen Dame. Sie weiß, dieselbe fuhr die ganze Nacht hindurch und unternahm frühmorgens eine mehrstündige Wanderung durch da» alte Frankfurt. Und immer noch frisch!

Wollen's auch d' türkisch Moschee ohnsehe?" fragt der fortgesetzt in seinem Pfälzer Dialect unterweisende Bube.

»Wa-, Ihr habt hier auch eine Moschee?"

«Desch will i meine! Grad wie d' Moschee in Medina gewese isch, so hatsch fälle Baumetschter herstelle g'müscht."

Natürlich wollte man da» orientalische Wunderwerk sehen, trotz zunehmender Mittag-schwüle.

Ein hohe» Thor erschließt den weiten Borhof, den ring- langgestreckte Säulengänge, an den Ecke« von kleinen Tem­peln unterbrochen, umgeben. Geradeaus erhebt fich die eigentliche Moschee in ihrer fremdländischen Eigenart. Neben dem mächtigen Kuppeldach streben schlanke Minaret» hoch in den lichtfltmmernden Aether.

»Ach, ist da» schön!"

Diesmal lächelt Theo nicht über die Begeisterung der Begleiterin. Ihr selbst ist, al» sei fie urplötzlich mit Aladiu» Wunderlampe unter orientalischen Himmel versetzt. Leise rauschen die Parkbäume hinter den Säulengängen, und sengend brütet die Sonne auf dem Sand de» Vorhofe». Jodeß der Bube enteilt, die Hüterin de» Allerheiltgsten zur Stelle zu schaffen, fitzen die Reisenden auf einer Steinbauk unb studieren Koransprüche. Dann fällt e» Theo ein, diese Scenerie er­innere fie au da» große Künstlermaskenfest de» letzten Win­ter». Dort war die ganze Decoration orientalisch und auch die meisten Masken. »6» war märchenhaft und wunderschön!"

»Und Sie, waren Sie al» Sultanin, oder Schehere- -ade dort?"